2. April 2026, 09:34

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Waschbär Schweiz: Abschuss wegen falscher Herkunft

Der Waschbär ist ein Neuankömmling in der Schweiz. Seit der ersten Sichtung 1976 im Kanton Schaffhausen breitet er sich langsam von Norden her aus. Noch ist er selten: 2023 wurden schweizweit 44 Tiere geschossen. Doch als «Neozoon» darf er ganzjährig und ohne Schonzeit bejagt werden. Die wissenschaftliche Grundlage für diese Vogelfrei-Erklärung ist dünn. Die umfangreichste Freilandstudie Europas kommt zum Schluss: Der Waschbär ist kein Artenkiller. Die Schweiz verfolgt ihn trotzdem.

Steckbrief

Der Waschbär (Procyon lotor) gehört zur Familie der Kleinbären (Procyonidae) und ist in Nord- und Mittelamerika heimisch. Er ist ein mittelgrosses Säugetier mit einer Körperlänge von 41 bis 71 Zentimetern (ohne Schwanz) und einem Gewicht von 3,6 bis 9 Kilogramm, wobei das Gewicht je nach Jahreszeit und Nahrungsangebot erheblich schwankt. Sein markantestes Merkmal ist die schwarze Gesichtsmaske, die ihm ein unverwechselbares Aussehen verleiht. Der buschige Schwanz ist schwarz-weiss geringelt. Die Vorderpfoten sind aussergewöhnlich geschickt und ähneln kleinen Händen, mit denen der Waschbär Nahrung ertasten, öffnen und «waschen» kann.

Biologie und Lebensweise

Der Waschbär ist überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv. Er ist ein hervorragender Kletterer und Schwimmer und besiedelt bevorzugt gewässerreiche Laub- und Mischwälder. Seine Schlafplätze wählt er in hohlen Bäumen, Fuchs- oder Dachsbauen, Felsspalten oder, in Siedlungsnähe, auf Dachböden und in Geräteschuppen (Umweltberatung Luzern, Waldwissen.net). In der Schweiz breitet er sich vor allem entlang von Flussläufen aus, wobei der Schwerpunkt in der Nordwestschweiz liegt: 2023 wurden 35 der 44 geschossenen Waschbären im Kanton Baselland erlegt (Waldwissen.net, 2025). Sichtungen gibt es inzwischen aber auch in der Zentralschweiz, am Walensee und am Genfersee.

Der Waschbär lebt in sozialen Strukturen, die komplexer sind als lange angenommen. Weibchen (Fähen) bilden matrilineare Gruppen, sogenannte Mutterfamilien, mit festen Reviergrenzen zu anderen Gruppen. Männchen wandern zwischen den Revieren der Fähen und vermeiden dabei gezielt die Paarung mit den eigenen Töchtern (Michler, Projekt Waschbär, Müritz-Nationalpark, 2018). Diese Sozialstruktur zeigt ein hochentwickeltes Verhalten, das der simplen Etikettierung als «invasiver Schädling» widerspricht.

Fortpflanzung

Die Paarungszeit fällt in die Monate Februar und März. Nach einer Tragzeit von rund 63 Tagen wirft die Fähe im April oder Mai durchschnittlich 2 bis 5 Junge. In freier Wildbahn liegt die Lebenserwartung bei nur 1,8 bis 3,1 Jahren (Wikipedia, Waschbär). Jagd und Verkehrsunfälle sind die beiden häufigsten Todesursachen. Waschbärenpopulationen verfügen über einen ausgeprägten Kompensationsmechanismus: Wenn durch Krankheiten oder Bejagung Tiere ausfallen, beteiligen sich jüngere Fähen verstärkt an der Reproduktion und gleichen die Verluste rasch aus (Michler, 2018).

Nahrung

Der Waschbär ist ein ausgeprägter Nahrungsopportunist. Die umfangreichste europäische Studie, das Forschungsprojekt im Müritz-Nationalpark (Dr. Berit Michler und Dr. Frank-Uwe Michler, TU Dresden, 2006–2017), zeigt, dass seine Nahrung im Jahresdurchschnitt zu über 50 Prozent aus Weichtieren wie Regenwürmern und Schnecken besteht. Pflanzliche Nahrung (Früchte, Beeren, Nüsse) macht rund 32 Prozent aus. Wirbeltiere machen nur einen geringen Anteil aus (IG Wild beim Wild, Nordkurier, 2019). Der Waschbär ist kein spezialisierter Jäger, sondern ein Sammler, der nimmt, was verfügbar ist.

Wie der Waschbär nach Europa kam: Eine menschengemachte Geschichte

Pelzfarmen und Aussetzungen

Der Waschbär ist kein Eindringling, der sich seinen Weg nach Europa selbst gesucht hat. Er wurde vom Menschen hierhergebracht. In den 1920er- und 1930er-Jahren importierten Pelzfarmbetreiber Waschbären aus Nordamerika nach Deutschland. 1934 wurden am Edersee in Hessen zwei Paare gezielt in die freie Wildbahn entlassen, um die «heimische Fauna zu bereichern» (Wikipedia, Waschbär). In der Nachkriegszeit entkamen weitere Tiere aus zerstörten Pelzfarmen. Aus diesen Quellen entwickelte sich die gesamte europäische Population.

Ankunft in der Schweiz

1976 wurde im Kanton Schaffhausen erstmals ein Waschbär in der Schweiz beobachtet. Seit 2003 besiedelt er auch die Uferregion des Genfersees. Die Einwanderung erfolgt natürlich aus den deutschen Populationen über die Nordgrenze. In den 1980er-Jahren folgten Nachweise in den Kantonen Solothurn, Baselland, Thurgau und Schaffhausen (Waldwissen.net, 2025). Der Bestand ist nach wie vor sehr klein: Eine exakte Zählung gibt es nicht, aber die Abschusszahlen (2020: 2, 2021: 13, 2022: 17, 2023: 44) zeigen ein langsames, aber stetiges Wachstum (Eidgenössische Jagdstatistik, 20 Minuten, Waldwissen.net).

Der Waschbär ist in der Schweiz, weil der Mensch ihn nach Europa gebracht hat. Er hat sich seinen Lebensraum nicht «gestohlen», er wurde hierher verfrachtet und macht jetzt das Beste daraus.

Die Bejagung: Ganzjährig vogelfrei

Rechtliche Lage

Der Waschbär gilt in der Schweiz als «gebietsfremde Art» (Neozoon) und ist nach dem Bundesgesetz über die Jagd (JSG, Art. 7a) ganzjährig und ohne Schonzeit jagdbar. Es gibt keine Abschusspläne, keine Quotenregelung und keine Pflicht zur Verwertung. Jede Hobby-Jägerin und jeder Hobby-Jäger mit gültigem Patent darf ihn zu jeder Zeit des Jahres schiessen, auch während der Jungenaufzucht. Der Kanton Solothurn bezeichnet ihn als «eher unbeliebten Gast» und «potenziellen Überträger von Krankheiten» (Kanton Solothurn). Das erklärte Ziel der Behörden ist es, «eine Ansiedlung des Waschbären in der Schweiz gar nicht erst zuzulassen» (Jagd- und Fischereiverwalter Kanton Appenzell Innerrhoden, SRF, 2021).

Die Dimension des Abschusses

Die Abschusszahlen sind noch gering, aber stark steigend: 2020 wurden 2 Waschbären erlegt, 2022 waren es 17, 2023 bereits 44, davon 35 im Kanton Baselland (Eidgenössische Jagdstatistik, Waldwissen.net). Im Kanton Basel-Landschaft wurden 2023 über 30 Waschbären nachgewiesen, und die Behörden gehen davon aus, dass die Zahlen weiter steigen werden (20 Minuten, 2024). Die Hobby-Jägerschaft ist in mehreren Kantonen angehalten, Waschbären bei Begegnungen zu erschiessen. Lebendfallen werden eingesetzt, müssen aber mindestens einmal täglich kontrolliert werden.

