Baujagd
Baujagd bedeutet: Jagdhunde werden in Fuchs- oder Dachsbauten geschickt, um Beutegreifer unter der Erde zu bedrängen, damit sie draussen erschossen werden können. Was dabei passiert, entzieht sich der öffentlichen Kontrolle: unterirdische Konfrontationen, Bisse, Blockaden im engen Röhrensystem, schwere Verletzungen, für das Wildtier und für den Hund. Ein Rechtsgutachten der Stiftung Tier im Recht kommt zum Schluss: Die Ausübung der Baujagd kann tierschutzrechtlich mehrfach den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen.
Mehrere Schweizer Kantone haben daraus Konsequenzen gezogen. Thurgau verbot Baujagd als erster Kanton 2017 per Grossratsbeschluss. Zürich folgte per 1. Januar 2023 mit einem neuen kantonalen Jagdgesetz. Basel-Landschaft hat grundsätzlich verboten, mit Ausnahmen. Bern beschloss 2024 ein weitgehendes Verbot mit eng gefassten Ausnahmeregelungen. Der Kanton Waadt verbot Baujagd per 15. Dezember 2021. Auf Bundesebene ist die Motion 23.3303 «Verbot der tierquälerischen Baujagd» dagegen gescheitert: Der Bundesrat beantragte 2023 die Ablehnung, der Nationalrat behandelte sie nie, im März 2025 wurde sie abgeschrieben. Der Trend in den Kantonen ist dennoch klar, und er lässt sich auch auf Kantone übertragen, die noch keine verbindliche Regelung haben.
Was dich hier erwartet
- Was Baujagd ist und wie sie abläuft: Methode, Ablauf, beteiligte Tiere und der Regierungsratsbeschluss Solothurn als Primärquelle.
- Das Hauptproblem: Unsichtbarkeit und fehlende Kontrolle: Warum Baujagd genau dort stattfindet, wo öffentliche Kontrolle am wenigsten möglich ist.
- Tierleid ist systembedingt, kein Einzelfall: Was das Rechtsgutachten von Tier im Recht konkret festhält.
- Schliefanlagen: Die Ausbildungs-Industrie der Baujagd: Was mit Füchsen in künstlichen Trainingsbauanlagen passiert und was der Deutsche Tierschutzbund dazu sagt.
- Kantonale Rechtslage aktuell: Stand 2026: wer verboten hat, wer noch nicht, und wo Ausnahmen das Verbot aushöhlen.
- Motion 23.3303: Baujagd als Bundespolitik-Thema: Warum der Bund nicht handelt und was das für die Kantone bedeutet.
- JagdSchweiz-Argumente und ihre Widerlegung: Die Lobby-Positionen im Faktencheck.
- Forderungen der IG Wild beim Wild: Was ein echtes, lückenloses Verbot bedeuten würde.
- Was du tun kannst: Handlungsoptionen für Privatpersonen, Organisationen und politische Akteure.
- Quicklinks: Alle Belege, Gerichtsquellen, Medienberichte und Dossiersbeiträge.
Was Baujagd ist und wie sie abläuft
Baujagd ist eine Jagdform, bei der ein sogenannter Bodenhund in den Bau eines Fuchses oder Dachses geschickt wird. Der Hund dringt in den Bau ein (ein verzweigtes unterirdisches Röhrensystem), bedrängt das Wildtier und treibt es durch die Gänge nach aussen. Draussen postieren sich Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger um den Bau und versuchen, den Fuchs oder Dachs beim Verlassen zu erlegen. Das beschreibt ein Regierungsratsbeschluss des Kantons Solothurn direkt und unverblümt.
Dachs und Fuchs sind die Hauptzieltiere der Baujagd. Beide Arten sind in der Schweiz jagdbar (Art. 5 JSG); 2025 wurden laut Eidgenössischer Jagdstatistik 20’938 Füchse und 3’166 Dachse getötet. Bundesrechtlich verboten sind bei der Baujagd lediglich das Begasen und Ausräuchern von Bauten, das Ausgraben von Dachsen, Zangen und Bohrer, Treibschüsse und der Einsatz von mehr als einem Hund pro Bau (Art. 2 Abs. 1 lit. c JSV). Ob Baujagd überhaupt erlaubt ist, entscheiden die Kantone. Entscheidend: Baujagd ist nie eine Massnahmejagd mit nachgewiesenem Schaden als Voraussetzung. Sie wird als reguläre Jagdmethode eingesetzt, also als Freizeitjagd im Verborgenen.
