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Artenschutz-Versprechen der Zoos: Was die Auswilderungszahlen wirklich zeigen

Zoos werben mit dem Artenschutz-Argument. Studien zu Wiederansiedlungsprojekten zeigen jedoch: Zoos stellen Tiere nur für einen begrenzten Teil der untersuchten Arten bereit, und in Gefangenschaft gezüchtete Beutegreifer hatten in einer Übersichtsarbeit im Schnitt deutlich geringere Überlebenschancen als wild gefangene, umgesiedelte Tiere.

Redaktion Wild beim Wild — 19. August 2026

Zoos begründen ihre Existenz seit Jahrzehnten mit dem Artenschutz-Argument: Wer Tiere in Gefangenschaft hält, züchtet und erforscht, leiste damit einen Beitrag zur Erhaltung bedrohter Arten.

Zwei Kennzahlen aus der Fachliteratur zeichnen ein deutlich nüchterneres Bild davon, wie oft dieses Versprechen tatsächlich in einer Auswilderung mündet und wie es den wenigen ausgewilderten Tieren danach ergeht.

Wie selten Zoos Tiere für Auswilderungen bereitstellen

Eine Untersuchung aller dokumentierten Wiederansiedlungsprojekte in Nordamerika (Brichieri-Colombi et al., 2018, Conservation Biology) wertete 1863 Fachartikel zu 279 translozierten Tierarten aus. Ergebnis: Nur für 58 Prozent dieser Arten kam überhaupt Zucht in Gefangenschaft zum Einsatz. Zoos stellten Tiere für die Auswilderung bei lediglich 14 Prozent aller untersuchten Arten, und nur bei 25 Prozent jener Arten, die überhaupt in Gefangenschaft für die Auswilderung gezüchtet wurden. 54 Zoos waren insgesamt an Freilassungen beteiligt, verteilt auf 40 Arten. Die Studie ist auf Nordamerika und auf Publikationen bis 2014 beschränkt und misst nicht den individuellen Anteil aller Zootiere, die je ausgewildert werden. Sie zeigt jedoch, dass Zoos in der dokumentierten nordamerikanischen Translokationsliteratur nur für einen begrenzten Teil der Arten Tiere bereitstellten. Sie ist kein Mass für die Auswilderungsbilanz einzelner Zoos und lässt sich nicht direkt auf Europa oder die Schweiz übertragen.

Wie freigelassene Karnivoren überleben

Die zweite Kennzahl betrifft die Überlebenschancen von Karnivoren, die tatsächlich freigelassen wurden. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit (Jule, Leaver & Lea, 2008, Biological Conservation) wertete 49 Studien zu Raubtier-Wiederansiedlungen in Afrika, Europa und Nordamerika zwischen 1990 und 2006 aus: 20 Freilassungsprojekte mit 983 in Gefangenschaft geborenen Karnivoren und 29 Projekte mit 1169 wild gefangenen, umgesiedelten Tieren. Das Ergebnis: Die Überlebensrate in Gefangenschaft geborener Karnivoren nach der Freilassung lag bei 32 Prozent, jene wild gefangener, umgesiedelter Tiere bei 53 Prozent. Mehr als die Hälfte der Todesfälle ging auf menschliche Ursachen zurück, etwa Verkehrsunfälle oder gezielte Tötungen. In Gefangenschaft geborene Karnivoren verhungerten zudem häufiger und erkrankten öfter als ihre wild geborenen Vergleichsgruppen.

