Attentäter auf Grosswildjagd: Der Fall Lavitola zeigt die dunkle Seite der Hobby-Jagd
Zwei Wochen nach dem Anschlag auf Journalist Sigfrido Ranucci reiste der mutmassliche Auftraggeber zur Hobby-Jagd nach Simbabwe. Der Fall Valter Lavitola verbindet Trophäenjagd, Carbon-Credit-Geschäfte und politische Macht.
Zwei Elefantenbullen, ein Löwe und ein Leopard: Diese Tiere waren auf einer Sonderbewilligung aufgeführt, die laut Recherchen des italienischen Portals MowMag am 30. Oktober 2025 von der Parks and Wildlife Management Authority Simbabwes ausgestellt wurde.
Als Kunde ist auf dem Dokument der italienische Geschäftsmann und frühere Verleger Valter Lavitola eingetragen, mit römischer Adresse und italienischem Pass.
Nur zwei Wochen zuvor, am 16. Oktober 2025, war vor dem Wohnhaus des Fernsehjournalisten Sigfrido Ranucci in Pomezia bei Rom ein Sprengsatz detoniert. Ranucci moderiert die Rai-Sendung «Report», eines der bekanntesten italienischen Rechercheformate.
Lavitola wurde im August 2026 festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Rom betrachtet ihn als mutmasslichen Auftraggeber des Anschlags; ihm wird unter anderem der Straftatbestand der «strage», erschwert durch mafiöse Vorgehensweise, zur Last gelegt. Bei seiner Einvernahme vor der Untersuchungsrichterin am 12. August 2026 soll Lavitola eingeräumt haben, die Tat organisiert zu haben.
Ein Geständnis, das die Justiz nicht überzeugt
Lavitola erklärte laut italienischen Medienberichten, er habe nicht einen Sprengsatz, sondern Schüsse auf Ranuccis Haus in Auftrag gegeben. Als Motiv gab er an, er habe seinem Freund Ranucci damit zu mehr Personenschutz verhelfen wollen, weil diesem angeblich Gefahr gedroht habe.
Die Untersuchungsrichterin in Rom bezeichnete diese Darstellung in ihrem Beschluss vom 13. August 2026 als «fumose, assolutamente generiche e prive di qualsivoglia indicazione concreta suscettibile di riscontro» – vage, vollkommen unbestimmt und ohne jeden konkreten, überprüfbaren Anhaltspunkt. Sie hielt Lavitola deshalb in Untersuchungshaft und lehnte den Antrag auf Hausarrest ab; als Fluchtgefahr wertete sie unter anderem sein weitreichendes internationales Beziehungsnetz.
Ein Geständnis ist kein rechtskräftiges Urteil, und die endgültige strafrechtliche Bewertung liegt bei den zuständigen Gerichten. Die bisherigen Ermittlungsschritte, die Untersuchungshaft und die richterliche Einschätzung zeigen jedoch, dass die italienische Justiz den Fall als schwerwiegend behandelt.
Bewilligung Nummer 803/2025
Die Sonderbewilligung trug laut MowMag die Nummer 803/2025 und erlaubte eine Jagd vom 1. bis 20. November 2025 in der Konzession Mutema im Süden Simbabwes: ein männlicher Elefant, ein männlicher Leopard, ein männlicher Löwe. Dazu kam ein weiterer, als «Bonus» bezeichneter Elefant in der Konzession Chibuwe. Als zuständiger Berufsjäger ist ein Mann namens Sherpard Katsidzira mit Lizenznummer 169 eingetragen, als Anbieter Elephant Trails Safaris.
Im TG1-Abendprogramm der Rai vom 24. August 2026 wurden Bilder gezeigt, die Lavitola bewaffnet in Afrika sowie neben getöteten Tieren zeigen sollen. Ob tatsächlich alle vier bewilligten Tiere getötet wurden, ist öffentlich nicht abschliessend belegt; die Bewilligung dokumentiert zunächst nur die Erlaubnis zur Jagd.
Solche Erlegerbilder gehören zur öffentlichen Selbstinszenierung der globalen Hobby-Jagdtourismus-Industrie. Das tote Tier dient dabei als Statussymbol, an dem Reichtum und Verfügungsmacht ausgestellt werden.
Ein fragwürdiges Alibi für die Finanzierung
Der frühere simbabwische Geschäftspartner Lavitolas, Benjamin Chimutengo, sagte gegenüber MowMag, Lavitola habe ihn gebeten, seine private Jagdreise mit rund 9’300 US-Dollar aus Mitteln der gemeinsamen Firma Future Awaits zu bezahlen, die eigentlich für Carbon-Credit-Projekte bestimmt gewesen seien. Als Chimutengo dies beanstandet habe, soll Lavitola erklärt haben, ein Arzt in Italien habe ihm nur noch wenige Lebensmonate attestiert und er wolle deshalb auf die Jagd gehen. Chimutengo bezeichnete diese Begründung gegenüber MowMag als wenig glaubwürdig und den Vorgang als Zweckentfremdung von Gesellschaftsmitteln.
Diese Angaben stammen von einem ehemaligen Geschäftspartner und sind nicht gerichtlich festgestellt. Sie fügen sich aber in ein grösseres Bild: Laut Chimutengo habe sich Lavitolas Interesse in Simbabwe ursprünglich auf Trophäenjagd, Safaris und den Kauf von rund 5’000 Acres Agrarland gerichtet, bevor es sich auf das offenbar lukrativere Geschäft mit Carbon Credits verlagerte, mit Gesellschaften wie Future Awaits Zimbabwe, Future Awaits South Africa und Afrocarbon Solutions, ausgeweitet bis nach Kamerun.
Ermittlungen zu Vermögen und Geldflüssen
Die italienischen Ermittlungsbehörden versuchen, Lavitolas Vermögen und die Herkunft der Mittel für seine afrikanischen Projekte zu rekonstruieren. Genau an dieser Schnittstelle wird der Fall über den Einzelfall einer Trophäenjagd hinaus relevant: Wenn Grosswildjagd, undurchsichtige Firmenkonstrukte, internationale Geldflüsse und ein Anschlag auf einen kritischen Journalisten im selben Netzwerk auftauchen, lässt sich die Safari nicht mehr als private Freizeitbeschäftigung isoliert betrachten.
Legal, aber nicht harmlos
Die Hobby-Jagd auf Elefanten, Löwen und Leoparden ist in Simbabwe innerhalb behördlich festgelegter Quoten und Bewilligungen zulässig; keine der drei Arten gilt dort als «specially protected animal». Verteidigt wird das System mit den Einnahmen, die angeblich dem Naturschutz und den lokalen Gemeinden zugutekommen sollen. Legalität beantwortet jedoch nicht die ethische Frage, ob wohlhabende Reisende das Recht haben sollten, sozial komplexe und teils ökologisch bedeutsame Wildtiere gegen hohe Summen töten zu lassen. Das Dossier zum Hobby-Jagdtourismus zeigt, weshalb Einnahmeversprechen dieser Art nicht unbesehen mit tatsächlichem Nutzen für Tiere oder Bevölkerung verwechselt werden dürfen.
Der Fall Lavitola ist kein Beweis dafür, dass jede Person auf Trophäenjagd in kriminelle Geschäfte verstrickt ist. Er zeigt aber exemplarisch ein Milieu aus abgeschirmten Jagdkonzessionen, hohen Geldbeträgen, privaten Vermittlern und einer Kultur, in der das Töten von Grosswild als exklusive, käufliche Erfahrung vermarktet wird – wie es das Dossier zur Trophäenjagd als Statussymbol einordnet.
LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!
Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →