Rehkitzrettung in der Schweiz: Wer rettet die Kitze, und wer erschiesst sie?
Was viele nicht wissen: Schweizer Hobby-Jäger erschiessen jedes Jahr über 10'000 Rehkitze. Auf Bundesebene gilt für das Reh nur eine Minimalschonzeit vom 1. Februar bis zum 30. April.
Derselbe Hobby-Jäger, der im Frühling ein Rehkitz vor dem Mähtod bewahrt, nimmt im Herbst die Kitze desselben Jahrgangs ins Visier.
Kitze gelten als leichter zu erlegen und sind bei Hobby-Jägern beliebter als ältere Tiere, auch wegen ihres als besonders zart geltenden Fleisches.
Damit stellt sich eine Frage, die in den jährlichen Jubelmeldungen zur Rehkitzrettung selten gestellt wird: Wer rettet die Kitze eigentlich, und wer erschiesst sie?
Wer die Rehkitze wirklich rettet
Im Frühling häufen sich die Bilder von geretteten Kitzen, und fast immer wird die Jägerschaft als Heldin präsentiert. Die nüchterne Realität ist eine andere. Getragen wird die Rettung vom Verein «Rehkitzrettung Schweiz», der aus einem Forschungsprojekt der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL hervorgegangen ist. Es handelt sich um einen ehrenamtlichen Verein mit mehreren hundert freiwilligen Drohnenpilotinnen und -piloten, von denen die wenigsten einen Jagdschein besitzen.
Hinzu kommen die Bäuerinnen und Bauern, die ihre Mähtermine melden, sowie der Schweizer Tierschutz STS, der die Rettung seit 2023 mit einer eigenen Drohnenflotte unterstützt. In der Saison 2025 wurden so über 6400 Rehkitze gesichert, im Einsatz waren 722 Teams, die mehr als 62 000 Hektar absuchten. Die treibende Kraft ist also nicht die Hobby-Jagd, sondern ein Bündnis aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Freiwilligen und Tierschutz.
Hobby-Jäger sind dennoch eingebunden, allerdings vor allem aus rechtlichen Gründen: Freilebendes Wild darf nicht von beliebigen Personen angefasst und verbracht werden, weshalb regional fast immer ein ausgebildeter Jäger Teil des Teams ist. Sein Anteil an der eigentlichen Suche und Rettung schwankt von Region zu Region stark. Die Rehkitzrettung als Verdienst der Jägerschaft zu verkaufen, ist deshalb eine geschickte, aber irreführende Erzählung.
Der Mähtod trifft nicht nur Rehkitze
Die Frühjahrsmahd ist für weit mehr Tiere tödlich als nur für Rehkitze. Auch Feldhasen, Bodenbrüter wie Feldlerche und Kiebitz, Amphibien und Igel werden von den Mähwerken erfasst, getötet oder verstümmelt. Die Rehkitzrettung ist also nur der sichtbarste Teil eines weit grösseren Problems.
Wer dabei meint, der Mähtod sei rechtlich folgenlos, irrt. Nach Angaben der Stiftung für das Tier im Recht kann sich ein Landwirt der Tierquälerei strafbar machen, wenn durch das Mähwerk Wirbeltiere getötet oder verstümmelt werden. Das Tierschutzgesetz sieht dafür Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe vor. Entscheidend ist, ob zuvor alle zumutbaren Schutzmassnahmen getroffen wurden: Wer das Feld am Vorabend absuchen lässt oder verblendet und es kommt dennoch zum Unfall, ist nicht strafbar. Wer einfach drauflosmäht, riskiert hingegen eine Strafe.
Pikant ist, dass sich die Rollen überschneiden. Nicht wenige Landwirte sind selbst Hobby-Jäger. Der Mäher, der Retter und der Schütze können also ein und dieselbe Person sein.
