28. August 2026, 01:39

Suchen

Femizid, Sprengfalle, Schalldämpfer: Was Hobby-Jagd zur Hochrisiko-Praxis macht

Die IG Wild beim Wild fordert von der Tessiner Staatsanwaltschaft vollständige Aufklärung des Falls Faido/Leontica zu Waffenbesitz, Schalldämpfer, Sprengstoff, Risikoeinschätzung und behördlicher Bewilligungspraxis.

Als im Bleniotal ansässige Organisation und direkte Betroffene der Explosion sieht die IG Wild beim Wild hier kein isoliertes Ereignis, sondern ein Sicherheitsproblem von öffentlichem Interesse.

Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie ist es möglich, dass eine Privatperson ohne systematische psychologische Eignungsprüfung mehrere Schusswaffen, mutmasslich einen Schalldämpfer und möglicherweise auch Sprengmittel besitzen kann, obwohl bei Polizei und Militär psychologische Tauglichkeitsprüfungen und klare Altersgrenzen Standard sind?

Bestätigter Jagdbezug

Auf schriftliche Anfrage der IG Wild beim Wild bestätigte die RSI-Redaktion, gestützt auf die Aussagen der Tessiner Kriminalpolizei an der Medienkonferenz vom 13. Juli 2026: Der Täter war Hobby-Jäger («cacciatore»). Offen bleibt laut RSI, ob der verwendete Schalldämpfer legal war, auf welcher Rechtsgrundlage er allenfalls bewilligt wurde und ob die sichergestellten Waffen Teil eines Jagdarsenals waren.

Wild beim Wild hat diese offene Lücke aufgegriffen und den Fall in den grösseren Zusammenhang einer wiederkehrenden Gewalt- und Deliktproblematik bei Hobby-Jägern gestellt.

Offene Fragen an die Behörden

Im Zentrum des Fragenkatalogs an die Staatsanwältin Petra Canonica Alexakis stehen insbesondere:

  • Waren die sichergestellten Waffen legal erworben und korrekt registriert?
  • Lag für den Schalldämpfer eine kantonale Ausnahmebewilligung vor, obwohl Schalldämpfer in der Schweiz grundsätzlich verbotenes Waffenzubehör sind?
  • Gab es vor der Tat Hinweise auf Drohungen, Gewalt oder psychische Auffälligkeiten, die eine frühere Entwaffnung gerechtfertigt hätten?
  • Wie konnte der bewaffnete Täter nach dem Femizid über Stunden hinweg im Dorfumfeld präsent sein, obwohl eine akute Gefährdungslage bestand?

Diese Fragen betreffen nicht nur den Einzelfall, sondern die strukturelle Sicherheit im Umgang mit privaten Jagdwaffen.

Graubünden zeigt das Muster

Dass es sich nicht um ein isoliertes Ereignis handelt, zeigen die Zahlen aus Graubünden. Dort werden seit Jahren jährlich über 1’000 Ordnungsbussen und Anzeigen gegen Hobby-Jäger registriert; Wild beim Wild verweist etwa auf 1’298 Fälle im Jahr 2015, 1’384 im Jahr 2017 und 1’241 im Jahr 2020. Bei rund 5’500 aktiven Hobby-Jägern bedeutet das: Jahr für Jahr wird potenziell jeder fünfte Hobby-Jäger als Delinquent erfasst.

SRF berichtete zudem, dass während der Bündner Hochjagd rund 9 Prozent der Abschüsse widerrechtlich erfolgen. Solche Zahlen sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass Konflikte mit Jagd- und Waffenrecht bei Hobby-Jägern kein Randphänomen sind.

Wie erklärt sich die Staatsanwaltschaft Tessin, dass im Kanton Graubünden Jahr für Jahr über 1’000 Anzeigen und Ordnungsbussen gegen Hobby-Jäger registriert werden, während im Tessin keine vergleichbaren, publizierten Zahlen vorliegen? Handelt es sich um ein tatsächlich anderes Verhalten der Hobby-Jäger oder um weniger konsequente Kontrollen und eine geringere Bereitschaft, Delikte statistisch sichtbar zu machen?

