Igel-Wilderei in Deutschland, Freizeitjagd in der Schweiz
In Niedersachsen wurden zwei Männer erwischt, die Igel fingen. Die Medien sprechen von „Igel-Jägern“, die Polizei ermittelt wegen Verstössen gegen Natur- und Tierschutzrecht. Die Empörung ist gross: Igel sind streng geschützt, niemand soll sie essen, niemand soll sie quälen.
Auch in der Schweiz sind Igel geschützt und dürfen nicht gefangen oder getötet werden.
Gleichzeitig ist es aber völlig legal, Rehe, Füchse, Gämsen und Hirsche für die Freizeitjagd zu schiessen. Der Fall der „Igel-Jäger“ zeigt vor allem eines: Unser Umgang mit Wildtieren ist widersprüchlich und von Doppelmoral geprägt.
Ein Igel gehört nicht in eine Transportkiste, nicht auf die Ladefläche eines Lieferwagens und schon gar nicht in den Kochtopf.
Was in Deutschland beim Igel als „Wilderei“ verurteilt wird, ist in der Schweiz bei anderen Wildtieren Alltag mit Bewilligung, Jagdpatent und Jagdgesellschaft.
Der Igel als Tabu, das Reh als Zielscheibe
Der Igel hat Glück. In den Köpfen der Menschen gilt er als sympathisch, harmlos, schützenswert. Wer einen Igel fängt, macht sich sofort verdächtig, eine rote Linie zu überschreiten. Die Reaktion ist reflexartig: „Barbarisch, gehört hart bestraft.“
Beim Reh sieht die Sache plötzlich anders aus. In der Schweiz wird das Reh zur „Jagdstrecke“, zum „Bestand“, zur „Stückzahl“, die es im Herbst zu regulieren gilt. Dasselbe Tier, dieselbe Leidensfähigkeit, aber ein völlig anderes Framing.
- Igel fangen: Straftat, Empörung, Schlagzeilen.
- Rehe, Füchse, Eichelhäher, Enten, Krähen, Gämsen und Hirsche für die Freizeit schiessen: Tradition, Brauchtum, Jagdgesellschaft.
Für das einzelne Tier macht es keinen Unterschied, ob es durch eine Falle, einen Knüppel oder eine Kugel stirbt. Es verliert sein einziges Leben. Der Unterschied existiert nur im Kopf des Menschen und in jenen Gesetzestexten, die die Hobby-Jagd und Tiernutzung systematisch privilegieren.
Was in Niedersachsen „Wilderei“ heisst, heisst in der Schweiz „legale Jagd“
Der Begriff „Wilderei“ wird gerne für klare Abgrenzung genutzt: Hier die Guten mit Patent und Waffe, dort die Bösen ohne Bewilligung. Aus Sicht der Wildtiere ist diese Unterscheidung künstlich.
In der Schweiz passiert jedes Jahr Folgendes:
- Hobby-Jäger ziehen mit Gewehr und Hund in die Reviere und töten Wildtiere im Namen von „Hege“ und „Bestandsregulierung“.
- Jungfüchse werden in der Nähe der elterlichen Bauten geschossen.
- Bewegungsjagden erzeugen bei Rehen, Hirschen und Wildschweinen massiven Stress, Verletzungsrisiko und Nachsucheleid.
- Füchse, Marder und andere Beutegreifer werden in Fallen gefangen, obwohl sie ökologisch wertvolle Aas- und Nagervertilger sind.
Rein aus Sicht des Tierschutzes ist das nichts anderes als systematische, rechtlich organisierte Gewalt gegen Wildtiere. Der Unterschied zum Igel-Fall besteht nicht im Leid des Tieres, sondern nur darin, dass eine Seite als „Hobby-Jagd“ mit Jagdprüfung verkauft wird, die andere als „Wilderei“ ohne Prüfung.
Recht ist keine Ethik
Im Fall der Igel in Niedersachsen ist das Recht plötzlich streng. Igel sind besonders geschützt, sie dürfen nicht gefangen, verletzt oder getötet werden. Kein Jagdschein, kein Patent, keine Jagdgesellschaft kann daran etwas ändern.
