9. September 2026, 15:55

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Wutausbruch führt zum Waffenentzug – wann zieht die Schweiz endlich Konsequenzen?

Nach einem Wutausbruch an einer gesperrten Strasse entzieht Trient einem Hobby-Jäger die Jagdwaffenlizenz und verbietet ihm den Besitz von Waffen und Munition. Der Fall wirft auch in der Schweiz Fragen zu Jagdwaffen, Gewalt, Kontrollen und behördlicher Verantwortung auf.

Redaktion Wild beim Wild — 8. September 2026
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Ein Hobby-Jäger aus dem Val di Sole im Trentino verliert nach einem Wutausbruch seine Jagdwaffenlizenz.

Gleichzeitig wird ihm der Besitz von Waffen und Munition verboten. Der Fall zeigt, weshalb auch die Schweiz ihre Kontrollen bewaffneter Hobby-Jäger deutlich verschärfen muss: Wer privat tödliche Waffen besitzt und sie im Wald, in den Bergen und in weiteren frei zugänglichen Lebensräumen führt, muss fortlaufend auf Zuverlässigkeit und Eignung überprüft werden.

Die Behörden griffen nicht erst ein, nachdem jemand angeschossen oder getötet worden war. Sie handelten präventiv. Genau darin liegt die Bedeutung dieses Falls.

Wutausbruch – dann Waffenentzug

Auslöser war ein Vorfall im vergangenen April bei einer Radsportveranstaltung. Eine Strasse war aus Gründen der öffentlichen Sicherheit gesperrt worden. Nach der Rekonstruktion der Carabinieri reagierte der Hobby-Jäger mit einem Wutausbruch, widersetzte sich den angeordneten Einschränkungen und versuchte trotz Sperrung, die Strasse zu überqueren.

Nach Vorlage des Berichts der Carabinieri ordnete der Polizeipräsident von Trient den Entzug der Jagdwaffenlizenz an. Zusätzlich wurde dem Mann der Besitz von Waffen und Munition verboten.

Die Behörde beurteilte damit nicht allein einen Verkehrs- oder Ordnungsfall. Sie stellte die entscheidende Frage: Ist eine Person, die bei einer behördlichen Sicherheitsanordnung die Kontrolle verliert, weiterhin geeignet, Waffen zu besitzen und zu führen?

Mit dem Entzug der Jagdwaffenlizenz und dem Verbot des Waffen- und Munitionsbesitzes verneinte die Behörde seine weitere waffenrechtliche Eignung.

Das ist keine «Schikane gegen Jäger». Es ist eine notwendige Schutzmassnahme. Wer auf eine vorübergehende Strassensperrung mit Wut und Widerstand reagiert, liefert den Behörden einen nachvollziehbaren Anlass, die Eignung zum Besitz tödlicher Waffen neu zu prüfen. Der Zugang zu Jagdwaffen ist kein Grundrecht und kein lebenslanges Privileg.

Tödliche Waffen für ein Hobby

Hobby-Jagd wird gerne als Tradition, Naturerlebnis oder Dienst an der Allgemeinheit dargestellt. Tatsächlich handelt es sich um eine Freizeitbeschäftigung, für die Privatpersonen Zugang zu tödlichen Waffen erhalten und Wildtiere verfolgen, verletzen und töten dürfen.

Wer mit Jagdwaffen unterwegs ist, trägt deshalb eine weit höhere Verantwortung als jemand, der lediglich ein Freizeitgerät benutzt. Jagdwaffen sind keine harmlose Sportausrüstung. Sie können Menschen, Haus- und Nutztiere sowie Wildtiere innert Sekunden töten oder schwer verletzen.

Ein Jagdpatent darf nie als Blankoscheck verstanden werden. Ebenso wenig genügt es, einmal eine Prüfung bestanden zu haben. Persönliche Krisen, Aggression, Gewalt, Kontrollverlust, Alkohol- oder Drogenprobleme, gesundheitliche Veränderungen und sinkende körperliche oder kognitive Fähigkeiten können sich erst Jahre später zeigen. Behörden müssen deshalb jederzeit eingreifen können – und sie müssen dies auch tun.

