Bartgeier-Auswilderung in der Zentralschweiz
In fünf bis sechs Jahren sollen in der Zentralschweiz Bartgeier wieder in freier Wildbahn brüten.
Bartgeier
Am Sonntag sind auf der Melchsee-Frutt zwei männliche Jungtiere ausgewildert worden.
Sie folgen auf drei Weibchen, die im letzten Jahr freigelassen worden waren.
Die beiden drei Monate alten Jungvögel «Alois» und «Cierzo» wurden am Nachmittag in eine rund zwanzig Meter breite Nische unter einem Felsvorsprung gesetzt. Diese befindet sich auf rund 2’000 Metern über Meer im eidgenössischen Wildtierschutzgebiet Huetstock im Melchtal.
Daniel Hegglin, Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier, sagte, die Auswilderung sei geglückt. Die Vögel hätten schon kurz danach begonnen, die Felsnische zu inspizieren. Rund 160 Schaulustige verfolgten die Aktion bei garstigem Wetter.
Biologen beobachten
Die ausgesetzten Tiere werden rund um die Uhr von Biologen überwacht, bis sie in drei bis vier Monaten selbstständig sind. Als Nahrung wird ihnen bis dahin Aas – vom Wildhüter gesammeltes Fallwild – hingeworfen.
Die Jungvögel sind praktisch ausgewachsen, können aber bisher nicht fliegen, weil sich ihr Gefieder erst fertig entwickeln muss. In den nächsten Wochen sollen die beiden Junggeier erstmals zu kurzen Flügen ins Melchtal starten.
Die beiden Junggeier stammen aus dem andalusischen Zuchtzentrum Guadalentin. Ausgewählt worden waren sie nach genetischen Kriterien. Sie sollen frisches Blut in die kleine Bartgeierpopulation der Alpen bringen. Von der Anreise aus Spanien erholten sich die Junggeier vorübergehend im Natur- und Tierpark Goldau.
Weibchen erfolgreich ausgewildert
An derselben Stelle in Obwalden waren im vergangenen Frühjahr drei weibliche Bartgeier erfolgreich ausgewildert worden. «Ewolina», «Trudi» und «Sempach II» befinden sich derzeit auf Wanderjahren durch die schweizerischen, französischen und italienischen Alpen. Es wird erwartet, dass sie danach in ihre Auswilderungsregion zurückkehren. Bevor Bartgeier ein Territorium besetzen und sich fortpflanzen, unternehmen sie weite Streifzüge.
In fünf bis sechs Jahren sind die ausgewilderten Bartgeier geschlechtsreif. Dann sollen sie sich in der Zentralschweiz niederlassen und zu brüten beginnen. Die Vögel sollen dazu beitragen, dass sich in den Zentralschweizer Alpen wieder eine feste Bartgeierpopulation bilden kann.
Die Chance, dass die Jungvögel die Geschlechtsreife erreichen werden, ist für Wildtiere gross. Die Überlebenschance liegt im ersten Jahr bei 85 Prozent und in den späteren Jahren bei 95 Prozent.
Kein Lämmerdieb
Der Bartgeier war vor über hundert Jahren aus den Alpen verschwunden, weil er als vermeintlich unersättlicher Lämmerdieb verfolgt wurde. Er verwertete aber vor allem Knochen von verendeten Tieren und schlug keine Beute, schreibt die Stiftung Pro Bartgeier.
Langsam kehrt der Bartgeier nun aber wieder in den Alpenraum zurück. Die Stiftung Pro Bartgeier wilderte seit 1991 in der Schweiz 41 Vögel aus. Seit 2007 brüten wieder Bartgeierpaare in der Schweiz. Seitdem wurden 37 Jungtiere im Freiland geboren, und zwar an zehn Standorten im Engadin und im Wallis.
Der Bartgeier sieht nicht wie ein typischer Geier aus. Er wird oft mit dem Steinadler verwechselt. Der Bartgeier wird bis zu sieben Kilogramm schwer und bringt es auf eine Flügelspannweite von bis 2,9 Meter.
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