Graubünden: Jagdamt meldet sinkende Hirschbestände und mehr Störung des Wilds
Der Kanton Graubünden klagt über gestörtes Wild und feiert die Hobby-Jagd als Regulierung, dabei senken Wolf und Luchs die Hirschbestände, während Hobby-Jäger das Wild ganzjährig aufscheuchen.
Das Wild in Graubünden hat kaum mehr Ruhe, das sagt der Kanton selbst. Und trotzdem inszeniert er die Hobby-Jagd als Lösung, während Wolf und Luchs die eigentliche Regulierungsarbeit leisten.
Der Kanton klagt über den «Störfaktor Mensch»
Wenn das Amt für Jagd und Fischerei öffentlich festhält, dass das Wild «kaum mehr Ruhe» hat und immer stärker durch den Menschen gestört wird, ist der Befund klar: Das Hauptproblem ist nicht der Hirsch, sondern der Mensch im Lebensraum Hirsch. Besonders ehrlich wird der Kanton, wenn er von «Störfaktor Mensch» spricht und gleichzeitig darauf hinweist, dass Gemeinden Wege sperren und Zutritte in Wildeinstandsgebiete einschränken können.
In der Praxis sind Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger genau dort unterwegs, wo das Wild Ruhe bräuchte: in Einständen, an Wechseln, in lawinengefährdeten Schutzwäldern, auf offenen Flächen mit guter Sicht. Hochjagd, Niederjagd, Sonderjagd und spezifische Einsätze wie die nächtliche Wildschweinjagd erzeugen eine jagdliche Dauerpräsenz, die sich nicht auf wenige Wochen im Herbst begrenzen lässt, sondern faktisch über viele Monate reicht, tagsüber und nachts, Jahr für Jahr. Eine gute Übersicht zu diesem jagdlichen Dauermodus liefert der Beitrag «Jagdvorschriften Graubünden: Regeln in der Kritik».
Genau hier zeigt sich ein Widerspruch, der einen Namen hat. Adrian Arquint klagt öffentlich, das Wild in Graubünden werde «ständig aufgescheucht» und die Störungen hätten «in der Nacht und während der Jagden zugenommen». Gleichzeitig treibt er als Co-Leiter des Amts für Jagd und Fischerei genau diese Entwicklung voran, indem er immer neue jagdliche Hilfsmittel und Abschussprogramme als «Leistung der Jägerschaft» verkauft.
Hirschbestände: Reguliert werden sie vor allem durch Wolf und Luchs
Offiziell lobt der Kanton die Hobby-Jägerschaft für eine «Reduktion» der Hirschbestände gegenüber einem zuvor sehr hohen Niveau. Der Hirschbestand sei seit 2020 um einen zweistelligen Prozentsatz gesenkt worden, heisst es. Was in dieser Erzählung fehlt: Der entscheidende ökologische Faktor für die Trendumkehr war nicht plötzlich effizient gewordene Hobby-Jagd, sondern die Wiederansiedlung und Ausbreitung von Wolf und Luchs.
Das zeigt der Artikel «Hobby-Jagd gelobt, Wolf ignoriert»: Zwischen 1999 und 2019 nahmen die Hirschbestände trotz Hoch- und Sonderjagden kontinuierlich zu. Erst mit der Rückkehr des Wolfs und parallel dazu verbesserten Herdenschutzmassnahmen sind rückläufige Zahlen erkennbar, Effekte, die das Amt in seinen Medienmitteilungen kaum erwähnt.
Wo Wolf und Luchs präsent sind, verschiebt sich die Wildverteilung, Hirsche verlieren Kälber, werden im Gelände beweglicher und meiden gewisse Lagen. In einzelnen Regionen werden Rehe und teils auch andere Schalenwildarten deutlich dezimiert, weil Beutegreifer nicht nach Jagdplanung, Kalendereintrag und Freizeitbudget jagen, sondern dort und dann, wo und wann sie Beute machen können. Die natürliche Prädation wirkt täglich, bei jeder Witterung, ohne «Schonzeit» aus Rücksicht auf ein Hobby, wie der Beitrag «Studie: Wolfsrudel sind gut für den Schweizer Wald» ausführlich erläutert.
