31. Juli 2026, 12:20

Suchen

JagdSchweiz sucht Kinder: «Kinder in der Natur» ist Nachwuchswerbung im Tarnkleid

JagdSchweiz baut mit «Kinder in der Natur» einen Pool von Hobby-Jägern für Waldtage, Projektwochen und Schulunterricht auf. Was als Naturvermittlung verkauft wird, ist die nächste Stufe einer Rekrutierungsstrategie.

Der Dachverband JagdSchweiz baut einen Pool von Hobby-Jägern auf, die an Waldtagen, Projektwochen und im Schulunterricht auftreten sollen.

Was als Naturvermittlung verkauft wird, ist die nächste Stufe einer Rekrutierungsstrategie, die wir seit Jahren dokumentieren.

Ende Juli 2026 hat JagdSchweiz (ChasseSuisse, CacciaSvizzera, CatschaSvizra) auf Facebook ein neues Projekt lanciert: «Kinder in der Natur». Der Verband sucht «engagierte Jägerinnen und Jäger aus allen Regionen der Schweiz», die ihr Wissen an Kinder weitergeben. Die Einsatzorte nennt der Post selbst: Waldtag, Projektwoche, Schulunterricht, Ferienpass. Geboten werden eine Schulung von einem halben bis einem ganzen Tag, «hochwertiges Anschauungsmaterial» sowie fertige Ideen für Spiele, Aktivitäten und Unterrichtsmaterial. Man müsse «das Rad nicht neu erfinden».

Screenshot 2026 07 31

Die Verpackung ist vertraut. Reh aus der Nähe, das abgeworfene Geweih des Hirschs, die Spuren von Fuchs und Dachs. Alles harmlos, alles kindgerecht. Doch mitten in dieser Aufzählung steht die eigentliche Botschaft: «Welche Aufgaben übernehmen Jägerinnen und Jäger eigentlich?» Genau an diesem Punkt kippt Naturpädagogik in Imagepflege. Es geht nicht darum, Kindern Wildtiere zu zeigen. Es geht darum, ihnen die Hobby-Jagd als selbstverständlichen, positiven Teil der Natur zu präsentieren, vermittelt durch jene Interessengruppe, die vom Nachwuchs und von gesellschaftlicher Akzeptanz unmittelbar profitiert.

Warum eine Interessengruppe keine neutrale Lehrperson ist

Der entscheidende Punkt ist die Interessenkollision. Hobby-Jäger haben keine pädagogische Berufung, und doch missionieren sie bis in die Grundschulen. Wer Kindern erklärt, «welche Aufgaben Hobby-Jäger übernehmen», tritt nicht als neutraler Naturvermittler auf, sondern als Werber in eigener Sache. Der Dachverband braucht Nachwuchs, und er braucht eine Gesellschaft, die das Töten von Wildtieren zum Vergnügen für normal hält. Ein Kind, das im Waldtag lernt, der Hobby-Jäger sei Heger und Pfleger, wird kaum je zum kritischen Erwachsenen, der diese Erzählung hinterfragt.

Für die sachliche Vermittlung heimischer Wildtiere braucht es keine Hobby-Jäger. Dafür gibt es Wildbiologinnen, Wildhüter, Förster und Naturschutzorganisationen, die kein Tötungsinteresse an ihrem Unterrichtsgegenstand haben. Dass ausgerechnet der Verband die Deutungshoheit über den Wald in den Klassenzimmern beansprucht, ist kein Zufall, sondern Programm.

Empathie wird verhandelbar gemacht

Erfahrenen Kinderpsychologen zufolge vermittelt die Jagd den Kindern gefährliche Werte. Den Kindern wird suggeriert, es sei richtig, die Gefühle, Bedürfnisse und Rechte anderer Lebewesen zu ignorieren, sobald Tradition, Hobby oder ein angeblicher «Hegeauftrag» ins Spiel kommen. Wer sich vor dem toten Reh scheut oder traurig wird, gilt schnell als überempfindlich. Das Kind lernt, dieses Mitgefühl zu unterdrücken, statt es ernst zu nehmen.

Genau davor warnt der UN-Kinderrechtsausschuss. Mit dem «General Comment 26», angenommen am 23. August 2023, hält das höchste internationale Gremium für die Rechte Minderjähriger fest, dass Kinder vor jeder Form physischer und psychischer Gewalt geschützt werden müssen, ausdrücklich auch vor dem Ausgesetztsein gegenüber Gewalt an Tieren. Studien belegen, dass Kinder durch das Erleben von Gewalt an Tieren in ihrem Empathievermögen negativ beeinflusst werden und diese Gewalt mit der Zeit als normal ansehen. Die Schweiz ist menschenrechtlich verpflichtet, Kinder davor zu schützen. Ein staatlich geduldetes Programm, das Hobby-Jäger in die Schulen holt, läuft dieser Pflicht direkt zuwider.

Die Reaktion aus der Bevölkerung ist eindeutig

Der Facebook-Post hat ein klares Echo ausgelöst. Die grosse Mehrheit der Kommentare lehnt das Projekt scharf ab. Eine Nutzerin bringt den Kern auf den Punkt: Kindern werde die eigene Entwicklung genommen, sich bei entsprechender Reife selbst für oder gegen die Jagd zu entscheiden. Die Botschaft an die Kinder lautet: «Empathie ist verhandelbar.» Andere sprechen von Indoktrination, von der Rekrutierung einer nächsten Generation von Tiertötern, von einem Widerspruch zum Schutz des Wolfs und der Beutegreifer. Der Tenor ist unmissverständlich: Lasst die Kinder in Ruhe.

Diese Ablehnung ist kein Zufall. Sie spiegelt ein gesellschaftliches Unbehagen, das der Verband mit immer neuen Imagekampagnen zu übertönen versucht.

Das gehört in ein grösseres Muster

«Kinder in der Natur» ist kein Ausrutscher, sondern die konsequente Fortsetzung einer Strategie. Seit geraumer Zeit betreiben jagdphile Kreise in Kindergärten und Schulen eine Imagekampagne mit dem Ziel, tierliebende Kinder an das Hobby heranzuführen. Die Manipulation erfolgt spielerisch und wird als Naturschutzprojekt beworben. Wir haben diese Muster in unserer Kampagne «Nein zum Unterricht durch Hobby-Jäger in Schulen» ausführlich belegt.

Wo die passive Vermittlung in aktive Teilnahme übergeht, wird aus der Imagepflege ein handfestes Kinderschutzproblem. Unsere Petition «Minderjährige auf der Hobby-Jagd bestrafen» fordert deshalb Strafen für Hobby-Jäger, die Kinder an Jagdtätigkeiten teilnehmen lassen. Beide Stossrichtungen greifen ineinander: erst die spielerische Gewöhnung im Klassenzimmer, dann die Teilnahme im Feld.

Wer tiefer einsteigen will, findet die psychologischen Hintergründe in unserem Dossier Psychologie der Jagd.

Unsere Einschätzung ist gerichtlich abgesichert

Dass wir den Verband JagdSchweiz so deutlich benennen, ist kein rhetorischer Übermut, sondern gerichtlich gedeckt. Der Verband hat versucht, unsere Berichterstattung mit einer Strafanzeige zum Schweigen zu bringen. Das Strafgericht des Kantons Tessin sprach wildbeimwild.com am 17. Juli 2020 in Bellinzona frei. Richter Siro Quadri kam nach der Beweisaufnahme zum Schluss, dass unsere Aussagen über den Verband keine Lügen und damit nicht verleumderisch sind. Das Urteil ist rechtskräftig. Auch vor dem Zivilgericht in Locarno blieb JagdSchweiz erfolglos.

