Rund 40’000 Rehe werden in der Schweiz jährlich von Hobby-Jägern erschossen, darunter Tausende Kitze. Kein anderes Wildtier wird häufiger getötet. Dieses Dossier zeigt, warum die Rehbejagung in ihrer heutigen Form ökologisch fragwürdig, ethisch problematisch und politisch von Interessen gesteuert ist.
Steckbrief
Das Europäische Reh (Capreolus capreolus) ist das kleinste und häufigste Hirschgeweihtier Europas. Es gehört zur Familie der Hirsche (Cervidae) und besiedelt Wälder, Waldränder, Heckenlandschaften und zunehmend auch offenes Kulturland. In der Schweiz ist das Reh flächendeckend verbreitet und kommt vom Mittelland bis in die subalpine Stufe vor. Es lebt als Einzelgänger oder in lockeren Familienverbänden, bildet im Winter sogenannte Sprünge und ist ein ausgeprägter Konzentratselektierer, der bevorzugt eiweissreiche Pflanzenteile wie Knospen, junge Triebe und Kräuter frisst.
Biologie und Sozialverhalten
Rehgeissen setzen im Mai oder Juni ein bis drei Kitze, in der Regel Zwillinge ab. Die Kitze sind in den ersten Lebenswochen sogenannte Ablieger, die bewegungslos und nahezu geruchsfrei im hohen Gras verharren, während die Mutter in der Nähe äst. Diese Strategie schützt sie vor Beutegreifern, macht sie aber extrem verwundbar gegenüber Mähmaschinen und freilaufenden Hunden.
Eine Besonderheit beim Reh ist die Keimruhe (Diapause): Die Befruchtung findet während der Brunft im Juli und August statt, doch der Embryo entwickelt sich erst ab Januar weiter. Dadurch werden die Kitze in einer nahrungsreichen Zeit geboren. Rehböcke sind territorial und markieren ihr Revier durch Fegen an jungen Bäumen. Diese Fegeschäden werden gern als Argument für die Hobby-Jagd herangezogen, obwohl sie in gesunden Waldökosystemen zu den natürlichen Prozessen gehören.
Rehe werden in freier Wildbahn selten älter als acht Jahre. Die Hobby-Jagd ist dabei die häufigste Todesursache, gefolgt vom Strassenverkehr und Krankheiten. Natürliche Regulatoren wie Luchs und Fuchs (bei Kitzen) spielen eine zentrale ökologische Rolle, die durch die Hobby-Jagd systematisch untergraben wird.
Bestandeszahlen
Gemäss der Eidgenössischen Jagdstatistik leben in der Schweiz rund 135’000 bis 140’000 Rehe (Stand 2022/2023). Diese Zahl beruht allerdings auf groben Schätzungen der Kantone, nicht auf systematischen Erhebungen. Der tatsächliche Bestand könnte sowohl höher als auch tiefer liegen. Trotz dieser Unsicherheit legen die Kantone jedes Jahr ambitionierte Abschusspläne fest.
Das Reh als Hauptopfer der Hobby-Jagd
Das Reh ist mit Abstand das meistgeschossene Wildtier der Schweiz. Jährlich werden rund 40’000 Rehe durch Hobby-Jäger erlegt. Dazu kommen mehrere Tausend Tiere, die als Fallwild im Strassenverkehr sterben, von Mähmaschinen getötet oder von Hunden gerissen werden. In einzelnen Kantonen wie dem Aargau werden pro Waldfläche so viele Rehe erlegt wie in keinem anderen Kanton der Schweiz.
Besonders brisant: Ein erheblicher Teil der Abschüsse betrifft Kitze und Jährlinge. Die Jagd auf Rehkitze ab dem Spätsommer wird offiziell als «Bestandespflege» verkauft. Biologisch betrachtet handelt es sich um die Tötung von Jungtieren, die ihre Mutter noch brauchen und deren Verlust zu erheblichem Tierleid führt.
