Jagd

Hobby-Jäger erhitzen die Gemüter auch in Frankreich

Die Kugel zersplittert bei Rouen die Scheibe eines Autos und bleibt im Sitz der Fahrerin stecken, bei Laon durchschlägt eine Kugel den Fensterrahmen und die Wohnzimmerwand einer Rentnerin: Es sind Jagdunfälle wie diese, die in Frankreich seit einiger Zeit den Ruf nach strengeren Regeln für die Jagd laut werden lassen.

Immer wieder gibt es Verletzte und Tote. Anfang des Jahres rang sich die Regierung zwar zu einigen Maßnahmen durch, doch Kritiker bemängelten, dass die Jagdlobby zu viel Rücksicht aus Paris erhalte. Die Jägerschaft war empört, die von einer „Anti-Jagd-Ideologie“ besessenen Politiker wollten sie mit Restriktionen provozieren.

Acht Tote in der vergangenen Jagdsaison – 90 Verletzte

Die Jagd hat in Frankreich einen hohen Stellenwert. Der französische Jagdverband spricht von 1,1 Millionen aktiven Jägern. In Deutschland sind es laut Deutschem Jagdverband 384.000. Bei Unfällen im Nachbarland gab es in der letzten Jagdsaison, die von September bis März 2022 dauerte, 90 Verletzte und acht Tote. Die Forderung nach einem jagdfreien Sonntag und weiteren Auflagen löste im vergangenen Jahr eine intensive Debatte aus. Herausgekommen sind erhöhte Ausbildungs- und Sicherheitsanforderungen, Strafen für Jäger unter „übermäßigem Alkoholeinfluss“ und die Ankündigung einer App, mit der Spaziergänger die Lage von Jagdrevieren abrufen können.

Die windelweichen Maßnahmen zeigten, dass die Jagdlobby in Paris die Gesetze mache, empörte sich Marine Tondelier, Chefin der französischen Grünen, die prompt am Sonntag einen Gesetzentwurf für ein Jagdverbot auf den Weg brachten. „Es geht nicht darum, die Jagd zu verbieten, sondern den Spaziergängern zu ermöglichen, die Natur an einem Tag in der Woche in Ruhe und Sicherheit zu genießen. Es ist bekannt, dass sich Jagdunfälle an Sonntagen häufen“, sagte Charles Fournier, Abgeordneter der Oppositionspartei und Verfasser des Gesetzentwurfs, dem Sender France 3. Die Vorlage des Gesetzes wurde von April auf voraussichtlich Herbst verschoben.

Kampf um die Jagd tobt auch im Internet

Der Protest gegen das Gesetz hält an. Das Loi Verte idealisiere eine Natur, deren freier und allgemeiner Genuss angeblich von den Jägern beschlagnahmt werde, erklärte der Jagdverband. Eine solche Natur gebe es aber nicht. Ein Fünftel der französischen Wälder gehöre dem Staat und den Gebietskörperschaften, die ihr Eigentumsrecht frei ausüben könnten – zum Beispiel durch die Jagd. Auch der Jagdverband klagt über Unverständnis. „Sie erfinden immer wieder alle möglichen Gesetzesvorschläge, um der Jagd zu schaden, ohne zu berücksichtigen, dass wir enorme Fortschritte gemacht haben – und weiter machen werden -, um das Zusammenleben der verschiedenen Naturnutzer friedlicher zu gestalten.“

Auch im Internet finden beide Seiten ihre Plattformen. Der Verein „Un Jour un Chasseur“ (Ein Tag, ein Jäger) mit 18.000 Followern rückt dort tödliche Jagdunfälle in den Mittelpunkt, etwa den Schuss auf die 25-jährige Mélodie, die bei einer Wildschweinjagd auf einem Wanderweg getroffen wurde. Andererseits stellen sich im Netz junge Menschen vor, die nach Jahren des Rückgangs die Jagd wieder für sich entdeckt haben. So folgen 174.000 Menschen dem Instagram-Account von Johanna Clermont, die dort mit Jagdwaffen, einem erlegten Hirsch und zubereitetem Wildbret posiert.

Dass die Jagd die Menschen in Frankreich so spaltet, hat auch damit zu tun, dass sie heute weniger praktiziert und deshalb immer weniger akzeptiert und verstanden wird, sagte der Anthropologe Charles Stéphanoff der Zeitung „Le Monde“. Der Zuzug von Städtern in ländliche Gebiete konfrontiere diese mit kulturellen Praktiken und einem völlig anderen Verhältnis zur Natur. Diese unterschiedlichen Sichtweisen führten zu Unverständnis und moralischer Ablehnung der Jagd. Für Städter sei das Land ein Ort der Freizeit und Erholung, der allen Menschen gehöre. Dieses Freizeitverständnis teile die Landbevölkerung nicht, sagte der Anthropologe. Für sie sei das Land ein Ort der landwirtschaftlichen Produktion, der durch jahrhundertelange Arbeit entstanden sei.

Wie mit dem Wolf umgehen?

Neben den Jagdkritikern müssen sich die Jäger in Südfrankreich auch mit dem Wolf auseinandersetzen, der ihrer Meinung nach zu viel Schutz genießt und ihnen das Wild streitig macht. Die Bestände von Rehen, Hirschen, Mufflons und Wildschweinen seien im Departement Drôme um 20 bis 40 Prozent zurückgegangen. In einem Brief an die Präfektin forderten die Jäger, 100 Wölfe abschießen zu dürfen. „Wenn man den Wolf weiterhin übermäßig schützt und es kein oder viel weniger Wild gibt, wird es auch weniger Jäger geben“, argumentierte der stellvertretende Vorsitzende der Jägerschaft, Michel Sanjuan.

Der Naturschutzverband Frapna gibt zu bedenken: „Die Großwildjagd, vor allem in der Drôme, ist ein besonders lukratives Geschäft. Es ist nicht verwunderlich, dass die Jäger der Drôme die Rückkehr des Wolfes, der ihren Umsatz direkt bedroht, mit sehr unguten Gefühlen sehen“, sagt Frapna-Sprecher Roger Mathieu. Außerdem habe der Wolf geschafft, was die Jäger jahrelang nicht geschafft hätten, nämlich die Wildbestände zu reduzieren, die für die Schäden in der Forst- und Landwirtschaft verantwortlich seien.

1 Kommentar

  1. Der Wolf, welcher Beutetiere zum Überleben braucht soll weg, damit die Jäger diese aus Jux und Dollerei töten können. Mann, ist das eine kranke und verdrehte Welt🙈.

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