Zu den Aussagen, die das Gericht als zulässige, faktenbasierte Kritik und nicht als Verleumdung eingestuft hat, gehören unter anderem folgende Einschätzungen der IG Wild beim Wild:

  • Vorstandsmitglied und Nationalrat (CVP) Fabio Regazzi vom militanten Problemverein «Jagd Schweiz» setzte sich wiederholt für Praktiken ein, die wir als Tierquälerei betrachten. Vor kurzem wollte er sogar Widerhaken beim Angeln erneut salonfähig machen, scheiterte mit diesem Vorhaben aber deutlich.
  • Wegen dieser Hobby-Jäger leiden Wildtiere in der Schweiz.
  • Der Verein «JagdSchweiz» und andere fragwürdige Jägerverbände entstanden aus unserer Sicht in erster Linie, um vor allem gegen Beutegreifer wie Fuchs, Luchs, Wolf und Co., also ihre Beutekonkurrenten, vorgehen zu können. Das tun sie bis heute. Dies ist wohl ein Hauptgrund, weshalb den Hobby-Jägern aus allen Himmelsrichtungen Kritik entgegenschlägt.
  • Der Verein Jagd Schweiz kultiviert nach unserer Einschätzung in erster Linie Respektlosigkeit und eine Gewaltkultur, genau das Gegenteil von dem, wonach ein kultivierter Mensch in unserer Gesellschaft streben sollte. Einzelne Hobby-Jäger drohen sogar mit einem Bürgerkrieg, sollte unter anderem die Fuchsjagd eingestellt werden.
  • Mitglieder des Vereins Jagd Schweiz pflegen Beziehungen zu Vertretern der Macht im Allgemeinen. Zudem bedienen sich Funktionäre und Unterstützer nach unserer Beobachtung immer wieder Gewaltbildern oder anderer zur Einschüchterung geeigneter Mittel wie Angstmacherei, Lügenpropaganda und Jägerlatein, um Einfluss auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft zu nehmen.
  • Aus Sicht der IG Wild beim Wild wird praktisch alles, was grausam, unnötig und herzlos ist, vom Verband Jagd Schweiz gefördert.
  • Den Verantwortlichen ist dabei kein Aufwand zu gross, um demokratische Prozesse sowie Presse- und Meinungsfreiheit zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Der Freispruch stellt fest, dass harte, faktenbasierte Kritik an einem Verband wie JagdSchweiz rechtlich zulässig ist, solange sie auf nachvollziehbaren Tatsachen und öffentlichem Interesse beruht. Wer in politischen und gesellschaftlichen Debatten mitmischt, kann berechtigte Kritik nicht mit Anzeigen wegwischen. Genau deshalb dürfen wir festhalten: Ein Verband mit diesem Profil ist keine geeignete Instanz, um Kindern die Natur zu erklären. Wie JagdSchweiz agiert, ordnen wir laufend in unseren Kampagnen ein.

Was jetzt zu tun ist

Schulen, Lehrpersonen und Gemeinden sollten Angebote von JagdSchweiz und ihren regionalen Sektionen kritisch prüfen und ablehnen. Naturunterricht gehört in die Hände von Fachpersonen ohne Tötungsinteresse. Eltern haben das Recht zu erfahren, wer im Waldtag oder in der Projektwoche vor ihren Kindern steht und welche Interessen dahinterstehen.

Basel-Stadt prüft den Ausstieg aus der Fuchsjagd, angestossen durch einen Zuger Bericht

Ein Zuger Fachbericht widerlegt den Nutzen der Hobby-Jagd auf den Fuchs. Nun greift Basel-Stadt den Befund auf.

Ein vom Kanton Zug bestellter Fachbericht widerlegt den Nutzen der Hobby-Jagd auf den Fuchs. Nun greift Basel-Stadt den Befund auf und zeigt sich offen, einen Verzicht zu prüfen.

Die Wirkung eines wissenschaftlichen Berichts endet nicht an der Kantonsgrenze. Der Regierungsrat von Basel-Stadt hat am 30. Juni 2026 eine Schriftliche Anfrage von Grossrätin Brigitta Gerber beantwortet, die die wissenschaftliche Evidenzlage zur Hobby-Jagd auf den Fuchs prüfen liess. Das Ergebnis ist bemerkenswert deutlich: Die Regierung erklärt, sie stehe «einer vertieften Prüfung eines Verzichts auf die reguläre Rotfuchs-Bejagung im Kanton Basel-Stadt offen gegenüber» und wolle diese Frage gemeinsam mit den Gemeinden vertiefen.

Angestossen wurde diese Bewegung im Kanton Zug. Dieselbe Petition, eingereicht vom Luzerner Juristen Pascal Wolf, hatte im Kanton Zug dazu geführt, dass die Direktion des Innern beim Zürcher Büro SWILD einen Fachbericht in Auftrag gab. Dieser Bericht demontiert die gängigen Rechtfertigungen der Fuchsjagd, und genau auf diese Evidenzlage stützt sich nun auch die Basler Anfrage.

Was der Basler Regierungsrat sagt und was nicht

Wichtig zur Einordnung: Basel-Stadt hat die Fuchsjagd nicht abgeschafft und auch nicht beschlossen, sie abzuschaffen. Der Regierungsrat erklärt seine Bereitschaft, den Verzicht ernsthaft zu prüfen. Das ist eine bewusste Öffnung, kein Endpunkt.

Aufschlussreich sind die Zahlen, die der Kanton selbst nennt. In den letzten zehn Jahren wurden in Basel-Stadt durchschnittlich fünf Füchse pro Jahr jagdlich erlegt, im gleichen Zeitraum kamen durchschnittlich zehn Füchse jährlich als Fallwild durch Verkehr und Krankheit um. Spezialabschüsse durch den Kanton gab es keine. Basel-Stadt verfolgt bereits heute keinen Ansatz einer grossräumigen Bestandsregulation, sondern greift situationsbezogen ein, etwa bei kranken oder verletzten Tieren. Genau diese Eingriffe durch die Wildhut sollen auch bei einem allfälligen Verzicht auf die reguläre Bejagung möglich bleiben.

Der Regierungsrat verweist zudem auf die städtische Struktur des Kantons und mahnt, Erkenntnisse aus grossflächigen ländlichen Regionen liessen sich nicht ungeprüft übertragen. Das ist ein legitimer Vorbehalt. Er ändert nichts daran, dass die Richtung der Antwort auf eine Öffnung hinausläuft.

Der Zuger Befund als Fundament

Der Basler Vorstoss stützt sich auf einen Bericht, den nicht eine Tierschutzorganisation verfasst hat, sondern eine Fachstelle im Auftrag des Kantons Zug selbst. Die Kernaussagen des SWILD-Berichts von Dr. Claudia Kistler und Dr. Fabio Bontadina vom Mai 2026 lassen sich knapp zusammenfassen.

Die Hobby-Jagd reguliert den Fuchsbestand nicht. Als mittelgrosse Beutegreifer kompensieren Füchse Verluste durch frühere und fruchtbarere Reproduktion sowie durch Zuwanderung abwandernder Jungtiere. Bei Krankheiten ist die Hobby-Jagd wirkungslos bis kontraproduktiv: Die Tollwut wurde durch die orale Impfkampagne ab 1978 besiegt, nicht durch die Flinte, und beim Fuchsbandwurm stieg in einer französischen Studie die Prävalenz im stark bejagten Gebiet von 44 auf 55 Prozent, während sie im Kontrollgebiet stabil blieb. Beim Schutz von Nutztieren erwiesen sich Zäune und Herdenschutz als wirksamer als das Töten von Füchsen.

Die ausführliche Darstellung dieses Berichts und der Zuger Behördenreaktion findet sich in unserem Beitrag «Kanton Zug: Behörden bremsen Fuchsjagd nach Studie».

Genf und Luxemburg als Beleg

Dass ein Verzicht funktioniert, zeigen zwei Referenzräume, auf die sich sowohl der Zuger Bericht als auch die Basler Anfrage berufen. Der Kanton Genf hat die Freizeitjagd bereits 1974 abgeschafft, dort schiessen ausschliesslich Wildhüter, und der Fuchsbestand ist trotzdem nicht angewachsen. Luxemburg verbot die Fuchsjagd 2015, und die zuständige Naturverwaltung hält fest, dass die befürchteten Probleme ausblieben und der Anteil der mit dem Fuchsbandwurm befallenen Füchse nach dem Verbot sogar deutlich sank. Wie das jagdfreie Wildtiermanagement in der Praxis aussieht, zeigt unser Beitrag Genf: Abschaffung der Hobby-Jagd.

Der Kantonsvergleich zeigt zwei Muster

Pascal Wolf hat seine Petition in über einem Dutzend Kantonen eingereicht, und die Reaktionen fallen aufschlussreich unterschiedlich aus. Auf der einen Seite stehen Kantone, die prüfen: Zug bestellte einen Fachbericht und zog Konsequenzen, Basel-Stadt zeigt sich nun offen für die Prüfung eines Verzichts.

Auf der anderen Seite stehen Kantone, die abwiesen, ohne die wissenschaftliche Evidenz zu würdigen. Glarus lehnte ab, ohne die Belege überhaupt zu prüfen, nachzulesen in «Glarus lehnt Petition zur Fuchsjagd ab, ohne die Evidenz zu prüfen». Auch Basel-Landschaft antwortete, ohne eine einzige wissenschaftliche Quelle zu nennen. Dass die gängigen Rechtfertigungen der Datenlage nicht standhalten, zeigt exemplarisch auch der Kanton Zürich, wo eine Bürgerin die Jagdbehörde mit einer Millionen-Bilanz der Fuchsjagd konfrontierte.