Gerade der Hirsch zeigt, wie eng die Entwicklung mit Beutegreifern verknüpft ist: Jahrzehntelang stiegen die Bestände trotz Hochjagd und Sonderjagden weiter an. Erst als Wolf und Luchs Raum griffen und Landschaft sowie Wilddichte aus ihrer Sicht «regulierten», konnte der Kanton plötzlich eine politisch gewünschte Bestandsreduktion vermelden und verkauft diesen Effekt öffentlich als Erfolg der Jägerschaft.
Sonderjagd als Offenlegung des jagdlichen Versagens
Die Sonderjagd ist der deutlichste Beweis dafür, dass die Hobby-Jagd in Graubünden ihre eigene Regulierungsideologie nie eingelöst hat. Sonderjagd bedeutet: Die reguläre Jagd hat die Abschussziele nicht erreicht, die Bestände sind zu hoch, der Wald leidet, also müssen zusätzliche Jagdtage organisiert werden, um das Versäumnis zu korrigieren.
Das Dossier «Sonderjagd in Graubünden» zeigt: Solange Sonderjagden angeordnet werden müssen, ist das System der Hobby-Jagd strukturell gescheitert. Die Abschusszahlen werden erst mit administrativ aufgepumpter Jagd erreicht, nicht durch eigenständige, planmässige Regulierung durch die freizeitlich organisierte Jägerschaft.
Noch heute werden teils mehrere tausend Hirsche pro Jahr erlegt, 4’000 bis 5’000 Tiere je nach Jahr. Dass Sonderjagd und extrem hohe Abschusspläne weiterhin «nötig» sind, ist der beste Beleg dafür, dass die Hobby-Jagd es über Jahrzehnte nicht geschafft hat, die Bestände eigenständig auf einem waldverträglichen Niveau zu halten, und dass ein natürlicher Regulator wie der Wolf unverzichtbar ist. Diese Kritik fasst der Artikel «Sonderjagden und die Grenzen der Hobby-Jagd» zusammen.
Niederwild: Wenn «Hege» nur ein anderes Wort für Abschuss ist
Auch beim Niederwild verkauft der Kanton den Abschuss als Fürsorge. Das Amt hält fest, ein intensives jährliches Monitoring überwache die Bestände, Feldhasen und Birkhühner seien vielerorts stabil und auf hohem Niveau, die Jagdbetriebsvorschriften hätten sich für eine «nachhaltige Bejagung» bewährt, und die Jägerschaft setze sich «mit der Hege aktiv für diese Arten» ein. Auf der Hirschtaxation wurden 1’306 Feldhasen mitgezählt, laut Kanton die höchste je erreichte Zahl.
Genau hier zeigt sich, dass «Hege» in diesem System vor allem Abschuss bedeutet. Eine absolute Zählzahl sagt nämlich nichts über die Gesundheit eines Bestandes aus, entscheidend ist die Dichte. Und die fällt auseinander, sobald man Graubünden mit einem jagdfreien Kanton vergleicht.
Graubünden ist der flächenmässig grösste Kanton der Schweiz und erlegt zugleich schweizweit die meisten Feldhasen, zuletzt weit über tausend Tiere pro Saison. Der Feldhase steht landesweit auf der Roten Liste, der Schweizer Durchschnitt liegt bei rund 2 bis 3 Tieren pro 100 Hektaren. Im winzigen Kanton Genf dagegen, einem der kleinsten der Schweiz, wo die Hobby-Jagd seit 1974 verboten ist und professionelle Wildhüter das Management übernehmen, wurde mit 17,7 Feldhasen pro 100 Hektar die höchste Dichte des ganzen Landes gemessen.
Die Botschaft dieser Zahlen ist eindeutig: Dort, wo nicht geschossen wird, sind die Bestände am dichtesten. Wäre die Bejagung tatsächlich «Hege», müsste ausgerechnet der Kanton mit den meisten Abschüssen die höchsten Dichten aufweisen, nicht der Kanton mit dem Jagdverbot. Die Bündner Bestände wären ohne Hobby-Jagd mit grosser Wahrscheinlichkeit höher, nicht tiefer. Details liefern der Beitrag «Wo gibt es noch Feldhasen in der Schweiz» und das Dossier «Wie funktioniert das Genfer Jagdverbot».
