21. Juli 2026, 12:21

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Jagd

Trotz mehr Abschüssen: Wildschweinschäden bleiben hoch

Kantonsumfrage zeigt, was die Hobby-Jagd seit Jahrzehnten nicht löst.

Redaktion Wild beim Wild — 21. Juli 2026

Eine Umfrage der Bauern Zeitung vom 17. Juli 2026 zeigt es erneut: In Solothurn, Freiburg, beiden Basel und dem Wallis nehmen die Wildschweinschäden auf Feldern und Wiesen weiter zu.

Landwirtinnen und Landwirte müssen ihre Kulturen zunehmend einzäunen, um überhaupt noch Anspruch auf Entschädigung zu haben.

Was die Kantonsumfrage zeigt

Im Kanton Freiburg werden laut Amt für Wald und Natur jährlich 150 bis 200 Schadensgesuche wegen Wildschweinen eingereicht. Der Kanton zahlt dafür regelmässig zwischen 50’000 und 200’000 Franken pro Jahr aus, allein 2023 waren es rund 70’000 Franken für Wildschweinschäden. Im Kanton Solothurn lässt sich der Bestand laut kantonaler Wildbiologin Svenja Crottogini nicht exakt beziffern, er wird lediglich anhand von Wildschadenhöhen und Jagdstatistik grob geschätzt.

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Diese Unschärfe ist bezeichnend. Weder in Solothurn noch in Freiburg existieren belastbare Bestandszahlen. Was als Wildtiermanagement verkauft wird, stützt sich auf Indikatoren wie Jagdquoten, Totfunde und Schadensentwicklung, nicht auf wissenschaftlich fundiertes Monitoring.

Mehr Abschüsse, keine sinkenden Schäden

Genau hier liegt der eigentliche Befund. Die schweizweite Jagdstrecke bei Wildschweinen ist seit den 1990er-Jahren massiv gestiegen, von rund 2’167 erlegten Tieren im Jahr 1995 auf über 12’000 im Jahr 2019. Auch die neuere kantonale Jagdstatistik bestätigt den Trend zu mehr Abschüssen. Würde die zentrale Begründung der Hobby-Jagd zutreffen, wonach Abschüsse die Bestände regulieren und Schäden begrenzen, müssten die Schadensmeldungen mit den steigenden Jagdstrecken zurückgehen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schadenssummen in den betroffenen Kantonen bleiben konstant hoch oder steigen.

Diese Diskrepanz ist kein neues Phänomen. Die Behauptung, Hobby-Jagd halte Wildschweinbestände im Gleichgewicht, gilt wildbiologisch als nicht haltbar. Wildschweine reagieren auf Bejagungsdruck mit erhöhter Fortpflanzungsrate, ein Mechanismus, der in der Fachliteratur seit Langem dokumentiert ist. Wer Populationen durch Abschuss dezimiert, verändert damit die Alters- und Sozialstruktur der Rotten und kann den Reproduktionsdruck sogar verstärken, statt ihn zu senken.

Das Genfer Gegenbeispiel

Wie eine Alternative aussehen könnte, zeigt der Kanton Genf, der die Hobby-Jagd seit 1974 verboten hat. Dort erlegen ausschliesslich professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter Wildschweine gezielt und ausschliesslich als letzte Massnahme, wenn andere Schutzvorkehrungen ausgeschöpft sind. Ein sanitarischer Abschuss dauert dort im Schnitt 8 Stunden und benötigt maximal 2 Patronen, gegenüber 60 bis 80 Stunden und bis zu 15 Patronen, die ein Hobby-Jäger im Kanton Zürich für dieselbe Aufgabe aufwendet. Das Genfer Modell arbeitet mit einer unabhängigen Wildtierkommission und setzt konsequent auf Prävention statt auf Symbolabschuss.

Die Genfer Jagdstatistik zeigt keine extremen Zickzack-Muster, sondern stabile Abschusszahlen bei gleichzeitig vergleichsweise tiefem, stabilen Wildschweindichte-Niveau von rund fünf Tieren pro Quadratkilometer Wald. Die Kosten des professionellen Managements liegen bei rund einer Million Franken pro Jahr, was etwa 2.20 Franken pro Einwohner bzw. knapp über 3 Prozent einer landwirtschaftlichen Subvention entspricht – ein Betrag, der im Verhältnis zu den gesamtschweizerischen Wildschweinschäden moderat ist.