Die von den Studienautoren diskutierten Risiken weisen Parallelen zu Befunden bei von Menschen aufgezogenen Waisen-Grizzlys auf: Fehlende Erfahrung bei Nahrungssuche und Jagd sowie eine geringe Scheu gegenüber Menschen können die Überlebenschancen nach der Freilassung beeinträchtigen. Wie stark diese Faktoren wirken, hängt jedoch von Art, Aufzucht, Vorbereitung und Auswilderungsbedingungen ab. Ko-Autorin Kristen Jule fasste es damals gegenüber National Geographic so zusammen: Tieren in Gefangenschaft fehlten meist die natürlichen Verhaltensweisen, die es für ein Überleben in der Wildnis braucht. Die Studie ist mittlerweile über 15 Jahre alt und bezieht sich auf Freilassungspraktiken jener Zeit. Neuere Einzelprogramme, etwa beim Iberischen Luchs, berichten unter geeigneten Bedingungen bessere Überlebenswerte für in Gefangenschaft geborene Tiere. Solche Fortschritte ändern jedoch nichts daran, dass vergleichende Übersichtsarbeiten bei Karnivoren durchschnittlich Nachteile gegenüber wild geborenen oder wild gefangenen Tieren festgestellt haben.

Nicht jeder Zoo, nicht jede Zahl gleich

Fairerweise muss festgehalten werden, dass diese Zahlen nicht für jeden Zoo und jedes Programm gleichermassen gelten. Der europäische Zooverband EAZA weist nach eigenen Angaben eine Beteiligung an über 260 Wiederansiedlungsprojekten für 156 Arten aus, mehr als die Hälfte davon als bedroht oder gefährdet eingestufte Arten (Southampton-Studie, EAZA-Mitgliederbefragung). Diese Erhebung zeigt, dass Zoos nicht ausschliesslich Zuschauer sind, und betont dabei auch Beiträge, die über die reine Bereitstellung von Tieren hinausgehen: Finanzierung, Personal, Fachwissen, Ausrüstung und Koordination. Einzelne EAZA-Programme, etwa beim Bartgeier (über 300 seit 1978 in die Wildnis entlassene Tiere) oder beim Östlichen Spitzmaulnashorn in Ruanda, zeigen dokumentierte Erfolge. Diese Leuchtturmprojekte zeigen, dass zoogestützte Wiederansiedlungen unter bestimmten Bedingungen wirksam sein können. Sie ändern jedoch nichts an den Befunden der untersuchten nordamerikanischen Translokationsliteratur und der Karnivoren-Review, deren Reichweite jeweils klar begrenzt ist.

Was das für das Selbstverständnis der Zoos bedeutet

Die verfügbare Literatur zeigt keine pauschale Erfolglosigkeit aller Zoo-Auswilderungen. Sie zeigt aber, dass Zoos in den untersuchten Wiederansiedlungsprojekten nur begrenzt als Tierquellen auftreten und dass in Gefangenschaft geborene Karnivoren im untersuchten Zeitraum durchschnittlich schlechter überlebten als wild gefangene, umgesiedelte Tiere. Aus diesen Befunden zieht die IG Wild beim Wild eine politische Schlussfolgerung: Auswilderungen und einzelne Schutzprogramme reichen aus ihrer Sicht nicht aus, um die fortdauernde Zucht, Haltung und öffentliche Präsentation exotischer Wildtiere zu legitimieren. In Gerechtigkeit für Zoo-Tiere fordert die Organisation deshalb, Zoos langfristig in Auffangstationen umzuwandeln, die keine exotischen Wildtiere mehr kaufen, verkaufen, verleihen oder für die Zurschaustellung züchten, sondern einheimische, in Not geratene Wildtiere aufnehmen und pflegen.

Die Befunde verweisen auf Risiken, die auch bei Waisen-Grizzlys und nicht auswilderbaren Rettungstieren wie den Füchsen von SaveAFox auftreten können: Intensive menschliche Nähe während der Aufzucht kann eine spätere Rückkehr in ein selbstständiges Wildleben erschweren. Ein Unterschied in der Kommunikation bleibt aber bestehen: SaveAFox erklärte von Anfang an, dass die eigenen Füchse nicht auswilderbar sind. Wer mit Auswilderung als Artenschutzargument wirbt, sollte offen und nachvollziehbar ausweisen, wie viele gehaltene Tiere tatsächlich Teil solcher Programme werden.

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Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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