Das Scheitern der Ausrottungsstrategie

Das Beispiel Deutschland zeigt, warum die Strategie der «Verhinderung einer Ansiedlung» zum Scheitern verurteilt ist. In Deutschland wurden im Jagdjahr 2020/21 über 200’000 Waschbären geschossen. Der Bestand wird auf über eine Million Tiere geschätzt und wächst weiter (Wikipedia, Waldwissen.net). Der Zoologe Frank-Uwe Michler hat errechnet, dass für eine tatsächliche Bestandsreduktion mindestens 300’000 Tiere pro Jahr erlegt werden müssten. Die Jagd hat die Ausbreitung des Waschbären in Deutschland nicht einmal verlangsamt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Situation in der Schweiz anders verlaufen wird.

Der Waschbärforscher Hohmann stellt klar, dass allein das Fehlen natürlicher Feinde im europäischen Raum eine intensive Bejagung nicht rechtfertige, da natürliche Prädation auch im nordamerikanischen Herkunftsgebiet keine wesentliche Rolle als Todesursache spiele (Wikipedia, Waschbär). In der Schweiz ist der Uhu der grösste natürliche Feind des Waschbären (Umweltberatung Luzern).

Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert

Das «Artenkiller»-Narrativ: Was die Wissenschaft wirklich sagt

Die Müritz-Studie

Die umfangreichste und längste Freilandstudie zum Waschbären in Europa wurde von 2006 bis 2017 im Müritz-Nationalpark (Mecklenburg-Vorpommern) durchgeführt. Das Team um Dr. Berit Michler und Dr. Frank-Uwe Michler von der TU Dresden fing über die Jahre 145 Tiere, versah 69 davon mit Senderhalsbändern und sammelte Hunderte von Kotproben zur Nahrungsanalyse. Die zentrale Frage lautete: Ist der Waschbär gefährlich für heimische und geschützte Tierarten?

Das Fazit der Forschungsarbeit lautet: Nein. Die Berechnungen ergaben, dass Wirbeltiere nur in sehr geringen Mengen erbeutet wurden und die betroffenen Arten im Untersuchungsgebiet eine hohe Abundanz aufwiesen. Die meisten geschützten Arten im Gebiet gehörten nicht zum Beutespektrum der Waschbären. Die Dissertation von Berit Michler (TU Dresden, 2017) hält fest, dass aufgrund der dokumentierten Populationsstruktur und der fehlenden Nahrungsspezialisierung auch künftig nicht von einem negativen ökologischen Einfluss auszugehen sei. Die Ergebnisse sprechen für eine «hochgradig opportunistische Nutzung der im Gebiet vorhandenen Nahrungsressourcen».

Der NABU Gifhorn fasst die Studienlage so zusammen: «Obwohl immer wieder vom negativen Einfluss des Waschbären als Nesträuber und Niederwildprädator berichtet wird, gibt es aus wissenschaftlicher Sicht aus seinem allochthonen Verbreitungsgebiet auch bei fortschreitendem Populationswachstum keine wissenschaftlich reproduzierbaren Belege» (NABU Gifhorn, nach Michler 2017).

Lokale Risiken anerkennen, Pauschalurteile ablehnen

Die Müritz-Studie schliesst nicht aus, dass der Waschbär auf lokaler Ebene und in anthropogen stärker gestörten Gebieten einen negativen Einfluss auf einzelne Arten haben kann, insbesondere auf Bodenbrüter und Amphibien. Studien aus Sachsen-Anhalt haben Brutverluste bei Rotmilan, Mauersegler, Wendehals und Trauerschnäpper dokumentiert (Wikipedia, Waschbär). Diese lokalen Befunde sind ernst zu nehmen, rechtfertigen aber keine pauschale Ausrottungsstrategie. Artenschutz ist dort am wirksamsten, wo er die konkreten Bedrohungen adressiert: Lebensraumverlust, Fragmentierung, Pestizideinsatz und Störung. Den Waschbären zum Sündenbock für Probleme zu machen, die der Mensch verursacht hat, ist bequem, aber nicht zielführend.

