Italien: Weniger als 430’000 aktive Hobby-Jäger – neue Recherche korrigiert verbreitete Zahlen
Eine Recherche der Lega Abolizione Caccia zeigt anhand amtlich ausgestellter Jagdausweise: Nur 0,8 Prozent der italienischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit Wohnsitz im Land waren in der Saison 2025/26 zur Hobby-Jagd berechtigt. Auch in Spanien, Portugal und den USA verliert die Hobby-Jagd langfristig an Bedeutung.
Die italienische Tierschutzorganisation Lega Abolizione Caccia (LAC) hat am 6. September 2026 eine Recherche zur Zahl der in Italien gelösten Jagdausweise veröffentlicht.
Demnach wurden für die Jagdsaison 2025/26 landesweit noch 429’484 Jagdausweise («tesserini venatori») an Personen mit italienischem Wohnsitz ausgegeben.
Bezogen auf die 53’383’000 italienischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit Wohnsitz in Italien per 1. Januar 2026 (ohne die 5,56 Millionen registrierten Ausländerinnen und Ausländer) entspricht dies 0,8 Prozent der Bevölkerung. Die Auswertung zeigt zudem einen weiteren Rückgang gegenüber der Saison zuvor und zeichnet damit ein deutlich anderes Bild als häufig zitierte Angaben auf Basis von Waffenlizenzen oder Schätzungen aus Universitäten, Ministerien, Verbänden und der Jagdindustrie.
Amtliche Jagdausweise statt Waffenlizenzen
Kurator der Recherche ist Augusto Atturo, Umweltvertreter in der Jagd- und Wildtierkommission der Region Ligurien. Atturo berief sich auf das Recht auf Zugang zu Verwaltungsdaten gemäss Artikel 5 des italienischen Gesetzesdekrets 33/2013.
Er fragte bei den zuständigen Stellen aller 19 Regionen sowie der autonomen Provinzen Bozen und Trient die Zahl der tatsächlich ausgestellten Jagdausweise für die zwei letzten Jagdsaisons ab. Berücksichtigt wurden jeweils nur Personen mit Wohnsitz in der betreffenden Region, um Doppelzählungen zu vermeiden, etwa wenn jemand aus praktischen Gründen Jagdausweise zweier Regionen besitzt. Für Bozen und Trient wurden die dort geltenden «permessi» für Einheimische herangezogen.
Die Methode unterscheidet sich wesentlich von Statistiken zu Waffenlizenzen für Jagdzwecke, wie sie von den Questure, den italienischen Polizeibehörden, ausgestellt werden. Solche Lizenzen sagen nicht zwingend aus, ob eine Person in einer bestimmten Saison einen saisonalen Jagdausweis löst oder die Jagd tatsächlich ausübt. Zudem erscheinen die Zahlen zu Waffenlizenzen oft erst mit erheblicher Verzögerung.
Vier Regionen beziehungsweise Provinzen, Latium, Kalabrien, Kampanien und Bozen, überschritten laut LAC zunächst die gesetzliche Antwortfrist von 30 Tagen. Atturo musste deshalb über die zuständigen Transparenzbeauftragten, die sogenannten RPCT, nachfassen.
Rückgang um 2,7 Prozent
In der Saison 2024/25 wurden noch 441’261 ausgestellte Jagdausweise für Personen mit Wohnsitz in Italien erfasst. Ein Jahr später sank die Zahl auf 429’484. Das entspricht einem Rückgang von rund 2,7 Prozent.
| Region/Provinz | Saison 2024/25 | Saison 2025/26 |
|---|---|---|
| Abruzzen | 8’874 | 8’891 |
| Basilikata | 5’425 | 5’141 |
| Provinz Bozen | 6’122 | 6’207 |
| Kalabrien | 23’330 | 23’387 |
| Kampanien | 32’064 | 31’689 |
| Emilia-Romagna | 25’770 | 24’579 |
| Friaul-Julisch Venetien | 7’428 | 7’452 |
| Latium | 41’569 | 39’826 |
| Ligurien | 12’021 | 11’548 |
| Lombardei | 50’295 | 48’019 |
| Marken | 8’386 | 7’927 |
| Molise | 3’227 | 3’249 |
| Piemont | 15’588 | 15’082 |
| Apulien | 18’647 | 17’975 |
| Sardinien | 31’407 | 31’137 |
| Sizilien | 26’091 | 26’923 |
| Toskana | 58’854 | 55’627 |
| Provinz Trient | 5’725 | 5’732 |
| Umbrien | 25’790 | 25’370 |
| Aostatal | 1’272 | 1’224 |
| Venetien | 33’376 | 32’499 |
| Total Italien | 441’261 | 429’484 |
Die grössten absoluten Rückgänge verzeichneten die Toskana mit 3’227, die Lombardei mit 2’276 und Latium mit 1’743 weniger ausgestellten Jagdausweisen. Kleine Zunahmen gab es unter anderem in Sizilien, Kalabrien sowie den autonomen Provinzen Bozen und Trient.
