«Meine beiden Lieblingstiere sind Schafe und Wölfe»
Die Hochebenen, Bergketten und Täler des Montesinho im Norden Portugals wurden 1979 zum Schutzgebiet erklärt und sind seit Langem ein Zufluchtsort für den Iberischen Wolf (Canis lupus signatus), eine gefährdete Unterart des europäischen Grauwolfs. Die Verbindung zu den Rudeln jenseits der Grenze in Spanien und die Verfügbarkeit wilder Beutetiere zwischen den Bäumen und den sich schlängelnden Flüssen haben dazu beigetragen, dass die Wolfspopulationen in dieser Region stabil geblieben sind.

Im portugiesischen Montesinho leben Schäfer friedlich mit Wölfen zusammen.
Während Europa über den Umgang mit der wachsenden Wolfspopulation rätselt, lebt diese Bergregion Portugals seit Jahrhunderten mit den Beutegreifern zusammen.
«Meine beiden Lieblingstiere sind Schafe und Wölfe», sagt Miguel Afonso, während er seine Herde von 200 blökenden und grasenden Schafen in den sanften Hügeln um das Dorf Rio de Onor im Nordosten Portugals beobachtet.
Der 34-jährige Hirte hält seinen robusten Krummstab in der Hand und sieht seine Liebe zu den Wölfen nicht als Widerspruch zu seiner Arbeit. In der Region Montesinho leben Hirte, Schafe und Wölfe seit Jahrhunderten zusammen.
«Die Wölfe haben mir keine Probleme bereitet», sagt Afonso und streichelt einen seiner sechs Herdenschutzhunde, die seine Herde vor Angriffen schützen. «Die Wölfe helfen mir sogar, denn sie jagen Rehe und Wildschweine, die meine Kastanien- und Getreideplantagen schädigen.
«Ich habe hier viele Wölfe gesehen, und ich habe gesehen, wie sie Rehe jagen», sagt Afonso. «Einmal hatte ich das Glück, etwas zu sehen, was nur sehr wenige Menschen gesehen haben: Ich habe 14 Wölfe zusammen gesehen. Ich dachte, das sei unmöglich.»
In Portugal sind Wölfe seit 1988 durch ein nationales Gesetz streng geschützt. Die einst im ganzen Land verbreiteten Wolfspopulationen sind im letzten Jahrhundert durch den Verlust ihres Lebensraums, das Verschwinden von Beutetieren und Konflikte mit dem Menschen zurückgegangen. Heute leben nur noch schätzungsweise 300 Wölfe in 50–60 Rudeln im nördlichen und zentralen Hochland Portugals, in weniger als einem Drittel ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets.
Vom Menschen gejagt und ihrer Lebensräume beraubt, verschwanden die Wölfe im 19. und 20. Jahrhundert aus dem grössten Teil Europas, wobei einige Restpopulationen in Süd- und Osteuropa überlebten. Strengere Gesetze, erfolgreiche Schutzprojekte und die Aufgabe ländlicher Gebiete haben in den vergangenen Jahren zu einem Comeback dieser Raubtiere auf dem gesamten Kontinent geführt. Doch mit der Zunahme der Wolfspopulationen sind auch die Konflikte mit der menschlichen Bevölkerung gewachsen.
Nach Angaben der Europäischen Union (EU) töten Wölfe jedes Jahr etwa 65’500 Nutztiere, die meisten davon sind Schafe. Wenn man bedenkt, dass es in der EU schätzungsweise 60 Millionen Schafe gibt, entspricht dies einer jährlichen Tötungsrate von 0,065 % durch Wölfe. Obwohl die Auswirkungen der Wölfe auf den Viehbestand im Grossen und Ganzen minimal sind, haben die Beutegreifer in letzter Zeit in Ländern wie Deutschland zu einer Eskalation der Konflikte zwischen Mensch und Wildtier geführt. Auch in Zentralportugal haben die Konflikte mit Wölfen zugenommen, obwohl die Einstellung gegenüber Wölfen nach wie vor weitgehend positiv ist.