Mehr dazu: Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und Mythen und Fallenjagd in der Schweiz
Das Hauptproblem: Unsichtbarkeit und fehlende Kontrolle
Baujagd passiert unter der Erde. Was im Bau passiert, entzieht sich jeder öffentlichen Kontrolle. Kontakt zwischen Hund und Wildtier im engen Röhrensystem, Bisse, Blockaden, Erschöpfung und Panikzustände sind nicht nur möglich, sie sind strukturell wahrscheinlich, weil zwei Tiere unterschiedlicher Arten in einem minimalen Raum ohne Ausweichmöglichkeit aufeinandertreffen.
Selbst wenn jemand behauptet, Baujagd werde «sauber» ausgeführt: Die Methode produziert strukturell unkontrollierbare Situationen. Hunde bleiben im Bau stecken und ersticken: Das ist kein Einzelfall, sondern ein anerkanntes Risiko, über das in Jagdkreisen intern gesprochen wird. Wildtiere sterben im Bau, verletzt und ohne Ausgang. Für die Öffentlichkeit, für unabhängige Kontrollstellen und für den Tierschutz ist all das unsichtbar. Das ist keine Eigenschaft, die sich mit besserem Training beheben lässt. Es ist das strukturelle Merkmal einer Methode, die im Verborgenen operiert.
Mehr dazu: Jagdgesetze und Kontrolle: Warum Selbstaufsicht nicht reicht und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht
Tierleid ist systembedingt, kein Einzelfall
Das Rechtsgutachten «Die Baujagd unter dem Aspekt des Tierschutz- und Jagdrechts» der Stiftung Tier im Recht (verfasst von Gieri Bolliger, Andreas Rüttimann und Vanessa Gerritsen, 2012, Schriften zum Tier im Recht, Band 10) ist die grundlegende juristische Analyse zur Schweizer Baujagd. Es kommt zu einem klaren Befund: Die Ausübung der Baujagd kann tierschutzrechtlich mehrfach den Tatbestand der Tierquälerei nach Art. 26 Abs. 1 TSchG erfüllen.
Die Motion von Casimir von Arx (GLP) im Kanton Bern (unterstützt von SVP, EVP, FDP, SP, Grünen und Mitte) hält fest: «Die Durchführung von Baujagden ist in aller Regel nicht notwendig. Auch kann eine dauerhafte regulierende Wirkung auf den Fuchs- resp. Dachsbestand nicht belegt werden.» Der Berner Regierungsrat teilt diese Einschätzung: Baujagd werde nur noch selten ausgeübt, habe keine flächendeckende regulatorische Wirkung auf Bestände, und immer wieder komme es zu Verletzungen von Hunden und Wildtieren. Er empfahl die Motion zur Annahme.
Mehr dazu: Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet und Baujagd: legale Tierquälerei im Namen der Jagdtradition
Schliefanlagen: Die Ausbildungs-Industrie der Baujagd
Baujagd hat eine eigene Ausbildungs-Industrie: Schliefanlagen. Das sind künstlich angelegte, unterirdische Röhrensysteme, in denen Jagdhunde auf den Einsatz in realen Fuchsbauten vorbereitet werden. Ein Fuchs dient dabei als «Reiz», oft durch ein Gitter vom Hund getrennt, aber in direktem Kontakt mit dem bedrängenden Tier.
Der Deutsche Tierschutzbund stellt unmissverständlich fest: «Die Nutzung von Füchsen in Schliefenanlagen ist als tierschutzwidrig einzustufen. Beim Einsatz in den Schliefenanlagen wird ein Tier an einem anderen abgerichtet. Das verstösst gegen das Tierschutzgesetz. Auch wenn Fuchs und Hund durch ein Gitter voneinander getrennt bleiben, ist das Vorgehen mit grossem Stress für die Füchse verbunden, die zudem lebenslang in kleinen Gehegen ihr Dasein fristen müssen.» Das Gutachten von Tier im Recht hält fest, dass die Ausbildung von Bodenhunden am Kunstbau mit lebenden Füchsen für diese mit «enormen Leiden und Ängsten verbunden sein kann». Ein Fuchs in einer Schliefenanlage ist kein Trainingsgerät. Er ist ein fühlendes Tier, das dauerhaft in einer Situation gehalten wird, die für ihn strukturell Angst und Stress erzeugt.