Der Kompensationsmechanismus

Die Müritz-Studie hat einen Mechanismus dokumentiert, der die Sinnlosigkeit der Bejagung besonders deutlich macht: Wenn durch Krankheiten oder Abschüsse Waschbären ausfallen, beteiligen sich im Folgejahr Jährlingsfähen, die normalerweise noch nicht reproduzieren, verstärkt an der Fortpflanzung und gleichen die Verluste rasch aus (Michler, 2018). Die Staupe, die im Studiengebiet zu einem Bestandseinbruch führte, blieb zudem auf ein einziges Revier beschränkt, weil die festen Reviergrenzen der Mutterfamilien die Ausbreitung verhinderten. Dieses Sozialsystem ist widerstandsfähiger gegen Eingriffe, als die Hobby-Jägerschaft wahrhaben will.

Der Waschbär und die «Neozoen»-Debatte

Was «gebietsfremd» wirklich bedeutet

Der Waschbär wird in der Schweiz als «invasiver Neozoon» klassifiziert. Doch was bedeutet «gebietsfremd» in einer Welt, in der der Mensch Arten seit Jahrhunderten um den Globus verschiebt? Der Waschbär ist nicht aus eigenem Antrieb nach Europa gekommen. Er wurde vom Menschen importiert, ausgesetzt und ist nun auf sich gestellt. Ihn dafür zu bestrafen, dass er überlebt und sich an die neuen Bedingungen angepasst hat, ist ethisch fragwürdig.

Die IG Wild beim Wild kritisiert die ganzjährige Vogelfrei-Erklärung des Waschbären als «pseudobiologische, unökologische Verdammung fremder Arten» (IG Wild beim Wild, 2021). Der Tierethiker Prof. Markus Wild (Universität Basel) unterstützte 2021 eine Petition zum Schutz des Waschbären in der Schweiz.

Der deutsche Vergleich

In Deutschland leben über eine Million Waschbären, und es werden jährlich über 200’000 geschossen. Der Bestand wächst trotzdem. Einzelne Städte wie Berlin diskutieren bereits, ob der Waschbär nicht als Teil der urbanen Fauna akzeptiert und statt mit Abschüssen mit Kastrationsprogrammen und Prävention gemanagt werden sollte (TierWelt, 2021). Die Schweiz hat die Chance, aus den Fehlern Deutschlands zu lernen, statt sie zu wiederholen.

