Sizilien: Gericht stoppt die Hobby-Jagd auf der ganzen Insel
Das Verwaltungsgericht in Palermo hebt den Jagdkalender 2026/27 auf, weil der Wild- und Jagdplan der Region seit 2018 abgelaufen ist.
Ländliches Sizilien mit dem Ätna. Foto: Giuseppe Famiani / Unsplash
Waffenstillstand
Auf Sizilien ruhen die Gewehre. Die dritte Sektion des Verwaltungsgerichts der Region Sizilien (TAR) in Palermo hat mit Urteil Nr. 2953/2026 vom 30. Oktober 2026 den Jagdkalender 2026/27 vollständig aufgehoben. Der Grund: Der regionale Wild- und Jagdplan stammt von 2013 und ist seit 2018 abgelaufen. Das Gericht hält ausdrücklich fest, dass die Aufhebung die Hobby-Jagd auf der ganzen Insel faktisch verunmöglicht, mitten in der laufenden Saison.
Hinter der Klage steht das Komitee gegen den Vogelmord (CABS) aus Bonn: Es hat das Verfahren angestossen und finanziert. Formell eingereicht haben die Klage seine italienischen Partner, die Federazione Nazionale Pro Natura und die LEAL (Lega Antivivisezionista). Aufgehoben ist das Dekret Nr. 129/GAB vom 21. Mai 2026, unterzeichnet vom regionalen Landwirtschaftsassessor Luca Sammartino (Lega). Die Region muss zudem die Prozesskosten tragen, laut MessinaToday 4’000 Euro.
Ein Wild- und Jagdplan aus dem Jahr 2013
Der Kern des Urteils ist so einfach wie entlarvend. Ein Jagdkalender muss sich auf den regionalen Wild- und Jagdplan stützen, den «Piano faunistico-venatorio». Dieser enthält die wissenschaftliche Grundlage: Bestände, Verbreitung und Zustand der Wildtierarten. Siziliens letzter Plan galt für die Jahre 2013 bis 2018. Obwohl das Recht eine Überprüfung alle fünf Jahre vorschreibt, wurde er nie neu bewertet.
Für das Gericht reichte dieser eine Mangel. Der erste Klagepunkt mache bereits den ganzen Kalender rechtswidrig, eine Prüfung der weiteren Rügen sei überflüssig. Die Anwälte der Kläger, Luca D’Agostino, Aurora Rosaria Loprete und Mariachiara Giovinazzo, sprechen von einem schweren Mangel bei der Abklärung und einem Verstoss gegen das Vorsorgeprinzip. Das Urteil stelle den Vorrang des Umwelt- und Biodiversitätsschutzes vor der Hobby-Jagd wieder her, im Sinne von Artikel 9 der italienischen Verfassung.
Mit anderen Worten: Die Region hat acht Jahre lang Abschüsse erlaubt, ohne aktuell zu wissen, wie es den nichtmenschlichen Tieren geht, die geschossen werden.
Das Hin und Her seit dem Sommer
Das Urteil hat eine Vorgeschichte. Bereits am 29. Juli 2026 hatte das TAR den Kalender mit der Verfügung Nr. 481 vorsorglich ausgesetzt und die Hauptverhandlung auf den 20. Oktober angesetzt. Sammartino zog daraufhin vor das Berufungsgericht und verkündete auf Facebook, er kämpfe weiter für das Recht der sizilianischen Hobby-Jäger. Der WWF Sizilien hielt ihm vor, er benehme sich wie der Vertreter eines Jagdverbands, statt die Wildtiere als Gemeingut zu schützen.
Am 4. September setzte der Consiglio di Giustizia Amministrativa (CGA) den Kalender mit der Verfügung Nr. 296/2026 wieder in Kraft, mit einer Ausnahme: Die Turteltaube blieb in der Vorsaison geschützt. Sammartino feierte das als Bestätigung seiner Arbeit. Das Hauptverfahren hat ihm nun das Gegenteil bescheinigt.
Hobby-Jäger-Lobby ruft nach der Region
Die Reaktionen aus der Jägerschaft folgten prompt. Das Hobby-Jäger-Portal IoCaccio titelte, am Ende bezahle «immer der gute Jäger». Eine Hobby-Jäger-Vereinigung aus Reggio Calabria bekundete den sizilianischen Hobby-Jägern ihre «Solidarität» und regte einen Weiterzug an den CGA an. Ins Feld geführt werden dabei nicht etwa die Wildtiere, sondern die wirtschaftlichen Folgen für Händler, Vereine und Dörfer.
Bemerkenswert ist, was die Vereinigung selbst einräumt: Ein Weiterzug würde die Hobby-Jagd nicht automatisch wieder öffnen, dafür bräuchte es eine eigene richterliche Anordnung. Und eine blosse administrative Verlängerung des alten Plans würde laut ihrer Stellungnahme nicht genügen. Nötig seien neue Bestandserhebungen, Umweltprüfungen und die vorgeschriebenen Anhörungen. Genau das, was die Region acht Jahre lang versäumt hat.
Warum das Urteil auch die Schweiz betrifft
Sizilien liegt auf einer der wichtigsten Zugrouten zwischen Afrika und Europa. Viele Zugvögel, die in Mitteleuropa brüten, ziehen im Frühling und Herbst über die Insel. Dazu gehört die Turteltaube, die in der Schweiz stark gefährdet ist und im Mittelmeerraum weiterhin geschossen wird. Jede Turteltaube, die auf dem Zug geschossen wird, kann im Frühling an ihrem Brutplatz fehlen, auch in der Schweiz. Wie Europa mit dieser Art umgeht, zeigt auch der Blick nach Spanien, wo die Hobby-Jagd auf die Turteltaube seit 2025 wieder erlaubt ist.
Das Urteil passt in eine Reihe von Gerichtsentscheiden, die in Europa die Jagdpolitik korrigieren. In Frankreich hat der Conseil d’État dafür gesorgt, dass Alpenschneehuhn und Auerhuhn seit September streng geschützt sind, und in den Hautes-Alpes hat ein Verwaltungsgericht behördliche Fuchs-Abschüsse ausgesetzt. In Italien selbst soll mit der Reform C.2984 der Wildtierschutz gelockert werden, obwohl laut einer Umfrage nur 3 Prozent der Bevölkerung die Hobby-Jagd fördern wollen.
Einordnung: Hobby-Jagd ohne Datengrundlage
Das Urteil von Palermo legt offen, was die Hobby-Jagd überall gerne verdeckt: Sie beruft sich auf «Wildtiermanagement», kommt aber jahrelang ohne aktuelle Zahlen aus, solange niemand klagt. Eine Region, die Hobby-Jägern acht Jahre lang Abschüsse erlaubt, ohne zu wissen, wie viele Turteltauben, Wildkaninchen oder Waldschnepfen es noch gibt, betreibt kein Management, sondern bedient eine Klientel.
Dass die Hobby-Jäger-Verbände nun Umsatzeinbussen beklagen, statt die fehlende Datengrundlage, sagt viel über ihre Prioritäten. Den Wildtieren auf Sizilien verschafft das Urteil zumindest eine Pause, bis die Region nachholt, was sie acht Jahre lang versäumt hat.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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