Die Grosskontrolle bei Hobby-Jägern im Kanton Schwyz war ein Schritt in die richtige Richtung. Kantonspolizei und Wildhut kontrollierten Jagdpatente, Jagdzeiten, Abschusskontingente, Fahrzeuge und Waffenhandhabung. Weitere unangekündigte Kontrollen sind vorgesehen. Dass einzelne Hobby-Jäger dies als übertrieben empfinden, ist kein Argument gegen die Kontrolle. Wer eine tödliche Waffe trägt, muss sich überprüfen lassen, ob er oder sie dazu berechtigt ist.

Der Femizid von Faido

Wie verheerend die Folgen eines unzureichend kontrollierten Zugangs zu Waffen sein können, zeigte sich im Tessin im Juli 2026. In Faido wurde eine 56-jährige Frau mit einer Kopfschussverletzung aufgefunden; sie starb kurz darauf im Spital. Als mutmasslicher Täter galt ihr 59-jähriger Ex-Mann, ein Hobby-Jäger aus Leontica.

Am folgenden Tag kam es in Leontica zu einer Explosion in einem Haus des Bruders des mutmasslichen Täters. Mehrere Einsatzkräfte wurden verletzt, ein Polizist geriet unter Trümmer. Der Mann starb bei der Explosion. Die Tessiner Polizei prüfte, ob die Detonation vorbereitet worden war und ob Schüsse dazu dienten, Polizeikräfte in das Gebäude zu locken.

Der mutmassliche Täter besass legal mehrere Waffen. Zum Zeitpunkt der Recherche war offen, welche Waffe beim Femizid eingesetzt worden war, ob ein Schalldämpfer verwendet wurde und in welchem rechtlichen Status sich allfällige jagdlich verwendbare Waffenkomponenten befanden. Diese Fragen sind Gegenstand der Ermittlungen und dürfen nicht vorweggenommen werden.

Jede Hobby-Jagd ist Gewalt gegen Tiere. Wer ein Jagdpatent löst, beantragt nicht bloss Zugang zur Natur, sondern die staatliche Erlaubnis, fühlende Lebewesen mit Waffen zu verfolgen, zu verletzen und zu töten. Der Femizid von Faido betrifft zusätzlich Gewalt gegen einen Menschen und darf nicht relativiert werden. Er zeigt jedoch, welche zusätzlichen Risiken entstehen, wenn ein System privaten Freizeitjägern den Zugang zu mehreren tödlichen Waffen eröffnet und Warnsignale nicht früh genug zu einem Entzug führen.

Der Beitrag «Femizid in Faido, Explosion in Leontica: kein Einzelfall, sondern Muster bei Hobby-Jägern» beleuchtet den Zusammenhang von Waffenbesitz, fehlender Transparenz über Bewilligungen und der Verantwortung der Behörden, Gefährdungslagen rechtzeitig zu erkennen.

Kein Zufall, sondern ein Kontrollproblem

Der Femizid von Faido steht im Kontext weiterer dokumentierter Vorfälle im Umfeld von Hobby-Jagd, Jagdwaffen und jagdlicher Ausrüstung. Die IG Wild beim Wild sammelt und ordnet diese Fälle in der Kategorie «Kriminalität & Jagd». Dort kann sich jede und jeder selbst ein Bild von Gewalt, Tötungsdelikten, Drohungen, Wilderei, Waffenmissbrauch, Regelverstössen und weiteren Missständen machen.

Diese Sammlung ist keine amtliche Kriminalstatistik. Sie erlaubt daher keine seriöse Prozentrechnung über den Anteil gewalttätiger Hobby-Jäger. Sie zeigt jedoch, dass Jagdbehörden und Jagdlobby die Fälle nicht einfach als völlig unabhängige, bedeutungslose «Einzelfälle» abtun können. Wiederkehrende Vorfälle mit Waffen, Aggression, Wilderei, Fehlabschüssen und erheblichen Sicherheitsrisiken verlangen eine systematische Antwort.

Auch die Sicherheitsbilanz der Jagd ist gravierend. Im Avers erschoss ein Hobby-Jäger ein Pferd auf einer Weide, nachdem er es offenbar mit einem Hirsch verwechselt hatte. Sein Jagdpatent wurde eingezogen. Der Fall ist im Beitrag «Pferd erschossen, zwei Tote im Tessin: Jagdämter können ihre Verantwortung nicht abschieben» dokumentiert.

