Bundesjägertag 2026 in Suhl: Faktencheck zur DJV-Plakatkampagne
Der DJV plakatiert Suhl mit drei Behauptungen zu Wölfen, Waschbären und Jungwildrettung. Die Zahlen halten dem Vergleich mit den Quellen nicht stand.
Am 3. und 4. Juli 2026 versammelt der Deutsche Jagdverband (DJV) rund 400 Delegierte zum Bundesjägertag in Suhl, gemeinsam mit dem Landesjagdverband Thüringen.
Als politische Gäste hat der Verband am 25. Juni 2026 angekündigt: Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt sowie den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium Christoph de Vries. Die Delegierten sollen am Freitag ein Grundsatzpapier zu jagdethischen Standards verabschieden. Weitere Tagesordnungspunkte sind der künftige Umgang mit dem Wolf und die Überarbeitung des Waffenrechts.
Im Vorfeld hat der Verband das Stadtgebiet mit grossformatigen Plakaten zur Hobby-Jagd ausgestattet. Vier Standorte sind bislang dokumentiert: an der Meininger Strasse (Einfahrt aus Mäbendorf), an der Ilmenauer Strasse, an der Gothaer Strasse (Einfahrt aus Zella-Mehlis) sowie am Parkhaus des Congress Centrum Suhl in der Dr.-Theodor-Neubauer-Strasse.
Die drei inhaltlichen Plakate werben unter dem Verbandsmotto «Kompetenz im Revier, Ethik im Handeln» mit folgenden Botschaften: «Über 2’000 Wölfe. Jäger leisten Weidetier- und Artenschutz», «271 Stunden Jungwildrettung. Jäger leben Tierschutz» und «284’000 erlegte Waschbären. Gefährdete Arten sagen danke». Ein viertes, motivisches Plakat begrüsst die Delegierten am Veranstaltungsparkhaus. Parallel zur Plakatkampagne verweist die Verbandsmeldung auf eine repräsentative Umfrage, wonach «drei Viertel der Deutschen» die Jagd für notwendig hielten.
Die Kampagne fällt zeitlich zusammen mit der Aufnahme des Wolfes ins Bundesjagdgesetz, die seit April 2026 in Kraft ist, und mit der DJV-Forderung nach ganzjähriger Bejagung sogenannter invasiver Arten ohne Schonzeiten.




Wolfszahlen: hochgerechnet, nicht gezählt
Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) weist für das Monitoringjahr 2024/25 insgesamt 219 Wolfsrudel, 43 Paare und 14 sesshafte Einzelwölfe aus, also 276 Territorien. Eine konservative Hochrechnung mit sieben Tieren pro Rudel, zwei Tieren pro Paar und einem Tier pro Einzelwolf ergibt rund 1’633 Wölfe, deutlich unter der Plakat-Behauptung von «über 2.000». Die DBBW betont selbst, dass eine seriöse Gesamtzahl der lebenden Wölfe (Welpen, Jährlinge, Adulte) auf Bundesländerebene nicht ermittelt werden könne. Genau diese Unsicherheit ist der eigentliche Punkt: Eine Plakat-Zahl, die wissenschaftlich nicht exakt bestimmbar ist, taugt nicht als gesicherte Grundlage für eine Tierschutz-Behauptung.
Mit 276 Territorien gegenüber 274 im Vorjahr zeigen die aktuellen DBBW-Zahlen erste Anzeichen einer Sättigung. Ein Jahr reicht statistisch noch nicht für einen Trend, doch der NABU spricht für die Kerngebiete Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen bereits von einem deutlich verlangsamten Wachstum.
Wissenschaftlich ist die zweite Hälfte des Slogans noch heikler. BfN, NABU und mehrere europäische Wildtierforschungseinrichtungen kommen übereinstimmend zum Schluss, dass Bejagung Herdenschutz nachweislich nicht ersetzt und in den verfügbaren Studien keinen konsistenten Effekt auf die Risszahlen zeigt. Wirksam sind nach heutigem Forschungsstand stromführende Elektrofestzäune und Herdenschutzhunde. Lebende Wölfe lernen, geschützte Herden zu meiden, und geben dieses Verhalten innerhalb des Rudels weiter. Diese Lernfähigkeit kann durch Abschüsse gestört werden.