Bemerkenswert ist der Kontrast innerhalb der beiden Basel. Baselland und Basel-Stadt teilen sich mit dem Amt für Wald beider Basel dieselbe operative Fachstelle, doch die politische Antwort gibt nicht das Amt, sondern die jeweilige Kantonsregierung. Und die fielen gegensätzlich aus: Der Baselbieter Regierungsrat wies die Petition ab und definierte die Frage nach der wissenschaftlichen Notwendigkeit weg, während der Basler Regierungsrat aus derselben Verwaltungssprache heraus zu einer Öffnung gelangt. Gleicher fachlicher Unterbau, entgegengesetzte Richtung.

Was bleibt

Die Frage hinter der Petition bleibt in allen Kantonen dieselbe: Wenn kein Bundesgesetz zur Fuchsjagd zwingt und die Wissenschaft keinen Nutzen belegt, auf welcher Grundlage tötet die Schweiz dann Jahr für Jahr Zehntausende Füchse? Ein Verzicht auf die Hobby-Jagd bedeutet dabei nicht, dass gar nicht mehr eingegriffen wird. Kranke, verletzte oder verhaltensauffällige Tiere lassen sich weiterhin gezielt entnehmen. Infrage steht das routinemässige Töten gesunder Füchse ohne belegten Nutzen.

Zug hat begonnen, sich dieser Frage zu stellen. Basel-Stadt zieht nach. Die Antwort des Regierungsrates ist noch kein Ausstieg, aber sie ist ein Riss in der Selbstverständlichkeit, mit der die Fuchsjagd bislang verteidigt wurde.

Ein Jahr nach der Pavian-Tötung: Nürnberg züchtet weiter, sieben von neun Jungtieren tot

Ein Jahr nach der Tötung von zwölf Pavianen züchtet der Tiergarten Nürnberg weiter. Sieben von neun Jungtieren starben, das Verfahren läuft, der Bestand ist wieder über der Grenze.

Vor einem Jahr liess der Tiergarten Nürnberg zwölf gesunde Guinea-Paviane töten, weil deren Gehege überfüllt war.

Der Aufschrei war gewaltig, Aktivistinnen und Aktivisten ketteten sich ans Affengehege, drangen auf das Gelände ein und errichteten ein Protestcamp. Ein Jahr später ist juristisch nichts geklärt, tierschutzpolitisch hat sich nichts gebessert, und der Zoo züchtet unbeirrt weiter. Von neun seither geborenen Pavianbabys haben nur zwei überlebt. Sieben sind tot.

Das ist keine Randnotiz zum Jahrestag, sondern der Beleg dafür, dass der Tiergarten aus der Tötung keine Konsequenzen gezogen hat. Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife, die damals Strafanzeige erstattete, hat die Bestandsdaten der Anlage ausgewertet und legt damit offen, was hinter der Artenschutz-Fassade des Zoos steckt.

Das Verfahren läuft, eine Anklage steht aus

Bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth sind mittlerweile rund 800 Strafanzeigen gegen Verantwortliche des Tiergartens eingegangen. Die Ermittlungen dauern nach Angaben der Behörde unverändert an, eine Entscheidung über eine Anklage steht aus, und ob es überhaupt zu einem Prozess kommt, ist offen.

Im Kern geht es um eine einfache Rechtsfrage mit weitreichender Bedeutung. Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet die Tötung eines Tieres ohne vernünftigen Grund. Ob die Überfüllung eines Zoogeheges einen solchen Grund darstellt, wird über den Einzelfall hinaus zum Präzedenzfall für die gesamte Zoopraxis. Wir haben die erste Strafanzeige-Welle im Beitrag «Strafanzeige gegen Tiergarten Nürnberg nach Tötung gesunder Paviane» dokumentiert, den Vorlauf im Aufruf «Stoppt den Plan zur Tötung von Pavianen in Nürnberg!».

35 Jahre planlose Zucht: Das Bestandsbuch entlarvt den Artenschutz-Mythos

Der zentrale Befund von Pro Wildlife stammt aus den Bestandsdaten der letzten 35 Jahre, die der Tiergarten auf Grundlage des Bayerischen Umweltinformationsgesetzes herausgeben musste. Sie zeichnen das Bild einer Zucht, die mit seriösem Artenschutz nichts gemein hat.

Obwohl der Tiergarten offiziell am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) teilnimmt, hat er seit 35 Jahren kein einziges Tier aus einer anderen Haltung aufgenommen und seit zehn Jahren keines abgegeben. Eine derart isolierte Gruppe trägt ein hohes Inzuchtrisiko, mit Folgen von Erbkrankheiten bis zu erhöhter Jungtiersterblichkeit. Seriöse Erhaltungszucht funktioniert genau umgekehrt: Zoos tauschen ihre Tiere regelmässig aus und verpaaren die Elterntiere gezielt, um genetische Vielfalt zu erhalten.

In Nürnberg wurde die Vermehrung dagegen dem Zufall überlassen. Bei keinem einzigen der dort gezüchteten Tiere ist der Vater erfasst, bei 76,5 Prozent fehlen die Angaben zu beiden Elternteilen. 187 in Nürnberg geborene Tiere in 35 Jahren, kein einziger Zugang von aussen. «Das hat mit seriöser Erhaltungszucht nichts zu tun», sagt Laura Zodrow, Zoo-Expertin bei Pro Wildlife. Ein Auswilderungsprojekt für die Nürnberger Paviane existiert nicht und ist auch nicht geplant, schon weil es in den Herkunftsländern an sicheren Gebieten fehlt und der Zoo die wissenschaftlichen Kriterien für eine Wiederauswilderung nicht erfüllen könnte.

Dass sich hinter dem Etikett «Artenschutz» oft schlicht Bestandsmanagement verbirgt, ist ein Muster, das wir schon mehrfach dokumentiert haben, etwa bei der «Tötung überzähliger Tiere» und zuletzt beim Zoo Zürich, der «zehn gesunde Dscheladas tötete».

Neun Geburten, sieben tote Jungtiere

Die jüngsten Zuchtdaten zeigen, dass der Zoo unverändert weitermacht. Allein seit Juli 2025 kamen neun weitere Guinea-Paviane zur Welt, in einer ohnehin zu kleinen Anlage. Sieben von ihnen starben, nur zwei überlebten. Woran die Jungtiere starben, ist im Bestandsbuch nicht erfasst.

«Ein Zoo, der das Töten gesunder Tiere mit dem Tierwohl begründet, aber zugleich zulässt, dass immer neue Jungtiere in ein überfülltes Gehege hineingeboren werden, von denen die meisten nicht überleben, der verhindert kein Tierleid, sondern produziert es», sagt Zodrow. Und das Grundproblem bleibt ungelöst: Die Anlage ist für 25 Tiere plus Jungtiere ausgelegt, zum Zeitpunkt der Tötung lebten dort 43 Paviane, aktuell sind es wieder 31. Der Zoo baut das Gehege nicht aus und verhütet nicht. Das Platzproblem wird also erneut auftreten, und mit ihm die Drohung der nächsten Tötung. Genau davor warnt Pro Wildlife: Bald schon könnten die nächsten Paviane erschossen werden.

Die Forderung: Zucht und Tötung stoppen

Pro Wildlife fordert ein sofortiges Ende der Pavian-Zucht in Nürnberg. Statt wirksamen Schutz im natürlichen Lebensraum zu finanzieren, verschwende der Tiergarten Ressourcen in einer unkoordinierten Zucht ohne Platz und ohne Auswilderungsperspektive und produziere dabei enormes Tierleid. Die Organisation verlangt eine gesetzliche Pflicht: Zoos sollen nur dann züchten dürfen, wenn sie den Nachkommen dauerhaft eine artgemässe Unterbringung garantieren können. «Das sinnlose Züchten und Töten muss endlich ein Ende haben», so Zodrow.

Der Fall Nürnberg steht damit exemplarisch für einen Grundwiderspruch des Systems Zoo, das sich über den Artenschutz legitimiert, im Alltag aber einer Wachstums- und Verwertungslogik folgt. Wer gesunde Tiere züchtet, um sie später aus Platzmangel zu töten, betreibt keinen Artenschutz. Er produziert das Leid, das er zu verhindern vorgibt.

Weiterführende Artikel

Hobby-Jagd und Mord: Warum die Grenze zwischen Recht und Moral verschwimmt

Zwischen Recht und Moral: Warum die Debatte um Tiere, Töten und Tierrechte nicht abgeschlossen ist.

Ist Hobby-Jagd «Mord»? Diese Frage lässt sich weder juristisch noch moralisch mit einem einzigen Satz beantworten.

Rechtlich ist der Begriff klar definiert und ausschliesslich auf die Tötung von Menschen bezogen. Moralisch dagegen wird er in der Tierrechtsdebatte oft bewusst als Zuspitzung verwendet, um auf einen wunden Punkt zu zeigen: Tiere sind Lebewesen, keine Sachen wie ein Stuhl oder ein Backofen, aber im geltenden Recht auch nicht Menschen.

