Stadttauben: Basel stimmt ab, Zürich tötet, Bern macht es vor
Während Bern seine Stadttauben seit Jahren erfolgreich betreut und Zürich sie weiterhin tötet, entscheidet Basel am 14. Juni an der Urne, welchen Weg die Stadt künftig einschlägt.
Im April ging ein Video vom Zürcher Stadelhofenplatz durch die sozialen Medien: Wildhüterinnen und Wildhüter fingen Stadttauben ein und töteten sie unter einer Abdeckung.
Die Empörung war gross, eine Kundgebung und ein Vorstoss im Gemeinderat folgten. Der Vorfall legt einen Widerspruch offen, der quer durch die Schweiz reicht. In Bern werden dieselben Vögel gepflegt, in Zürich getötet, in Basel zum Politikum. Jede Stadt macht, was sie will, und die Tiere tragen die Folgen.
Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern verwilderte Haustauben
Der Ausgangspunkt der ganzen Debatte wird selten ausgesprochen: Die Stadttaube ist kein Wildtier. Sie stammt von der Felsentaube ab, die der Mensch seit über 7’000 Jahren züchtet, als Botin, als Nahrungslieferantin, als Friedenssymbol. Heutige Stadttauben sind verwilderte Haustauben, ausgesetzte oder entflogene Nachkommen von Zucht- und Brieftauben. Wer ein Tier domestiziert und dann sich selbst überlässt, trägt Verantwortung für dessen Schicksal. Genau diese Verantwortung wird umgedeutet, sobald die Tiere lästig werden: Aus dem heimatlosen Haustier wird über Nacht ein «Schädling», den man bekämpfen darf. In der Schweiz gilt die verwilderte Haustaube sogar als ganzjährig jagdbar. Ein domestiziertes Tier mit den Mitteln der Jagd zu «regulieren», ist kein Wildtiermanagement, sondern ein Denkfehler mit Tradition.
Töten senkt den Bestand nicht
Der Reflex, das Problem mit Abschuss und Fang zu lösen, scheitert an der Biologie. Tauben brüten fast das ganze Jahr, und wo Tiere entnommen werden, rücken über das frei werdende Nahrungsangebot rasch neue nach. Zürich führt das vor: Trotz wiederholter Tötungen leben in der Stadt rund 16’000 Tauben, die jährlich etwa 80 Tonnen Kot hinterlassen. Auch Basel tötet bereits heute 200 bis 300 Tiere pro Jahr, ohne dass der geschätzte Bestand von rund 8’000 Tauben sinkt. Was zählt, ist nicht die Zahl der getöteten Tiere, sondern die Menge an verfügbarem Futter. Genau hier setzen die erfolgreichen Modelle an.
Bern und Luzern zeigen, was funktioniert
Bern betreut seine Stadttauben seit 2011 über den Tierpark: betreute Schläge mit sauberen Nistplätzen, Eier werden durch Attrappen ersetzt, männliche Tiere sterilisiert. Der Bestand sank von rund 10’000 in den 80er- und 90er-Jahren auf stabile 1’500 Tiere. Luzern arbeitet seit 2001 ähnlich und kam von rund 7’000 auf etwa 2’500 Tauben, mit der zentralen Massnahme, das Füttern konsequent einzudämmen. Entscheidend ist die Kombination: Taubenschläge wirken nur, wenn ein grosser Teil der Tiere dort brütet und das wilde Füttern gleichzeitig unterbunden wird. Fehlt das Fütterungsregime, verpufft der Effekt, weil die Tauben draussen weiterbrüten.
Belgien zeigt: Verhütung wirkt, ganz ohne Tötung
Am weitesten ist man in Belgien. In der Brüsseler Gemeinde Ixelles geben seit 2021 automatische Futterautomaten mit Nicarbazin behandelte Maiskörner aus, dem einzigen in Europa für Tauben zugelassenen Verhütungsmittel; der Wirkstoff senkt die Eiproduktion, ohne ein einziges Tier zu töten. Nach rund drei Jahren lag der Bestand etwa 40 Prozent tiefer. Die Stadt Brüssel baut ihre Verhütungsautomaten seither aus, und im benachbarten Zaventem sank die Zahl der Tauben nach dem Start im April 2024 innert sieben Monaten um zehn Prozent. Auch Barcelona steuert seinen Bestand seit 2016 über Verhütungsfutter, schonend für die Tauben wie für andere Vogelarten.
Bemerkenswert sind die Kosten: Eine einzelne Anlage kostet in Brüssel rund 7’400 Euro pro Jahr, inklusive Futter, Wartung und Beobachtung, und damit weit weniger, als die Beseitigung von Taubenkot verschlingt. Die Methode hat allerdings eine Bedingung, sie muss dauerhaft laufen. Ixelles stoppte das erfolgreiche Programm 2025 aus Kostengründen, und schon nach wenigen Monaten meldeten Tierschutzorganisationen wieder deutlich mehr Tauben. Die Lehre ist eindeutig: Nicht Schrot senkt Taubenbestände, sondern Geduld und politischer Wille. Wer Verhütung mit betreuten Schlägen kombiniert, setzt dort an, wo das Problem entsteht, bei der Fortpflanzung, statt es mit jeder Tötung neu zu erzeugen.
Was in Basel auf dem Spiel steht
Die Stadttauben-Initiative fordert mindestens einen Taubenschlag pro Quartier, ein striktes Fütterungsverbot ausserhalb der Schläge sowie eine Tötung nur noch bei kranken oder verletzten Tieren; die Population soll allein über den Eiertausch gesteuert werden. Damit greift sie genau jene Kombination auf, die in Bern und Luzern funktioniert. Der Kanton hält die geforderte Zahl an Schlägen für zu teuer und setzt im Gegenvorschlag auf ein Pilotprojekt mit fünf Schlägen über vier Jahre, bei weiterhin erlaubter Tötung. Das Komitee befürchtet, der absichtlich klein gehaltene Versuch werde nach vier Jahren als gescheitert dargestellt. Heikel ist auch das Tierschutzrecht: Ein Fütterungsverbot ohne genügend Schläge kommt einem Verhungernlassen gleich und ist mit dem Tierschutzgesetz kaum vereinbar. Wer das Füttern verbietet, muss den Tieren zugleich einen kontrollierten Futter- und Nistplatz bieten. Am 14. Juni entscheidet das Basler Stimmvolk, ob die Stadt dem Berner Vorbild folgt oder beim Zürcher Reflex bleibt.
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