Jungwildrettung: 271 Stunden, geteilt durch acht
Die 271 Stunden stammen aus einer 2024 vom DJV gemeinsam mit der Deutschen Wildtierrettung und der Deutschen Wildtier Stiftung veröffentlichten Umfrage unter 490 Rettungsteams. Der Wert ist rechnerisch korrekt. Er ist aber ausdrücklich ein Durchschnitt pro Team für den Zeitraum März bis Juli, also fünf Monate, und keine Leistung pro Hobby-Jäger. Pro Team waren laut DJV im Schnitt zwei Drohnenpiloten und sechs Helfer im Einsatz, davon nur 70 Prozent Hobby-Jäger und 30 Prozent Landwirte.
Heruntergebrochen auf die einzelne Person ergeben sich rund 34 Stunden pro Helferin oder Helfer in einem ganzen Frühjahr. Der DJV spricht in seiner eigenen Umfrage bewusst von Teamleistung. Das Plakat in Suhl rückt dieselbe Zahl jedoch in einen anderen Kontext: Wer im Vorbeifahren «271 Stunden Jungwildrettung. Jäger leben Tierschutz» liest, nimmt die Zahl als Einzelengagement wahr. Diese Verschiebung von der Team- auf die Personenebene ist der eigentliche Kritikpunkt, nicht die Zahl selbst.
Hinzu kommt der breitere Kontext, der auf dem Plakat fehlt: Die Rettung ist überhaupt nur deshalb notwendig, weil verbindliche Mahdfenster und späte Erstschnitte in Deutschland bis heute fehlen. Im Herbst werden in denselben Revieren über eine Million Rehe und weitere Hunderttausende Tiere erlegt. Die DJV-Streckenstatistik 2024/25 verzeichnet allein 1’097’000 erlegte Rehe.
Wer den Drohneneinsatz im Mai mit dem Begriff Tierschutz versieht, müsste konsequenterweise auch die Streckenzahlen im November danebenstellen. Das Plakat tut das nicht.
284’000 Waschbären: Höchstwert ohne Wirkung
Die DJV-Statistik weist für 2024/25 282’499 erlegte Waschbären aus, das Plakat rundet grosszügig auf. Die Behauptung, gefährdete Arten profitierten davon, ist wissenschaftlich umstritten und durch die verfügbare Evidenz nicht eindeutig belegt. Die methodisch sauberste Freilandstudie Europas, die Dissertation von Dr. Berit Michler im Müritz-Nationalpark über zwölf Jahre (2006 bis 2017), kommt zum Schluss, dass der Waschbär kein Artenkiller ist. Seine Hauptnahrung sind Regenwürmer, Insekten, Fallobst und Aas.
Der Frankfurter Wildbiologe Dr. Frank-Uwe Michler hat errechnet, dass für eine reine Bestandsstabilisierung mindestens 300’000 Tiere pro Jahr erlegt werden müssten. Mehr Schüsse führen über kompensatorische Reproduktion zu mehr Nachwuchs. Die Population wächst trotz Rekordstrecken weiter, der Bestand wird auf 1,6 bis zwei Millionen Tiere geschätzt. Der Wildbiologe Dr. Ulf Hohmann fasst es so zusammen: «Ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler oder Jagdexperten, der ernsthaft glaubt, den Tieren mit jagdlichen Mitteln Einhalt gebieten zu können.»
Als alternative Ansätze werden Habitatschutz und Sterilisation diskutiert. Das Pilotprojekt der Stadt Kassel hat 2025 erstmals in Europa Kastrationen statt Abschuss erprobt und wurde nach fünf Tagen durch einen Zuständigkeitswechsel auf Landesebene gestoppt. Die juristische Anfechtung kam vom Landesjagdverband Hessen. Ob sich das Verfahren grossflächig bewähren würde, ist noch nicht abschliessend belegt; der Kasseler Versuch bleibt vorerst ein Einzelfall, der den Streit um die Methodenwahl illustriert.
