Hubertusschiessen in Wassen: Der Heilige taugt nicht als Schützenpatron
Am Samstag, 24. Oktober 2026, findet in Wassen (UR) ein Hubertusschiessen statt. Gemäss der öffentlichen Ankündigung wird von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr geschossen: fünf Schuss auf eine Tierscheibe und zehn Schuss auf einen Kipphasen. Teilnehmen können Jungjäger und Hobby-Jäger, auch aus anderen Kantonen. Das Absenden findet im Jägerstübli statt.
Auch die Berufung auf den heiligen Hubertus trägt nicht. Der historische Hubertus von Lüttich war ein Bischof des 8. Jahrhunderts. Die bekannte Geschichte vom Hirsch mit dem Kreuz im Geweih wurde ihm erst viele Jahrhunderte später zugeschrieben und geht auf die Legende des heiligen Eustachius zurück. In dieser Erzählung wird ein Jäger nicht in seinem Tun bestätigt: Er bricht die Jagd ab, wirft seine Waffe weg und verändert sein Leben. Dass ausgerechnet sein Name für einen Schiesswettbewerb auf Tierattrappen herhalten muss, verdreht die Legende ins Gegenteil. Der Heilige taugt nicht als Schützenpatron.
Tierscheibe und Kipphase sind keine harmlosen Sportgeräte. Geübt wird der Schuss auf Wildtiere, die danach in den Wäldern und Bergen des Kantons tatsächlich getötet werden. Das Hubertusschiessen ist damit kein Brauchtum, sondern Training für die Hobby-Jagd unter dem Deckmantel eines Heiligen.
Wildtiere sind keine Kulisse und keine beliebig nachwachsende Ressource. Es sind fühlende Lebewesen mit Sozialstruktur. Rehe, Hirsche, Füchse und viele andere Arten leben in Familienverbänden, ziehen ihre Jungen über Monate auf und pflegen enge Bindungen. Die Hobby-Jagd zerreisst diese Verbände. Wird ein Muttertier erschossen, verhungern oder verwaisen die Jungtiere. Wer im Herbst und Winter Elterntiere tötet, tötet in vielen Fällen auch die Nachkommen, nur langsamer und unsichtbar.
Die Hobby-Jagd ist keine harmlose Folklore. Sie bedeutet für Wildtiere Verfolgung, Todesangst, Verletzungen und Tod. Und sie endet oft nicht mit einem sauberen Schuss. In Graubünden, einem der wenigen Kantone, die über Nachsuchen Buch führen, wird jeder zehnte Hirsch nur angeschossen statt erlegt. Der Erfolg von Nachsuchen liegt je nach Kanton zwischen 35 und 65 Prozent. Das bedeutet: Bis zur Hälfte der verwundeten Tiere stirbt ohne Erlösung, oft über Stunden oder Tage. Die Stiftung für das Tier im Recht schätzt schweizweit jährlich 3000 bis 4000 Stück flüchtiges Wild. Diese Zahlen machen sichtbar, was Jagdhörner und Uniformen ausblenden.
Die Hobby-Jagd tötet nicht nur Tiere. Sie fordert regelmässig Menschenleben. Allein am Wochenende vom 5. September 2026 starben im Tessin am selben Tag zwei Hobby-Jäger bei der Jagdausübung. Rein rechnerisch ereignet sich in der Schweiz alle 29 Stunden ein Jagdunfall. Die offizielle Zählung beginnt erst im Jahr 2000 und erfasst weder die Toten der Jahrzehnte davor noch die vielen Fälle, die als Tötungsdelikt oder erweiterter Suizid mit der legalen Jagdwaffe gar nicht als «Jagdunfall» gezählt werden. Europaweit gehen die Opferzahlen in die Hunderte. Eine Freizeitbeschäftigung, die Menschen und Tiere das Leben kostet, braucht keinen Heiligen als Aushängeschild.
Es geht auch anders. Die IG Wild beim Wild setzt sich für ein professionelles, wissenschaftlich begründetes Wildtiermanagement nach dem Vorbild des Kantons Genf ein. Dort ist die Hobby-Jagd seit 1974 verboten. Wo ein Eingriff nötig ist, handeln ausgebildete staatliche Wildhüterinnen und Wildhüter gezielt, kontrolliert und auf fachlicher Grundlage, nicht weil gerade für eine Tierart die Jagdzeit eröffnet ist und zum Vergnügen geschossen werden darf. Dieses Modell zeigt: Der Schutz von Mensch, Wildtier und Lebensraum braucht Fachkompetenz, keine Freizeitjagd und schon gar keinen Heiligen als Schutzpatron.
Die IG Wild beim Wild ruft dazu auf, die Hobby-Jagd nicht länger mit religiöser Symbolik zu schmücken. Wer Wildtiere schützen will, braucht keine Tierscheiben, sondern professionelles Wildtiermanagement.
Tiere brauchen keinen Schutzpatron für ihre Verfolger. Sie brauchen Schutz.
Die Angaben zu Zeitpunkt, Ort und Ablauf stammen aus der öffentlichen Veranstaltungsankündigung der Jagdpresse und wurden am 19. Oktober 2026 dokumentiert.
Zu den Hubertusmessen hat die IG Wild beim Wild das Lied «Warum jagst du mich» veröffentlicht. Es handelt von Hobby-Jägern, die sich samt Waffen den kirchlichen Segen holen, und erinnert daran, dass Hubertus nach der Legende mit der Jagd aufhörte. Wie alle Antijagd-Lieder ist es frei verwendbar.
Mehr Hintergründe zur Schweizer Hobby-Jagd und ihren Folgen für Wildtiere und Menschen finden Sie im Dossier Die Hobby-Jagd als Event, in der Kategorie Jagd und in der Kategorie Wildtiere auf wildbeimwild.com.
