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Jagd

Problem-Politiker statt Problem-Wölfe: Die Schweiz jagt das falsche Tier

Das Parlament in Bern hat die Schraube bei der Wolfsregulierung noch einmal angezogen: Künftig sollen sogenannte Problem-Wölfe ganzjährig geschossen werden können, sogar in Jagdbanngebieten. Während Lobbyverbände jubeln, zeigt sich vor allem eines: Das eigentliche Problem steht nicht im Wald, sondern sitzt im Parlament.

Redaktion Wild beim Wild — 4. Dezember 2025

Am 3.12.2025 ist im Parlament wieder Grosswildjagd gewesen.

Nicht im Wald, sondern im Bundeshaus. Gejagt wurde offiziell der Wolf, inoffiziell die Restbestände an Vernunft. Der Nationalrat hat beschlossen, dass sogenannte Problemwölfe künftig ganzjährig geschossen werden dürfen und Abschüsse sogar in Jagdbanngebieten möglich sein sollen.

Das Tier, das man dabei am lautesten bellen hört, ist jedoch nicht der Wolf. Es ist der Problem-Politiker.

Parlament im Jagdfieber

Mit klaren Mehrheiten winkte der Nationalrat zwei Motionen durch: Eine verlangt, dass Wölfe mit Abschussbewilligung auch in Jagdbanngebieten erlegt werden dürfen. Die andere will, dass sogenannte Problemwölfe das ganze Jahr über geschossen werden können, selbst wenn sie Teil eines Rudels sind.

Damit verschärft das Parlament die Wolfspolitik erneut. Schon mit der Revision des Jagdgesetzes wurden die Hürden für Abschüsse gesenkt und präventive Regulierung ermöglicht, obwohl der Wolf weiterhin als geschützte Art gilt.

Pikanterweise war sogar Umweltminister Albert Rösti gegen diese erneute Verschärfung und wollte zuerst die Wirkung der neuen Verordnung abwarten. Er, nicht eben als Wolfsfreund bekannt, wirkte für einen kurzen Moment wie der einzige Herdenschutzhund der Vernunft im Saal. Überstimmt wurde er trotzdem.

Wer ist hier eigentlich das Problemtier?

Offiziell spricht man von Problem-Wölfen. Das klingt nach hochgefährlichen Bestien, die nachts durchs Dorf schleichen und tagsüber den Tourismus sabotieren. In der Realität reden wir von Beutegreifern, die Rehe, Hirsche und manchmal ungeschützte Nutztiere reissen, weil sie genau dafür evolutionsbedingt ausgerüstet sind.

Wenn ein Wolf sich wie ein Wolf verhält, ist er ein Problemwolf. Wenn ein Politiker sich wie ein Lobbyvertreter verhält, nennt man das Demokratie. Praktisch.

Die Wortwahl ist kein Zufall. Wer ein Tier zum Problem erklärt, erklärt gleichzeitig sich selbst zur Lösung. Am Ende stehen Politiker vor Kameras und erzählen, sie hätten durch Abschüsse Ordnung geschaffen. Tatsächlich haben sie nur zweimal geschossen: einmal auf den Wolf und einmal auf den gesunden Menschenverstand.

Die Inszenierung der bedrohten Alpenidylle

Die Erzählung ist bekannt: Die Alpwirtschaft stehe wegen des Wolfs vor dem Kollaps, das Ökosystem gerate aus den Fugen, die traditionelle Bewirtschaftung sei in Gefahr. So zumindest die Dramaturgie in den Räten.

Was in dieser Inszenierung gern unter den Tisch fällt:

  • Herdenschutzmassnahmen wirken dort, wo sie konsequent umgesetzt werden. Studien und Monitoring zeigen, dass Risse in gut geschützten Herden deutlich tiefer sind als in ungeschützten.
  • Die meisten Schafe in den Alpen sterben nicht durch Wölfe, sondern durch Krankheiten, Abstürze und Vernachlässigung. Unter dem Strich rettete der Wolf sogar mehr Schafe seit seiner Rückkehr, durch die verbesserte Behirtung.