Mehr dazu: Fakten statt Jägerlatein über Waschbären

Was sich ändern müsste

  • Einführung einer Schonzeit während der Jungenaufzucht: Dass der Waschbär als einzige Säugetierart in der Schweiz ganzjährig ohne jede Schonzeit bejagt werden darf, auch während der Geburt und Aufzucht der Jungen, widerspricht den Grundsätzen des Tierschutzgesetzes (TSchG). Auch gebietsfremde Arten haben ein Anrecht auf Mindeststandards im Tierschutz. Die Tötung führender Muttertiere muss verboten werden.
  • Wissenschaftsbasiertes Management statt Pauschalverfolgung: Die aktuelle Strategie der «Verhinderung einer Ansiedlung» ist gescheitert. Der Waschbär ist in der Schweiz angekommen und wird bleiben. Die Behörden müssen von der Ausrottungsstrategie abrücken und ein wissenschaftsbasiertes Koexistenzmanagement entwickeln, das lokale Konflikte adressiert, ohne die Art pauschal zu verfolgen.
  • Prävention statt Abschuss im Siedlungsgebiet: Waschbären im Siedlungsgebiet sind ein Managementproblem, kein Jagdproblem. Mardersichere Abfallcontainer, gesicherte Dachzugänge und ein striktes Fütterungsverbot sind die einzig wirksamen Massnahmen. Die Erfahrungen aus Kassel und anderen deutschen Städten zeigen, dass präventives Konfliktmanagement die Probleme effektiv minimiert (Michler und Michler, 2012).
  • Schutz der einheimischen Fauna durch Lebensraumaufwertung: Wo der Waschbär tatsächlich geschützte Arten bedroht, etwa Bodenbrüter oder Amphibien, müssen die Schutzmassnahmen an der Quelle ansetzen: Aufwertung der Bruthabitate, Anlage von Laichgewässern mit Prädationsschutz, Verbesserung der Strukturvielfalt. Den Waschbären zu erschiessen und gleichzeitig die Lebensräume der betroffenen Arten zu zerstören, ist keine Artenschutzstrategie.
  • Forschung und Monitoring: Es gibt keine verlässlichen Bestandszahlen für den Waschbären in der Schweiz. Die Verbreitungskarte von info fauna basiert auf Meldungen und Zufallsbeobachtungen. Ein systematisches Monitoring ist Voraussetzung für jede evidenzbasierte Entscheidung.
  • Keine Kriminalisierung des Tieres: Der Waschbär ist nicht schuld an seiner Präsenz in Europa. Die Verantwortung liegt beim Menschen, der ihn hierhergebracht hat. Die pauschale Bezeichnung als «invasiver Schädling» und die ganzjährige Jagdfreigabe transportieren ein Bild, das mehr mit Fremdenfeindlichkeit gegenüber Arten als mit Wissenschaft zu tun hat.

Argumentarium

«Der Waschbär ist ein invasiver Neozoon und muss eliminiert werden, bevor er sich weiter ausbreitet.» Das Beispiel Deutschland zeigt, dass die Ausrottungsstrategie gescheitert ist. Trotz über 200’000 Abschüssen pro Jahr wächst der Bestand weiter. Der Waschbär verfügt über einen biologischen Kompensationsmechanismus, der Verluste durch verstärkte Reproduktion ausgleicht. Die Schweiz wird den Waschbären nicht mehr loswerden. Die Frage ist nicht ob, sondern wie sie mit ihm zusammenlebt.

«Der Waschbär ist ein Artenkiller, der einheimische Tierarten bedroht.» Die umfangreichste europäische Freilandstudie (Michler und Michler, Müritz-Nationalpark, 2006–2017) kommt zum Ergebnis, dass der Waschbär kein Artenkiller ist. Sein Nahrungsspektrum besteht zu über 50 Prozent aus Weichtieren und zu rund 32 Prozent aus Pflanzen. Die meisten geschützten Arten im Studiengebiet gehörten nicht zu seinem Beutespektrum. Lokale Konflikte mit Bodenbrütern sind real, aber durch Lebensraumschutz effektiver zu lösen als durch Abschüsse.

«Der Waschbär hat in Europa keine natürlichen Feinde und muss deshalb bejagt werden.» Der Waschbärforscher Hohmann hat nachgewiesen, dass natürliche Prädation auch im nordamerikanischen Herkunftsgebiet keine wesentliche Todesursache für Waschbären darstellt. In der Schweiz ist der Uhu ein natürlicher Feind. Die Rückkehr des Wolfes könnte langfristig ebenfalls einen Einfluss haben. Die Abwesenheit von Beutegreifern rechtfertigt keine Pauschalverfolgung einer Art, deren Populationsdynamik sich über Territoralität und Nahrungsverfügbarkeit selbst reguliert.

«Es gibt keine Schonzeit, weil jeder Abschuss zählt.» Die ganzjährige Jagdfreigabe ohne Schonzeit bedeutet, dass führende Muttertiere geschossen werden dürfen, während ihre Jungen noch von ihnen abhängig sind. Dies verstösst gegen den Geist des Tierschutzgesetzes, das den Schutz junger, führender oder fütternder Elterntiere vorschreibt. Auch gebietsfremde Tiere empfinden Schmerz und Angst. Ihre Herkunft ändert daran nichts.