Ein internationales Muster: Italien, Iberische Halbinsel und USA
Der Rückgang der Hobby-Jagd ist kein italienischer Einzelfall. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur demografischen Entwicklung der Hobby-Jagd auf der iberischen Halbinsel, mit Daten aus sechs spanischen Regionen und Portugal, kommt zum Schluss, dass die Alterung der Hobby-Jägerschaft stark, anhaltend und voraussichtlich kaum umkehrbar ist. Im untersuchten Gebiet sank die Zahl der Hobby-Jäger in den vergangenen 15 Jahren um 26 Prozent, über einen Zeitraum von 50 Jahren um 45 Prozent.
Rund 40 Prozent der untersuchten Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger sind heute über 60 Jahre alt. Der Nachwuchs ging über 50 Jahre um 89 Prozent zurück. Für die Region Aragón dokumentiert die Studie zudem einen Rückgang der Jagdlizenzen von rund 54’000 auf weniger als 46’000 innerhalb von 15 Jahren.
Auch in den USA zeigt sich ein langfristiger relativer Rückgang. 1960 wurden dort rund 14,0 Millionen Jagdlizenzen verkauft, entsprechend 7,7 Prozent der damaligen Bevölkerung. Im Jahr 2020 waren es rund 15,2 Millionen Lizenzen; wegen des wesentlich stärkeren Bevölkerungswachstums entsprach dies nur noch 4,6 Prozent der Bevölkerung. Während die Zahl verkaufter Jagdlizenzen seit 1960 um 8,6 Prozent zunahm, wuchs die Bevölkerung im selben Zeitraum um 83,4 Prozent. Eine separate Erhebung des U.S. Fish and Wildlife Service zur tatsächlichen Jagdteilnahme zeigt einen ähnlichen Befund: Sie sank von 8,9 Prozent der Bevölkerung im Jahr 1960 auf 4,5 Prozent im Jahr 2016, den bisher tiefsten Wert der seit 1955 laufenden Erhebungsreihe.
Italien, die untersuchten Regionen Spaniens und Portugals sowie die USA zeigen damit ein vergleichbares langfristiges Muster: Die Hobby-Jagd verliert im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung an Gewicht und hat Schwierigkeiten, jüngere Generationen zu gewinnen. Bei direkten Ländervergleichen bleibt jedoch entscheidend, dass Jagdausweise, Jagdlizenzen und Umfragen zur tatsächlichen Jagdteilnahme unterschiedliche Grössen messen. Warum die Entwicklung in Deutschland in einzelnen Statistiken anders erscheint, ordnet der Beitrag Warum die Hobby-Jagd ihren Nachwuchs verliert, ausser in Deutschland ein.
Auch für die Schweiz relevant
Auch in der Schweiz verändern sich die Jägerzahlen regional seit Jahren, während die gesellschaftliche und politische Legitimation der Hobby-Jagd zunehmend hinterfragt wird. Die internationale Datenlage verdeutlicht, weshalb bei Jagdstatistiken genau hingeschaut werden muss: Waffenlizenzen, Verbandsangaben und tatsächlich ausgestellte Jagdausweise messen nicht dasselbe. Wer wissen will, wie viele Personen in einer Saison einen Jagdausweis lösen und damit jagdrechtlich zur Hobby-Jagd berechtigt sind, erhält mit den ausgestellten Jagdausweisen eine wesentlich aussagekräftigere Grundlage als mit blossen Waffenlizenz- oder Verbandszahlen.
Weitere Hintergründe bietet das Dossier zu Studien über die Auswirkungen der Jagd auf Wildtiere und Menschen.
Warum Freude am Töten kein harmloses Freizeitmotiv ist
Menschen, die Freude daran empfinden, Lebewesen zu töten und dafür zu bezahlen, zeigen aus psychologischer Sicht kein normales Freizeitverhalten. Dieses Verhalten widerspricht grundlegenden Mechanismen von Empathie, Mitgefühl und moralischer Hemmung, wie sie beim Grossteil psychisch gesunder Menschen vorhanden sind. Psychologisch handelt es sich um abweichendes Gewaltverhalten, auch wenn es politisch oder kulturell geduldet wird.
Freude am Töten ist ein klassisches Merkmal lustbasierter Gewalt. Der Gewaltakt selbst wirkt belohnend: nicht das Ergebnis, nicht eine behauptete Notwendigkeit, sondern das Töten. Das ist kein Randphänomen, sondern in der Gewaltpsychologie klar beschrieben.
Nicht jede Person, die jagt, wird den Tötungsakt gleich erleben oder offen als Freude benennen. Doch wer die Hobby-Jagd gerade als Freude am Erlegen, als Adrenalin, Triumph oder persönliche Befriedigung erlebt, zeigt eine psychologisch problematische Gewaltmotivation. Diese steht historisch und strukturell in Nähe zu autoritären und entwertenden Denkweisen, weil sie das getötete Lebewesen zum Mittel eigener Befriedigung macht.
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