Kein Einzelfall: Gewalt gegen kritische Stimmen

Der Fall Faido/Leontica reiht sich in ein bereits dokumentiertes Muster ein, in dem Hobby-Jäger mit Gewalt oder Einschüchterung gegen Menschen vorgehen, die Jagdpraktiken kritisch begleiten: https://wildbeimwild.com/category/kriminalitaet-jagd/

Dass harte, faktenbasierte Kritik an der Hobby-Jagd rechtlich zulässig ist, hat 2020 auch das Strafgericht des Kantons Tessin bestätigt: Es sprach die IG Wild beim Wild von einer Verleumdungsklage des Verbands JagdSchweiz vollumfänglich frei, rechtskräftig.

Kritik an den Mainstream-Medien

Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist auffällig und problematisch, dass viele Mainstream-Medien den Jagdbezug des Täters nicht klar benennen, obwohl genau dieser Zusammenhang für die öffentliche Debatte über Waffenprivilegien, Schalldämpfer und Risikobewertung zentral ist.

RSI hat auf Nachfrage festgehalten, dass zum jetzigen Zeitpunkt viele Punkte noch unklar seien; zugleich wurde jedoch bestätigt, dass der Täter ein Jäger war und wesentliche Fragen zu Schalldämpfer, Waffenart und Bewilligungsgrundlage offen bleiben.

Wer über Femizid, Sprengfalle und Waffenarsenal berichtet, darf die jagdrechtliche Dimension nicht ausblenden. Sonst bleibt unsichtbar, dass der Zugang zu mehreren tödlichen Waffen und zu Schalldämpfern in der Schweiz gerade für Hobby-Jäger privilegiert ist.

Aus unseren dokumentierten Fällen zu Würgen, Bespucken, Todesdrohungen und Hetze gegen Tierschützende wissen wir, dass Gewalt durch Hobby-Jäger kein Einzelfall ist. Die Gewalt aus dem Wald wird ins Haus getragen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie verbreitet ist die Praxis, Opfer von Hobby-Jäger-Gewalt nach Verurteilungen faktisch zum Schweigen gegenüber der Öffentlichkeit zu verpflichten? Welche Richtlinien bestehen dazu, und wie wird verhindert, dass sich im Zusammenspiel von Behörden, Jagdorganisationen und Medien eine Kultur des Schweigens etabliert, in der Gewalt und Gesetzesverstösse von Hobby-Jägern systematisch verharmlost oder unsichtbar gemacht werden?

Forderungen

Die IG Wild beim Wild fordert:

  • vollständige Transparenz zur Herkunft und Bewilligung aller sichergestellten Waffen, Schalldämpfer und allfälliger Sprengmittel
  • eine Abklärung, ob frühere Warnsignale übersehen wurden und ob eine frühere Entwaffnung möglich gewesen wäre
  • seriöse kantonale Statistiken zu Anzeigen, Bussen und Verurteilungen gegen Jagdberechtigte im Tessin
  • periodische medizinisch-psychologische Eignungsprüfungen für Hobby-Jäger nach dem Vorbild anderer Länder wie den Niederlanden, sowie eine verbindliche Altersobergrenze für die private Jagdausübung.

Der Fall Faido/Leontica zeigt mit brutaler Deutlichkeit, dass der private Besitz tödlicher Waffen zu Freizeitzwecken kein harmloses Randthema ist, sondern eine Frage des öffentlichen Sicherheitsinteresses.

Mehr zum Fall und zur Einordnung: https://wildbeimwild.com/femizid-in-faido-explosion-in-leontica-kein-einzelfall-sondern-muster-bei-hobby-jaegern/