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Graubünden: 344 Luchsnachweise, ein Bär und erste Goldschakale

Der Quartalsbericht Grossraubtiere 3/2026 zeigt eine ganze Gilde von Beutegreifern, über die im Kanton kaum jemand spricht, weil alle nur vom Wolf reden.

Redaktion Wild beim Wild · 29. Oktober 2026
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«Heimkehr»

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Das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden hat am 28. Oktober 2026 den «Quartalsbericht Grossraubtiere» 3/2026 aufgeschaltet: Neben 19 Wolfsrudeln verzeichnet er für Juli bis September 344 bestätigte Luchsnachweise, 34 Bärennachweise mit dem genetisch identifizierten Bären M104 und vier Hinweise auf Goldschakale.

Was der Bericht zum Wolf sagt

Per 30. September beziffert das Amt den Wolfsbestand «rechnerisch» auf 16,5 Rudel: 14 Rudel leben ausschliesslich im Kanton, fünf grenzüberschreitende zählen je als halbes Rudel, insgesamt sind 19 Rudel ganz oder teilweise präsent. Zu Abgängen, Abschüssen und Nutztierrissen verweist der Bericht auf das monatliche «Monitoring Wolfsmanagement». Die «Engadiner Post» fasst diese Zahlen am 28. Oktober zusammen: 88 bestätigte Welpen, 17 bis Ende September getötete Wölfe, 122 gerissene Schafe und Ziegen sowie sechs Stück Grossvieh. Was das für die laufende Regulierung bedeutet, dokumentiert Wild beim Wild im Wolfsabschuss-Zähler und im Graubünden-Ticker; dort steht auch, dass der Bericht eine Abschussverfügung gegen einen Wolf bei Lantsch/Lenz erst Wochen nach der Verfügung öffentlich begründet.

Dieser Beitrag widmet sich den drei Kapiteln, die in der Berichterstattung regelmässig untergehen: Luchs, Bär und Goldschakal.

344 Luchsnachweise in einem Quartal

Im dritten Quartal zählte der Kanton 344 bestätigte Luchsnachweise, 37 davon mit Jungtieren; Doppelbeobachtungen derselben Jungtiere sind laut Amt möglich. Zusammen mit den 513 Nachweisen des ersten und den 311 des zweiten Quartals sind es 1’168 bestätigte Nachweise in neun Monaten.

Wichtig für die Einordnung: Nachweise sind keine Tiere. Ein Luchs, der dreimal vor eine Fotofalle läuft, erzeugt drei Nachweise. Wie viele Luchse tatsächlich in Graubünden leben, zeigt nur das systematische Monitoring: Der zweite Durchgang in der Surselva ergab laut Quartalsbericht 4/2025 eine Schätzung von 17 selbständigen Luchsen für dieses Referenzgebiet. Schweizweit leben rund 360 Luchse, die auf etwa 20 in den 1970er-Jahren ausgesetzte Tiere zurückgehen, mit einem entsprechend kleinen Genpool, wie das Luchs-Dossier von Wild beim Wild zeigt.

Dass Graubünden anhaltend hohe Luchsnachweise meldet, ist bemerkenswert in einem Kanton, in dem ein Wildhüter im November 2024 drei Luchse erschoss, weil er sie für Wölfe hielt, und in dem die Kompensation durch zwei Ersatzluchse auf Druck der Hobby-Jagdlobby monatelang blockiert wurde, bis der Grosse Rat im Juni 2026 den Weg freimachte; weil Luchse nur im Winter gefangen werden können, verschiebt sich die Aussetzung dadurch um ein Jahr. Die Zahlen sind zugleich eine Warnung vor dem nächsten Konflikt: Das Wallis bereitet als erster Kanton ein Luchs-Regulierungsgesuch vor, gestützt auf Bestandesangaben, die eine Studie der Universität Bern auf 37 statt 80 Tiere korrigiert hat. Werden Nachweiszahlen wie die Bündner 344 in der politischen Debatte zu «Luchsen» umgedeutet, entsteht genau das Zerrbild, das Abschussforderungen nährt.

