28. April 2026, 16:37

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Jagd

Zürichs fragwürdiger Umgang mit Wildschweinen

Der Kanton Zürich präsentiert sein neues Wildschwein‑Management als «innovativ» – tatsächlich zeigt es vor allem, wie tief die Logik der Dauerbewirtschaftung von Wildtieren inzwischen im Jagdalltag verankert ist.

Redaktion Wild beim Wild — 11. Februar 2026

Die Zürcher Jagdverwaltung betont, die Wildschweinpopulation in der Schweiz wachse «immer mehr» und verursache in der Landwirtschaft steigende Schäden, obwohl bereits heute jedes Jahr zwischen 1’000 und 2’000 Wildschweine im Kanton Zürich geschossen werden.

Die Bestände werden offiziell auf 2’000 bis 3’000 Tiere geschätzt, die Wildschadensentschädigungen liegen bei rund 350’000 Franken pro Jahr. Als Begründung für ein intensiveres Management wird eine angebliche «Zuwachsrate» von bis zu 300 Prozent pro Jahr angeführt.

Schon diese Zahlen zeigen das Grundproblem: Eine orientierungslose Hobby-Jagd, die seit Jahren unwissenschaftlich «aus allen Rohren» feuert, hat weder die Wildschweinpopulation stabilisiert noch die Schäden spürbar gesenkt, sie dient vor allem als Dauerrechtfertigung für noch mehr Eingriffe.

Das neue Konzept: Feld als Kriegszone, Wald als Illusion von Sicherheit

Mit dem neuen Konzept will die Jagdverwaltung Wildschweine «möglichst nur auf den Feldern» bejagen, während der Wald als vermeintlich sicherer Rückzugsraum dienen soll. Die offizielle Botschaft lautet: «Feld = Gefahr, Wald = Sicherheit». Wildschweine sollen durch gezielte Vergrämungsabschüsse auf Feldern lernen, landwirtschaftliche Kulturen zu meiden. Praktisch bedeutet das: Die Nacht auf dem Mais- oder Getreidefeld wird zur Kulisse für Schüsse mit Ausnahmebewilligung und Nachtsichtgerät, während der gleiche Jagddruck später bei Treibjagden mit der Begründung «Schadenabwehr» auch in angrenzende Bereiche ausgreifen kann.

Dass Wildtiere auf diese Weise zu taktisch zu führenden «Gegnern» in einem Raumplanungs-Schachspiel werden, ist kein Kollateralschaden des Systems, sondern sein Kern: Der Landschaftsraum wird entlang ökonomischer Interessen in Zonen der Bewirtschaftung und Zonen des «geduldeten Lebens» aufgeteilt.

Schonung der Leitbachen: Tierethik oder Populationssteuerung?

Im SRF-Beitrag erklärt ein Hobby-Jäger, man schiesse «bewusst die Jungtiere und lasse die älteren Tiere mit Leitfunktion leben», weil diese das «Gedächtnis der Rotte» seien und nach Abschüssen dafür sorgten, dass der Rest der Gruppe im Wald bleibt. In Fachpapieren des Kantons Zürich wird diese Linie gestützt: Leitbachen sollen gezielt geschont werden, während Frischlinge und Jungtiere bevorzugt zu erlegen sind.

Was als Rücksichtnahme verkauft wird, ist in Wahrheit ein Konzept der maximalen Steuerbarkeit: Jungtiere werden als «verdauliches Opfer» präsentiert, die Gruppe wird bewusst in einer Struktur gehalten, die auf menschliche Abschreckung reagiert und die «richtigen» Flächen meidet.

Tierethisch bleibt die Frage, wie ein System, das Jungtiere als primäre Zielkategorie definiert, moralisch höher stehen soll als klassische Maximierungsjagd, nur weil es strategischer vorgeht.

Im Kanton Zürich ist die Treib- und Drückjagd auf Wildschweine im Wald zur Reduktion der Bestände und Schäden vom 1. Oktober bis Ende Februar erlaubt. Aufgrund zunehmender Schäden in der Landwirtschaft setzt die Jagdverwaltung auf intensive Bewegungsjagden, den Einsatz von Nachtsichtgeräten und präventive Massnahmen, um die Schwarzwildpopulation zu regulieren.

Technische Vergrämung: Lärm, Gestank und eine verfehlte Agrarpolitik

Zur zweiten Säule des Zürcher Modells gehören technische Vergrämungsmassnahmen: Elektrozäune, stinkende Duftstoffe und mobile Lautsprecheranlagen mit Schuss- und Schreckgeräuschen werden mit Hunderttausenden Franken aus der Staatskasse subventioniert. Allein im letzten Jahr flossen 200’000 Franken in Abwehrinstallationen und zusätzlich rund eine Viertelmillion Franken in deren Unterhalt.

Diese Zahlenspiele überdecken, dass das Problem an anderer Stelle produziert wird: Monotone, hochenergiehaltige Kulturen sind für Wildschweine ein künstliches Schlaraffenland. Zerschnittene Lebensräume und fehlende Wildruhezonen zwingen Tiere, immer wieder in die Nähe intensiv bewirtschafteter Flächen auszuweichen.

Statt konsequent an der Ökologisierung der Landwirtschaft, an Wildtierkorridoren und echten Schutzgebieten zu arbeiten, wird der Fokus einmal mehr auf technikgestützte Vertreibung und jagdliche Kontrolle gelegt.