Gleichzeitig erlaubt das Jagdrecht in vielen Ländern, so auch in der Schweiz, die ganzjährige oder lange Bejagung von Fuchs und anderen Beutegreifern. Dass diese Tiere fühlen, leiden und Angst haben, wird juristisch ausgeblendet. Entscheidend ist nicht das Tier, sondern die Kategorie: geschützte Art, jagdbare Art, Problemart.
Genau hier setzt Jagdkritik an. Wer Tierschutz ernst meint, kann nicht akzeptieren, dass Recht und Tradition definieren, welche Tiere verschont und welche für das Freizeitvergnügen zum Abschuss freigegeben werden.
Schweizer Realität: Freizeitjagd als System
Die Schweiz hat ein dichtes Netz von Jagdpatenten, Jagdgesellschaften und jagdpolitischen Lobbystrukturen. Offiziell geht es um „Bestandsregulierung“, „Wildschadensverhütung“ und „Hege“. In der Praxis bleibt es überwiegend Freizeitjagd:
- Privilegierte Minderheit: Ein kleiner Teil der Bevölkerung beansprucht für sich das Recht, über Leben und Tod der Wildtiere zu entscheiden.
- Öffentliche Mythen: Die Hobby-Jagd wird als unentbehrlich dargestellt, obwohl es funktionierende Beispiele für wildtierfreundlichere Modelle gibt.
- Politische Blockade: Jeder ernsthafte Versuch, Wildtiere primär über Lebensraum, Verkehrslenkung und Prävention statt über die Flinte zu „regulieren“, wird von der Jagdlobby bekämpft. Sogar Nationalpärke werden von den Hobby-Jägern bekämpft.
Wenn zwei Männer Igel fangen, ist die Öffentlichkeit schockiert. Wenn Hunderte oder Tausende Hobby-Jäger jedes Jahr Wildtiere für die persönliche Passion töten, gilt das als normal.
Was ein konsequenter Tierschutz fordern würde
Ein wirklich konsistenter Tierschutz würde aus dem Igel-Fall eine andere Lehre ziehen. Nicht: „Diese zwei Täter sind besonders schlimm und der Rest stimmt.“ Sondern: „Der Umgang mit Wildtieren ist insgesamt widersprüchlich und anthropozentrisch.“
Konsequent wäre:
- Weg von der Hobby- und Freizeitjagd.
- Hin zu einem professionellen, staatlich verantworteten Wildtiermanagement, das Tierschutz, Ökologie und Konfliktprävention in den Mittelpunkt stellt.
- Klare Einschränkung von Jagdpraktiken, die mit Tierschutz schlicht unvereinbar sind, etwa Bewegungsjagden, Baujagd und Freizeit-Fallenjagd.
- Anerkennung, dass Fuchs, Reh, Gämse, Igel und alle übrigen Wildtiere denselben moralischen Grundstatus haben: Sie sind empfindsame Lebewesen, keine Freizeitobjekte.
Der Fall der „Igel-Jäger“ zeigt nicht nur eine Straftat an einem geschützten Tier. Er zeigt vor allem, wie willkürlich und interessengeleitet unsere Kategorien sind.
Der Igel gilt als Tabu, das Reh als Zielscheibe, der Fuchs als Problem. Für die Tiere selbst spielt es keine Rolle, in welche Schublade sie gesteckt werden. Entscheidend ist nur, ob man sie in Ruhe leben lässt oder nicht.
Wer sich über die Igel-Wilderei empört, sollte bereit sein, die eigene Haltung zur Hobby-Jagd zu hinterfragen. Tierschutz beginnt nicht erst beim sympathischen Stacheltier. Er beginnt dort, wo man bereit ist, auch jene Traditionen und Freizeitinteressen kritisch zu prüfen, die seit Jahrzehnten von Jagdverbänden und Politik als sakrosankt verkauft werden.
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