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Kriminalität & Jagd

Vogelwilderei bei Brescia: Jedes Jahr Tausende Singvögel in Netzen und Kochtöpfen

Carabinieri haben in Villa Carcina einen 56-Jährigen wegen mutmasslicher Vogelwilderei festgenommen. Die Provinz Brescia gilt seit Jahrzehnten als Brennpunkt des illegalen Vogelfangs, und die Region Lombardei steht wegen gelockerter Regeln für Lockvögel und Vogelgerichte in der Kritik.

Redaktion Wild beim Wild · 20. Oktober 2026
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In Villa Carcina, einem Ort im Val Trompia nördlich von Brescia, haben die Carabinieri einen 56-Jährigen auf frischer Tat festgenommen. Er holte gerade Vögel aus Fangnetzen, die er bei seinem Haus aufgespannt hatte. Das Gericht in Brescia bestätigte die Festnahme im Schnellverfahren und ordnete Hausarrest an.

Was die Carabinieri in Villa Carcina fanden

Die Kontrolle war Teil der Operation «Pettirosso 2026», benannt nach dem italienischen Wort für Rotkehlchen. Die Sondereinheit SOARDA der Carabinieri führt sie jedes Jahr während des Herbstzugs durch, unterstützt von den Carabinieri Forestali. Beschlagnahmt wurden laut QuiBrescia ein funktionstüchtiges halbautomatisches Gewehr, 95 Patronen, eine Luftpistole, elf Fangnetze, ein verbotener elektronischer Lockruf und eine Käfigfalle.

In den Netzen fanden die Beamten drei tote Rotkehlchen und 23 lebende Vögel, darunter jagdbare und geschützte Arten, wie BresciaToday berichtet. Der Mann stand bereits unter Aufsicht der Sozialdienste: Er war wegen Geldwäscherei rechtskräftig zu vier Jahren verurteilt worden und verbüsste die Strafe in einer Ersatzmassnahme. Gegen ihn wurde zudem ein Waffen- und Munitionsverbot verfügt (il Dolomiti). Die Bestätigung der Festnahme ist kein Urteil, für die neuen Vorwürfe gilt die Unschuldsvermutung. Wofür die Vögel bestimmt waren, geht aus den Berichten nicht hervor.

Was die Kontrollbilanzen zeigen

Der Fall steht in einer langen Reihe. Schon 2009 hielt das Komitee gegen den Vogelmord fest, dass die Wilderei in keiner Provinz Italiens so verbreitet sei wie in Brescia (Artenschutzbrief 2010). Bei «Pettirosso 2025» zeigten die Carabinieri entlang der wichtigsten Zugrouten in den Voralpen der Lombardei und des Veneto 135 Personen an und beschlagnahmten über 2’460 Vögel, 1’110 illegale Fanggeräte, 135 Schusswaffen und über 13’000 Patronen (Carabinieri). Die Grössenordnung ist seit Jahren dieselbe: 2021 beschlagnahmten die Carabinieri bei derselben Operation 3’336 Vögel (Greenreport), 2023 waren es 3’564 (BresciaToday). Im September 2026 meldete die Aktion «Balia Nera» 93 tote Trauerschnäpper, über 300 Fallen und 23 Netze (QuiBrescia).

Allein in der Provinz Brescia zählten die Carabinieri Forestali 2025 bis Mitte Oktober 67 Anzeigen, 903 getötete und 264 lebend gefangene Vögel (Bresciaoggi). Laut der italienischen Vogelschutzorganisation LIPU werden die Delikte grösstenteils von Hobby-Jägern mit gültiger Jagdlizenz begangen.

Wohin die Vögel gehen

Zwei Märkte halten den illegalen Vogelfang am Laufen. Der erste ist die Küche. Gerichte wie «Polenta e osei» oder das «Spiedo bresciano» werden traditionell mit kleinen Vögeln zubereitet. Laut den Carabinieri waren 2025 über 1’500 der illegal getöteten Vögel für den Verzehr oder den Schwarzhandel mit Restaurants bestimmt. In Serle fanden Carabinieri 2021 in einem Restaurant 222 gerupfte, tiefgefrorene Vögel, darunter Drosseln, Rotkehlchen, Trauerschnäpper und Buchfinken (QuiBrescia). Im Val Trompia, im selben Tal wie Villa Carcina, ertappten Carabinieri 23 Angestellte und Funktionäre der Comunità Montana bei einem verbotenen Vogelessen im eigenen Amtssitz (Dissapore).

