Zertrümmerte Hochsitze in der Valsugana
In der Nacht auf den 8. Dezember 2025 wurden im Trentino, in der Valsugana unweit der Grenze zum Veneto, sechs Jagdstände und Hochsitze zerstört. Laut Südtirol News sägten Unbekannte die auf Holzsäulen errichteten Konstruktionen mit Motorsägen ab, warfen sie um und besprühten sie mit Parolen, die auf die Animal Liberation Front hinweisen sollen.
Sofort stand die Erzählung fest: radikale Tierschützer, ein paar Verrückte, die den braven Hobby-Jägern nachstellen.
Die Jägerverbände verurteilen die Taten als feige Gewalt, stellen sich selbst als dialogbereit dar und zeigen mit dem Finger nach aussen.
Was in den meisten Berichten ausgespart bleibt: Die Hobby-Jagd ist selbst ein System organisierter Gewalt und Hass, und das jagdliche Milieu ist seit Jahrzehnten ein Konfliktfeld. Wer genau die Hochsitze in der Valsugana zerstört hat, ist offen. Sicher ist nur, dass die Wirklichkeit komplizierter ist als das bequeme Bild von den guten Hobby-Jägern und den bösen Saboteuren.
Was in der Valsugana passiert ist
Die Valsugana zieht sich zwischen Trient und Bassano del Grappa durch Wälder, Wiesen und kleine Dörfer. Sie ist Tourismusregion, Wandergebiet und Jagdrevier zugleich.
Laut Südtirol News wurden dort in einer Nacht:
- sechs Jagdstände an den Stützen durchtrennt
- die Konstruktionen umgeworfen und unbrauchbar gemacht
- Beleidigungen und Kürzel an Holz und Blech gesprüht, die auf die Animal Liberation Front (ALF) verweisen
Matteo Renzi, Präsident der Trentiner Jägervereinigung, spricht von verwerflichen Taten und einer kleinen radikalen Minderheit, die Gewalt anwende, während die Hobby-Jäger angeblich den Dialog suchten. Die Rollen sind klassisch verteilt: hier die vernünftigen Hobby-Jäger, dort die extremistischen Tierschützer.
Doch dieses Bild greift zu kurz. Es blendet systematisch aus, welche Form von Gewalt von den Hochsitzen selbst ausgeht und wie selektiv im jagdlichen Milieu mit Schuld umgegangen wird.
Wer oder was ist die Animal Liberation Front?
Die Animal Liberation Front ist keine klassische Organisation mit Vereinsstatuten, sondern ein loses Netzwerk von Kleingruppen.
- Entstanden ist die ALF aus der britischen Hunt Saboteurs Association, die seit den 1960er Jahren Fuchsjagden störte.
- Ziel ist die Befreiung von Tieren aus Laboren, Mastanlagen, Pelzfarmen und anderen Formen der Ausbeutung.
- Typische Mittel sind Sachbeschädigung, Brandanschläge, das Absägen von Hochsitzen und das Zerstören von Einrichtungen, die mit Tierausbeutung verbunden werden.
In Deutschland wurden zwischen 2009 und 2014 über hundert Aktionen dokumentiert, die der ALF zugerechnet werden, darunter Anschläge auf Schlachthöfe, Pelzgeschäfte und Jagdanlagen. Ähnliche Muster gibt es in Italien, wo sich die ALF in der Vergangenheit zu Anschlägen auf einen Schlachthof bei Siena bekannt hat.
Dass Medien und Behörden in der Valsugana sofort eine Spur zur ALF legen, ist daher nicht aus der Luft gegriffen. Es ist aber nur ein Teil der Wahrheit.
Hochsitze als Ziel: Ein europaweiter Trend
Der Angriff in der Valsugana steht nicht isoliert. In mehreren europäischen Ländern häufen sich seit einigen Jahren Sabotageakte gegen Jagdeinrichtungen.
- In Sachsen und anderen Bundesländern berichten Jagdverbände von abgesägten Hochsitzen, teils mit Bekennerschreiben oder Graffiti, die der ALF zugeschrieben werden.
