2. April 2026, 10:01

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Gämse Schweiz: Hochjagd, Klimastress und Überpopulations-Mythos

Rund 86’000 Gämsen leben in der Schweiz, rund 12’000 werden jährlich von Hobby-Jägern geschossen. Während die Bestände in vielen Regionen stagnieren oder sinken, hält die Hobby-Jagd am bisherigen Abschussdruck fest. Dieses Dossier zeigt, warum die Gämse zwischen Hochjagd, Klimawandel und Beutegreifer-Debatte unter die Räder gerät.

Steckbrief

Die Gämse (Rupicapra rupicapra) gehört zur Familie der Hornträger (Bovidae) und ist eine der ikonischen Wildtierarten des Alpenraums. Sie besiedelt steile Gebirgslagen zwischen der Waldgrenze und den Felsregionen, kommt aber auch in bewaldeten Mittelgebirgslagen vor. In der Schweiz ist die Gämse in den gesamten Alpen, Voralpen und im Jura verbreitet.

Biologie und Sozialverhalten

Gämsen leben in matriarchalen Gruppen, die von erfahrenen Geissen geführt werden. Die Böcke leben ausserhalb der Brunftzeit (November/Dezember) oft einzeln oder in lockeren Junggesellengruppen. Die Geissen setzen im Mai oder Juni in der Regel ein Kitz, selten Zwillinge. Die Kitze folgen der Mutter bereits wenige Stunden nach der Geburt und sind nach etwa sechs Monaten selbstständig.

Gämsen sind ausgezeichnete Kletterer und können Hänge mit bis zu 80 Grad Neigung bewältigen. Ihre harten, gummiartigen Hufe bieten optimalen Halt auf Fels und Schnee. Im Winter senken Gämsen ihren Stoffwechsel und nutzen schneearme, windexponierte Stellen, um Energie zu sparen. Störungen während der Wintermonate, sei es durch Tourengeher, Variantenfahrer oder die Hobby-Jagd, können lebensbedrohlich sein, weil jede Flucht wertvolle Energiereserven kostet.

Bestandeszahlen

Gemäss der Eidgenössischen Jagdstatistik leben in der Schweiz rund 86’000 Gämsen (Stand 2022). Die Bestände sind in vielen Regionen der Nordwestalpen seit Jahren rückläufig, während sie in einzelnen Gebieten der Zentral- und Ostalpen als stabil gelten. Die Bestandsschätzungen beruhen auf Zählungen, die in offenem Gelände oberhalb der Waldgrenze relativ zuverlässig sind, im Wald aber erhebliche Unsicherheiten aufweisen.

Die Gämse im Fadenkreuz der Hochjagd

Jagddruck

Die Gämse ist nach dem Reh und dem Rothirsch das dritthäufigste Abschussziel der Schweizer Hobby-Jagd. Jährlich werden schweizweit rund 12’000 Gämsen erlegt, wobei die Abschüsse regional stark variieren. In Patentjagdkantonen wie Graubünden, Wallis und Tessin bildet die Gamsjagd einen zentralen Bestandteil der Hochjagd, die als kulturelle Tradition mit hohem emotionalem Stellenwert inszeniert wird.

Die Jagd auf Gämsen erfolgt überwiegend im Herbst während der Hochjagd. In Graubünden werden dabei neben Böcken auch Jährlinge und Geissen freigegeben, wobei die Kontingentssysteme je nach Region und Jahr variieren. Die Abschussplanung orientiert sich an Zählergebnissen und Fallwildzahlen, die jedoch oft ungenau sind und den tatsächlichen Populationstrend nicht korrekt abbilden.

Das Problem der Trophäenjagd

Bei der Gamsjagd spielen Trophäen eine erhebliche Rolle. Die gewundenen Hörner der Gamsböcke (Krucken) gelten als begehrte Jagdtrophäe. Obwohl die offizielle Jagdplanung betont, dass der Abschuss nicht trophäenorientiert sei, zeigt die Praxis ein anderes Bild: In vielen Regionen werden überproportional viele Böcke im besten Alter geschossen, was die Altersstruktur der Population verzerrt und die genetische Vielfalt mindert. Die selektive Entnahme der stärksten Böcke widerspricht dem Prinzip der natürlichen Selektion, bei der sich die fittesten Tiere am häufigsten fortpflanzen.

Mehr dazu: Dossier: Hochjagd in der Schweiz

Rückläufige Bestände: Ursachen und Ignoranz

Klimawandel

Der Klimawandel trifft Gebirgsarten wie die Gämse besonders hart. Steigende Temperaturen, zunehmende Hitzeperioden und veränderte Schneeverhältnisse wirken sich auf mehreren Ebenen aus. Die Gämse ist an kalte Temperaturen angepasst. Hitzestress im Sommer zwingt sie, tagsüber in höhere, schattige Lagen auszuweichen, was die Äsungszeit reduziert und den Energiehaushalt belastet. Die Verschiebung der Vegetationszonen nach oben verändert das Nahrungsangebot. Gämsen oberhalb der Waldgrenze finden weniger geeignete Äsung, während der zunehmende Wald ihnen den Lebensraum streitig macht. Frühere Schneeschmelze und veränderte Niederschlagsmuster können die Synchronisation zwischen Kitzgeburt und optimaler Nahrungsverfügbarkeit stören.