Was die Bundesstatistik zeigt
Die Eidgenössische Jagdstatistik des Bundesamts für Umwelt BAFU spricht eine deutliche Sprache. In den Jahren 2015 bis 2024 lag der gesamtschweizerische Rehabschuss stabil bei rund 42’000 bis 44’000 Tieren pro Jahr. Davon entfielen jeweils etwa 18’000 bis 19’000 auf erwachsene Böcke und rund 14’000 auf erwachsene Geissen. Auf die Jungtiere im ersten Lebensjahr, in der Statistik als Bockkitz und Geisskitz geführt, entfielen zusammen über 10’000 Tiere pro Jahr. In neun der zehn erfassten Jahre lag der Kitzabschuss über 10’000, einzig 2024 fiel mit 9’520 knapp darunter. Der Zehnjahresschnitt beträgt rund 10’300 erschossene Kitze, der Höchstwert stammt aus dem Jahr 2017 mit 10’818 Tieren.
Erschossene Rehe in der Schweiz nach Altersklassen, 2015 bis 2024
| Jahr | Bockkitz | Geisskitz | Kitze gesamt | Reh gesamt |
|---|---|---|---|---|
| 2015 | 4’808 | 5’455 | 10’271 | 42’366 |
| 2016 | 4’774 | 5’434 | 10’233 | 43’399 |
| 2017 | 5’183 | 5’607 | 10’818 | 44’124 |
| 2018 | 5’150 | 5’570 | 10’784 | 42’389 |
| 2019 | 4’609 | 5’396 | 10’038 | 42’381 |
| 2020 | 4’734 | 5’455 | 10’212 | 42’969 |
| 2021 | 4’676 | 5’537 | 10’253 | 43’166 |
| 2022 | 4’919 | 5’607 | 10’602 | 42’722 |
| 2023 | 4’574 | 5’527 | 10’182 | 43’545 |
| 2024 | 4’256 | 5’201 | 9’520 | 42’404 |
Kitze gesamt umfasst Bockkitze, Geisskitze sowie eine kleine, nicht nach Geschlecht erfasste Kategorie Kitz. Quelle: BAFU, Sektion Wildtiere und Artenförderung, Eidgenössische Jagdstatistik.
Mit anderen Worten: Während Freiwillige im Frühling über 6’000 Kitze vor dem Mähwerk retten, erschiessen Hobby-Jäger im Herbst über 10’000 Kitze. Die Quelle ist nicht eine Schätzung, sondern die amtliche Jagdstatistik des Bundes.
Der Widerspruch im Jahreslauf
Möglich macht dies das Jagdgesetz. Es legt für das Reh nur eine Mindestschonzeit vom 1. Februar bis zum 30. April fest. Die Kantone dürfen diese Schonzeit verlängern, aber nicht verkürzen. In den meisten Kantonen sind Rehgeissen und Rehkitze erst ab dem Herbst jagdbar, je nach Kanton ab Oktober oder November. Genau dann, wenn die im Mai und Juni geretteten Kitze herangewachsen sind, beginnt die Hobby-Jagd auf eben diese Altersklasse.
So schliesst sich der Kreis: Derselbe Hobby-Jäger, der im Frühling als Retter auftritt, kann im Herbst legal auf die Kitze desselben Jahrgangs anlegen. Begründet wird der Kitzabschuss von der Jagdseite mit Bestandsregulierung und Waldschutz. Doch wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass die Verjüngung des Waldes vor allem von der Qualität des Lebensraums und einer grossräumigen Planung abhängt, nicht von möglichst hohen Abschusszahlen. Eine ausführliche Einordnung dazu bietet das Dossier «Reh Schweiz: Meistgeschossenes Wildtier der Hobby-Jagd».