Diese Zwischenstellung ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis einer historischen Entwicklung. Was heute als rechtlich selbstverständlich gilt, war es früher keineswegs. Auch die Stellung von Frauen im Recht hat sich über Jahrhunderte massiv verändert; lange wurden sie diskriminiert, entmündigt oder als minderwertig behandelt. Das zeigt: Juristerei ist nicht absolut, sondern wandelbar, und sie verändert sich unter dem Druck von Ethik, Wissenschaft und gesellschaftlichem Bewusstsein.

Tiere sind keine Sachen, aber auch keine Personen

In der Schweiz wurden Tiere rechtlich aus dem reinen Sachenstatus gelöst. Das war ein wichtiger Schritt, weil Tiere als empfindungs- und leidensfähige Lebewesen anerkannt wurden. Dennoch bleiben sie im Recht in vielen Bereichen weiterhin an die Logik des Eigentums und des Vermögens gebunden. Genau diese Spannung macht die Debatte so brisant.

Biologisch ist die Nähe zwischen Mensch und Tier unbestritten. Viele Tierarten teilen einen grossen Teil ihrer DNA mit uns, und gerade bei höheren Säugetieren ist die Verwandtschaft offensichtlich. Daraus folgt zwar nicht automatisch eine volle rechtliche Gleichstellung, aber sehr wohl ein starkes ethisches Argument: Wer Leidensfähigkeit anerkennt, kann Tiere nicht so behandeln, als seien sie tote Gegenstände.

Wie wenig dieser Schutz im Alltag wert ist, zeigt der Sommer 2026: Wegen anhaltender Trockenheit fehlte auf vielen Schweizer Alpen Wasser und Futter, Landwirtinnen und Landwirte mussten ihre Tiere vorzeitig ins Tal holen oder notschlachten lassen. Nicht einmal ein Grundbedürfnis wie Wasser ist für die Tiere in akuten Notlagen zuverlässig gesichert. Der gesetzliche Schutz existiert auf dem Papier, doch sobald die Bedingungen kippen, zeigt sich, wie wenig er in der Praxis trägt.

Noch grundlegender wiegt die schiere Dimension des Tötens. Jährlich werden in der Schweiz über 85 Millionen Tiere für die Fleischproduktion geschlachtet, der grösste Teil davon Geflügel. Würden derart viele Menschen systematisch getötet, wäre die Rede von einem der grössten Verbrechen der Geschichte. Bei Tieren nennen wir es Landwirtschaft, und niemand wird dafür zur Rechenschaft gezogen.

Tiere haben Charakter

Verhaltensbiologische Forschung beschreibt bei zahlreichen Tierarten stabile individuelle Unterschiede, die über Mut, Scheu, Neugier, Aggressivität und Vorsicht hinweg wiederkehren, ähnlich dem, was bei Menschen als Persönlichkeit gilt. Solche Muster sind nicht nur bei Säugetieren, sondern auch bei Vögeln, Fischen und Insekten dokumentiert. Ein kategorialer Graben zwischen Mensch und Tier lässt sich daraus kaum mehr begründen, allenfalls ein gradueller Unterschied im Grad der Selbstreflexion.

Hobby-Jagd ist nicht nur ein Naturthema

Die Hobby-Jagd wird oft als Hege, Pflege oder notwendiges Wildtiermanagement dargestellt. Doch sie ist immer auch ein System des Tötens. Und sie ist nicht risikofrei: Immer wieder kommen bei Jagdunfällen auch Menschen zu Schaden oder sterben sogar, wie die Rubrik Kriminalität und Jagd von wildbeimwild.com mit zahlreichen Fällen dokumentiert. Damit ist Hobby-Jagd nicht bloss eine romantisierte Form von Naturbezug, sondern eine Praxis mit realen Folgen für Tiere und Menschen.

Wer Hobby-Jagd verteidigt, argumentiert meist mit Regulation, Schutz des Waldes oder Wildschaden. Kritikerinnen und Kritiker halten dagegen, dass das Töten selbst nicht zu einem moralisch neutralen Vorgang wird, nur weil es legal ist. Genau hier wird der Unterschied zwischen Recht und Ethik sichtbar: Legal bedeutet nicht automatisch legitim.

Dass es auch anders geht, zeigt der Kanton Genf. Dort ist die private Jagd bereits seit 1974 verboten. Das Management nichtmenschlicher Tiere, Beobachtung und notwendige Eingriffe liegen seither bei staatlichen Umweltwächtern, nicht bei privaten Jägerinnen und Jägern. Es geht dort nicht um persönliches Jagdvergnügen, Reviere oder Trophäen, sondern um fachlich kontrollierte Massnahmen, bei denen Prävention vor dem Schuss steht. Genf beweist damit, dass die Regulierung nichtmenschlicher Tiere auch ganz ohne Hobby-Jagd funktioniert.

Religionen kennen Mitgeschöpflichkeit

Auch religiöse Traditionen liefern starke Gegenargumente gegen die Verharmlosung von Tierleid. Im Jainismus ist Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen zentral. Im Hinduismus spielt der Respekt vor Leben ebenfalls eine grosse Rolle, oft verbunden mit vegetarischer Praxis und dem Gedanken der Ahimsa. Im Christentum gibt es ebenfalls eine lange Tradition der Barmherzigkeit gegenüber der Schöpfung, auch wenn das nicht immer in Form eines absoluten Tötungsverbots ausgedrückt wird.

Ähnlich kennen auch andere Religionen Regeln, die unnötiges Tierleid ablehnen oder das Töten nur unter engen Voraussetzungen erlauben. Der gemeinsame Nenner ist klar: Tiere sind keine beliebigen Objekte, sondern Mitgeschöpfe, denen Achtung gebührt. Die Formulierung «unsere Brüder und Schwestern» ist deshalb eher spirituell als juristisch, aber ethisch sehr stark.

Auch die Essener, eine asketische jüdische Gruppierung der Antike, lebten nach den erhaltenen Zeitzeugnissen sehr wahrscheinlich fleischlos. Philo von Alexandrien und Flavius Josephus beschrieben die Essener im 1. Jahrhundert als Gemeinschaft mit einem besonders reinen, enthaltsamen Lebenswandel. Da sie den blutigen Tieropferkult im Jerusalemer Tempel ablehnten, verzichteten sie damit einhergehend auch auf Fleisch, wie es in der antiken Mittelmeerwelt üblich war. Spätere Autoren wie Porphyrios und Hieronymus überlieferten dies ausdrücklich. Bei Regelverstössen drohte gemäss Josephus der Ausschluss aus der Gemeinschaft, wie es damals bei vielen antiken Vereinen üblich war. Deutlich konkreter und bis heute lebendig ist der Tierschutz der Bishnoi in Rajasthan: Die vor rund 500 Jahren gegründete Gemeinschaft tötet grundsätzlich keine Tiere und verfolgt Wilderer aktiv. 1998 stellten Bishnoi-Tierschützer nach einer Verfolgungsjagd einen bekannten Bollywood-Schauspieler, der geschützte Antilopen erlegt hatte. Der Fall landete vor Gericht.

Auch in vielen indigenen nordamerikanischen Traditionen gilt eine klare Trennlinie: Jagd aus Notwendigkeit, verbunden mit Ritual und Respekt vor dem Tier, ist etwas anderes als Töten aus reiner Lust. Dem Lakota-Anführer Sitting Bull wird sinngemäss der Satz zugeschrieben, man selbst töte Büffel für Nahrung und Kleidung, während die jungen Männer der weissen Siedler zum Vergnügen schössen. Genau dieser Unterschied, Notwendigkeit gegen Vergnügen, bleibt bis heute der moralische Kern der Kritik an der Hobby-Jagd.

Auch Aktivismus spricht zugespitzt

Interessant ist, dass selbst Tierrechtsorganisationen im Rahmen ihrer Kampagnen von «Mord» sprechen, wenn Tiere getötet werden. Der Begriff stammt eigentlich aus dem Strafgesetzbuch und beschreibt eine Tötung unter besonders verwerflichen Umständen, etwa aus Grausamkeit, Heimtücke oder Habgier. Im Tierschutzstrafrecht existiert eine vergleichbare Abstufung nicht, obwohl dieselben Merkmale oft zutreffen würden: Wird ein Tier aus reinem Gewinnstreben getötet, wäre das beim Menschen ein Mordmerkmal, bei Tieren wird wirtschaftlicher Nutzen dagegen unter Umständen sogar als Rechtfertigung diskutiert. Das Gesetz kennt hier lediglich den Massstab des «vernünftigen Grundes». Die Sprache der Tierrechtsorganisationen zielt also weniger auf eine strafrechtliche Gleichsetzung, sondern auf die Frage, warum dieselben Tötungsmerkmale bei Menschen und Tieren derart unterschiedlich bewertet werden.