Freizeitdruck

Gämsen im Alpenraum stehen unter zunehmendem Druck durch Freizeitaktivitäten: Skitouren, Schneeschuhwandern, Gleitschirmfliegen und Mountainbiking dringen in zuvor ungestörte Rückzugsräume vor. Die Störungen betreffen alle Jahreszeiten, sind aber im Winter besonders gravierend. Eine Gämse, die im Winter mehrfach zur Flucht gezwungen wird, kann ihren Energiehaushalt nicht ausgleichen und verendet.

Krankheiten

Gämsblindheit (infektiöse Keratokonjunktivitis) und Gämsräude sind wiederkehrende Krankheiten, die lokal zu massiven Bestandseinbrüchen führen können. Die Gämsräude, verursacht durch Milben, kann ganze Populationen um 80 Prozent dezimieren. Die Ausbreitung solcher Krankheiten wird durch den Stress der Hobby-Jagd und die hohe Tierdichte in den verbleibenden Rückzugsräumen begünstigt.

Gämse und Beutegreifer: Der Luchs als natürlicher Regulator

Die Fakten

Der Luchs erbeutet regelmässig Gämsen, vor allem in bewaldeten Gebirgslagen. In Gebieten mit stabilen Luchspopulationen kann der Prädationsdruck auf Gämsen lokal spürbar sein. Die Hobby-Jagd-Lobby nutzt diese Tatsache, um den Luchs als Bedrohung für die Gämsbestände darzustellen und seine Regulation oder Entnahme zu fordern.

Die Einordnung

Die wissenschaftliche Evidenz zeichnet ein differenzierteres Bild. KORA, die Schweizer Koordinationsstelle für Raubtierökologie, dokumentiert die Beutegreifer-Beute-Dynamik seit Jahren. Der Luchs beeinflusst die Gämsbestände lokal, ist aber nicht für den grossflächigen Rückgang verantwortlich. Die Hauptursachen liegen im Klimawandel, in der Habitatverschlechterung und im kumulativen Druck aus Hobby-Jagd und Freizeitstörung. Der Luchs nimmt vorwiegend geschwächte, kranke oder alte Gämsen und Kitze, erfüllt also eine sanitäre Funktion, die die Population insgesamt stärkt. In Gebieten, in denen der Luchs Gämsen und Rehe reguliert, profitiert der Schutzwald von reduziertem Verbiss, was genau dem Ziel entspricht, das die Hobby-Jagd für sich reklamiert.

Die Forderung, den Luchs zum Schutz der Gämsbestände zu regulieren, ist daher ökologisch nicht haltbar. Sie dient primär den Interessen der Hobby-Jäger, die im Luchs einen Konkurrenten um «ihre» Beute sehen, nicht dem Schutz der Gämse.

Mehr dazu: Dossier: Der Luchs in der Schweiz und Dossier: Jagdmythen

Die Gämse im Wald-Wild-Konflikt

Wie beim Reh wird auch die Gämse als Verursacherin von Verbissschäden im Schutzwald angeklagt. In Gebieten, in denen Gämsen in den Wald abgedrängt werden, weil ihnen die offenen Hochlagen durch Störung oder Klimaveränderung verloren gehen, kann der Verbiss an jungen Bäumen zunehmen. Doch auch hier greift das Argument zu kurz: Nicht die Gämse ist das Problem, sondern die Tatsache, dass ihr natürlicher Lebensraum oberhalb der Waldgrenze durch Freizeitdruck und Klimawandel schrumpft. Die Hobby-Jagd selbst trägt dazu bei, die Gämsen in den Wald zu treiben, indem sie die Tiere aus den offenen Lagen vertreibt, in denen sie natürlicheweise äsen würden. Die Lösung liegt nicht in höheren Abschüssen, sondern in der Reduktion von Störungen, dem Schutz von Ruhezonen und der Förderung natürlicher Beutegreifer.

Mehr dazu: Dossier: Jagd und Biodiversität

Tierleid in der Hochjagd

Jagdbedingungen im Gebirge

Die Gamsjagd im Gebirge ist aus tierschutzrechtlicher Sicht besonders problematisch. Die Schussdistanzen sind oft extrem weit, die Lichtverhältnisse wechselhaft und die Windverhältnisse unberechenbar. All das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Fehlschüssen und Anschüssen. Ein angeschossenes Tier im steilen Gelände zu bergen und nachzusuchen, ist aufwändig und häufig unmöglich. Gämsen, die angeschossen in Felswände flüchten, verenden dort über Stunden oder Tage.

Störung und Stress

Die Hochjagd dauert mehrere Wochen und erzeugt in den betroffenen Gebieten permanenten Jagddruck. Gämsen, die täglich durch Hobby-Jäger gestört werden, verlassen ihre angestammten Einstände, reduzieren ihre Äsungszeiten und verbrauchen Energiereserven, die sie für den bevorstehenden Winter bräuchten. Die Störwirkung betrifft nicht nur die bejagten Tiere, sondern die gesamte Fauna des Gebirges, einschliesslich Steinadler, Steinwild und Schneehühner.