Der Hobby-Jäger als durchgehender Störfaktor
Der grösste Störfaktor für das Wild sind nicht ein paar Naturfotografen oder Trailrunner, sondern tausende Hobby-Jäger, die mit Gewehr, Hund, Wärmebildtechnik und Jagdpatent über Monate im Jahr direkt im Einstandsgebiet operieren. Wer mehrere tausend Hirsche pro Saison zum Abschuss ausschreibt, die Hochjagd in zwei Blöcke aufteilt, Sonderjagden organisiert und nächtliche Jagden toleriert, schafft eine Dauerstörung, die kein anderer Nutzungssektor im Gebirge erreicht.
Während Wolf und Luchs auch Ruhephasen für das Wild zulassen und mit natürlicher Frequenz und energetischer Logik jagen, kennt die Hobby-Jagd kaum Pausen. Es wird trainiert, geschossen, beobachtet, mit Wildkameras gearbeitet, mit Autos und Geländefahrzeugen gefahren, mit Hunden gearbeitet. Und neuerdings auch nachts auf Wildschweine angesetzt, wie der Artikel «Graubünden: Hobby-Jagd auf Wildschweine nachts» zeigt.
Kein anderer Nutzungssektor ist so oft mit Waffe, Hund und Fahrzeug im Gelände wie die jagende Freizeitfraktion. Wer Wildstörung ernst nimmt, muss feststellen:
- Die Hobby-Jagd ist nicht nur Mitregulator, sie ist selbst ein permanenter, hochwirksamer Störfaktor.
- Sie wirkt genau dort, wo Wild Ruhe bräuchte: in Einständen, an Äsungsflächen, an Wildwechseln und an Übergängen zwischen Wald und Offenland.
- Sie operiert zeitlich gestreckt: Hochjagd, Niederjagd, Sonderjagd und Spezialjagden ergeben zusammen eine praktisch ganzjährige Störkulisse.
Der Beitrag «Hobby-Jäger in Graubünden haben versagt» bringt es auf den Punkt: Bestände wurden über Jahrzehnte nicht reguliert, sondern dezimiert und in die Nacht verschoben, Verkehrsrisiken erhöht und Wildverbiss an Schutzwäldern produziert, und das alles unter dem Label «Hege».
Die Rolle von Adrian Arquint
Adrian Arquint ist nicht der neutrale Mahner, als den er sich im Interview inszeniert, sondern der Architekt eines Systems, das das Wild zuerst maximal stört und dann seine eigene Störung als «Regulierung» verkauft. Er lobt die Jägerschaft für «grossartige Leistungen», während seine eigenen Zahlen zeigen, dass erst Wolf und Luchs die Hirschbestände drehen und dass jagdliche Aufrüstung die nächtliche Störung explodieren lässt. In dieser Konstellation steht Arquint für eine Jagdpolitik, die Hobby-Jäger schützt, Beutegreifer abwertet und Wildtierschutz nur dann thematisiert, wenn er als Vorwand für mehr Abschüsse taugt. Das ist nicht Management, das ist amtlich organisierte Heuchelei.
Konsequenz aus Wildtierschutzsicht
Aus Sicht eines konsequenten Wildtierschutzes liegt die Lösung nicht darin, den Wolf zu bekämpfen und die Hobby-Jagd weiter zu glorifizieren. Es geht darum:
- die jagdliche Präsenz zeitlich und räumlich klar zu begrenzen,
- die Bestandesregulierung langfristig an professionelle Wildhut zu übergeben,
- Beutegreifer wie Wolf und Luchs als zentrale ökologische Akteure anzuerkennen und zu schützen.
Wer dafür eine konkrete politische Vorlage sucht, findet sie in den Mustertexten für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten, die eine professionelle Wildhut statt Hobby-Jagd und den Schutz aller Beutegreifer nach «Genfer Modell» fordern.