Dass Kitze besonders begehrt sind, hat auch handfeste Gründe. Ihr Fleisch gilt als besonders zart, und ein junges, unerfahrenes Tier ist leichter zu erlegen als ein älteres. Nach einem Aufruf, der Tarzisius Caviezel im «Bündner Jäger» zugeschrieben wird und den Wild beim Wild dokumentiert hat, wird der Kitzabschuss in Jägerkreisen denn auch offen mit dem zarten Fleisch beworben. Caviezel war bis Mai 2026 Zentralpräsident des Bündner Kantonalen Patentschläger-Verbands und sitzt im Vorstand des nationalen Dachverbands Jagd Schweiz, wo er das Ressort Kommunikation betreut. Wer den Widerspruch zwischen Rettung und Abschuss vertiefen will, findet im Beitrag über Caviezels Rückzug weiteren Hintergrund.
Die Natur reguliert längst selbst
Die Jagdseite rechtfertigt den Kitzabschuss mit der Notwendigkeit, den Rehbestand zu regulieren. Doch ausgerechnet diese Begründung hält der Wirklichkeit kaum stand, denn die stärkste natürliche Bremse für den Rehbestand ist der Fuchs.
Für das Berner Mittelland wird geschätzt, dass ein einzelner Fuchs in den Monaten Mai bis Juli durchschnittlich rund elf Kitze schlägt. In den ersten Lebenswochen, wenn die Jungtiere wehrlos im Gras liegen, zählen Beutegreifer wie der Fuchs zu den häufigsten Todesursachen. Wie stark dieser Einfluss ist, zeigte sich in Skandinavien: Als die Räude die Fuchspopulation einbrechen liess, stieg die Zahl der Kitze, die eine Ricke im Herbst führte, um 30 Prozent, der Rehbestand insgesamt um 64 Prozent.
Daraus folgt ein doppelter Widerspruch. Erstens reguliert die Natur den Rehbestand bereits in erheblichem Mass, ganz ohne Flinte. Die jährlich über 10’000 erschossenen Kitze kommen nicht anstelle dieser natürlichen Sterblichkeit, sondern obendrauf. Zweitens bekämpft dieselbe Hobby-Jagd, die sich auf die Regulierung beruft, mit Bau- und Fallenjagd genau jenen Beutegreifer, der diese Regulierung kostenlos besorgt. Wer den Regulierer verfolgt und anschliessend selbst zur Waffe greift, betreibt keine Bestandspflege, sondern greift gleich zweifach in ein Gefüge ein, das sich von selbst im Gleichgewicht hält.
Zwei Zahlen, die man nicht verwechseln darf
Zur Einordnung gehören zwei unterschiedliche Grössen, die zufällig ähnlich hoch sind. Die eine: Wildtier Schweiz schätzt, dass jedes Jahr rund 10’000 Rehkitze von Mähmaschinen getötet werden. Genau dagegen kämpfen die Rettungsteams an. Die andere: Laut der amtlichen Bundesstatistik werden zusätzlich über 10’000 Kitze pro Jahr erschossen. Die erste Zahl ist eine Schätzung zum Mähtod, die zweite eine harte Streckenzahl aus der Jagdstatistik. Beide stimmen, beschreiben aber zwei verschiedene Todesursachen.
Eine Frage des Standpunkts
Ob im Frühlingsretten und im Herbstschiessen ein Widerspruch liegt, hängt letztlich von der Haltung zur Hobby-Jagd ab. Wer die Tötung gesunder Wildtiere zur Freizeitgestaltung grundsätzlich ablehnt, sieht eine moralische Schieflage. Wer regulierte Bejagung akzeptiert, hält beides für vereinbar.
Faktenfest bleibt unabhängig davon: Die Rehkitzrettung ist kein Verdienst der Hobby-Jagd. Sie wird von Bäuerinnen und Bauern, freiwilligen Drohnenpilotinnen und -piloten sowie von Tierschutzorganisationen getragen. Und während diese im Mai jedes Kitz einzeln aus dem Gras tragen, fallen im Herbst über 10’000 Kitze der Kugel zum Opfer. Mehr zu den Rechten der Wildtiere und zur Kritik an der Hobby-Jagd findet sich in unserem Bereich Tierrechte.
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