Mehr dazu: Dossier: Jagd und Tierschutz und Dossier: Hochjagd in der Schweiz

Was sich ändern müsste

  • Anpassung der Abschusszahlen an die tatsächliche Bestandsentwicklung: In Regionen mit rückläufigen Gämsbeständen muss die Hobby-Jagd sofort eingestellt werden. Abschusskontingente, die auf ungenauen Zählergebnissen und politischen Kompromissen basieren, sind keine Regulation, sondern Bestandsgefährdung
  • Grossflächige Wildruhezonen: Gämsen brauchen ungestörte Wintereinstände, in denen sie ihren Energiehaushalt ausgleichen können. Die Einrichtung verbindlicher Wildruhezonen – auch gegenüber Freizeitnutzern – ist die wirksamste Massnahme gegen den kumulativen Stress aus Hobby-Jagd, Tourismus und Klimawandel.
  • Förderung des Luchses als natürlicher Gämsregulator: Der Luchs reguliert Gämsbestände im Wald effektiver und nachhaltiger als jeder Abschussplan. Statt ihn als Konkurrenten um «die eigene Beute» zu bekämpfen, muss seine Rolle als Schlüsselart anerkannt und seine Ausbreitung gefördert werden.
  • Beendigung der trophäenorientierten Bockjagd: Die selektive Entnahme der stärksten Böcke widerspricht dem Prinzip der natürlichen Selektion und verzerrt die Altersstruktur und genetische Vielfalt der Population. Die Hobby-Jagd muss sich vom Trophäendenken lösen.
  • Professionelles Wildtiermanagement statt Hochjagd: Die Gämsregulation muss auf professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter übertragen werden, die gezielt, geplant und mit Fachkompetenz eingreifen. Die Hochjagd in ihrer heutigen Form – ein wochenlanges Traditionsritual mit massiver Störwirkung – ist durch gezielte Einzelentnahmen zu ersetzen.

Argumentarium

«Ohne die Hobby-Jagd würden die Gämsbestände den Schutzwald gefährden.» Die Hobby-Jagd selbst treibt die Gämsen durch Dauerstörung in den Wald, wo sie den Verbiss konzentrieren. In ungestörten Gebieten halten sich Gämsen überwiegend oberhalb der Waldgrenze auf, wo sie natürlicheweise äsen. Die Lösung liegt in der Reduktion von Störungen, nicht in höheren Abschüssen. Der Luchs reguliert Gämsen im Wald wirksamer als die Hobby-Jagd.

«Der Luchs gefährdet die Gämsbestände – er muss reguliert werden.» KORA dokumentiert seit Jahren, dass der Luchs vorwiegend geschwächte, kranke oder alte Gämsen und Kitze erbeutet und damit eine sanitäre Funktion erfüllt. Die Hauptursachen des Gämsrückgangs sind Klimawandel, Habitatverschlechterung und kumulativer Druck aus Hobby-Jagd und Freizeitstörung. Die Forderung, den Luchs zum «Schutz» der Gämsbestände zu regulieren, dient den Interessen der Hobby-Jäger, nicht dem Schutz der Gämse.

«Die Hochjagd ist Tradition und Teil der Alpenkultur.» Tradition ist kein Argument gegen wissenschaftliche Evidenz. Die Hochjagd verursacht wochenlange Dauerstörung in den empfindlichsten Lebensräumen der Alpen, mit hoher Treffunsicherheit im steilen Gelände, erheblichem Tierleid durch Anschüsse und negativen Auswirkungen auf die gesamte Gebirgsfauna. Professionelles Wildtiermanagement ist keine Kulturzerstörung, sondern eine Anpassung an den Stand der Wissenschaft und der Ethik.

«Die Gämsbestände sind stabil – es gibt keinen Grund zur Sorge.» Die Bestandsschätzungen beruhen auf Zählungen im offenen Gelände, die Gämsen im Wald nicht erfassen. In den Nordwestalpen sind die Bestände seit Jahren rückläufig. Die Behauptung der Stabilität ignoriert regionale Unterschiede und die kumulative Wirkung von Klimawandel, Freizeitdruck und Hobby-Jagd.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild:

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Unser Anspruch

Die Gämse ist ein Wappentier der Alpen und gehört zu den Symbolen der Schweizer Bergwelt. Dass sie trotz rückläufiger Bestände weiterhin massiv bejagt wird, zeigt, wie stark die Interessen der Hobby-Jagd die Wildtierpolitik dominieren. Die Forschung zeigt, dass der Luchs Gämsen im Wald wirksamer reguliert als die Hobby-Jagd, dass der Klimawandel den Lebensraum der Gämse von oben her schrumpfen lässt und dass die Hochjagd wochenlange Dauerstörung in den empfindlichsten Gebirgslebensräumen verursacht. Ein Systemwechsel hin zu professionellem Wildtiermanagement, Wildruhezonen und natürlichen Beutegreifern ist keine Radikalität, sondern eine Anpassung an den Stand der Wissenschaft. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.