Trotzdem wird der Wolf zum Hauptschuldigen gemacht. Nicht, weil es sachlich stimmt, sondern weil es politisch nützlich ist. Ein Beutegreifer mit gelben Augen eignet sich als Feindbild eben besser als ein unsichtbarer Klimawandel oder jahrzehntelange agrarpolitische Fehlanreize.

Jagdbanngebiete: Schutzgebiete mit Schiessbefehl

Besonders absurd wird die neue Linie bei den Jagdbanngebieten. Eigentlich sind sie dafür da, Wildtieren Ruhe zu geben. Künftig kann dort aber gejagt werden, wenn der richtige Name auf dem Formular steht: Wolf.

Die Botschaft an die Natur ist eindeutig: Schutz gilt nur, solange keine Lobby ernsthaft widerspricht. Heute sind es Wölfe im Jagdbanngebiet, morgen vielleicht andere störende Arten, die das heile Bild der Alpenidylle gefährden, in der Kühe dekorativ vor Bergkulisse posieren und möglichst nie sterben. Zumindest nicht sichtbar. Die gleichen Politiker, die gestern so unsachlich debattierten, senden jedes Jahr in der Schweiz über 80 Millionen Tiere auf die Schlachtbank.

Problem-Politiker: Eine invasive Art

Während der Wolf sich langsam und mühsam seinen Platz in einem stark gestörten Alpenökosystem zurückerobert, haben Problem-Politiker längst stabile Populationen in Bern gebildet. Ihre Merkmale:

  • Hohe Anpassungsfähigkeit an jede Kamera
  • Starke Bindung an Jagd- und Agrarlobbys
  • Geringe Scheu vor Fakten
  • Auffällige Bereitschaft, Schutzbestimmungen für wildlebende Tiere aufzuweichen

Die Bestände dieser Spezies gelten als nicht gefährdet. Im Gegenteil: Ihre Reproduktionsrate steigt analog zur Anzahl emotional aufgeladener Debatten, in denen Begriffe wie Heimatschutz, Tradition und Sicherheit in dichter Folge aufeinanderprallen.

Wenn irgendwo ein Schaf gerissen wird, riecht der Problem-Politiker politisches Kapital. Er erscheint schneller als jeder Wolf, bewaffnet mit Medienmitteilung und vorbereiteter Motion.

Bestandsregulierung im Bundeshaus

In der Welt der Problemwölfe ist die Antwort auf komplexe Fragen erstaunlich simpel: Man schiesst. Mehr Regulierung, mehr Abschüsse, mehr Signale an die Wutbasis im ländlichen Raum. Dass dabei internationale Verpflichtungen, Artenschutz und das Tierschutzgesetz zunehmend an den Rand gedrängt werden, wird als Kollateralschaden verbucht.

Überträgt man diese Logik auf das Bundeshaus, käme man zu spannenden Konsequenzen:

  • Wo Populationsdichte von Problem-Politikern besonders hoch ist, drohen demokratische Erosionsschäden.
  • Lärmpegel in Debatten und Dichte von Lobbyeinflüsterungen könnten als Kriterien für eine proaktive Regulierung dienen.
  • Periodische Evaluierungen mit der Frage: Strahlen diese Individuen mehr Angst oder mehr Lösungen aus?

Keine Sorge, das ist Satire. Anders als beim Wolf will niemand ernsthaft Problem-Politiker zum Abschuss freigeben. Schon gar nicht ganzjährig und im Schutzgebiet. Aber ganz sicher bei den nächsten Wahlen.

Was der Wolf wirklich spiegelt

Der Wolf tut im Grunde nur eines: Er hält der Schweiz einen Spiegel vor.