Vergangenes Jahr forderte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, eine Herabstufung des Wolfsschutzes in Europa. «Die Konzentration von Wolfsrüdeln in einigen europäischen Regionen ist zu einer echten Gefahr für Nutztiere geworden», sagte sie. Ein Jahr zuvor hatte ein Wolf das Pony von Ursula von der Leyen im deutschen Niedersachsen getötet.
Der Vorschlag, den Schutzstatus des Wolfes herabzustufen, wurde von Jagd- und Landwirtschaftsverbänden begrüsst, die sich seit Langem für eine Änderung der Gesetzgebung einsetzen, um die Tötung von Wölfen im Namen des Nutztierschutzes zu erleichtern. Die Europäische Kommission lehnte den Vorschlag ab.
Naturschützer befürchten, dass diese Massnahme auch das Überleben der Art auf dem Kontinent gefährden könnte. Auch wenn sich die Wolfspopulationen erholen, ist ihr Status noch lange nicht günstig. Nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN werden sechs der neun grenzüberschreitenden Wolfspopulationen in der EU als gefährdet oder nahezu bedroht eingestuft.
«Das Pony von Ursula von der Leyen wurde gefressen, aber das sollte nicht zu Racheakten führen», sagt Bruno Arrojado, Wolfsbefürworter und Gründer der Plataforma Lobo Ibérico [Iberische Wolfsplattform]. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, das Wissen über Wölfe zu verbessern und das Bewusstsein für die Bedeutung des Schutzes dieses bedrohten Raubtiers zu schärfen.
Schutz des Viehbestands
Für Arrojado, der seit Jahren nach Montesinho reist, um Wölfe zu beobachten und mit Schäfern zu sprechen, besteht das Hauptproblem darin, dass die Menschen in vielen Regionen Europas nicht mehr wissen, wie sie mit Wölfen zusammenleben können. «Montesinho könnte ein Beispiel dafür sein, wie wir koexistieren können. Es gibt zwar einige Beutegreifer, aber wir sehen hier keinen grösseren Konflikt, weil die Menschen wissen, wie sie mit den Wölfen zusammenleben können», sagt er.
Eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie ergab, dass die örtliche Bevölkerung in Montesinho eine neutrale oder positive Meinung über Wölfe hat. Im Gegensatz zu anderen Regionen in Europa, in denen die Feindseligkeit gegenüber Wölfen zunimmt, sahen die meisten der befragten Bewohner den Wolf nicht als Bedrohung an, da es nur wenige Übergriffe auf Nutztiere gab und die Region seit Langem mit Wölfen zusammenlebt.
«In dieser Region leben 40 % der portugiesischen Wolfspopulation, aber nur 5 % der Angriffe auf Haustiere», sagt José Rosa, Leiter der nördlichen Waldbewirtschaftung am portugiesischen Institut für Naturschutz und Forstwirtschaft (ICNF). Rosa erklärt, dass diese Zahlen, die auf eigenen Untersuchungen des ICNF beruhen, auf die grosse Vielfalt und Dichte wilder Beutetiere zurückzuführen sind, aber auch darauf, dass das Vieh von Schafhirten und Hunden bewacht wird.
«Es gibt Länder, in denen sich der Wolf in Gebieten ausbreitet, in denen die Gewohnheiten der Koexistenz verloren gegangen sind», sagt Sílvia Ribeiro, Biologin bei der Nichtregierungsorganisation Grupo Lobo, die ein Programm zur Förderung des Einsatzes lokaler Herdenschutzhunderassen durchführt, die traditionell für ihren Schutzinstinkt und ihre Fähigkeit, eine Bindung zu den von ihnen betreuten Herden aufzubauen, geschätzt werden.
Laut Ribeiro hat die ständige Anwesenheit von Wölfen dazu beigetragen, dass die traditionellen Methoden zur Verhinderung von Angriffen in Montesinho wie Herdenschutzhunde, Zäune und Hirten aufrechterhalten werden konnten.
Studien haben gezeigt, dass in Gebieten mit kontinuierlicher Wolfspräsenz die Zahl der Übergriffe tendenziell geringer ist als in Regionen, in denen die Raubtiere verschwunden sind und erst in den vergangenen Jahrzehnten wieder auftauchten.