Mehr dazu: Jagdhunde im Einsatz der Hobby-Jagd und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Kantonale Rechtslage aktuell: Stand 2026
Der Trend ist eindeutig, in eine Richtung: weg von der Baujagd. Die aktuelle Übersicht:
| Kanton | Status Baujagd |
|---|---|
| Thurgau | Verboten seit 2017 (erster Kanton); Ausnahmen durch Departement möglich |
| Zürich | Verboten seit 1. Januar 2023 (neues kantonales Jagdgesetz) |
| Waadt | Verboten seit 15. Dezember 2021 |
| Basel-Landschaft | Grundsätzlich verboten per Jagdgesetz-Revision 2020; Ausnahmen mit Bewilligung möglich |
| Bern | Weitgehendes Verbot beschlossen; Ausnahmen nur mit behördlicher Genehmigung und kumulativen Bedingungen |
| Genf | Keine Hobby-Jagd seit 1974, damit auch keine Baujagd |
| Wallis | Erlaubt; unter dem Patent E ist die Baujagd mit Hund ausdrücklich zugelassen, dazu Abschussprämien für Fuchs und Dachs |
| Übrige Kantone | Keine schweizweite einheitliche Regelung; in vielen Kantonen noch erlaubt oder grau |
Entscheidend ist das Muster hinter den Ausnahmen: Ein «Verbot mit Ausnahmen» ist nur so gut wie seine Kontrollmechanismen. Wo Ausnahmebewilligungen nach weichen Kriterien erteilt werden, ohne unabhängige Überprüfung, kann das Verbot in der Praxis weitgehend wirkungslos bleiben.
Mehr dazu: Jagdgesetze und Kontrolle und Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten
Motion 23.3303: Baujagd als Bundespolitik-Thema
Auf Bundesebene reichte SP-Nationalrätin Martina Munz im März 2023 die Motion 23.3303 «Verbot der tierquälerischen Baujagd» ein. Der Bundesrat beantragte im Mai 2023 die Ablehnung: Die 2012 angepasste Jagdverordnung verhindere eine «ungerechtfertigte Belastung» von Füchsen und Jagdhunden, und die Wahl der Jagdmethoden sei Sache der Kantone. Der Nationalrat behandelte den Vorstoss nie; im März 2025 wurde er unbehandelt abgeschrieben. Die Motion war nicht das erste Bundesgeschäft zu diesem Thema: Bereits 2002 reichte Ständerätin Christine Beerli die Motion 02.3737 «Verbot der Baujagd und Verbesserungen bei der Nachsuche» ein. Das zeigt: Die Baujagd-Debatte ist nicht neu. Sie wird wiederkehrend politisch adressiert, und es braucht anhaltenden zivilgesellschaftlichen Druck, damit sie auch auf Bundesebene zu einem verbindlichen Ergebnis führt.
Kantone mit jagdfreundlichen Regierungen können Baujagd über Ausnahmen und Vollzugslücken de facto erhalten, solange es kein Bundesrecht gibt, das klare Mindeststandards setzt. Die gescheiterte Motion 23.3303 zeigt deshalb, wo der Hebel liegt: Solange der Bundesrat die Baujagd als ausreichend geregelt betrachtet, braucht es einen neuen Vorstoss und anhaltenden Druck aus den Kantonen für ein Verbot ohne Hintertüren.
Mehr dazu: Verbot tierquälerischer Fallen- und Lockjagd (Mustervorstoss) und Aktiv werden gegen die Hobby-Jagd
JagdSchweiz-Argumente und ihre Widerlegung
«Baujagd ist nötig für Biodiversität.» JagdSchweiz argumentiert, Baujagd trage zur Regulierung von Prädatoren bei, die angeblich Bodenbrüter gefährden. Dieses Narrativ ignoriert, dass die Hauptursachen für Artenrückgänge (Lebensraumverlust, intensiver Landbau, Pestizide, Lichtverschmutzung) durch Baujagd nicht angegangen werden. «Biodiversität» wird als Etikett auf eine tierschutzproblematische Praxis geklebt, deren Wirkung auf Vogelbestände weder belegt noch quantifiziert ist. Der Berner Regierungsrat hält ausdrücklich fest: «Eine dauerhafte regulierende Wirkung auf den Fuchs- resp. Dachsbestand kann nicht belegt werden.»
«Es kommt kaum zu Kämpfen.» Selbst wo kein direkter Kampf stattfindet, ist die Methode strukturell riskant: Hund und Wildtier in einem minimalen Raum, ohne Ausweichmöglichkeit. Stress, Panik und Angst entstehen auch ohne direkten Kontakt. Und: Was tatsächlich im Bau passiert, ist nie öffentlich kontrollierbar. Weder die Behauptung «kaum Kämpfe» noch das Gegenteil lässt sich unabhängig überprüfen. Genau das ist das Problem.