Der zweite Markt sind lebende Lockvögel. Das italienische Jagdgesetz 157/1992 erlaubt Hobby-Jägern, bei der Jagd auf Drosseln, Lerchen und andere Arten lebende Lockvögel in Käfigen einzusetzen, sofern diese aus einer Zucht stammen und gekennzeichnet sind (Animal Law Italia). Weil die Nachfrage gross ist, werden Wildfänge mit manipulierten Ringen als Zuchtvögel ausgegeben (Kodami). Das Kassationsgericht hat festgehalten, dass das Manipulieren solcher Ringe als Fälschung amtlicher Siegel strafbar ist (LAC). Einem Händler in der Franciacorta wurden 700 Vögel mit gefälschten Ringen beschlagnahmt (Bresciaoggi).

Umstrittene Lockerungen in der Lombardei

2022 verabschiedete der Regionalrat der Lombardei ein Gesetz, das Hobby-Jägern erlaubt, kleine Vögel jagdbarer Arten unentgeltlich an Gastwirte abzugeben (Kodami). Vogel- und Tierschutzorganisationen kritisieren dies als Umgehung des nationalen Verkaufsverbots und warnen vor verdecktem Handel. Gerupfte Vögel ohne Schnabel und Füsse lassen sich zudem kaum einer Art zuordnen: Ob ein geschütztes Rotkehlchen auf dem Teller liegt, lässt sich oft nur per DNA-Analyse klären (Kodami).

Im Januar 2025 beschloss die Regionalregierung neue Regeln für die Kennzeichnung von Lockvögeln: Statt geschlossener Ringe sollen auch offene Bänder zulässig sein. Laut der Tierschutzorganisation ENPA betrifft das 246’629 Vögel, für die neuen Markierungen sind 200’000 Euro öffentliche Gelder vorgesehen. ENPA kritisiert den Beschluss als «Sanatoria», die nachträglich illegale Wildfänge legalisieren könne, weil sich ein offenes Band jedem Vogel anlegen lässt (ENPA). Im April 2025 lehnte das Verwaltungsgericht der Lombardei einen Antrag der Tierschutzverbände ab, den Beschluss vorläufig auszusetzen (QuiBrescia). Über die Rechtmässigkeit selbst ist damit noch nicht entschieden.

Auch in der Politik selbst stehen Lockvögel im Fokus. Gegen den Regionalrat Carlo Bravo von Fratelli d’Italia erstatteten die Carabinieri im Herbst 2023 Anzeige wegen mutmasslich manipulierter Ringe an seinen Drosseln (Il Giorno). Seine Beschwerde gegen die Beschlagnahme der Vögel wies das Kassationsgericht im Juni 2024 ab (Fanpage). Ein Urteil in der Sache ist nicht bekannt, es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Streit ist alt. 2014 eröffnete die EU-Kommission gegen Italien ein Vertragsverletzungsverfahren wegen des Fangs von Wildvögeln für Lockvogelzwecke (ANSA). 2019 wollte die Lombardei trotzdem 12’700 Wildvögel mit Netzen fangen lassen, bis die Regierung in Rom die Region abmahnte und das Verwaltungsgericht den Beschluss stoppte (Animal Law Italia). 2025 scheiterte die Region mit der Freigabe von fast 100’000 Buchfinken erneut vor Gericht, wie Wild beim Wild berichtete.

Warum das die Schweiz betrifft

Rotkehlchen, Drosseln und Finken, die im Herbst über die Alpen nach Süden ziehen, kommen aus ganz Mittel- und Nordeuropa, darunter auch Vögel, die in der Schweiz brüten oder rasten. Die Voralpen der Lombardei sind eine ihrer Hauptrouten. Dass die Region auch bei anderen Wildtieren ein Wildereiproblem hat, zeigte am 17. Oktober der Fall im Parco del Ticino. Im ganzen Mittelmeerraum werden laut einer Studie jährlich rund 25 Millionen Vögel illegal getötet, wie Wild beim Wild dokumentiert hat.

Auch in der Schweiz ist die Vogeljagd nicht verschwunden: Im Kanton St. Gallen dürfen Hobby-Jäger weiterhin Eichelhäher schiessen, obwohl Zürich sie geschützt hat.

Einordnung

Bei dem Einsatz in Villa Carcina wurden 23 lebende Vögel sichergestellt, und die Carabinieri ziehen Jahr für Jahr Tausende Fallen und Netze aus dem Verkehr. Doch die Bilanzen gleichen sich seit Jahrzehnten. Solange Hobby-Jäger lebende Lockvögel in Käfigen einsetzen dürfen und kleine Vögel legal in Küchen gelangen können, bleibt eine Nachfrage, die der illegale Fang bedient. Eine Region, die die Kennzeichnung von Lockvögeln lockert und die Abgabe von Kleinvögeln an Restaurants erlaubt, erschwert genau die Kontrollen, auf die ihre eigenen Carabinieri angewiesen sind.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentieren wir Fälle, Rechtsfragen und wiederkehrende Muster. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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