Wolfsangriffe auf Nutztiere hängen zwar vom Vorkommen wilder Beutetiere und von den landschaftlichen Gegebenheiten ab, doch können Schutzmassnahmen sehr wirksam sein. Nach Untersuchungen des von der Europäischen Kommission finanzierten Life-Coex-Forschungsprojekts können Präventionsmassnahmen zu einer erheblichen Verringerung von Angriffen auf Nutztiere führen: bis zu 61 % bei Herdenschutzhunden und bis zu 100 % bei festen Gehegen. Die Untersuchung ergab, dass es keine einzelne Methode gibt, die eine hundertprozentige Sicherheit der Tiere garantiert, obwohl die Kombination aus Elektrozäunen und Herdenschutzhunden die wirksamste Abschreckung darstellt.
Der Schutz von Nutztieren ist besonders schwierig in Gebieten, in denen wilde Beute knapp ist, sodass Wölfe auf Haustiere als Nahrungsquelle angewiesen sind. Die Wiederherstellung von Lebensräumen, um die Verfügbarkeit natürlicher Beutetiere zu erhöhen, könnte daher ebenfalls eine wirksame Massnahme zur Verhinderung von Angriffen sein.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass die Jagd auf Wölfe in der Regel unwirksam ist und sogar kontraproduktiv sein kann, wenn es um die Reduzierung von Angriffen auf Nutztiere geht. Es sei denn, sie wird in grossem Massstabe durchgeführt – was die Lebensfähigkeit von Wolfspopulationen gefährden könnte. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Zerstörung gesunder Rudel durch den Abschuss von Wölfen zu einem erhöhten Angriff auf Nutztieren führen könnte, da einsame Wölfe bei der Jagd auf wilde Beute keine Unterstützung durch ein Rudel haben und eher kleinere Tiere wie Schafe angreifen.
Afonso beschreibt das einzige Mal, als ein Wolf eines seiner Schafe tötete, als «Versehen, nicht als Angriff», da er nicht genug Vorsichtsmassnahmen zum Schutz seines Viehs traf. Damals hatte er nur zwei Hunde, die mit den vielen Schafen nicht mithalten konnten. Jetzt sind seine sechs Herdenschutzhunde ständig auf der Hut, schnüffeln nach Anzeichen von Ärger und bellen, um die Wölfe zu verscheuchen. Afonso begleitet seine Schafe tagsüber immer auf die Weide und zäunt sie nachts ein.
«Wenn wir genügend Hunde haben und die Zäune in gutem Zustand sind, gibt es keine Angriffe», sagt er. Doch die Kosten für diesen Schutz der Tiere sind beträchtlich. Afonso gab etwa 4.000 € aus, um Zäune zum Schutz seiner Herde zu installieren. In Anbetracht der geringen Gewinnspannen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft der Region sind nicht alle in der Lage oder bereit, die Kosten für den Schutz der Tiere vor Wolfsangriffen zu tragen.
Unterstützung für Landwirte
Ein Rückgrat, ein paar Rippen und Wolle liegen auf der Wiese verteilt. «Vor kurzem haben Wölfe angegriffen», sagt Alcina Corriça, während sie auf die verstreuten Überreste eines Schafes zeigt. «Die Geier kamen, um die Reste zu fressen.»
Es ist nicht das erste Mal, dass Wölfe Corriças Viehbestand in Carragosa, einem kleinen Dorf im Montesinho-Naturpark, angegriffen haben. «Letztes Jahr habe ich sechs Schafe verloren. Dann griffen die Wölfe nach ein paar Tagen eine meiner Kühe an. Sie haben ihr die Kehle durchgebissen», sagt Corriça.
Doch trotz der Angriffe hegt Corriça keinen Groll. «Ich bin nicht gegen Wölfe. Ich liebe Tiere, und ich weiss, dass wir die Wölfe schützen müssen», sagt sie. «Aber es ist schwierig, wenn es diese grossen Angriffe gibt. Es ist kaum tragbar zu sehen, wie die Tiere, die wir mit solcher Sorgfalt aufgezogen haben, zerrissen werden.
