Zeitumstellung: Warum die Woche nach dem 25. Oktober für Wildtiere gefährlich ist
Am Sonntag werden die Uhren zurückgestellt, der Feierabendverkehr fällt in die Dämmerung. Eine grosse Studie beziffert den Effekt auf Wildunfälle. Was in den Warnungen fehlt: Die Abenddämmerung ist in fast der ganzen Schweiz reguläre Jagdzeit.
Symbolbild. Foto: Nikola Tomašić / Unsplash
«Die geraubte Nacht»
In der Nacht auf Sonntag, 25. Oktober 2026, wird die Uhr um 03.00 Uhr auf 02.00 Uhr zurückgestellt. Wer bisher bei Tageslicht von der Arbeit nach Hause fuhr, ist ab Montag in der Abenddämmerung unterwegs. Für Rehe, Füchse und Dachse ändert sich nichts: Sie richten sich nach dem Licht, nicht nach der Uhr. Genau diese Verschiebung macht die Tage nach der Zeitumstellung gefährlich, für die Tiere und für die Menschen am Steuer.
Dass der Herbst die unfallreichste Zeit des Jahres ist, hat Wild beim Wild vor Kurzem anhand der Mobiliar-Auswertung gezeigt. Wie deutlich sich der Effekt der Zeitumstellung messen lässt, zeigt eine grosse US-Studie. Und in den aktuellen Warnungen von Polizei und Versicherungen fehlt ein Punkt.
Was die Forschung zur Zeitumstellung zeigt
Eine der grössten Untersuchungen dazu stammt aus den USA. Ein Team der University of Washington um Calum Cunningham und Laura Prugh hat über eine Million Kollisionen mit Hirschen aus den Jahren 1994 bis 2021 ausgewertet, zusammen mit 96 Millionen stündlichen Verkehrszählungen. Die Ergebnisse erschienen 2022 in der Fachzeitschrift Current Biology.
- Fast 10 Prozent aller Kollisionen ereigneten sich in den zwei Wochen rund um die Rückkehr zur Normalzeit im Herbst.
- In der Woche nach der Umstellung stieg die Zahl der Kollisionen um 16 Prozent. Die Forschenden führen das auf den abrupten Anstieg des Verkehrs nach Sonnenuntergang zurück.
- Zwei Stunden nach Sonnenuntergang waren Kollisionen 14-mal häufiger als zwei Stunden vor Sonnenuntergang.
Bei der Umstellung im Frühling fanden die Forschenden keinen vergleichbaren Sprung. Sie erklären die Herbstspitze damit, dass sich bei den untersuchten Hirscharten zwei Faktoren überlagern: die Paarungszeit und die Zeitumstellung. Das ist bei der Übertragung auf die Schweiz zu beachten. Die Brunft der Rehe liegt hier im Sommer. Für die Schweiz relevant ist vor allem der Mechanismus: Der Feierabendverkehr verschiebt sich gegenüber dem Sonnenuntergang abrupt um eine Stunde und fällt in die Dämmerung, in der Wildtiere am aktivsten sind. Ob die Unfallzahlen hier ähnlich stark steigen, zeigt die US-Studie nicht.
Die Mobiliar liefert für die Schweiz einen Hinweis zur Zeitumstellung im Frühling: Sie verzeichnete in der Woche danach mehr Wildunfälle als in der Woche davor. Eine entsprechende Zahl für den Herbst hat sie nicht veröffentlicht.
7651 Rehe in einem Jahr
Wie viele Wildtiere auf Schweizer Strassen sterben, zeigt die Eidgenössische Jagdstatistik, die Wildtier Schweiz im Auftrag des BAFU führt. Im Jagdjahr 2025 wurden 7651 überfahrene Rehe registriert, laut Wildtier Schweiz mit leicht rückläufigem Trend. Bei den Füchsen waren es laut der Übersicht von Waldwissen.net etwa 6000 Tiere. Im selben Jahr erlegten 29’328 Hobby-Jäger 74’914 Wildhuftiere (ohne Steinböcke) und 23’152 Beutegreifer wie Füchse, Dachse und Marder.
Die Statistik erfasst nur gemeldete und gefundene Tiere. Kleinere Arten und Tiere, die verletzt in den Wald flüchten und dort verenden, fehlen weitgehend. Warum die offiziellen Zahlen zu tief sind, erklärt das Dossier Wildtierkorridore.