Kompensatorische Reproduktion: Mehr schiessen, mehr Rehe
Die Schweizer Wildtierforschung hat am Zizerser Feld in Graubünden einen Mechanismus dokumentiert, der die gesamte Logik der Rehbejagung infrage stellt: Durch einseitigen Jagddruck auf Böcke verschiebt sich das Geschlechterverhältnis zugunsten der weiblichen Tiere, wodurch die Nachwuchsrate steigt. Im Untersuchungsgebiet lag der Zuwachs bei 70 Prozent des Gesamtbestands. Gleichzeitig regulierte sich der Bestand durch die natürliche Kitzsterblichkeit weitgehend selbst. Die Hobby-Jagd war dabei keine nachhaltige Regulierung, weil sie nicht ausreichend in die Jugendklasse eingriff, sondern vor allem territoriale Böcke entnahm.
Dieser Befund deckt sich mit dem Grundproblem der Hobby-Jagd bei zahlreichen Wildtierarten: Hoher Jagddruck destabilisiert die Sozialstruktur und kann den Zuwachs sogar ankurbeln, anstatt ihn zu bremsen. Das Reh ist in der Lage, den gesamten Nachwuchsausfall eines Jahres trotz starker Bejagung vollständig auszugleichen. Die Hobby-Jagd erzeugt damit oft genau das Problem, das sie zu lösen vorgibt.
Mehr dazu: Jagd und Biodiversität: Schützt die Hobby-Jagd wirklich die Natur?
Der «Wald-Wild-Konflikt»: Ein konstruiertes Narrativ
Das zentrale Argument für die massenhafte Rehbejagung lautet: Rehe verbeissen junge Bäume und verhindern dadurch die Waldverjüngung. Nur durch konsequente Abschüsse könne der Wald geschützt werden. Dieses Narrativ wird von Forstbehörden, Hobby-Jägern und einem Teil der Wissenschaft gleichermassen vertreten. Es ist tief im politischen System verankert und bestimmt die Abschussplanung in praktisch allen Kantonen.
Was das Argument verschweigt
Der sogenannte «Wald-Wild-Konflikt» ist in Wahrheit ein Konflikt zwischen Forstwirtschaft und Wildtieren, nicht zwischen «dem Wald» und «dem Wild». Rehe fressen seit Jahrtausenden an jungen Bäumen. Der Verbiss wird erst dann zum Problem, wenn die forstliche Planung Baumarten vorschreibt, die im jeweiligen Standort nicht natürlich dominieren würden, wenn Waldränder und Lichtungen fehlen, weil die Waldbewirtschaftung zu dicht und monoton ist, wenn natürliche Regulatoren wie der Luchs oder Fuchs systematisch dezimiert oder politisch ausgebremst werden und wenn die Hobby-Jagd selbst durch Dauerstörung die Rehe in den Wald treibt, wo sie dann mehr Schaden anrichten als im offenen Kulturland.
Rehe, die häufig gestört werden, ziehen sich tagsüber in dichte Bestände zurück und äsen nur noch in der Dämmerung und nachts. Dadurch konzentriert sich der Verbiss auf die deckungsreichen Waldbereiche, exakt dort, wo die Waldverjüngung am stärksten betroffen ist. Die Hobby-Jagd verschärft damit den Verbissdruck, den sie zu reduzieren vorgibt.
Die Rolle des Luchses
Der Luchs ist der natürliche Regulator der Rehpopulation in der Schweiz. Studien von KORA zeigen, dass in Gebieten mit stabilen Luchspopulationen der Rehbestand sinkt, die Rehe ein verändertes Raumverhalten zeigen und dadurch der Verbiss an jungen Bäumen abnimmt. Die sogenannte «Ökologie der Angst» (landscape of fear) bewirkt, dass Rehe in Luchsgebieten bestimmte Waldpartien meiden, was der Waldverjüngung zugutekommt.
Dieser Mechanismus ist ökologisch wirksamer als jeder Abschussplan, weil er das Raumverhalten der Rehe dauerhaft verändert, anstatt einzelne Individuen zu entfernen, die rasch durch andere ersetzt werden. Trotzdem wird der Luchs von Hobby-Jägern und deren Lobby massiv bekämpft, nicht weil er ökologisch problematisch wäre, sondern weil er als Konkurrent um die «Ressource Reh» wahrgenommen wird.