«Alle zufrieden» ausser den Wildschweinen

Die Jagdverwaltung formuliert das Ziel des Projekts offen: Wenn bei «etwa gleich hoher Wildschweinpopulation» die Schäden sinken, seien «alle zufrieden», gemeint sind Hobby-Jägerschaft, Verwaltung und Landwirtschaft. Aus Sicht der Wildtiere sieht die Bilanz anders aus: Eine Population, die permanent unter Beschuss steht, wird auf ein gewünschtes Verhaltensmuster dressiert. Die Konfliktursachen, Agrarpolitik, Raumplanung, Hobby-Jagd, fehlende ökologische Infrastruktur, bleiben unangetastet.

Dass die Zürcher Strategie nun als mögliches «Vorbild für andere Kantone» gehandelt wird, zeigt vor allem, wie stark Jagd- und Landwirtschaftslobby gemeinsam definieren, was als «Problemlösung» gilt. Ein Modell, das auf verfeinerter Kontrolle statt auf konsequentem Schutz basiert, droht zur Blaupause für eine Schweiz zu werden, in der Wildtiere nur dort toleriert sind, wo sie wirtschaftlich nicht weiter stören.

Was ein wirklich zukunftsfähiges Wildschwein-Management wäre

Ein Wildschwein-Management, das diesen Namen verdient, würde nicht bei der Frage stehen bleiben, wie man Tiere noch effizienter vergrämt, sondern die Spielregeln verändern: Reduktion der Attraktivität von Kulturen durch angepasste Bewirtschaftung und Mischkulturen statt reiner Abschreckung. Ausbau von Wildruhezonen, Korridoren und naturnahen Waldflächen, in denen Wildschweine ohne Jagddruck leben können. Konsequentes Monitoring, das nicht nur Schäden in Franken, sondern auch Stress, Verletzungsrisiko und ökologische Funktionen von Wildschweinen im Wald erfasst.

Solange jedoch die Frage der Legitimität der Hobby-Jagd selbst ausgeklammert bleibt und Wildschweine wie Füchse primär als Schadensfaktor und Steuerungsobjekt betrachtet werden, wird jedes neue Konzept am Ende doch wieder auf das hinauslaufen, was Zürich jetzt als «neuen Weg» verkauft: mehr Technik, mehr Kontrolle, mehr Schüsse, nur etwas besser verpackt.

Welche alternativen Präventionsmethoden gegen Wildschweinschäden existieren

1. Anpassung der Kulturen und Flächen

In Gebieten mit hohem Wildschweindruck können statt Mais, Kartoffeln, Rüben und Weizen weniger attraktive Kulturen wie Sudangras oder Durchwachsene Silphie angebaut werden. Leitfäden empfehlen, z. B. keinen Mais in Waldlichtungen oder unmittelbar an Deckungsstrukturen anzubauen, um die Sogwirkung auf Schwarzwild zu reduzieren.

2. Technische Barrieren

Fachgerecht installierte und gut unterhaltene Elektrozäune mit passender Litzenhöhe und ausreichender Spannung gelten als eine der wirksamsten Schutzmassnahmen, erfordern aber 2 bis 5 Kontrollen pro Woche. Stabile Knotengeflecht- oder Wildzäune mit solider Bodenführung eignen sich an besonders sensiblen Stellen, etwa im Gemüsebau oder an Weinbergen, sind jedoch kosten- und materialintensiv.

3. Akustische und visuelle Abschreckung

Der ZHAW-«Wildschweinschreck» arbeitet mit Alarm- und Warnrufen von Wildschweinen sowie variablen Gefahrgeräuschen und konnte Schäden im Versuch deutlich reduzieren, wenn er gezielt in kritischen Phasen eingesetzt wird. Optische Reize wie Reflektoren, Blinklichter oder bewegte Bänder können kurzfristig helfen, verlieren aber oft rasch an Wirkung, weil sich die Tiere daran gewöhnen.

4. Geruchliche Abwehr

Stark riechende Repellents oder Gewürze wie Chili werden punktuell eingesetzt, etwa an Pfosten mit getränkten Lappen, zeigen laut Praxisberichten aber sehr unterschiedliche und meist nur kurzzeitige Effekte. Geruchsmittel wirken, wenn überhaupt, besser als Ergänzung zu Zäunen oder akustischen Systemen, nicht als alleinige Lösung.

5. Raumplanung, Ruhezonen und Management

Einige Kantone legen Zonen mit hohem Schadensrisiko fest und koppeln dort Präventionspflichten (z. B. Zaun, Kulturwahl) an Entschädigungen. Konzepte zum Wildschweinmanagement empfehlen explizit störungsarme Wald- und Deckungsräume, damit Wildschweine nicht gezwungen werden, nachts systematisch in Feldfluren auszuweichen.

6. Kombination statt Einzelmassnahme

Studien und Merkblätter kommen übereinstimmend zum Schluss, dass keine Methode allein einen absoluten Schutz bietet; Schäden lassen sich aber signifikant senken, wenn technische Barrieren, angepasste Kulturen, akustische Systeme und raumplanerische Massnahmen intelligent kombiniert werden.

7. Grundprinzipien der Geburtenkontrolle

Angesichts der Tatsache, dass die Hobby-Jagd keine wirksame Lösung darstellt, sondern das Risiko erhöht und den Tieren zweifellos Leid zufügt, fordert die IG Wild beim Wild wirksame und ethische Methoden zur Fruchtbarkeitskontrolle bei Wildschweinen zu entwickeln, wie das in anderen Ländern auch gemacht wird. Ziel dabei ist, die Fruchtbarkeit eines grossen Anteils der reproduzierenden Tiere zu senken, damit das Populationswachstum ohne Abschuss eingebremst wird.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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