  • Er zeigt, wie schwer sich dieses Land damit tut, Wildnis als etwas anderes als Dekoration für Tourismusbroschüren zu akzeptieren.
  • Er entlarvt eine Politik, die lieber schiesst, als konsequent in funktionierenden Herdenschutz und ökologische Korridore zu investieren.
  • Er macht sichtbar, wie weit einige bürgerliche Kräfte bereit sind, für die Verteidigung ihres Jagd- und Landwirtschaftsbildes zu gehen.

Am Ende bleibt ein bitterer Witz: Ein geschütztes Tier wird Schritt für Schritt zur beweglichen Zielscheibe erklärt, während die wirklich gefährliche Art völlig unreguliert bleibt.

Diese Art bestätigt bei jeder Session, warum sie das eigentliche Problem ist: Sie kann reden, sie kann entscheiden, sie kann Verantwortung wegdelegieren. Und sie kann ein Ökosystem zerstören, ohne je einen einzigen Bissen aus einem Schaf herauszubeissen.

Nicht der Wolf ist ausser Kontrolle

Die eidgenössischen Räte haben mit den jüngsten Beschlüssen erneut gezeigt, dass die Wolfspolitik nicht sachlich, sondern symbolisch geführt wird. Der Wolf steht am Schluss einer langen Kette an politischen Versäumnissen und ideologischen Reflexen.

Wer von Problemwölfen spricht, sollte zuerst über Problem-Politiker reden. Denn der Wolf kann nichts dafür, dass er ein Wolf ist. Beim Menschen ist die Ausrede deutlich schlechter.

Die Schieflage der Angst: Tote im Wald, aber nicht durch Wölfe

Schaut man nicht nur in den Bauch, sondern auch in die Statistik, kippt das Bild ziemlich schnell. Jedes Jahr ereignen sich in der Schweiz rund 40’600 Freizeitunfälle mit Tieren, Tendenz steigend. Am zweithäufigsten sind Hunde und Pferde beteiligt, nur Insekten und Zecken schaffen noch mehr Zwischenfälle.

Bei den Hunden reden wir längst nicht von Einzelfällen. Schon 2007 wurden schweizweit über 4’200 Beissvorfälle gemeldet, davon 2’678 mit verletzten Menschen. Eine spätere Auswertung von SRF zeigt für ein jüngeres Jahr mehr als 7’000 Vorfälle mit Hunden, ein Anstieg um fast 20 Prozent seit 2016. Mit anderen Worten: Tausende Menschen werden jedes Jahr von des Menschen bestem Freund verletzt, von Gesichtsverletzungen bei Kindern bis zu schweren Bisswunden.

Auch die Hobby-Jagd selbst ist alles andere als harmlos. Offizielle Zahlen sprechen von rund 300 Jagdunfällen pro Jahr, im Durchschnitt 3–4 Todesfällen jährlich, dazu mehrere Fälle mit Invalidität.

Und der Wolf in diesem blutigen Ranking der Gefahrenquellen für Menschen? Fachstellen wie KORA oder verschiedene Medienanalysen halten nüchtern fest, dass Angriffe von Wölfen auf Menschen in Europa selten vorkommen und in der Schweiz bisher keine bestätigten Fälle bekannt sind. Wölfe meiden Menschen, wenn man sie nicht anfüttert und ihre natürliche Scheu zerstört.

Trotzdem behandelt die Politik den Wolf, als würde er jeden Sonntag im Familienbad nach Kindern tauchen. Die Schieflage ist offensichtlich: Dort, wo real jedes Jahr Tote und Tausende Verletzte zu beklagen sind, bleibt es erstaunlich leise. Dort, wo die Statistik fast leer ist, wird die grosse Sicherheitsdebatte inszeniert. Es ist, als ob man bei Sturmwarnung den Föhn verteufelt und dabei vergisst, dass nebenan jemand das Dach absägt.

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