Mehr dazu: Dossier: Der Luchs in der Schweiz und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Tierleid auf der Strecke
In vielen Kantonen beginnt die Hobby-Jagd auf Rehkitze bereits im Spätsommer. Die Kitze sind zu diesem Zeitpunkt wenige Monate alt und noch nicht selbstständig. Ein verwaistes Kitz, dessen Mutter erschossen wurde, hat in der Regel keine Überlebenschance. Umgekehrt werden auch Kitze gezielt geschossen, die angeblich «zu schwach» sind – eine Praxis, die als Selektion dargestellt wird, in Wahrheit aber den natürlichen Auslesemechanismus ersetzt, der ohne Hobby-Jagd durch Beutegreifer, Krankheiten und Wintersterblichkeit reguliert würde.
Anschüsse und Nachsuchen
Die Schweizer Jagdstatistik erfasst als Fallwild auch Rehe mit Schussverletzungen, die nicht sofort getötet wurden. Der Schweizer Tierschutz (STS) hat in einem Bericht dokumentiert, dass der Anteil von Fallwild mit Schussverletzungen beim Reh zwischen 1 und 2 Prozent liegt. Hochgerechnet auf den Gesamtbestand und die Abschusszahlen bedeutet das: Jedes Jahr werden Hunderte Rehe angeschossen und sterben nicht sofort. In Revierjagdkantonen obliegt die Jagdaufsicht oft nicht staatlichen Wildhütern, sondern den Hobby-Jägern selbst, was die Frage nach Befangenheit und Dunkelziffer aufwirft.
Mähmaschinen und Verkehr
Neben der Hobby-Jagd sterben jährlich Tausende Rehe im Strassenverkehr und durch Mähmaschinen. Allein im Kanton Aargau fallen rund 1’000 Rehe pro Jahr dem Verkehr und landwirtschaftlichen Maschinen zum Opfer. Während bei Letzterem zunehmend Drohnen zur Kitzrettung eingesetzt werden, gibt es für den Strassentod kaum Prävention. Wildtierkorridore und Wildbrücken, die Rehe und andere Wildtiere schützen würden, sind in der Schweiz nach wie vor unzureichend ausgebaut.
Mehr dazu: Jagd und Tierschutz: Was die Hobby-Jagd mit Wildtieren macht und Wildtierkorridore und Lebensraumvernetzung
Genf als Gegenbeispiel
Im Kanton Genf ist die Hobby-Jagd seit 1974 verboten. Professionelle Wildhüter übernehmen das Wildtiermanagement. Trotz fehlender Hobby-Jagd hat Genf keinen unkontrollierten Rehbestand. Die Wildhüter greifen gezielt und punktuell ein, der Wald verjüngt sich, und die Biodiversität profitiert. Das Genfer Modell zeigt, dass eine professionelle, auf Fachkompetenz gestützte Wildtierregulation ohne die flächendeckende Hobby-Jagd funktioniert.
Mehr dazu: Dossier: Genf und das Jagdverbot und Dossier: Argumentarium für professionelle Wildhüter
Was sich ändern müsste
- Abschaffung der flächendeckenden Kitzjagd: Die Tötung von wenige Monate alten Wildtieren, die ihre Mutter noch brauchen, ist ethisch nicht vertretbar und ökologisch sinnlos. Die natürliche Kitzsterblichkeit durch Beutegreifer, Witterung und Krankheiten reguliert die Population wirksamer als jeder Abschussplan.
- Förderung des Luchses als natürlicher Rehregulator: In Gebieten mit stabilen Luchspopulationen sinkt der Rehbestand, das Raumverhalten der Rehe verändert sich und der Verbiss nimmt ab. Diese ökologische Lösung wirkt dauerhaft, ohne die Dauerstörung durch die Hobby-Jagd. Statt den Luchs politisch zu bekämpfen, muss seine Rolle als Schlüsselart anerkannt und seine Ausbreitung gefördert werden.