Man kann diese Wortwahl kritisieren, ohne ihr den politischen Kern abzusprechen. Sie verweist auf denselben Grundkonflikt: Wenn Tiere fühlen, leiden und soziale Beziehungen eingehen, warum sollen sie dann rechtlich und moralisch so behandelt werden, als wären sie bloss Dinge?

Ein Recht im Wandel

Die Geschichte zeigt, dass Recht immer wieder revidiert wird. Früher war es selbstverständlich, dass Frauen rechtlich und gesellschaftlich massiv benachteiligt wurden. Früher galten Tiere vielerorts tatsächlich als Sachen. Heute ist beides nicht mehr haltbar, zumindest nicht ohne Widerspruch.

Genau deshalb ist die Frage nach Hobby-Jagd, Tierschutz und Tierethik mehr als eine Geschmacksfrage. Sie betrifft das Verhältnis zwischen Macht und Mitgefühl, zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen legaler Praxis und moralischer Verantwortung. Wer Tiere als Lebewesen ernst nimmt, wird sich schwer damit tun, sie weiterhin wie Objekte zu behandeln.

Doch der rechtliche Fortschritt bleibt für das einzelne Tier oft folgenlos, solange sich an der Praxis nichts ändert. Schon Leonardo da Vinci brachte diesen Widerspruch mit der Vorhersage auf den Punkt, dass man Tiertötung dereinst mit denselben Augen betrachten werde wie Mord an Menschen. Nur weil ein Reh auf dem Papier keine Sache mehr ist, ist es für das Tier selbst noch lange nicht geschützt.

Die ehrliche Antwort lautet also: Hobby-Jagd ist juristisch nicht Mord, aber moralisch für viele Menschen durchaus mit Tötung und Gewalt verbunden. Diese Unterscheidung ist wichtig und darf nicht verwässert werden: Wer Hobby-Jagd zu Recht kritisiert, gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn die Kritik juristisch sauber bleibt. Beispiele wie Genf zeigen zudem, dass eine Alternative zur Hobby-Jagd im Umgang mit nichtmenschlichen Tieren nicht nur denkbar, sondern bereits gelebte Praxis ist.

Tiere sind keine Sachen mehr, aber auch noch keine Personen. Und gerade weil Recht sich verändert, ist die Debatte nicht abgeschlossen, sondern offen.

Der eigentliche Streit dreht sich nicht nur um die Hobby-Jagd, sondern um die Frage, ob Leidensfähigkeit moralische Konsequenzen haben muss. Wer diese Frage mit Ja beantwortet, kommt kaum um die Erkenntnis herum: Tiere sind Mitgeschöpfe, nicht Mittel zum Zweck.

Audio zum Beitrag

0:00 -0:00
Alle Lieder

Gewalt und tote Tiere: Grossbritanniens verborgene Welt der Hobby-Jäger-Banden bei illegalen Hasenhetzjagden

Eine BBC-Recherche deckt auf, wie kriminelle Banden von Hobby-Jägern in England illegale Hetzjagden auf Hasen organisieren, Landwirte terrorisieren und mit toten Tieren Botschaften hinterlassen.

Auf einer abgelegenen Farm in der englischen Grafschaft Cambridgeshire wird Mathew Latta beim Mittagessen von lautem Motorenlärm aufgeschreckt.

Mehr als ein Dutzend Geländewagen durchbrechen sein Hoftor, über 70 Personen in Militärkleidung und Sturmhauben steigen aus, Hunde werden von der Leine gelassen. Die Fahrzeuge fahren mit hoher Geschwindigkeit über die Felder, zerstören Ernten und streifen den Gartenzaun der Familie.

Latta beschreibt es als vollständig organisiertes Hetzjagd-Event mit Teilnehmern und Wettkampfhunden, bei dem Zuschauer beobachten und wetten. Er habe es als äusserst beängstigend empfunden. Seine damals siebenjährige Tochter habe immer wieder gefragt, ob die Männer ins Haus kommen würden.

Erst nach über drei Stunden zieht die Meute weiter. Zurück bleiben vier Fahrzeuge, eines davon ausgebrannt. Der Konvoi war zuvor durch ein rund 32 Kilometer langes Gebiet der Grafschaft gezogen, hatte andere Fahrzeuge von der Strasse gedrängt und sogar eine Tankstelle ausgeraubt.

Ein alter «Sport», der im Untergrund weiterlebt

Hasenhetzjagd («hare coursing») ist eine alte Form der Hobby-Jagd, bei der Windhunde oder Lurcher Hasen jagen, die zuvor aus ihrem Versteck aufgescheucht werden. Punkte gibt es dafür, wie oft die Hunde den Hasen im Lauf zu Haken zwingen, aber auch für den Fang selbst. In Grossbritannien wurde diese Form der Hobby-Jagd 2005 verboten, nachdem sie im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hatte. Seither existiert sie als illegales Untergrundgeschäft weiter, organisiert von Banden, die mit Einschüchterung und Gewalt jede Kontrolle verhindern.

Recherchen der BBC deckten auf, was sich hinter dieser Fassade verbirgt: ein verborgenes Netzwerk hochorganisierter illegaler Hetzjagd-Events in ländlichen Gebieten, oft nachts bei Scheinwerferlicht, mit Trophäen, hohen Geldpreisen, wertvollen Jagdhunden und teilweise sogar internationalen Wetten.

Fast 9’000 Meldungen in drei Jahren

Laut Antworten der Polizei auf Anfragen nach dem Freedom of Information Act registrierte die BBC in den vergangenen drei Jahren fast 9’000 Meldungen zu Hasenhetzjagden im ganzen Land. Offizielle Kriminalstatistiken zu diesem Delikt fehlen, die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein.

Im Fall von Lattas Farm ermittelte die Polizei von Cambridgeshire in der Folge intensiv. Über 40 Personen wurden verhaftet, 25 angeklagt, mehrere davon inzwischen verurteilt. Die Täter waren teils aus weit entfernten Regionen angereist, etwa aus Lincolnshire, Leicestershire, Berkshire und Nordwales. Ein leitender Polizeibeamter spricht von einer «richtiggehenden Operation».

Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei schliesslich die Trophäe sicher, um die konkurriert worden war: den «Super 8 Cup», verziert mit Abbildungen von Hunden und Hasen, rund 61 Zentimeter hoch, etwa von der Grösse des englischen FA-Cup-Pokals.

Millionenschweres Geschäft mit Hunden und Wetten

Das Ausmass der finanziellen Interessen hinter der illegalen Hobby-Jagd ist beträchtlich. Auf einem von der BBC gesichteten Video ist zu sehen, wie acht Männer in einer Kneipe um einen Lurcher feilschen, der auf dem Tisch vor ihnen steht. Der Hund war Champion des Super-8-Cup 2025 und wurde für 55’000 Pfund verkauft.

Der Preisgeld-Pool des Super-8-Cup soll bei rund 50’000 Pfund gelegen haben, die Startgebühr bei 1’000 Pfund pro Teilnehmer. Laut Polizei fliesst dieses Geld unter anderem in Fahrzeugpools und sogar in Gerichtskosten für den Fall einer Razzia.

Der Leiter der nationalen britischen Wildtierkriminalitäts-Einheit bestätigt zudem, dass in Einzelfällen auch Gelder aus Livestreams für Wettende in China in das illegale Geschäft geflossen seien. Ausländische Wetten seien für die britischen Banden jedoch nicht existenziell notwendig gewesen, um ihr Hobby zu finanzieren.

Es handle sich nicht um «Mindestlohn-Kriminalität», sondern um einige der bestorganisierten Kriminellen des Landes, so der Ermittler. Während es weiterhin kleinere, lokale Events mit einer Handvoll Männern und Hunden gebe, habe sich der Organisationsgrad grösserer Veranstaltungen durch den Einfluss organisierter Kriminalität verzehnfacht.

Terror gegen Landwirte

Von 27 identifizierten Schwerstverdächtigen im Bereich Hasenhetzjagd haben laut Ermittlern alle bis auf fünf Verbindungen zu organisierter Kriminalität. Es handle sich um gewalttätige Kriminelle, die Menschen, Tiere und Frauen missbrauchten, Waffen trügen und Drohungen aussprächen.

Eine Umfrage unter rund 50 Landbesitzern und Betrieben, durchgeführt über den Branchenverband Country Land and Business Association, zeichnet ein erschreckendes Bild. Fast alle Befragten berichteten von Sachschäden, ein Betrieb in Essex meldete über 100 Vorfälle, ein Hof in North Yorkshire sogar 150. 29 der Befragten gaben an, mit Gewalt bedroht worden zu sein.