«Das ist Tradition.» Tradition ist keine Rechtfertigung für Tierleid. Hahnenkämpfe, Bärenhetzen und Stierkampf sind ebenfalls alte Traditionen. Moderne Gesellschaften haben sie verboten, weil Tierschutz und gesellschaftliche Werte sich weiterentwickelt haben. Mehrere Schweizer Kantone haben diesen Schritt für Baujagd bereits vollzogen. Das ist kein Angriff auf Tradition, es ist gesellschaftliche Reife.
Forderungen der IG Wild beim Wild
- Schweizweites Verbot der Baujagd ohne Schlupflöcher: Ausnahmen sind nur möglich bei dokumentierter, schwerwiegender Notlage, unter Bewilligung einer unabhängigen Behörde und mit obligatorischer Erfolgskontrolle, nicht als Standardinstrument der Jagd.
- Verbot von Schliefanlagen: Jede Ausbildung, bei der Wildtiere als Trainingsobjekte eingesetzt werden, ist tierschutzrechtlich nicht tolerierbar. Das gilt auch für Wildschweingatter, Übungsgatter und vergleichbare Anlagen.
- Transparenzpflicht: Öffentliche Statistik zu Baujagd-Einsätzen, erteilten Ausnahmebewilligungen, Zwischenfällen, verletzten Hunden und Wildtieren sowie Nachkontrollen.
- Unabhängige Aufsicht: Kontrolle durch Stellen, die nicht jagdnah organisiert sind und keine strukturellen Interessenkonflikte mit der Jagdlobby haben.
Was du tun kannst
- Dokumentieren: Hinweise auf Baujagd-Einsätze oder Schliefanlagen in deiner Region mit Ort, Datum, Fotos und Beschilderung festhalten und melden.
- Kanton anschreiben: Klare Regeln fordern: kein «Verbot mit weichen Ausnahmen», sondern verbindliche Bedingungen, harte Kriterien und unabhängige Kontrolle.
- Politisches Monitoring: Nach der Abschreibung der Motion 23.3303 braucht es einen neuen Vorstoss auf Bundesebene: Nationalrätinnen und Nationalräte direkt darauf ansprechen.
- Dossier teilen: Damit Baujagd nicht im Dunkeln bleibt, wortwörtlich.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Baujagd: legale Tierquälerei im Namen der Jagdtradition
- Was ist die Baujagd und warum ist sie umstritten?
- Niederjagd 2026: Was Graubünden, Tessin und Wallis zum Abschuss freigeben
- Verbot tierquälerischer Fallen- und Lockjagd (Mustervorstoss)
- Argumentarium gegen Hobby-Jäger
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- Bleimunition: Toxisches Erbe der Hobby-Jagd
- Hochjagd Schweiz: Traditionsritual und Stresstest
- Schweinepest als Rechtfertigung der Hobby-Jagd
- Jagdunfälle in der Schweiz
- Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht
- Jagd und Waffen
- Treibjagd in der Schweiz
- Ansitzjagd: Warten, Technik und Risiken
- Baujagd
- Fallenjagd
- Passjagd
- Sonderjagd in Graubünden
- Jagdstatistik Schweiz 2025: Was die Zahlen des Bundes zeigen
- Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz: Systematische Straflosigkeit und die Grenzen der Selbstkontrolle
Unser Anspruch
Baujagd ist eine Jagdform, die im Verborgenen stattfindet, unter der Erde, ausserhalb jeder Kontrollmöglichkeit. Genau deshalb konnte sie so lange bestehen: Was niemand sieht, kritisiert niemand. Das Rechtsgutachten von Tier im Recht hat klargestellt, was diese Methode juristisch bedeutet. Mehrere Kantone haben daraus die richtigen Schlüsse gezogen. Was noch fehlt, ist ein lückenloses Bundesverbot ohne Ausnahmen, die das Verbot im Vollzug aushöhlen.
IG Wild beim Wild dokumentiert den Stand der Debatte, die kantonale Rechtslage und die Argumente der Jagdlobby, damit politische Akteure, Medien und die Öffentlichkeit auf einer soliden Faktenbasis entscheiden können. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue kantonale Entscheide, parlamentarische Vorstösse oder Gerichtsurteile es erfordern.
Call to Action: Du kennst Hinweise auf Baujagd-Einsätze oder Schliefanlagen in deiner Region? Melde sie mit Datum, Ort und Fotos: wildbeimwild.com/kontakt
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.






