Wildtiere im Faktencheck: Menschengemachte Gefahren und was Studien zeigen
Hobby-Jäger machen gerne Beutegreifer für den Rückgang von Igeln und Bodenbrütern verantwortlich. Dieses Dossier zeigt, was die Forschung über menschengemachte Gefahren für Wildtiere belegt.
Foto: Simon Infanger / Unsplash
Stand: 26. Oktober 2026.
- Mähroboter und Gartengeräte
- Laubbläser und Laubsauger
- Mähen von Wiesen und Böschungen
- Zäune und Weidenetze
- Strassenverkehr
- Licht in der Nacht
- Feuerwerk
- Glas
- Insektenschwund
- So arbeiten wir mit Studien
Igel, Amphibien, Vögel und Insekten verschwinden nicht von selbst. Ein grosser Teil der Gefahren, denen Wildtiere heute begegnen, ist menschengemacht: Geräte im Garten, Maschinen auf der Wiese, Zäune, Strassen, Licht, Lärm und Glas. Dieses Dossier sammelt Studien und amtliche Angaben dazu, was diese Faktoren nachweislich anrichten, und ordnet ein, wo die Befunde stark sind und wo Daten fehlen.
Die Seite ergänzt unser Studiendossier «Jagd im Faktencheck», das die Folgen der Hobby-Jagd behandelt. Beide Themen hängen zusammen: Wenn Hobby-Jäger die Fuchsjagd mit dem Schutz von Igeln, Bodenbrütern oder Feldhasen begründen, blenden sie aus, was die Forschung über die tatsächlichen Ursachen des Rückgangs zeigt. Bei der Einstufung des Igels als «potenziell gefährdet» nennt die Weltnaturschutzunion IUCN Intensivlandwirtschaft, Strassen und Zersiedelung, nicht Beutegreifer. Mehr dazu im Dossier «Hobby-Jäger regulieren, nicht Beutegreifer».
Mähroboter und Gartengeräte
Igel flüchten vor Mährobotern nicht zuverlässig, viele erstarren oder rollen sich ein. Rasmussen et al. (2021, Animals) prüften 18 Mährobotermodelle in Kollisionstests mit toten Igeln. Keines erkannte die kleinsten Jungtiere unter 200 Gramm, bei grösseren Tieren erfolgte eine Erkennung erst nach Körperkontakt. Einige Modelle verursachten schwere Verletzungen, andere blieben ohne Verletzungsfolgen. Eine Folgeuntersuchung der Universität Oxford mit 19 handelsüblichen Modellen kam zum gleichen Schluss: Mit einer Ausnahme mussten alle Geräte den Igel berühren, um ihn zu bemerken.
Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) wertete 370 gemeldete Fälle von Schnittverletzungen an Igeln aus 16 Monaten aus, verursacht durch elektrische Gartengeräte, in erster Linie Mähroboter. 47 Prozent der Tiere überlebten nicht. Fadenmäher und Motorsensen sind ebenfalls gefährlich: Nach Erfahrung des Igelzentrums Zürich landen dort sogar mehr Igel mit Fadenmäher-Verletzungen als mit mutmasslichen Roboterverletzungen.
Bezug zur Schweiz: Der Igel steht auf der Roten Liste und ist Tier des Jahres 2026. Ein Nachtfahrverbot für Mähroboter, wie es Köln und andere deutsche Städte kennen, gibt es in der Schweiz nicht. In Bern und St. Gallen scheiterten entsprechende Vorstösse, in Basel-Stadt ist ein Vorstoss hängig. Hintergründe: Mähroboter töten Igel: Deutsche Städte verbieten den Nachtbetrieb, Bern und St. Gallen winken ab.
Laubbläser und Laubsauger
Zu Laubbläsern gibt es bisher kaum Forschung, die direkte Verluste an Tieren beziffert. Der britische Insektenforscher Simon Leather fand bei einer Literaturrecherche keine Studie, die das misst. Gut belegt ist dagegen die Bedeutung der Laubschicht: Sie ist Winterquartier, Nahrungsquelle und Versteck für Insekten, Spinnen, Würmer, Amphibien und Igel. Wer sie wegbläst oder absaugt, entfernt diesen Lebensraum.
Wie stark Saugtechnik Kleintiere trifft, zeigt die Forschung zur Mahd: Bei Saugmähern an Strassenrändern wurden in einer Untersuchung von Hemmann et al. (1987) rund 84 Prozent der erfassten Wanzen und Larven getötet oder verletzt, beim Balkenmäher etwa die Hälfte (Übersicht bei van de Poel und Zehm). Der Schweizer Tierschutz STS warnt, dass Laubsauger Tiere tödlich verletzen können, und weist auf den Lärm von 90 bis 120 Dezibel hin, so laut wie eine Motorsäge.
Auf wildbeimwild.com: Laubbläser vertreiben Igel aus ihrem Zuhause, Laubbläser gehören in die Schuppenecke und Laubhaufen für die Artenvielfalt.
Mähen von Wiesen und Böschungen
Zur Mahd liegt eine solide Forschung vor, auch aus der Schweiz. Forschende von Agroscope und ETH Zürich (Humbert et al. 2009, Agriculture, Ecosystems & Environment) werteten aus, wie Mähtechniken auf die Fauna wirken. Je nach Gerät sterben bei einem einzigen Mähvorgang etwa ein Zehntel bis ein Drittel der Kleintiere einer Fläche. Rechnet man die ganze Heuernte mit Zetten, Schwaden und Laden ein, lagen die Verluste bei Heuschrecken bei 65 bis 85 Prozent (Humbert et al. 2010). Mähaufbereiter erhöhen die Schäden deutlich.