Dazu gehörten Drohungen, Hunde zu entführen, Gebäude niederzubrennen, anonyme Anrufe mit Morddrohungen, Angriffe mit Zwillen auf Fahrzeuge sowie Hinweise, man wisse, wo die Familien wohnen und die Kinder zur Schule gehen.

Ein Landwirt in Wiltshire versuchte, sein rund 1’200 Hektar grosses Land mit Betonblöcken, Baumstämmen und Gräben abzusichern. Vergeblich, die Banden dringen weiterhin ein, Konfrontationsversuche enden mit Drohungen gegen ihn selbst.

Tote Tiere als Botschaft

Ein besonders erschütternder Aspekt der Recherche betrifft das gezielte Deponieren toter Tiere zur Einschüchterung. In der Ortschaft Awbridge in Hampshire wurden über 20 Kadaver, darunter ein kopfloses Muntjak-Reh, vor einer Primarschule ausgelegt. In Broughton wurden rund 50 tote Hasen samt einer toten Schleiereule und einem toten Turmfalken vor dem Dorfladen verstreut.

Ein ehemaliger Wildhüter, der die betroffene Region gut kennt, deutet solche Aktionen als Botschaft: Man sei dagewesen, habe sich aber nicht erwischen lassen. In der Umfrage unter Landbesitzern gaben 35 Befragte an, dass tote Tiere absichtlich auf ihrem Land zurückgelassen worden seien. Die Botschaft an die lokale Bevölkerung laute: Man könne tun, was man wolle, weil niemand es kontrolliere.

Im Fall von Broughton gelang der Polizei nach forensischer Analyse der toten Greifvögel eine Verhaftung. Der Verdächtige wurde wegen Besitzes der geschützten toten Vögel verurteilt, vom Vorwurf der Sachbeschädigung durch das Ablegen der Kadaver jedoch freigesprochen, da die Bildaufnahmen keine eindeutige Identifikation zuliessen.

Ein Polizist berichtet von einem besonders unmissverständlichen Fall: Tierkadaver seien einmal auf einer Strasse so ausgelegt worden, dass sie die Worte «Fang mich» bildeten.

Einordnung: auch in der Schweiz ein bekanntes Muster

Die BBC-Recherche zeigt exemplarisch, wie sich organisierte Kriminalität in Formen der Hobby-Jagd einnistet, sobald Kontrolle und Vollzug fehlen. In Grossbritannien geschieht dies ausserhalb jeder Lizenz, durch Banden, die ein 2005 verbotenes Bloodsport-Geschäft im Untergrund weiterbetreiben.

In der Schweiz zeigt sich ein verwandtes, aber anders gelagertes Problem innerhalb des legalen Systems: Wir dokumentieren in unserer Rubrik Kriminalität & Jagd wiederholt Fälle, in denen lizenzierte Hobby-Jäger mit legalem Waffenzugang zu Gewalttätern gegen Menschen wurden. Im Fall von Faido und Leontica erschoss ein als Hobby-Jäger bestätigter Mann seine Ex-Frau, mutmasslich unter Einsatz eines Schalldämpfers, der Hobby-Jägern über jagdrechtliche Ausnahmebewilligungen zugänglich ist, und sprengte anschliessend ein Haus, wobei mehrere Polizistinnen und Polizisten verletzt wurden.

Beide Fälle, der britische wie der Schweizer, werfen letztlich dieselbe Grundfrage auf: Wie konsequent wird der Zugang zu tödlichen Waffen im Umfeld der Hobby-Jagd tatsächlich kontrolliert, ob durch organisierte Banden ausserhalb des Gesetzes oder durch unzureichende Eignungsprüfungen innerhalb des legalen Systems?

Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.

Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.

Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.

Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.

Audio zum Beitrag

0:00 -0:00
Alle Lieder

Podcast-Episode: Jagd, Wildtiere und Tierschutz

Wolf, Wild und Wahrheit: Was übrig bleibt, wenn jemand nachfragt.

In dieser Folge nimmt sich die Redaktion «Wild beim Wild» jener Schlagzeilen vor, die schneller kursieren als die Fakten, die sie belegen sollten.

Ausgangspunkt ist ein toskanischer Vorfall, der europaweit als bestätigter Wolfsangriff verbreitet wurde, obwohl weder eine DNA‑Probe noch eine amtliche Bestätigung vorlagen. Korrekt wäre «vermeintlicher Wolfsangriff» gewesen. Behörden stellten später fest, dass sich beim Erscheinen des Tieres niemand im Garten befand.

Dasselbe Muster zieht sich durch die baltische Jagdpolitik: Lettland erhöht die Wolfsquote auf 400 Tiere, obwohl der eigene Rechnungshof die Bestandsbewertung als nicht nachvollziehbar bezeichnet. Und in Schwyz sammelt die SVP Geld für Bussen, die es bislang nie gab.

Weiter geht es um den in Freiburg praktisch ausgestorbenen Auerhahn, dessen Bestand schweizweit von rund 1100 auf 380 bis 480 balzende Hähne gesunken ist, vollständig in einer Zeit ohne legalen Abschuss. Trotzdem fordert der Jagdverband mehr Technik statt Selbstreflexion. Dazu kommen steigende Wildschweinschäden trotz Rekordabschüssen von über 12’000 Tieren, ein Graubündner Hirschbestand, den erst Wolf und Luchs nachweislich senkten, sowie eine Undercover-Recherche über Gewalt in italienischen Zirkussen.

Die verbindende Frage: Wer prüft die Grundlagen, auf denen Entscheide gefällt werden? Und wer trägt die Kosten, wenn niemand nachfragt?

Feuer, Hitze, Flinten: Warum Frankreich verweigert, was Portugal längst geregelt hat

Portugal sperrte Brandflächen für die Hobby-Jagd, Spanien lässt sein eigenes Verbot unterlaufen, Frankreich lehnt einen Aufschub ab. Ein europäischer Vergleich.

Europas Süden brennt, und mitten in die Asche fällt die Eröffnung der Jagdsaison.

Wie Staaten damit umgehen, könnte unterschiedlicher kaum sein: Portugal hat Brandflächen per Verordnung für die Hobby-Jagd gesperrt, in Spanien streiten Umweltorganisationen und Behörden über den Schutz verbrannter Waldflächen, und in Frankreich nennt der oberste Verbandsfunktionär die blosse Forderung nach Aufschub «lächerlich». Mit Hobby-Jagd ist in diesem Text die private Freizeit- und Verbandsjagd gemeint, im Unterschied zum staatlich organisierten Wildtiermanagement, wie es etwa der Kanton Genf kennt.

Frankreich: «Ideologie von Ökos, die nichts davon verstehen»

Am 23. Juli 2026 berichtete das französische Jagdportal «Chasse Passion» über eine Forderung mehrerer Tierschutzorganisationen: Die Eröffnung der Jagdsaison im September solle landesweit um mehrere Monate verschoben werden. Begründung: Nahrung und Lebensräume seien grossflächig verbrannt, die Desorientierung der überlebenden Tiere führe zu zahlreichen Wildunfällen.

Willy Schraen, Präsident der Fédération Nationale des Chasseurs, wies die Forderung laut «Chasse Passion» unter Berufung auf «La Dépêche du Midi» als «lächerlich» und als «Ideologie von Ökos, die nichts davon verstehen» zurück. Die Hobby-Jäger seien gemeinsam mit den Präfekten am besten in der Lage, die Bestände vor Ort zu beurteilen; lokale Anpassungen der Abschusszahlen seien jederzeit möglich. Die Fédération Départementale des Chasseurs de l’Aude, deren Departement schwer von den Bränden getroffen wurde, argumentiert ähnlich: zonenweise beurteilen statt aus Paris entscheiden. Eine staatliche Reaktion war bis zum Redaktionsschluss nicht ersichtlich.

Die Forderung ist allerdings weder neu noch von den aktuellen Bränden ausgelöst. Bereits Anfang Juli verlangten Tierschutzorganisationen die Aussetzung der Hobby-Jagd während Hitzewellen. Frankreich kam damals aus einer historischen Hitzeperiode, in Saintes wurden Ende Juni 43,8 Grad gemessen. Entscheidend ist dabei ein Punkt, der in der Debatte gerne untergeht: Für Füchse, Rehe, Damhirsche und Wildschweine ist die Saison längst offen, sie dürfen aufgrund von Präfekturverfügungen bereits ab dem 1. Juni geschossen werden.

Der Naturalist Pierre Rigaux verweist auf den Brand bei Trévillach in den Pyrénées-Orientales vom 4. Juli, der rund 4600 Hektar vernichtete und über 10’000 Menschen zur Evakuierung zwang. Weder ökologisch noch landwirtschaftlich lasse sich der Abschuss von Füchsen zu irgendeinem Zeitpunkt des Jahres rechtfertigen, sagt er, wobei gerade Jungfüchse im Frühsommer gezielt getötet würden. Bei Wildschwein und Reh räumten die Hobby-Jäger selbst ein, dass die Sommerabschüsse zahlenmässig gering seien, was dem behaupteten Regulierungszweck jede Grundlage entziehe. Die Organisationen fordern eine automatische Aussetzung der Hobby-Jagd, sobald Météo-France offiziell eine Hitzewelle ausruft.