Was Polizei und Versicherungen jetzt sagen
Mehrere Polizeikorps haben in den letzten Wochen vor Wildunfällen gewarnt:
- Die Zentralschweizer Polizeikorps erinnerten am 1. Oktober gemeinsam an die Verhaltensregeln. Wildunfälle sind meldepflichtig und über die Notrufnummer 117 zu melden. Ein plötzliches Ausweichmanöver ist laut den Korps häufig gefährlicher als kontrolliertes Bremsen.
- Die Polizei Basel-Landschaft warnte am 19. Oktober vor erhöhter Unfallgefahr in den frühen Morgenstunden und in der Dämmerung.
Bei den Versicherungen hat die Mobiliar am 8. Oktober ihre Zahlen vorgelegt, Wild beim Wild hat sie hier ausgewertet. Die AXA, der grösste Motorfahrzeugversicherer der Schweiz, hat ihre Zahlen für 2025 noch nicht veröffentlicht. Für 2024 meldete sie Kosten von über 11,5 Millionen Franken für Wildunfälle, ein einzelner Schadenfall kostete fast 3800 Franken.
Genf in der Schadenstatistik
Die AXA schlüsselt ihre Schadenfrequenz nach Kantonen auf, also die Zahl der Wildunfälle pro versichertes Fahrzeug. Für 2024 liegt sie in Freiburg, Jura, Thurgau und Schaffhausen zwischen 5 und 6,9 Promille, der Schweizer Durchschnitt bei 3,2 Promille. Am wenigsten betroffen sind Basel-Stadt mit 0,8 Promille sowie Nidwalden und Genf mit je 1,2 Promille.
In Genf jagen seit 1974 keine Hobby-Jäger mehr, die Wildtierregulierung liegt bei professionellen Umwelthütern. Die AXA-Zahlen beweisen nicht, dass der Verzicht auf die Hobby-Jagd Wildunfälle senkt. Genf ist stark städtisch, und die AXA selbst erklärt die hohen Werte ländlicher Kantone mit den vielen Strassen durch Waldabschnitte. Sie zeigen aber: Ein Kanton ohne Hobby-Jagd kann bei den registrierten Wildunfällen deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt liegen. Die pauschale Behauptung, Verkehrssicherheit setze die Hobby-Jagd voraus, lässt sich damit nicht halten. Mehr dazu im Dossier Genf und das Jagdverbot.
Dieselbe Woche: Hobby-Jagd in der Dämmerung
Die Polizeimitteilungen richten sich an die Autofahrenden. Die Hobby-Jagd kommt darin nur als Jagdaufsicht vor, die nach einem Unfall das verletzte Tier sucht. Dass sie in derselben Zeit Wildtiere aufschreckt, ist kein Thema. Dabei ist die Abenddämmerung in fast der ganzen Schweiz reguläre Jagdzeit.
Seit dem 1. Februar 2025 verbietet die eidgenössische Jagdverordnung die Jagd zwar im Wald während der Nacht (Art. 3ter JSV). Als Nacht gilt aber erst die Zeit ab einer Stunde nach Sonnenuntergang bis eine Stunde vor Sonnenaufgang. Ausserhalb des Waldes kennt das Bundesrecht kein Nachtjagdverbot, und im Winter ist die nächtliche Passjagd auf Fuchs, Dachs und Marder auch im Wald erlaubt. Der Aargau etwa hält diese Regeln in seinem Kreisschreiben fest.
Fuchs und Dachs, die nach dem Reh auf den Strassen am häufigsten sterben, sind Ende Oktober in allen Kantonen ausser Genf zur Jagd freigegeben. Das zeigt die Übersicht der Schonzeiten 2025 in der Eidgenössischen Jagdstatistik: Die längsten kantonalen Schonzeiten, beim Dachs etwa in Glarus und Zug, enden Anfang Oktober. Nur in Genf gilt für beide Arten das ganze Jahr Schonzeit.
Nach der Zeitumstellung geht die Sonne je nach Region zwischen etwa 17.15 und 17.30 Uhr unter. Gejagt werden darf damit bis gegen 18.15 bis 18.30 Uhr, also genau in der Stunde, in der der Feierabendverkehr neu in die Dämmerung fällt. Zwei Kantone zeigen, wie unterschiedlich das gehandhabt wird:
- In Graubünden dürfen Füchse, Dachse, Baum- und Steinmarder sowie Waschbären, Marderhunde und Bisamratten vom 20. bis 31. Oktober in acht Jagdbezirken sogar «ohne zeitliche Einschränkungen» bejagt werden (Verordnung über den Jagdbetrieb, Art. 84).