«Der Waschbär überträgt den gefährlichen Waschbärspulwurm.» Der Waschbärspulwurm (Baylisascaris procyonis) ist ein reales Gesundheitsrisiko, das ernst genommen werden muss. Im Müritz-Nationalpark konnte allerdings kein Befall mit dem Spulwurm nachgewiesen werden (Michler, 2017). In der Schweiz gibt es bisher keine bestätigten Fälle. Das Risiko wird durch Hygienemassnahmen (kein Kontakt mit Waschbärkot, Entwurmung von Hunden) effektiv gemanagt. Es rechtfertigt keine Massentötung.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild:

Verwandte Dossiers

Quellenangaben

  • Eidgenössische Jagdstatistik, BAFU/Wildtier Schweiz: http://www.jagdstatistik.ch (Abschuss- und Fallwilddaten Waschbär)
  • Waldwissen.net/WSL: Der Waschbär, Ein Spitzbube mit Zerstörungspotenzial (Lässig, 2003, aktualisiert 2025)
  • Michler, B. A. (2017/2020): Koproskopische Untersuchungen zum Nahrungsspektrum des Waschbären im Müritz-Nationalpark. Dissertation TU Dresden
  • Michler, F.-U. (2016/2018): Säugetierkundliche Freilandforschung zur Populationsbiologie des Waschbären im Müritz-Nationalpark. Dissertation TU Dresden
  • Michler, F.-U. und Michler, B. (2012): Ökologische, ökonomische und epidemiologische Bedeutung des Waschbären in Deutschland. Beiträge zur Jagd- und Wildforschung 37: 387–395
  • SRF News (2021): Tödlicher Besuch, Waschbär verirrt sich ins Appenzellerland und wird erschossen
  • 20 Minuten (2024): Keine Feinde, viel Futter: Schweiz droht eine Waschbären-Invasion
  • TierWelt (2021): Waschbären schützen oder jagen?
  • Umweltberatung Luzern: Waschbär (umweltberatung-luzern.ch)
  • Kanton Solothurn: Waschbär (so.ch)
  • NABU Gifhorn: Der Waschbär, kein Artenkiller (nabu-gifhorn.jimdoweb.com)
  • Info fauna, Nationales Daten- und Informationszentrum der Schweizer Fauna: Verbreitungskarte Waschbär
  • IG Wild beim Wild (2019/2021): Fakten statt Jägerlatein über Waschbären, Petition Schutz des Waschbären (wildbeimwild.com)
  • Wikipedia: Waschbär (Procyon lotor)
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0)
  • Tierschutzgesetz (TSchG, SR 455)

Unser Anspruch

Der Waschbär ist ein Tier, das für die Fehler des Menschen bezahlt. Er wurde nach Europa gebracht, um seines Fells wegen gezüchtet und getötet zu werden. Als er entkam und sich an die neuen Bedingungen anpasste, wurde er zum «invasiven Neozoon» erklärt und erneut zum Abschuss freigegeben. Die ganzjährige Jagd ohne Schonzeit, die selbst führende Muttertiere nicht verschont, ist ein Verstoss gegen jedes Grundprinzip des Tierschutzes. Die umfangreichste Freilandstudie Europas stellt fest, dass der Waschbär kein Artenkiller ist. Das Beispiel Deutschland beweist, dass die Ausrottungsstrategie gescheitert ist. Die Schweiz hat die Chance, einen anderen Weg zu gehen: Koexistenz statt Verfolgung, Prävention statt Pauschalabschuss, Wissenschaft statt Jägerlatein. Der Waschbär ist hier, und er wird bleiben. Es liegt an uns, ob wir ihn als Mitbewohner akzeptieren oder weiterhin sinnlos verfolgen. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.