Dass die Fuchsjagd wissenschaftlich nicht begründbar ist, hat die IG Wild beim Wild mehrfach belegt: Mäuseschäden im Wald: Fuchsjagd keine Lösung.

Der verräterische Vergleich: Was sonst noch verboten wird

Besonders aufschlussreich ist, was in denselben Regionen bei Hitze alles untersagt wird. Die Fédération des Chasseurs von Saône-et-Loire kommunizierte selbst, dass gemäss Präfekturverfügung vom 22. Juni bei roter Warnstufe sämtliche sportlichen Freiluftveranstaltungen verboten sind und Lebendtiertransporte über 30 Grad untersagt wurden. Der Verband wies zugleich auf die starken Auswirkungen der Hitze auf Wildtiere und Lebensräume hin und empfahl, Naturaufenthalte auf den frühen Morgen oder den Abend zu verlegen.

Die Logik ist bemerkenswert: Sportanlässe abgesagt, Tiertransporte gestoppt, Spaziergängerinnen sollen die Mittagshitze meiden. Nur beim Töten mit der Waffe soll die Hitze keine Rolle spielen, obwohl derselbe Verband gleichzeitig auf die starke Hitzebelastung der Wildtiere hinweist.

Spanien: Streit um den Schutz der Brandflächen

In Spanien ist die Lage dramatischer und juristisch schärfer. Am 23. Juli waren 71 per Satellit erfasste Brandherde aktiv. Das Feuer von La Mierla in Guadalajara gilt bereits als zweitgrösster Brand des Jahrhunderts in Spanien und zerstörte rund 35’000 Hektar. Spanische Medien berichteten unter Berufung auf das Europäische Waldbrandinformationssystem EFFIS von rund 121’600 verbrannten Hektar im laufenden Jahr; 1’200 Menschen aus 40 Dörfern wurden evakuiert. Der Bürgermeister von Albendiego formulierte, es gehe nicht nur um Vegetation, sondern um Lebewesen, die dort laufen und ihre Lebensgrundlage haben.

Der entscheidende Unterschied zu Frankreich: In Spanien bestehen für Brandflächen rechtliche Nutzungsbeschränkungen, und genau darum tobt der Konflikt. Bereits nach den Bränden von 2025 warfen die Plataforma para la Defensa de la Cordillera Cantábrica, Ecologistas en Acción, Corredor Ecológico del Noroeste Ibérico und Bierzo Aire Limpio der Junta de Castilla y León vor, wiederholt gegen ihre gesetzliche Pflicht zum Zugang zu Umweltinformationen zu verstossen. Nach Darstellung dieser Organisationen verbietet die in Castilla y León anwendbare Forstgesetzgebung Jagd und Beweidung auf abgebrannten Waldflächen für mindestens fünf Jahre, um die ökologische Regeneration zu sichern. Den genauen Wortlaut der einschlägigen Norm konnten wir nicht einsehen. Die Behörde habe diese Aktivitäten in Brandgebieten dennoch bewilligt, ohne dass eine dokumentierte Begründung bekannt sei, und blockiere den Zugang zu den Gutachten, die diese Bewilligungen angeblich stützen. Die Organisationen bezeichnen das als Verstoss gegen das Legalitätsprinzip und als gefährlichen Präzedenzfall, weil die Regeneration nach einem Brand durch frühen Weide- und Jagddruck schwer beeinträchtigt werden kann.

Trifft der Vorwurf zu, dann liegt der Kern nicht im Fehlen einer Regel, sondern in ihrer Aushebelung durch die Verwaltung, verbunden mit der Weigerung, die Grundlagen offenzulegen. Eine Stellungnahme der Junta de Castilla y León zu diesen Vorwürfen liegt uns nicht vor.

Wie tief die Hobby-Jagd in Spanien in strukturelle Tierschutzprobleme verstrickt ist, zeigt auch der Umgang mit den Jagdhunden: Jagdhunde in Spanien: das verdrängte Drama der Hobby-Jagd.

Warum «lokal anpassen» nicht genügt

Schraens Argument lautet, man könne die Abschüsse notfalls regional anpassen. Die Datenlage spricht dagegen. Greenpeace Spanien legte im Juni den Bericht «Grandes incendios forestales en España: qué ocurrió en 2025 y qué debe cambiar» vor. Ein Überflug über das sogenannte Feuerdreieck zehn Monate nach den Bränden zeigte den hohen Schweregrad der Schäden und eine geringe bis fehlende natürliche Regeneration. 71,4 Prozent der Grossbrände von 2025 fielen mit Extremhitze zusammen, die fünf grössten Feuer ereigneten sich während der längsten je in Spanien registrierten Hitzewelle von 33 Tagen. Attributionsstudien zufolge machte der Klimawandel die Wetterlage, die zu den Bränden von 2025 führte, 40-mal wahrscheinlicher und 30 Prozent intensiver.

Wenn eine Brandfläche nach zehn Monaten noch kaum regeneriert ist, dann ist ein Saisonstart sechs Wochen nach dem Feuer keine Frage lokaler Feinjustierung, sondern schlicht verfrüht. Dass genetische Vielfalt unter zusätzlichem Jagddruck weiter schrumpft, verschärft das Problem: Klimawandel: Warum genetische Vielfalt überlebenswichtig ist.

Portugal zeigt, dass es geht

Dass ein Staat auch anders handeln kann, hat Portugal vorgemacht. Mit der Portaria n.º 283/2019 erliess die Regierung eine Sonderregelung, nachdem zwei Grossbrände in den Gemeinden Mação, Sertã und Vila de Rei die Wildbestände massiv getroffen hatten. Die Behörden stellten ausdrücklich fest, dass die im Decreto-Lei n.º 202/2004 vorgesehene reguläre Sperrfrist für Brandflächen bei Bränden dieser Grössenordnung nicht ausreiche. Sie untersagten die Jagd in den betroffenen Gebieten samt einer umliegenden Schutzzone bis zum Ende der laufenden Jagdsaison, mit dem erklärten Ziel, die überlebenden Tiere zu schützen und die Bestände wiederherzustellen. Eine einzige Ausnahme blieb bestehen: die Wildschweinjagd vom Ansitz, begründet mit der hohen Bestandsdichte dieser Art. Auch das zeigt, dass eine differenzierte Regelung möglich ist, statt entweder alles zu verbieten oder gar nichts zu tun.

Portugal hat damit exakt das getan, was Schraen als «lächerlich» abtut: eine bestehende Frist verlängert, weil das Ereignis ausserordentlich war.

Und die Schweiz?

Nach unserer Einschätzung fehlt hierzulande eine vergleichbare Regelung für Wildtiere nach Extremereignissen. Uns ist keine Bestimmung bekannt, die die Hobby-Jagd bei ausgerufener Hitzewarnung automatisch aussetzt, und keine, die Flächen nach Bränden oder Dürreschäden für eine definierte Zeit sperrt. Stattdessen fällt die Bockjagd mitten in die heissesten Wochen des Jahres, während den Tieren Wasser und thermische Rückzugsräume fehlen: Hitzewelle 2026: Wildtiere unter Extremstress und die Jagd läuft weiter.

Für Alpentiere kommt der Klimadruck zusätzlich: Klimawandel und Wildtiere in den Alpen. Und wie Wildtiere überhaupt mit Extremtemperaturen umgehen, ist gut dokumentiert: Wie Wildtiere hohe Temperaturen bewältigen.

Drei Länder, drei Antworten auf dasselbe Problem. Portugal hat gehandelt, in Spanien steht ein regionales Schutzregime im Streit, und in Frankreich weist der Jagdverband die Diskussion zurück. Was alle drei Fälle verbindet: Nirgends stammt der Widerstand gegen einen Aufschub aus der Wissenschaft. Er kommt aus Verbänden und Verwaltungen, die ein Interesse daran haben, dass die Saison pünktlich beginnt.

Für die Schweiz lässt sich daraus eine schlichte Forderung ableiten: eine gesetzliche Aussetzung der Hobby-Jagd bei offiziell ausgerufener Hitzewarnung und eine mehrjährige Sperrfrist für Flächen nach Bränden. Portugal hat vorgemacht, dass eine solche Regelung juristisch machbar ist. Die einzige offene Frage ist der politische Wille.

Wolf oder Hund? Warum viele «Wolfsangriffe» nie bewiesen sind

Ein toter Familienhund in der Toskana löst international Schlagzeilen aus, dabei bleibt die Täterschaft unbestätigt.