Ein Bär, genetisch bestätigt: M104

Im dritten Quartal gingen 34 Bärennachweise ein, hauptsächlich aus den Gemeinden Zernez, Scuol und Valsot. «Gemäss aktueller Annahme» hielten sich zeitweise zwei Bären im Kanton auf, genetisch nachgewiesen ist nur das Individuum M104. Die Reihe der Quartalsberichte zeigt, wie sich das Tier im Unterengadin eingerichtet hat: 13 Hinweise im vierten Quartal 2025, als M104 erstmals genetisch identifiziert wurde, 13 im ersten Quartal 2026, 58 im zweiten und nun 34 im dritten. Von Schäden oder Konflikten ist im Bericht nicht die Rede.

Seit der Rückkehr des ersten Bären 2005 hielten sich rund zwei Dutzend Bären in der Schweiz auf, ausnahmslos junge Männchen aus dem Trentino, die meisten nur für Wochen (20 Jahre Bären in der Schweiz). Zwei von ihnen, JJ3 und M13, wurden erschossen, weil sie zu wenig Scheu zeigten. M104 verhält sich nach allem, was die amtlichen Berichte sagen, unauffällig. Ob das reicht, um ihn vor dem Etikett «Problembär» zu bewahren, entscheidet erfahrungsgemäss nicht sein Verhalten, sondern die erste geplünderte Bienenbeute.

Goldschakal: Hinweise aus acht Gemeinden in zwölf Monaten

Für das dritte Quartal nennt der Bericht zwei Sichtungen in Trun, einen Fotofallennachweis in Lumnezia und eine nicht überprüfbare Sichtung in Maienfeld. Die Hinweise häufen sich seit Mitte 2025: Rheinwald und Vals im Sommer 2025, Scuol, Valsot, Disentis/Mustér und Lumnezia im vierten Quartal 2025, Trun und Sumvitg im ersten Quartal 2026, Scuol und Vals im zweiten. Der Goldschakal ist kein Neozoon, sondern wandert natürlich aus Südosteuropa ein; in der Schweiz steht er nicht auf der Liste der jagdbaren Arten und ist damit geschützt. Wie schnell daraus trotzdem eine Jagd wird, zeigt Kärnten, wo das Landesverwaltungsgericht die Goldschakal-Jagd im März 2026 für rechtswidrig erklärte, weil das Monitoring fehlte, ein noch nicht rechtskräftiger Entscheid (Goldschakal-Dossier).

Kommentar: Eine Gilde, ein Feindbild

Der Bericht beschreibt ein Ökosystem, in dem vier Beutegreifer gleichzeitig Platz finden: Wolf, Luchs, Bär und Goldschakal. Die politische Debatte kennt nur einen. Für den Wolf hat sich der Kanton laut SRF 61 Abschüsse bewilligen lassen, obwohl die Nutztierrisse laut dem amtlichen Monitoring bis Ende September von 189 auf 128 zurückgingen, also um rund ein Drittel (Graubünden-Ticker, 6. Oktober). Der Luchs wird in Graubünden nicht reguliert, doch der Fehlabschuss von drei Tieren blieb ein Wildhüterfehler ohne Folgen für das System. Der Bär wird geduldet, solange er unsichtbar bleibt. Und beim Goldschakal werden die Fotofallenbilder gesammelt, bis die erste Interessengruppe «Problemtier» ruft.

Die Hobby-Jagd ist in diesem Gefüge kein neutraler Beobachter. Luchs und Wolf fressen Rehe, Gämsen und Hirsche, also genau jene nichtmenschlichen Tiere, auf die sich die Bündner Patentjagd konzentriert. Dass die Hobby-Jagd bei den Huftieren versagt und der Kanton 1,5 Millionen Franken für einen Zaun um 25 Hektar Schutzwald ausgibt, hat Wild beim Wild dokumentiert. Wer den Schutzwald erhalten will, braucht die Beutegreifer, die dieser Bericht zählt. Dass das Amt die Bilanz am 28. Oktober als PDF ablegt, datiert auf den 30. September, passt ins Bild: Zahlen, die das Feindbild stören, werden nicht erklärt, nur abgelegt.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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