Falsche Bejagung verschärft das Problem

Ein wesentlicher Grund, warum sich das Problem mit jagdlichen Mitteln kaum lösen lässt, liegt in der Bejagungspraxis selbst. Wildschweinrotten werden von einer Leitbache geführt, die den Fortpflanzungszyklus der übrigen Bachen synchronisiert, die sogenannte Rauschsynchronisation. Wird die Leitbache erlegt, wie es in der Hobby-Jagd regelmässig vorkommt, zerfällt diese Struktur. Die Folge ist ein «Rauschchaos»: Die Bachen werden ganzjährig fortpflanzungsfähig, was zu höheren statt tieferen Zuwachsraten und in der Folge zu mehr statt weniger Wildschäden führen kann. Fachliteratur zum Wildschweinmanagement in der Schweiz bestätigt diesen Zusammenhang ausdrücklich. Die Hobby-Jagd untergräbt damit ihr eigenes erklärtes Ziel.

Nachtjagd und Hightech-Aufrüstung als Antwort

Statt die eigene Praxis zu überdenken, setzen mehrere Kantone auf immer weitreichendere technische Hilfsmittel. Im Kanton Aargau können Hobby-Jäger seit 2019 mit Nachtzielgeräten auf Wildschweine schiessen, im Kanton Solothurn verfügen bereits rund 150 Personen über eine entsprechende Ausnahmebewilligung. Damit wird ein gesetzlich eigentlich verbotenes Hilfsmittel, dessen Einsatz die Jagdverordnung des Bundes ausdrücklich untersagt, kantonal per Ausnahme zugelassen. Die Tiere sind dadurch inzwischen weitgehend nachtaktiv geworden und haben faktisch keine störungsfreie Zeit mehr, weder am Tag noch in der Nacht. Selbst aus jagdlicher Sicht wurde dies bereits als bedenklich bezeichnet, da Wildtiere auch ein Recht auf Ruhe und ungestörte Rückzugsräume hätten.

Sterilisation als Alternative

Wie wenig zielführend reine Abschusszahlen sind, zeigt ein Blick ins Ausland. In der Region Vallès Occidental bei Barcelona haben die Universität Barcelona, die Anwaltskammern Kataloniens und die Stadtverwaltung ein Pilotprojekt zur Empfängnisverhütung bei Wildschweinen lanciert. Mittels eines Verhütungsimpfstoffs sank die Zahl der Tiere in der Region innerhalb eines einzigen Jahres um über 400 Exemplare, ohne einen einzigen zusätzlichen Abschuss. Auch in Deutschland fordern Tierschutzorganisationen und einzelne Landesparlamente seit Jahren eine antikörperbasierte, hormonfreie Empfängnisverhütung als Ergänzung oder Alternative zur Intensivbejagung, gerade weil sich die Rottenstruktur dabei nicht zerstören lässt.

Wachsender Abschussdruck statt Ursachenanalyse

Statt die Wirksamkeit der bisherigen Praxis zu hinterfragen, reagieren einzelne Kantone mit einer Ausweitung der Jagd. Der Kanton Schwyz öffnet ab Herbst 2026 erstmals die Wildschweinjagd für Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger, ohne dafür eine wildbiologische Begründung zu liefern. Das Muster wiederholt sich: mehr jagdbare Arten, mehr Abschusstage, mehr Befugnisse, aber keine Antwort auf die eigentliche Frage, warum die Schäden trotz jahrzehntelang steigender Jagdstrecken nicht zurückgehen.

Die Kantonsumfrage der Bauern Zeitung liefert damit unfreiwillig ein weiteres Indiz dafür, dass das zentrale Versprechen der Hobby-Jagd, nämlich Bestandsregulierung zur Schadensvermeidung, in der Praxis nicht eingelöst wird. Im Gegenteil: Falsche Bejagung und immer extremere Jagdmethoden verschärfen den Druck auf die Tiere, ohne das eigentliche Problem zu lösen. Mehr zum Thema in unserem Faktencheck zur Wildschweinjagd.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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