- Das Tessin zeigt, dass es anders geht: Dort ist die Niederjagd ab Ende Oktober auf 07.30 bis 16.30 Uhr beschränkt und endet vor Sonnenuntergang. Die laufenden Vorfälle dokumentiert der Tessiner Jagd-Ticker.
Ob und wie stark die Hobby-Jagd das Unfallrisiko in dieser Woche erhöht, ist für die Schweiz nicht untersucht. Der Bericht der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zur Mobiliar-Auswertung nennt neben Dämmerungsverkehr, Hirschbrunft und Nahrungssuche aber auch den Stress durch die Jagd als Grund für die erhöhte Unfallzahl im Herbst. Wer Autofahrende zu Vorsicht in der Dämmerung aufruft und gleichzeitig die Hobby-Jagd in der Dämmerung freigibt, sendet widersprüchliche Signale. Bund und Kantone könnten die Jagd in den zwei Wochen rund um die Zeitumstellung auf die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang beschränken, wie es das Tessin vormacht. Das wäre eine sofort umsetzbare Vorsorgemassnahme.
Was jetzt hilft
Für die Autofahrenden gilt in den kommenden zwei Wochen besonders: Tempo reduzieren an Wald- und Feldrändern, bremsbereit fahren, mit weiteren Tieren rechnen und bei Wild auf der Fahrbahn kontrolliert bremsen statt ausweichen. Nach einer Kollision anhalten, die Unfallstelle sichern und sofort die Polizei über 117 verständigen, auch wenn das Tier davongelaufen ist. Wer einen Wildunfall nicht oder erst später meldet, macht sich strafbar.
Statt Wildunfälle pauschal als Argument für Abschüsse zu verwenden, sollten die Kantone die Gefahrenstellen an den Strassen entschärfen: Wildwarnanlagen, Wildtierpassagen, sanierte Wildtierkorridore und tiefere Tempolimits an bekannten Wildwechseln in der Dämmerung. Welche Massnahmen nachweislich wirken, steht im Dossier Wildtierkorridore.
Weiterlesen auf Wild beim Wild
- Wildunfälle im Herbst: Auch Jagdstress wird als Mitursache genannt
- Wildwechsel: Vorsicht bei Zeitumstellung
- Dossier: Das Reh in der Schweiz
- Dossier: Der Fuchs in der Schweiz
- Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet
- Graubünden Jagd 2026/27: Vorfälle, Verstösse und Entwicklungen
Quellen
- Cunningham, Prugh et al.: «Permanent daylight saving time would reduce deer-vehicle collisions», Current Biology, 2022, DOI 10.1016/j.cub.2022.10.007; Zusammenfassung der University of Washington
- Mobiliar: «Achtung Wildtiere: Unfälle nehmen ab Oktober zu», 8.10.2026
- AXA: «Wildunfälle: Was tun und wo aufpassen?», Oktober 2025
- Zuger Polizei für die Zentralschweizer Polizeikorps: «Wildunfälle: Mit dem richtigen Verhalten Leben schützen», 1.10.2026
- Polizei Basel-Landschaft via Polizeinews: «Achtung Wildwechsel», 19.10.2026
- Keystone-SDA via Nau.ch: «Im Herbst vermehrt Kollisionen mit Wildtieren auf der Strasse», 10.10.2026
- Eidgenössische Jagdstatistik, BAFU: Schonzeiten 2025 nach Kantonen
- Kanton Luzern, lawa: Änderungen aus der Revision der eidgenössischen Jagdverordnung, März 2025
- Kanton Aargau: Kreisschreiben Jagd, Juni 2025
- Wildtier Schweiz via Naturschutz.ch: «Datenbank über Wildtiere und Jagd aktualisiert», August 2026
- Waldwissen.net: «Die Eidgenössische Jagdstatistik»
- Kanton Graubünden: Verordnung über den Jagdbetrieb (BR 740.025), Art. 84
- Kanton Tessin: Regolamento sulla caccia 2026, Synopse geltendes Recht und Änderungsvorschlag (Art. 39 und 41)
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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