- In der Schweiz wurden etwa in Möhlin im Aargau über die Feiertage 2023/24 zwei Hochsitze zerstört, auf den Resten prangte mehrmals das Kürzel ALF, worüber die Aargauer Zeitung berichtete.
- Der Schweizer Nachrichtendienst des Bundes führt Tierrechtsextremismus in seinen Lageberichten ausdrücklich als Extremismusform und verweist auf Sabotageaktionen gegen Einrichtungen rund um Tierhaltung, Jagd und Fleischkonsum, auch wenn er die konkrete Gefährdung insgesamt als gering einstuft.
Jagdsitze sind damit zu einem symbolischen Ziel geworden. Auf ihnen sitzt der bewaffnete Mensch, unten lebt das Wildtier, das getötet werden soll. Für manche Hobby-Jäger sind Hochsitze ein Zeichen von Tradition und Pflege des Reviers, für Teile der Tierrechtsbewegung stehen sie für eine Normalisierung von Gewalt gegen Tiere.
Dass es hier knallt, überrascht wenig.
Immer die anderen schuld: das bequeme Feindbild
Wenn Hochsitze umgestossen oder angezündet werden, wissen Jägerverbände die Schuld erstaunlich schnell. Es sind angeblich immer radikale Tierschützer, Stadtkids ohne Respekt, Ausländer, militante Veganer, die ALF.
Polizeimeldungen sind nüchterner. Dort ist fast immer von Unbekannten die Rede, gelegentlich wird eine politische Motivation vermutet oder ein Kürzel wie ALF erwähnt. Täter werden selten ermittelt, ein klares Profil gibt es nicht.
Ein genauerer Blick auf jene Fälle, in denen die Ermittlungen weiter gediehen sind, zeigt ein weniger bequemes Bild.
Ein besonders aufschlussreicher Fall spielte sich in Nienhagen im Landkreis Celle ab. Dort wurden ab 2016 über Jahre hinweg Hochsitze zerstört und in Brand gesetzt. Zunächst galt die Deutung als gesetzt: irgendetwas mit Jagdgegnern, militante Tierschützer, so die Vermutungen in der Szene. Am Ende verhaftete die Polizei einen früheren Polizisten und Jägeranwärter aus dem Ort. Ihm wurden mehrere Brandanschläge auf Hochsitze und eine Strohmiete zur Last gelegt. Als Motiv nannte die regionale Presse Frust darüber, dass er in der Jägerschaft keine Aufnahme gefunden hatte. Das Urteil von drei Jahren Haft ist rechtskräftig.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie schnell im jagdlichen Milieu nach aussen gezeigt wird, obwohl die Konflikte oft im Inneren brodeln. Offiziell sind es dann die üblichen Feindbilder. Real brennt es manchmal hausintern.
Auch in der Schweiz berichten Hobby-Jäger seit Jahren hinter vorgehaltener Hand von sabotierten Sitzen aus den eigenen Reihen, aus Revierneid, persönlichen Fehden oder weil jemand einem ungeliebten Pächter das Leben schwer machen möchte. In einem Zürcher Regionalblatt wurde 2017 bereits darauf hingewiesen, dass in der Vergangenheit immer wieder Hobby-Jäger selbst die Hochsitze anderer Hobby-Jäger beschädigt haben sollen und die Spur gegen die Alf inszeniert haben.
Offizielle Statistiken dazu legen die Behörden nicht vor. In Polizeirapporten tauchen solche Vorfälle schlicht als Sachbeschädigung durch unbekannte Täter auf. Dass es dieses innere Konfliktpotenzial gibt, passt schlecht zum Bild vom harmonischen, verantwortungsbewussten Jagdkollektiv. Es bleibt daher im Dunkeln.