Update vom 24. Juli 2026: Der Fall Camaiore bestätigt unsere Analyse. Der angebliche Wolfsangriff auf ein Kind hat nie stattgefunden. Details am Ende des Beitrags.

In einem toskanischen Dorf tötete ein grosses, canidenartiges Tier einen Familienhund, während ein zweijähriges Kind danebenstand: Diese Meldung ging als «bestätigter Wolfsangriff» in den letzten Tagen durch die europäische Boulevardpresse.

Doch eine amtliche oder forensische Bestätigung, dass es sich tatsächlich um einen Wolf handelte, liegt bis heute nicht vor. Korrekt ist daher die Bezeichnung «vermeintlicher Wolfsangriff», nicht «bestätigter Wolfsangriff».

Was in den Berichten fehlt, ist der entscheidende Nachweis. Weder eine DNA-Probe noch eine amtliche Bestätigung liegt vor, nur die Einschätzung einer Familie und eines interessengeleiteten Verbands vor Ort. Der Blick-Artikel zum Fall, verfasst von Redaktor Gabriel Knupfer, übernahm die reisserische Darstellung und die unbelegte Verbandsaussage unkritisch, ohne eigene Einordnung oder Prüfung der Quelle.

Wer die «drei bis vier Wölfe» behauptet

Die Zahl kursierte in zahlreichen Medien: Mindestens drei oder vier Wölfe müssten den 22 Kilo schweren Hund verschlungen haben. Diese Aussage stammt allerdings nicht von Polizei, Wildhut oder Wildbiologen, sondern einzig von der «Associazione Nazionale per la Tutela dell’Ambiente e della Vita Rurali» (Nationaler Verband für den Schutz der Umwelt und des ländlichen Lebens), einer Organisation, die trotz ihres Namens primär landwirtschaftliche und ländliche Interessen vertritt. Der Verband selbst bezeichnete die Zahl als Hypothese, abgeleitet aus dem Zustand der aufgefundenen Überreste, die noch bestätigt werden müsse. Eine unabhängige Überprüfung dieser Spekulation fand bislang nicht statt.

Bezeichnend auch die Tierbeschreibung des Vaters gegenüber der Presse: Er schätzte das Tier auf 60 bis 70 Kilogramm, deutlich über dem tatsächlichen Gewicht ausgewachsener Apenninenwölfe, die üblicherweise 25 bis 35 Kilogramm wiegen. Diese Angabe ist eine subjektive Schockwahrnehmung im Moment des Geschehens, kein forensischer oder amtlich verifizierter Beleg, und zeigt, wie wenig belastbar die kursierenden Detailangaben tatsächlich sind.

Kein Zaun, keine heldenhafte Tat, sondern Verhaltensbiologie

Während internationale Medien die Geschichte als «Heldenhund» inszenierten, widersprach das italienische Tierportal Fanpage/Kodami dieser medialen Rahmung deutlich. Der Titel dort: «Kein heldenhafter Akt, es handelt sich um Ethologie». Das Grundstück war zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht eingezäunt, obwohl in der Region bereits zuvor Wolfssichtungen gemeldet worden waren. Ein grosses canidenartiges Tier näherte sich, vermutlich wegen des Grillgeruchs, ein bei Wildtieren bekanntes und erklärbares Verhalten, keine gezielte Attacke auf den Menschen. Die Reaktion des Hundes lässt sich als instinktives Verteidigungsverhalten seines Territoriums deuten, nicht zweifelsfrei als bewusste Rettungstat. Diese Einordnung kritisiert die mediale Dramatisierung, beschreibt aber kein abschliessend gesichertes Tierverhalten.

Das Kind blieb während des gesamten Vorfalls unverletzt.

Die Verwechslung ist der Normalfall, nicht die Ausnahme

Auch in der Schweiz zeigt sich das Grundproblem immer wieder. Ein Fall aus dem Weisstannental im Kanton St. Gallen (2021) macht das exemplarisch deutlich: Zwei Herdenschutzhunde wurden schwer verletzt aufgefunden, der Zaun war zerrissen. Sowohl ein Wolfsangriff als auch ein Kampf unter den Hunden selbst galten als plausibel, wie die zuständige kantonale Stelle einräumte. Eine DNA-Probe hätte hier keine sichere Klärung gebracht, weil sich Hunde gegenseitig die Wunden ablecken und die Probe dadurch mit Hunde-DNA kontaminiert worden wäre. Grundsätzlich bleibt die genetische Analyse aber der fachliche Standard zur sicheren Artzuordnung, nur bei einer derart kontaminierten Probenlage stösst sie an ihre Grenzen.

Auch die Fachstelle Kora hält fest: Die Unterscheidung zwischen Wolfs- und Hunderiss ist nicht einfach und mit Sicherheit nur mittels genetischer Analyse möglich. In der Praxis wird diese Analyse aber oft gar nicht durchgeführt oder bleibt ohne eindeutiges Ergebnis. Trotzdem landet der Fall in der öffentlichen Wahrnehmung meist als bestätigter «Wolfsriss».

Die Statistik, die selten zitiert wird

Selbst dort, wo Medien über Wolfsangriffe auf Menschen berichten, widerlegt die eigene Quelle oft die Dramatik der Schlagzeile. Das italienische Umweltinstitut Ispra zählte zwischen 2017 und 2024 verschwindend geringe 19 Angriffe von insgesamt sieben Tieren. Wölfe gelten unter Fachleuten übereinstimmend als ausgesprochen menschenscheu.

Zum Vergleich: In der Schweiz werden jährlich rund 10’000 Menschen von Hunden gebissen, ein auffällig grosser Teil davon Kinder. Dieses Risiko ist ungleich höher als jenes durch Wölfe, wird aber gesellschaftlich als normales Alltagsrisiko akzeptiert und selten skandalisiert.

Ein Muster mit System

Die mediale Aufmerksamkeit für einzelne, oft unbewiesene Vorfälle steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Risiko. Wer die Faktenlage nüchtern betrachtet, erkennt ein wiederkehrendes Muster: Der Wolf wird zum Feindbild, unabhängig davon, ob er nachweislich beteiligt war und unabhängig davon, ob die Quelle der dramatischsten Details überhaupt neutral ist. Der Fall von Orbicciano ist deshalb korrekt nicht als «bestätigter Wolfsangriff», sondern als öffentlich nicht abschliessend geklärter Vorfall mit offenem Artnachweis zu bezeichnen.

Fall Camaiore, ein Lehrstück

Am 18. Juli ging eine Meldung durch ganz Italien: Ein Wolf sei bei einem Grillabend in Orbicciano bei Camaiore in einen Garten eingedrungen, habe sich einem zweijährigen Kind genähert, die Familienhündin Destiny habe das Kind gerettet und dabei ihr Leben verloren.

Die Abklärungen von Regione Toscana, Polizia Locale und Carabinieri Forestali haben ergeben, dass sich beim Erscheinen des Tieres niemand im Garten befand, weder Erwachsene noch Kinder. Alle waren im Haus. Die Personen traten erst ins Freie, nachdem die Auseinandersetzung bereits vorbei war. Der Hund wurde getötet, sein Körper erst am Folgetag gefunden.

Bürgermeister Marcello Pierucci bestätigte dies am 23. Juli vor den Mikrofonen von Canale 5. Es habe keinerlei direkten Angriff auf einen Menschen gegeben. Bemerkenswert ist der Ort: Es ist dieselbe Sendung, die die Falschmeldung zuvor mit voller Reichweite verbreitet hatte.

Und der entscheidende Punkt für unseren Beitrag: Widerlegt ist der Angriff auf das Kind. Nicht geklärt ist bis heute, welches Tier den Hund getötet hat. In keiner Meldung wird ein genetisches Ergebnis genannt, die gesamte Richtigstellung beruht auf Abklärungen zum Ablauf, nicht auf einer Artbestimmung. Ob überhaupt Proben genommen wurden, ist nicht dokumentiert. Genau das ist das Muster, das wir oben beschrieben haben: Die Zuschreibung «Wolf» steht in der Schlagzeile, bevor jemand eine Probe im Labor hat.

Statt einer Korrektur folgt bereits die nächste unbelegte Behauptung. Die Organisation «Tutela Rurale» erklärt inzwischen, hinter dem Tod von Destiny stünden mindestens drei oder vier Wölfe.

Die Vereinigung «Io non ho paura del lupo» fordert, die Debatte müsse auf Daten und einer korrekten Rekonstruktion der Fakten beruhen, nicht auf Erzählungen, die Angst, Zustimmung oder ein paar Klicks mehr erzeugen sollen. Das Problem sei nicht der Heldenhund, den es nie gab, sondern eine Berichterstattung, die auf Überprüfung verzichtet, und eine Politik, die Fehler verstärkt statt korrigiert.