Bei Amphibien entscheidet die Schnitthöhe: Bei 7 bis 8 Zentimetern wurden 24 bis 27 Prozent der Tiere getötet oder verletzt, bei 11 bis 14 Zentimetern noch rund 3 Prozent (Classen et al. 1996). Alle Werte stammen aus der Übersicht von van de Poel und Zehm, die auch auf die kleinen Stichproben einzelner Studien hinweist.
Zäune und Weidenetze
Weidenetze und schlecht unterhaltene Zäune werden für Igel, Amphibien, Rehe, Hirsche und Vögel zur Falle. Tiere verfangen sich in den Maschen, Igel beissen in stromführende Drähte, Amphibien erhalten im feuchten Gras tödliche Schläge. In Graubünden wurden 2026 bisher 73 Fälle verfangener Wildtiere registriert. Eine schweizweite Statistik der Zaunopfer gibt es nicht.
Handeln: Unsere Petition «Weidenetze dürfen keine Todesfallen für Wildtiere sein» fordert eine Abbaupflicht, Kontrollen und Litzenzäune statt Netze. Für Kantonsparlamente gibt es den Mustertext «Tierschutzkonforme Zaun- und Weidenetzvorgaben».
Strassenverkehr
Grilo et al. (2020, Frontiers in Ecology and the Environment) schätzen, dass auf Europas Strassen jedes Jahr rund 194 Millionen Vögel und 29 Millionen Säugetiere getötet werden. Besonders hohe Kollisionsraten fanden die Forschenden bei Amsel und Igel. Für seltene Arten mit geringer Dichte kann schon eine kleine Zahl von Unfällen das lokale Aussterben beschleunigen.
Bezug zur Hobby-Jagd: Die Mobiliar nennt bei den Wildunfällen im Herbst auch jagdbedingten Stress als Mitursache. Mehr dazu: Wildunfälle im Herbst: Auch Jagdstress wird als Mitursache genannt und Zeitumstellung: Warum die Woche nach dem 25. Oktober für Wildtiere gefährlich ist.
Licht in der Nacht
Eine Studie der Universität Bern zeigt, dass Kunstlicht die nächtliche Bestäubung stört. Knop et al. (2017, Nature) untersuchten Wiesen in den Berner Voralpen. Auf Wiesen mit LED-Strassenlampen gab es 62 Prozent weniger nächtliche Blütenbesuche durch Insekten als auf unbeleuchteten Flächen. Die Kohldisteln auf beleuchteten Wiesen bildeten rund 13 Prozent weniger Früchte. Laut der Universität Bern können Bestäuber am Tag diesen Verlust nicht ausgleichen.
Feuerwerk
Hoekstra et al. (2023, Frontiers in Ecology and the Environment) massen in den Niederlanden mit Wetterradar, wie Vögel auf das Silvesterfeuerwerk reagieren. In der Neujahrsnacht waren im Mittel 1000-mal mehr Vögel in der Luft als in gewöhnlichen Nächten. Der Effekt war in den ersten 5 Kilometern am stärksten, bis 10 Kilometer entfernt flogen noch mindestens zehnmal so viele Vögel. Grössere Vögel wie Gänse und Enten stiegen auf Hunderte Meter Höhe und blieben bis zu einer Stunde in der Luft, mitten im Winter, wenn jede Energiereserve zählt.
Bezug zur Schweiz: Am 29. November 2026 stimmt die Schweiz über die Feuerwerksinitiative ab. Hintergründe: Feuerwerksinitiative am 29. November: Worum es für Wildtiere geht und Feuerwerksverbote in der Schweiz.
Glas
Glasflächen gehören zu den grössten Todesursachen für Vögel im Siedlungsraum. Loss et al. (2014, The Condor) schätzten für die USA 365 bis 988 Millionen Vögel pro Jahr, die an Gebäuden sterben. Für die Schweiz geht die Vogelwarte Sempach von Millionen Vögeln pro Jahr aus. Eine genaue Schweizer Zahl gibt es nicht.
Insektenschwund
Insekten sind die Nahrungsgrundlage für Igel, Vögel, Fledermäuse und Amphibien. Hallmann et al. (2017, PLOS ONE) dokumentierten in deutschen Schutzgebieten über 27 Jahre einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um mehr als 75 Prozent. Die Messungen fanden in Schutzgebieten statt, also dort, wo die Lage eigentlich am besten sein sollte. Die Autoren vermuten die Hauptursache in der intensiven Landwirtschaft rund um die Schutzgebiete, etwa durch Pestizide.
So arbeiten wir mit Studien
Wir nennen bei jeder Aussage die Quelle und, wo möglich, die Originalstudie. Wo wir uns auf Übersichtsarbeiten stützen, steht das dabei. Die Befundlage ist unterschiedlich stark: Zu Mährobotern, Mahd, Strassen, Licht, Feuerwerk und Glas gibt es belastbare Studien. Zu Laubbläsern fehlen Messungen der direkten Verluste, und für die Schweiz fehlen bei fast allen Themen systematische Zahlen, etwa eine Statistik der Zaunopfer oder der Igel mit Schnittverletzungen.
Diese Seite wird laufend ergänzt. Hinweise auf neue Studien nehmen wir gerne entgegen.
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Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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