Corriças Familie besitzt 600 Schafe, 80 Kühe und acht Ziegen. Ihre beiden Herdenschutzhunde können nicht auf alle Tiere aufpassen, und aufgrund ihrer geringen Gewinnspanne konnte sie nicht in Zäune investieren, um ihr Vieh vor Wölfen zu schützen.
«Ich habe nie eine Entschädigung für die Angriffe erhalten, denn es gibt Regeln für eine Entschädigung. Wir müssen durchgehend bei den Tieren sein, und das kann ich nicht», sagt sie.
Die europäischen Leitlinien für Agrarbeihilfen erlauben es den EU-Mitgliedern, Landwirten Entschädigungen für durch Wölfe verursachte Schäden zu gewähren. In Portugal schliesst das hoch bürokratische Verfahren jedoch viele Landwirte wie Corriça aus, die die Leistungen nicht erhalten können, weil sie nicht alle Anforderungen erfüllen. «Wir benötigen mehr Unterstützung. Ich bin für den Schutz der Wölfe. Ich denke, sie müssen geschützt werden, aber auch die Landwirte benötigen Unterstützung», sagt Corriça.
Für Jorge Laranjinha, den Vorsitzenden des örtlichen Schafzüchterverbandes, reichen die Entschädigungen für Wolfsangriffe nicht aus, um die Verluste der Landwirte zu decken. «Die Zahlungen kommen zu spät, und der Betrag ist verschwindend gering. Die Entschädigung richtet sich nach den Weltmarktpreisen, die schwanken, aber die Tiere unserer lokalen Rasse sind viel wertvoller», sagt er.
«Wenn die Landwirte angemessen entschädigt und geschützt werden, wird es weniger Konflikte geben», argumentiert Laranjinha und fügt hinzu, dass die Viehzüchter stärker unterstützt werden müssen. Portugiesische Züchter können Leistungen zur Deckung der laufenden Kosten für die Haltung von Herdenschutzhunden beantragen, erhalten aber keine finanzielle Unterstützung für die Errichtung von Schutzzäunen.
Trotz der Herausforderungen und Verluste, mit denen die Landwirte konfrontiert sind, sagt Laranjinha, dass Montesinho immer noch eines der Gebiete ist, in denen der Wolf leichter toleriert wird. «Wir müssen den Wolf akzeptieren», sagt er. «Er war schon immer hier, wir haben immer mit Wölfen koexistiert. Er muss hier sein, weil er ein Teil des Ökosystems ist».
Die Forschung hat gezeigt, dass Wölfe eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts von Ökosystemen spielen. Indem sie das Nahrungsverhalten und die Zahl der Pflanzenfresser durch Beutegreifer kontrollieren, tragen Wölfe dazu bei, das Wachstum von Bäumen zu fördern, was anderen Tier- und Pflanzenarten zugutekommt und natürliche Prozesse wiederherstellt.
Die Anwesenheit von Wölfen kann auch Touristen anziehen und Einkommen für ländliche Gemeinden schaffen. Das Sanabria-Gebiet in Spanien, das an den Montesinho angrenzt und eine der dichtesten Wolfspopulationen Westeuropas beherbergt, ist ein beliebtes Ziel für Wolfsbeobachtungen geworden. Auch in Montesinho beginnt der Wolfstourismus zu wachsen, und einige örtliche Unternehmen bieten Touren zum Thema Wölfe an.
«Der Wolfstourismus ist wichtig, aber er muss den Menschen zugutekommen, die am meisten von der Anwesenheit des Wolfes betroffen sind; also müssen wir sicherstellen, dass auch die Landwirte einbezogen werden», sagt Ribeiro.
Arrojado, der Wolfsbefürworter, der in Lissabon lebt, verbringt seinen Urlaub oft mit seiner Familie im Montesinho-Naturpark auf der Suche nach Wildtieren. Er möchte seiner neunjährigen Tochter Wölfe und Rehe zeigen, um ihr die Bedeutung der biologischen Vielfalt zu vermitteln und ihr ein Gefühl der Verwunderung und Verantwortung für die Umwelt zu vermitteln. Er sagt, das Koexistenzmodell von Montesinho zeige, «dass es Platz für uns alle gibt».
Dossier: Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd
Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

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