- Anpassung der Waldbewirtschaftung statt Abschusserhöhung: Der «Wald-Wild-Konflikt» ist ein Konflikt zwischen Forstwirtschaft und Wildtieren. Strukturreiche Waldränder, lichtdurchlässige Bestände und standortgerechte Baumartenwahl reduzieren den Verbissdruck wirksamer als die massenhafte Entnahme von Rehen. Das Reh als Sündenbock für forstliche Fehlplanungen heranzuziehen, ist wissenschaftlich nicht haltbar.
- Beendigung der Dauerstörung: Die flächendeckende, monatelange Bejagung treibt Rehe in den Wald, wo sie den Verbiss konzentrieren. Grossflächige Ruhezonen und eine räumliche und zeitliche Beschränkung der Hobby-Jagd würden den Verbissdruck dort senken, wo er am meisten schadet.
- Professionelles Wildtiermanagement statt Hobby-Jagd: Die Bestandskontrolle beim Reh muss auf professionelle Wildhüter übertragen werden, die gezielt, geplant und mit Fachkompetenz eingreifen, ohne Abschussinteressen und ohne den Dauerstress der Hobby-Jagd.
Argumentarium
«Ohne die Hobby-Jagd würden die Rehbestände explodieren und der Wald zugrunde gehen.» Die Populationsökologie zeigt das Gegenteil: Intensive Bejagung löst kompensatorische Reproduktion aus. Am Zizerser Feld hat die Forschung dokumentiert, dass Rehe in der Lage sind, den gesamten Nachwuchsausfall eines Jahres trotz starker Bejagung vollständig auszugleichen. Die Hobby-Jagd erzeugt das Problem, das sie zu lösen vorgibt. Genf zeigt seit 1974, dass Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd funktioniert.
«Der Verbiss durch Rehe verhindert die Waldverjüngung – Abschüsse sind zwingend.» Der Verbiss wird zum Problem, wenn monotone Waldbewirtschaftung, fehlende Lichtungen und Waldränder sowie die Dezimierung natürlicher Regulatoren wie des Luchses zusammenwirken. Die Hobby-Jagd selbst treibt die Rehe durch Dauerstörung in den Wald, wo sie den Verbiss konzentrieren. Die Lösung liegt in der Anpassung der Forstwirtschaft und der Förderung von Beutegreifern, nicht in höheren Abschüssen.
«Die Kitzjagd ist notwendige Bestandespflege.» Die natürliche Kitzsterblichkeit durch Beutegreifer, Krankheiten und Witterung reguliert den Bestand wirksamer als der Abschuss von Jungtieren. Die Kitzjagd ist keine Pflege, sondern die Tötung von Tieren, die ihre Mutter noch brauchen. In Gebieten mit natürlichen Regulatoren (Luchs, Fuchs) ist sie überflüssig.
«Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger tragen durch den Rehabschuss aktiv zum Waldschutz bei.» Die Zuordnung von Waldschutzleistung an die Hobby-Jagd ist eine Umkehrung der Kausalität. Es ist die Hobby-Jagd, die den Luchs bekämpft, die Rehe in den Wald treibt und den Verbissdruck erhöht. Wer den Wald schützen will, braucht keine Hobbyschützen, sondern professionelles Wildtiermanagement und natürliche Regulatoren.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Studien über die Auswirkung der Hobby-Jagd auf Wildtiere
- Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert
- Tierschutzproblem: Wildtiere verenden qualvoll wegen Hobby-Jäger
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Unser Anspruch
Das Reh ist kein Schädling. Es ist ein fühlendes Wildtier, das seit Jahrtausenden zu den Wäldern Europas gehört. Die Tatsache, dass es das meistgeschossene Wildtier der Schweiz ist, sagt mehr über die Hobby-Jagd aus als über das Reh. Die Forschung zeigt, dass die massenhafte Bejagung kompensatorische Reproduktion auslöst, die Sozialstruktur destabilisiert und den Verbissdruck durch Dauerstörung verschärft. Der Luchs reguliert Rehpopulationen wirksamer, leiser und nachhaltiger als jeder Abschussplan. Ein Systemwechsel hin zu professionellem Wildtiermanagement und natürlichen Regulatoren ist kein Experiment, sondern eine Anpassung an den Stand der Wissenschaft. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.