So entsteht eine kommunikative Schieflage. Wenn etwas geschieht, sind im öffentlichen Narrativ fast immer die anderen schuld, nur nie die Hobby-Jagd selbst. Die Täter seien radikale Tierschützer, der Schaden beträfe unschuldige Hobby-Jäger und ihre wertvollen Einrichtungen. Dass dieselben Einrichtungen Grundlage für systematische Gewalt gegen Wildtiere sind und dass auch innerhalb des Jägermilieus Konflikte eskalieren, kommt höchstens als Randnotiz vor.
Sachbeschädigung bleibt strafbar – doch wer benennt die strukturelle Gewalt?
Wichtig ist eine klare Unterscheidung:
- Das Absägen von Hochsitzen ist strafbarer Vandalismus und kann Menschen gefährden, wenn manipulierte Konstruktionen später unerkannt bestiegen werden
- Wer solche Anschläge verübt, nimmt billigend in Kauf, dass Jäger, Spaziergängerinnen oder Kinder auf beschädigten Leitern abstürzen
Darauf weisen auch Jagdverbände in Deutschland und der Schweiz hin, die ihre Mitglieder inzwischen explizit anhalten, Hochsitze vor der Nutzung auf Sabotage zu kontrollieren.
Gleichzeitig wird in der öffentlichen Darstellung meist übersehen, dass die Hobby-Jagd selbst ein System organisierter Gewalt ist. Die Empörung der Verbände entzündet sich an beschädigten Holzgestellen und Blechkabinen. Über die Tiere, die von diesen Plattformen aus gezielt erschossen werden, wird kaum gesprochen.
Jagd bedeutet:
- jedes Jahr Millionen erschossene Wildtiere in Europa
- Dauerstress für empfindliche Ökosysteme durch Kirrungen, Nachstellungen und Treibjagden
- Jeder Hochsitz ist eine Schiessplattform. Viele Tiere sterben nicht sofort, sondern nach langen Flucht- und Leidensphasen. Treibjagden, Kirrungen und Nachstellungen zerstören zusätzlich die sozialen Strukturen von Wildschweinen, Rehen oder Füchsen.
- In Europa sterben jedes Jahr Millionen Wildtiere durch Jagd
In Trentino werden Wildunfälle zum Beispiel so selbstverständlich bilanziert wie Wetterdaten. In manchen Wochen verenden dort mehr als ein Dutzend Wildtiere im Verkehr, verletzt oder getötet. Dass viele dieser Tiere durch jagdlichen Druck überhaupt erst in Bewegung gehalten werden, findet in den offiziellen Berichten kaum statt. Die Gewalt der Hobby-Jagd ist so alltäglich, dass sie unsichtbar geworden ist.
Jagd als Milieu der Erzählungen und der Gewalt
Nach aussen erzählt die Hobby-Jagd gern von Hege, Tradition und Verantwortung. Hochsitze werden als Naturbeobachtungsplattformen verkauft, abfotografiert im Abendlicht, mit Blick über Felder und Wälder.
In der Praxis sieht das anders aus:
- Wildtiere werden mit Futter an bestimmte Plätze gewöhnt, um sie leichter zu schiessen.
- Es wird auf Distanz, aus erhöhter und geschützter Position, geschossen, oft mit Wärmebild- und Nachtsichttechnik.
- Bei Fehlschüssen verenden Tiere tagelang irgendwo im Unterholz, ohne dass dies Eingang in jagdliche Erfolgstabellen findet.
Für Kritiker wirkt die Hobby-Jagd wie eine Münze mit zwei Seiten. Auf der einen Seite ein Bild, das liebevoll poliert wird: jagende Familien, Grillwürste, Naturschutzrhetorik, Ehrenamt, Tradition. Auf der anderen Seite rohe Gewalt gegen Tiere und eine Kultur des Wegerzählens, in der eigenes Versagen, Risiko und Leid lieber ausgeblendet werden.
Wenn ein Vorfall geschieht, ist das Muster oft gleich:
- Wenn Hochsitze brennen, waren es angeblich immer die anderen.
- Wenn ein Jagdunfall passiert, war es ein unglücklicher Zufall, nicht das System der bewaffneten Freizeitjagd.