In Graubünden registrierten die Behörden 2016 bei 5’512 Teilnehmenden an der Hochjagd 1’098 Ordnungsbussen und 103 Anzeigen; 1’013 der registrierten Vorgänge betrafen Fehlabschüsse. 2017 wurden bei 5’532 Teilnehmenden 1’280 Ordnungsbussen und 104 Anzeigen gezählt, davon 1’146 Fehlabschüsse. Diese Zahlen betreffen Vorgänge, nicht zwingend einzelne Personen. Sie zeigen dennoch ein Ausmass an Fehlhandlungen, das mit der Erzählung einer durchgehend sicheren und kontrollierten Freizeitjagd nicht vereinbar ist.

2016 wurden in Graubünden zudem 1’242 Nachsuchen mit Schweisshunden registriert, wovon 59 Prozent erfolgreich endeten. Das bedeutet zugleich, dass eine grosse Zahl angeschossener Tiere nicht oder nicht rechtzeitig gefunden werden konnte. Bei 516 Nachsuchen nach angeschossenen Hirschen wurde knapp die Hälfte der Tiere nicht gefunden.

Jagdämter tragen Verantwortung

Jagdämter und Waffenbehörden können ihre Verantwortung nicht auf den einzelnen Schützen abschieben. Sie entscheiden, wer Jagdpatente und Waffenbewilligungen erhält. Sie setzen Jagdzeiten fest, bestimmen Abschusspläne und Ausbildungsanforderungen, überwachen Verstösse und verfügen im Ernstfall Entzüge.

Wenn Fehlabschüsse, verletzte und nicht gefundene Wildtiere, Jagdunfälle oder missbräuchliche Waffenverwendung bekannt werden, müssen die zuständigen Behörden nicht nur Einzelfälle verwalten. Sie müssen prüfen, ob ihre Bewilligungs-, Kontroll- und Sanktionspraxis ausreichend ist.

Notwendig sind regelmässige, unangekündigte und unabhängige Kontrollen in Jagdgebieten. Es braucht wiederkehrende Überprüfungen der persönlichen, körperlichen und psychischen Eignung zum Besitz und Führen von Jagdwaffen, verbindliche Sicherheits- und Schiessnachweise sowie rasche Interventionen bei Drohungen, häuslicher Gewalt, schweren Konflikten, Kontrollverlust oder akuten Krisen.

Ebenso nötig sind öffentlich zugängliche Statistiken über Kontrollen, Beanstandungen, Waffenentzüge, Sicherstellungen, Wilderei, Fehlabschüsse, Nachsuchen, Unfälle und Gewaltvorfälle. Nur Transparenz ermöglicht es der Öffentlichkeit zu prüfen, ob Jagdämter ihre Schutzpflicht tatsächlich wahrnehmen.

Wald und Berge sind kein Jagdclub

Wald, Berg und Alp sind keine exklusiven Räume für bewaffnete Freizeitjäger. Sie gehören den Menschen, die dort leben, wandern, Velo fahren, arbeiten und Tiere halten – und vor allem den Wildtieren, die dort ihren Lebensraum haben.

Ein Jagdpatent verleiht kein Eigentumsrecht auf Wege, Täler oder Wildbestände. Gerade Graubünden kennt im Patentsystem keine persönlichen Jagdreviere. Dennoch verhalten sich einzelne Hobby-Jäger, als gehörten ihnen bestimmte Landschaftsräume und als müssten andere Menschen während der Jagdzeit zurückweichen. Der Beitrag «Wem Wald und Berge gehören – und wer dort Tiere töten darf» ordnet dieses Anspruchsdenken ein.

Die Lehre aus Trient ist einfach: Behörden dürfen nicht abwarten, bis aus Wut Gewalt wird und aus Gewalt eine Tragödie. Wenn begründete Zweifel an der Zuverlässigkeit entstehen, müssen Jagdwaffen und Munition rasch aus dem Zugriff genommen werden.

Solange private Hobby-Jagd erlaubt bleibt, braucht es deutlich strengere Regeln, fortlaufende Eignungsprüfungen, wirksame Kontrollen und vollständige Transparenz. Langfristig ist die private Hobby-Jagd nicht zu rechtfertigen. Falls Eingriffe in Wildtierpopulationen tatsächlich nachweislich nötig sind, müssen sie durch professionell ausgebildete, staatlich kontrollierte Fachpersonen erfolgen – nicht durch ein Hobby-System, das Privatpersonen Waffen und eine Lizenz zum Töten überlässt.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier umfassende Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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