Graubünden: Bauernverband organisiert Mahnfeuer
In der Schweiz wird der Wolf seit seiner Rückkehr in den 1990er Jahren kontrovers diskutiert. Befürworter sehen in ihm einen unverzichtbaren Teil des Ökosystems, Gegner betrachten ihn als Gefahr für Nutztiere und ländliche Traditionen. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich: Die Zahl der Wolfsrisse ist im Verhältnis zur gesamten Nutztierhaltung klein, während andere Ursachen und gesellschaftliche Widersprüche kaum thematisiert werden.
In den Bündner Alpen werden jedes Jahr viele Schafe und Ziegen vom Bauernverband gesömmert – das heisst, für mehrere Sommermonate auf Alpweiden im Hochgebirge ausgesetzt.
Dabei kommt es nicht selten vor, dass Tiere nicht heil zurückkehren oder tot aufgefunden werden. Doch: Was sind die Gründe? Und wie gross ist der Anteil der Todesfälle, die eindeutig auf Wolfsrisse zurückzuführen sind?
Die Mehrheit der verendeten Nutztiere in Graubünden stirbt kristallklar nicht durch den Wolf, sondern aufgrund von Krankheiten oder Vernachlässigung. Diese Probleme verstärken sich oft durch Stress – etwa durch lange Wege auf die Alp, unzureichende Pflege oder ungünstige Witterung.
Die Wolfsrisse sind – im Vergleich zu Millionen geschlachteter Nutztiere – zahlenmässig winzig. Bauernverbände bewirtschaften jedoch lieber den Wolf, um von ihrem eigenen Versagen abzulenken.
So auch der Bündner Heuchlerverband, der für den Freitagabend, den 26. September 2025, 20 Mahnfeuer im Kanton organisiert hat. Laut Mitteilung sollen die Feuer an jene Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde erinnern, die nicht mehr von den Alpen zurückgekehrt sind. Man wolle auf die Bedrohung der Weidewirtschaft durch Beutegreifer aufmerksam machen. Das diesjährige Hauptfeuer wird in Arosa entzündet und vom Bauernverein Plessur ausgerichtet.
Nach Angaben des Bundesamts für Statistik wurden 2022 in der Schweiz rund 84 Millionen Nutztiere geschlachtet.
Wölfe rissen im selben Jahr ein paar Hundert Weidetiere – der überwiegende Teil Schafe. Die Risse geschahen meist in Herden ohne ausreichenden Herdenschutz. Auch in Graubünden ist gut dokumentiert, dass, wo Herdenschutzmassnahmen vorhanden und korrekt umgesetzt sind, kaum Risse geschehen. Ohne Herdenschutz geht es nicht – sowohl für die Tierhalter als auch zum Schutz der Tiere.
Die IG Wild beim Wild weist seit Jahren darauf hin, dass die Hauptursachen für verendete Weidetiere Krankheiten, Abstürze und Witterung sind – nicht der Wolf. Zudem wird von der IG immer wieder betont, dass Herdenschutzmassnahmen (Schutzhunde, Zäune, Behirtung, Nachtpferche) die Zahl der Wolfsrisse deutlich senken können. Die Anzahl Risse ist nicht vom Wolfsbestand abhängig, sondern von den Herdenschutzmassnahmen.
Die IG Wild beim Wild kritisiert zudem, dass in der öffentlichen Debatte der Wolf häufig zum Sündenbock gemacht werde. Sie verweist auf folgende Widersprüche:
- Während Gegner des Wolfs dessen Gefährlichkeit betonen, bleibt das Ausmass der Nutztierhaltung – mit Millionen von Tieren, die jedes Jahr geschlachtet oder unter teils schlechten Bedingungen gehalten werden – überwiegend unbeachtet.
- Die ökologischen Folgen der Nutztierhaltung, insbesondere Methan-Emissionen und Futtermittelimporte, sind um ein Vielfaches grösser als die Folgen der Wolfspräsenz.
- Die Landschaftsveränderung durch Weidezäune, Alpbewirtschaftung und Futtermittelanbau beeinflusst Lebensräume und den Biodiversitätsverlust stärker als der Wolf.
Diese Diskrepanz wird von der IG Wild beim Wild als Doppelmoral und Speziesismus – also einer Abwertung von Tieren allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit – bezeichnet.
Rolle des Wolfs im Ökosystem
Befürworter des Wolfs betonen seine ökologische Funktion: Er reguliert Wildtierpopulationen, kann dazu beitragen, übermässigen Wildverbiss im Wald zu verhindern, und stärkt langfristig die Gesundheit von Wildbeständen. In vielen Ländern wird er deshalb als Schlüsselart betrachtet. Wölfe leisten einen wichtigen ökologischen und ökonomischen Auftrag. Fast die Hälfte aller Wälder in der Schweiz schützt Siedlungen oder Infrastrukturen vor Naturgefahren.
Die Mehrheit der verendeten Nutztiere in der Schweiz stirbt nicht durch den Wolf, sondern durch die industrielle Nutztierhaltung selbst.
Wolfsrisse sind – im Vergleich zu den Millionen getöteter Nutztiere von den Bauernverbänden – zahlenmässig klein.
Die Debatte um den Wolf verweist auf grössere gesellschaftliche Fragen: unseren Fleischkonsum, unsere Landwirtschaftspolitik und den Umgang mit Wildnis.
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