- Wenn Wildtiere verschwinden, sind es Wolf, Luchs, Krähe oder Fuchs, selten der Mensch mit der Büchse.
Diese konsequente Schuldverschiebung ist Teil des Problems. Sie verhindert, dass sich die Hobby-Jagd ehrlich mit der eigenen Rolle auseinandersetzt.
Eskalation als Folge einer blockierten Debatte
Ob in Sachsen, im Aargau oder nun in der Valsugana: Die Sabotage von Jagdhochsitzen ist auch ein Symptom politischer Blockaden.
- Jagdpolitik wird in vielen Regionen fast ausschliesslich zwischen Jagdverbänden, Forstbehörden und landwirtschaftlichen Interessen ausgehandelt.
- Kritische Stimmen aus Tierschutz, Ökologie und Wissenschaft werden marginalisiert, Volksabstimmungen über strengere Jagdgesetze mit millionenschweren Kampagnen bekämpft.
- Gleichzeitig wächst in der Bevölkerung die Skepsis gegenüber Treibjagden, Abschüssen von Beutegreifern und einer Freizeitjagd, die sich als Naturschutz verkauft, während sie Wildtiere unter permanenten Beschuss stellt.
Der Nachrichtendienst des Bundes stellte bereits vor einigen Jahren fest, dass Aktionen im Umfeld des Tierrechtsextremismus in Phasen politischer Kontroversen zunehmen können.
Das rechtfertigt keine einzige Sabotagehandlung. Es erklärt aber, warum die Hobby-Jagd zunehmend nicht nur auf Tiere zielt, sondern selbst zum Ziel wird. Wer demokratische Kanäle formell offenlässt, sie inhaltlich aber von wenigen mächtigen Lobbys dominieren lässt, darf sich über illegale Ventile nicht wundern, die zivilen Ungehorsam fördern.
Was in der Valsugana wirklich zur Debatte steht
Die zerstörten Hochsitze in der Valsugana sind sichtbares Zeichen eines Konflikts, der weit über ein paar abgesägte Holzböcke hinausgeht. Entscheidend sind die Fragen dahinter:
- Warum werden Wälder und Landschaften mit einem dichten Netz aus Schiessplattformen überzogen?
- Wer trägt das Risiko, wenn diese Konstruktionen manipuliert werden, und warum wird eine privat organisierte Freizeitjagd als selbstverständlicher Bestandteil öffentlicher Räume behandelt?
- Warum löst Sachschaden an jagdlichen Einrichtungen Schlagzeilen aus, während das tägliche Töten und Verstümmeln von Wildtieren als normal gilt und medial kaum vorkommt?
Es ist sinnvoll, die Sabotageakte in der Valsugana klar als strafbare Sachbeschädigung zu benennen. Wer Hochsitze absägt, spielt mit Menschenleben.
Ebenso notwendig ist jedoch eine ehrliche Bestandsaufnahme der Hobby-Jagd selbst.
- Braucht es im 21. Jahrhundert wirklich Hobby-Jäger, die Wildtierbestände «regulieren» sollen, während Wissenschaft und Naturschutz längst alternative Wege aufzeigen?
- Wie legitim ist eine Praxis, die systematisch tierliches Leid produziert und gleichzeitig das Narrativ des «Naturschutzes» für sich beansprucht?
- Und wie glaubwürdig ist eine Jägerschaft, die lautstark beschädigte Holzgerüste beklagt, aber kaum Worte über die Tiere verliert, die von diesen Plattformen aus getötet werden?
Die sechs Hochsitze in der Valsugana werden bald ersetzt sein. Die Frage, wie lange sich eine bewaffnete Freizeitjagd noch als gesellschaftlich akzeptables Hobby verkaufen lässt, bleibt. Solange jede Kritik reflexartig als extremistisch abgestempelt wird und die Schuld immer bei den anderen liegt, wird dieser Konflikt weiter eskalieren. Nicht, weil ein paar Unbekannte zur Säge greifen, sondern weil ein System, das auf Gewalt gegen Tiere baut, sich weigert, in den Spiegel zu schauen.
Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

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