Ein Jahr nach der Pavian-Tötung: Nürnberg züchtet weiter, sieben von neun Jungtieren tot
Ein Jahr nach der Tötung von zwölf Pavianen züchtet der Tiergarten Nürnberg weiter. Sieben von neun Jungtieren starben, das Verfahren läuft, der Bestand ist wieder über der Grenze.
Vor einem Jahr liess der Tiergarten Nürnberg zwölf gesunde Guinea-Paviane töten, weil deren Gehege überfüllt war.
Der Aufschrei war gewaltig, Aktivistinnen und Aktivisten ketteten sich ans Affengehege, drangen auf das Gelände ein und errichteten ein Protestcamp. Ein Jahr später ist juristisch nichts geklärt, tierschutzpolitisch hat sich nichts gebessert, und der Zoo züchtet unbeirrt weiter. Von neun seither geborenen Pavianbabys haben nur zwei überlebt. Sieben sind tot.
Das ist keine Randnotiz zum Jahrestag, sondern der Beleg dafür, dass der Tiergarten aus der Tötung keine Konsequenzen gezogen hat. Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife, die damals Strafanzeige erstattete, hat die Bestandsdaten der Anlage ausgewertet und legt damit offen, was hinter der Artenschutz-Fassade des Zoos steckt.
Das Verfahren läuft, eine Anklage steht aus
Bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth sind mittlerweile rund 800 Strafanzeigen gegen Verantwortliche des Tiergartens eingegangen. Die Ermittlungen dauern nach Angaben der Behörde unverändert an, eine Entscheidung über eine Anklage steht aus, und ob es überhaupt zu einem Prozess kommt, ist offen.
Im Kern geht es um eine einfache Rechtsfrage mit weitreichender Bedeutung. Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet die Tötung eines Tieres ohne vernünftigen Grund. Ob die Überfüllung eines Zoogeheges einen solchen Grund darstellt, wird über den Einzelfall hinaus zum Präzedenzfall für die gesamte Zoopraxis. Wir haben die erste Strafanzeige-Welle im Beitrag «Strafanzeige gegen Tiergarten Nürnberg nach Tötung gesunder Paviane» dokumentiert, den Vorlauf im Aufruf «Stoppt den Plan zur Tötung von Pavianen in Nürnberg!».
35 Jahre planlose Zucht: Das Bestandsbuch entlarvt den Artenschutz-Mythos
Der zentrale Befund von Pro Wildlife stammt aus den Bestandsdaten der letzten 35 Jahre, die der Tiergarten auf Grundlage des Bayerischen Umweltinformationsgesetzes herausgeben musste. Sie zeichnen das Bild einer Zucht, die mit seriösem Artenschutz nichts gemein hat.
Obwohl der Tiergarten offiziell am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) teilnimmt, hat er seit 35 Jahren kein einziges Tier aus einer anderen Haltung aufgenommen und seit zehn Jahren keines abgegeben. Eine derart isolierte Gruppe trägt ein hohes Inzuchtrisiko, mit Folgen von Erbkrankheiten bis zu erhöhter Jungtiersterblichkeit. Seriöse Erhaltungszucht funktioniert genau umgekehrt: Zoos tauschen ihre Tiere regelmässig aus und verpaaren die Elterntiere gezielt, um genetische Vielfalt zu erhalten.
In Nürnberg wurde die Vermehrung dagegen dem Zufall überlassen. Bei keinem einzigen der dort gezüchteten Tiere ist der Vater erfasst, bei 76,5 Prozent fehlen die Angaben zu beiden Elternteilen. 187 in Nürnberg geborene Tiere in 35 Jahren, kein einziger Zugang von aussen. «Das hat mit seriöser Erhaltungszucht nichts zu tun», sagt Laura Zodrow, Zoo-Expertin bei Pro Wildlife. Ein Auswilderungsprojekt für die Nürnberger Paviane existiert nicht und ist auch nicht geplant, schon weil es in den Herkunftsländern an sicheren Gebieten fehlt und der Zoo die wissenschaftlichen Kriterien für eine Wiederauswilderung nicht erfüllen könnte.
Dass sich hinter dem Etikett «Artenschutz» oft schlicht Bestandsmanagement verbirgt, ist ein Muster, das wir schon mehrfach dokumentiert haben, etwa bei der «Tötung überzähliger Tiere» und zuletzt beim Zoo Zürich, der «zehn gesunde Dscheladas tötete».
Neun Geburten, sieben tote Jungtiere
Die jüngsten Zuchtdaten zeigen, dass der Zoo unverändert weitermacht. Allein seit Juli 2025 kamen neun weitere Guinea-Paviane zur Welt, in einer ohnehin zu kleinen Anlage. Sieben von ihnen starben, nur zwei überlebten. Woran die Jungtiere starben, ist im Bestandsbuch nicht erfasst.
«Ein Zoo, der das Töten gesunder Tiere mit dem Tierwohl begründet, aber zugleich zulässt, dass immer neue Jungtiere in ein überfülltes Gehege hineingeboren werden, von denen die meisten nicht überleben, der verhindert kein Tierleid, sondern produziert es», sagt Zodrow. Und das Grundproblem bleibt ungelöst: Die Anlage ist für 25 Tiere plus Jungtiere ausgelegt, zum Zeitpunkt der Tötung lebten dort 43 Paviane, aktuell sind es wieder 31. Der Zoo baut das Gehege nicht aus und verhütet nicht. Das Platzproblem wird also erneut auftreten, und mit ihm die Drohung der nächsten Tötung. Genau davor warnt Pro Wildlife: Bald schon könnten die nächsten Paviane erschossen werden.
Die Forderung: Zucht und Tötung stoppen
Pro Wildlife fordert ein sofortiges Ende der Pavian-Zucht in Nürnberg. Statt wirksamen Schutz im natürlichen Lebensraum zu finanzieren, verschwende der Tiergarten Ressourcen in einer unkoordinierten Zucht ohne Platz und ohne Auswilderungsperspektive und produziere dabei enormes Tierleid. Die Organisation verlangt eine gesetzliche Pflicht: Zoos sollen nur dann züchten dürfen, wenn sie den Nachkommen dauerhaft eine artgemässe Unterbringung garantieren können. «Das sinnlose Züchten und Töten muss endlich ein Ende haben», so Zodrow.
Der Fall Nürnberg steht damit exemplarisch für einen Grundwiderspruch des Systems Zoo, das sich über den Artenschutz legitimiert, im Alltag aber einer Wachstums- und Verwertungslogik folgt. Wer gesunde Tiere züchtet, um sie später aus Platzmangel zu töten, betreibt keinen Artenschutz. Er produziert das Leid, das er zu verhindern vorgibt.
Weiterführende Artikel
- Zoos fügen Tieren mehr Schaden zu, als Ihnen vielleicht bewusst ist
- Gerechtigkeit für Zoo-Tiere
- Ist es an der Zeit, Zoos zu verbieten?
- Finnland: Zoo will Riesenpandas wegen Unterhaltskosten nach China zurückschicken
- Haltung von Elefanten in Zoos muss endlich beendet werden!
- Tötung überzähliger Tiere – Zoos versagen beim Artenschutz
LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!
Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →