Der Wandel der Jagd: Von Lebensaufgabe zu Freizeitvergnügen
Die Jagd verändert sich. Als Symbol für Status und Rückzug wird sie heute zunehmend als Freizeitbeschäftigung betrachtet, bei der man sich lieber gelegentlich einladen, als selbst zu investieren und zu hegen.
Früher standen viele Hobby-Jäger auf Wartelisten, um ein Revier zu erwerben.
Es war nicht nur ein Rückzugsort, sondern auch ein Hobby, das man mit den Enkeln teilen und Freunde zur Hobby-Jagd einladen konnte. Viele Vorkommnisse und wissenschaftliche Erkenntnisse in den vergangenen Jahren haben den Glanz dieser blutigen Tradition stark getrübt.
Immer mehr junge Menschen sehen in den Revieren nicht mehr das, was ihre Eltern, Grosseltern und Generationen davor hatten.
Die Umfrage von Werner Beutelmeyer, Jagdexperte und Vorstand des Marktforschungsinstituts Market in Österreich, zeigt den Wandel deutlich. Während 2011 noch 42 % der heimischen Hobby-Jägerschaft die Hobby-Jagd als Lebensaufgabe betrachteten, waren es im Herbst 2024 lediglich 14 %. Mehr zur Psychologie der Hobby-Jagd.
Lebensstil und Statussymbol
Heute wird die Hobby-Jagd hauptsächlich als Freizeitbeschäftigung betrachtet, was zu einem geringeren Engagement der Hobby-Jäger führt. Beutelmeyer spricht von einer «Veroberflächlichung der Jagd».
Jetzt ist die Hobby-Jagd mehr ein Statussymbol, man wird eher eingeladen, statt selbst eine Jagd zu pachten oder zu kaufen. Bei den Jüngeren ist die Euphorie einfach weg, sie wollen wohl nur noch Action mit der Schusswaffe.
Zum einen gebe es überraschend viele unter 30-Jährige, die bis nach Afrika fliegen, um Tiere zu schiessen. Und dann sei da noch eine andere grosse Gruppe, die völlig andere Werte hat.
Infolgedessen hat die «Einladungsjagd» stark an Bedeutung gewonnen. Während 2011 37 % der Hobby-Jäger Freunde zur Hobby-Jagd einluden, ist es inzwischen die Mehrheit mit 51 %. Dagegen hat die Mitarbeit in Genossenschaftsjagden stark abgenommen, von 69 % im Jahr 2011 auf 34 % im Jahr 2024.
Aktueller Trend: Wissensverlust und weniger Engagement
Die Hobby-Jagd wird schwieriger. Diese Entwicklung wird auch von den Hobby-Jägern selbst verstärkt. Der freizeitorientierte Zugang zur Hobby-Jagd führt dazu, dass das Jagdwissen abnimmt. Die künftigen Hobby-Jäger sind in vielen Themen weniger informiert als die aktuellen. Besonders stark dürften die Wissenslücken in der Jagdkultur und im handwerklichen Bereich sein. Die Hobby-Jäger der Zukunft haben weniger Zeit für die Hobby-Jagd und könnten deshalb auf illegale Jagdmittel zurückgreifen. Zum Beispiel hat die Nutzung von Nachtsichtgeräten und anderen technischen Hilfsmitteln zugenommen. Die Unterstützung für die Hobby-Jagd nimmt ab und könnte bald zum Nachteil für die Hobby-Jägerschaft werden. Mehr zu Kriminalität im Umfeld der Hobby-Jagd.
Auf die Frage, ob sie die Hobby-Jagd als «Lebensaufgabe» sehen, zeigen die Hobby-Jäger zunehmend, dass sie sie als Freizeitbeschäftigung betrachten. Dies führt zu einem geringeren Engagement in der Hobby-Jagd.
Die Traditionen und das Handwerk der Hobby-Jagd verlieren noch mehr an Bedeutung. Der Nachsuche wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt, und auch das Konzept der Weidgerechtigkeit – die Fähigkeit, verantwortungsvoll zu jagen – wird weniger wichtig.
Aktuell wünschen sich viele Hobby-Jäger eine verstärkte Nutzung der Nachtjagd und der Bogenjagd. Wie Studien belegen, scheitert die Hobby-Jagd als Populationskontrolle.
Zusammengefasst könnte man laut Beutelmeyer sagen: Das derzeitige Jagdsystem produziert Jagdscheinbesitzer, aber wenig echte Hobby-Jäger. Das Handwerk und die Artenkenntnis gehen verloren, und die Hobby-Jagd wird noch barbarischer.
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.
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