Den methodischen und politischen Hintergrund haben wir bereits in mehreren Artikeln aufgearbeitet, darunter «282’499 tote Waschbären: Warum die Hobby-Jagd kläglich scheitert», «ZOWIAC und die Hobby-Jagd-Lobby: Waschbär-Studie im Check» sowie «Streichung des Waschbären von der EU-Liste invasiver Arten».
77 Prozent für die Jagd: Eine Umfrage, drei Vorbehalte
Begleitend zur Plakatkampagne zitiert der DJV in seiner Verbandsmeldung vom 25. Juni 2026 eine repräsentative Civey-Umfrage, wonach 77 Prozent der Deutschen die Jagd für «notwendig» hielten und 64 Prozent darin einen «wichtigen Beitrag für die Gesellschaft» sähen. Die Zahl wirkt auf den ersten Blick eindrücklich, hält aber drei Vorbehalten nicht stand.
Erstens ist die Umfrage nicht aktuell. Civey hat sie ursprünglich zum Bundesjägertag 2025 in Bonn veröffentlicht, der DJV recycelt sie jetzt für Suhl. Sie wurde zudem im Auftrag des DJV durchgeführt, ist also keine unabhängige Sozialforschung, sondern Verbandskommunikation.
Zweitens ist die Civey-Methodik in der Marktforschung umstritten. Civey rekrutiert seine Teilnehmer über eingebettete Widgets auf Nachrichten-Webseiten (sogenanntes River-Sampling) und gleicht das Ergebnis statistisch über Selbstauskunft-Daten der Befragten an die Bevölkerung an. Klassische Umfrageinstitute mit Zufallsstichprobe kritisieren dieses Verfahren als selbstselektiv. Das Landgericht Köln hat Civey 2022 in einem Verfahren rechtskräftig die Werbeaussage untersagt, man sei «zuverlässiger als die Konkurrenz». Die Civey-Werte sind brauchbar als Stimmungsbild, nicht aber als bevölkerungsgenaue Messung.
Drittens, und das ist der wichtigste Punkt: Die Umfrage trennt nicht zwischen staatlich-funktionaler Wildregulation und privater Hobby-Jagd. Wer auf die Frage «Ist Jagd in heutiger Zeit notwendig?» mit Ja antwortet, kann an Wildhutdienste in der Schweiz denken, an ASP-Bekämpfung beim Wildschwein, an die Reduktion verkehrskritischer Schalenwildbestände im Strassenraum oder an die Kontrolle invasiver Arten. All das ist gesellschaftlich breit akzeptiert. Die spezifische Frage, ob die private Hobby-Jagd mit über 400’000 Hobby-Jägerinnen und ‑Jägern, Drückjagden, Fallenjagd und Trophäenjagd in heutiger Zeit notwendig sei, stellt die Umfrage nicht. Genau diese Frage ist aber der eigentliche politische Streit. Die 77 % sind eine Zustimmung zu einem Begriff, nicht zu einer Praxis.
Eine Kampagne, vier Lücken
Die drei Plakate und die begleitende Umfrage teilen ein Muster. Sie nehmen eine echte oder leicht aufgerundete Zahl, schneiden den Kontext weg und stellen das Resultat neben das Wort «Tierschutz» oder «notwendig». Die Wolfszahl steht ohne den Hinweis, dass sie eine Hochrechnung mit erheblicher Unsicherheit ist und der Bestand erste Anzeichen einer Sättigung zeigt. Die 271 Stunden stehen ohne den Hinweis, dass es ein Teamdurchschnitt über fünf Monate ist. Die 284’000 Waschbären stehen ohne den Hinweis, dass die Wissenschaft die Bejagung als gescheitert bewertet. Die 77 Prozent stehen ohne den Hinweis, dass die Umfrage Hobby-Jagd und staatlich-funktionale Wildregulation in einen Topf wirft.
Die Plakate richten sich nicht an die Hobby-Jägerschaft selbst, die diese Zahlen kennt. Sie richten sich an Autofahrer, Spaziergängerinnen und Pendler, also an die nichtjagende Öffentlichkeit, die im Vorbeifahren eine vermeintliche Tatsache aufnehmen soll. Das ist die klassische Funktion von Lobbywerbung im öffentlichen Raum, nicht Wissenschaftskommunikation.
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