Careli-Studie im Doubs: Was die Zahlen wirklich zeigen
Eine französische Jagdzeitschrift feiert die Careli-Studie als Beweis für vernünftige Hobby-Jagd. Die Studie selbst sagt etwas anderes.
Die Studie klingt zunächst nach einer guten Nachricht für alle Seiten: Im französischen Département Doubs haben Hobby-Jäger, Landwirtschaft, Naturschutzverbände und Wissenschaft von 2021 bis 2025 gemeinsam das Programm «Careli» durchgeführt, um den Nutzen der Fuchsbejagung zu prüfen.
Das Jagdportal «Chassons» feiert das Ergebnis als Beleg dafür, dass sich die Hobby-Jagd der Wissenschaft stelle und Verantwortung übernehme. Ein Blick auf die tatsächlich publizierten Daten zeigt: Die Studie fällt deutlich eindeutiger aus, als es der Artikel darstellt.
Was Careli wirklich zeigt
Das Programm wird vom Labor Chrono-environnement der Université de Franche-Comté wissenschaftlich begleitet, koordiniert unter anderem von Patrick Giraudoux. Auf zwei Untersuchungsflächen im Doubs wurde die Fuchsbejagung und der Fang während 3,8 Jahren in einem Teilgebiet ausgesetzt, während im Vergleichsgebiet weiterhin gejagt und gefangen wurde. Begleitend wurden vom 6. April 2021 bis 6. Januar 2025 in 231 Geflügelhaltungen Schäden erhoben.
Das im Fachjournal «Scientific Reports» veröffentlichte Ergebnis ist für die beiden geprüften Fragen eindeutig: Der ESOD-Status, der über die reguläre Jagd hinausgehende Jagd- und Fangmassnahmen ermöglicht, führte in den untersuchten Teilgebieten weder zu einer signifikanten Verringerung der Fuchsabundanz noch zu einem signifikanten Unterschied bei den Geflügelschäden. In einem der beiden Untersuchungsräume wurden sogar mehr Schäden registriert, obwohl der Fuchs dort weiterhin bejagt wurde, ein Befund, der sich auf diese eine Zone bezieht und nicht als allgemeine Wirkung der Jagd zu lesen ist.
Von den 1’105 in der Studienperiode getöteten Vögeln wurden 628 Fälle, also 48,3 Prozent, der Kategorie «Fuchs» oder «wahrscheinlicher Fuchs» zugeordnet, nicht ausschliesslich zweifelsfrei bestätigte Fälle. Für den übrigen Anteil kamen andere Prädatoren oder unklare Ursachen infrage. 41 Prozent der gemeldeten Schäden gingen auf menschliche Nachlässigkeit zurück, etwa offen gelassene Ställe, 36 Prozent auf unzureichenden baulichen Schutz. Careli liefert bislang keinen Nachweis, dass die Bejagung den Schutzmassnahmen einen zusätzlichen Nutzen bringt. Die Studie identifiziert dagegen unzureichend gesicherte Ställe und Ausläufe als die entscheidenden, praktisch beeinflussbaren Risikofaktoren.
Careli entscheidet nicht jede Debatte über Füchse. Das Programm erhebt auch Daten zu Wühlmäusen, Hasen, Zecken, bodenbrütenden Vögeln und Gesundheitsfragen, deren Auswertung laut Chassons und den regionalen Berichten weitgehend noch aussteht, erst rund 20 Prozent der Gesamtresultate sind bisher publiziert. Careli prüft aber bereits die zwei Begründungen, mit denen der ESOD-Status gegenüber Geflügelhaltungen verteidigt wird: Bestandsreduktion und Schadensvermeidung. Für beide fand die bisher veröffentlichte Auswertung keinen statistisch nachweisbaren Effekt.
Das Framing von «Chassons»
Der Chassons-Artikel übernimmt diesen zentralen Befund zwar, relativiert ihn aber sofort mit dem Hinweis, die Studie «verurteile die Hobby-Jagd nicht» und zeige nur, dass sie «in diesem Protokoll» nicht die erwartete Wirkung gehabt habe. Das ist rhetorisch geschickt, faktisch aber eine Verharmlosung: Die untersuchten Parameter, Fuchsbestand und Geflügelschäden, sind genau jene, mit denen die ESOD-Einstufung des Fuchses in Frankreich seit Jahren begründet wird. Wenn beide Kernargumente empirisch nicht standhalten, bleibt von der Rechtfertigung wenig übrig.
Die «wahre Lehre» aus dem Doubs sei nicht der Verzicht auf Bejagung, sondern «Messen statt Karikieren»: Die Hobby-Jagd bleibe «ein Werkzeug unter mehreren». Die bisher veröffentlichten Careli-Ergebnisse zu Fuchsabundanz und Geflügelschäden stützen diese Schlussfolgerung jedoch nicht. Sie liefern keinen Nachweis, dass Bejagung und Fang den Schutzmassnahmen einen zusätzlichen Nutzen bringen. Für die beiden geprüften Fragen – Bestand und Geflügelschäden – bleibt von der Rechtfertigung wenig übrig.
Einordnung: kein Einzelfall
Dass gezielte Bejagung sogenannter «Problemarten» weder Bestände noch Schäden wirksam reguliert, deckt sich mit einer weiteren aktuellen Studie im Fachjournal «Biological Conservation». Sie hat die Kosten und den Nutzen der französischen Verfolgung von Fuchs, Mardern und Rabenvögeln landesweit über sieben Jagdsaisons ausgewertet. Das Ergebnis: Die Kontrollkosten übersteigen die gemeldeten Schäden je nach Berechnungsszenario um bis zu das Achtfache, ein statistischer Zusammenhang zwischen Jagddruck und Schadensreduktion konnte nicht nachgewiesen werden. Mehr dazu im Beitrag «Millionenfach getötet für nichts: Neue Studie entlarvt Jägerlatein».
Auch für die Schweiz liegt inzwischen eine vergleichbar eindeutige Untersuchung vor. Eine im Mai 2026 im Auftrag des Kantons Zug erstellte SWILD-Studie (Dr. Claudia Kistler, Dr. Fabio Bontadina) kommt zum selben Kernbefund wie Careli: Die Patentjagd auf Füchse reguliert die Bestände nicht nachhaltig, da bejagte Populationen Verluste durch erhöhte Fruchtbarkeit, bessere Überlebensraten und Zuwanderung kompensieren. Auch das in Jagdkreisen verbreitete Seuchenargument hält der Studie nicht stand: Bei der Tollwut brachte erst die orale Impfkampagne ab 1978 den Erfolg, nicht die Bejagung, und beim Fuchsbandwurm zeigte ein französisches Vergleichsgebiet mit 35 Prozent höherem Jagddruck eine steigende statt sinkende Befallsrate. Die Zuger Jagdkommission zog daraus im Juni 2026 erste Konsequenzen und verzichtet künftig auf die proaktive Förderung der Fuchsjagd. Als Vergleichsmassstab dienen der Studie die Kantone Genf, der seit 1974 auf Milizjagd verzichtet, und Luxemburg, wo die Fuchsjagd seit 2015 verboten ist, beide ohne die von Hobby-Jägern befürchteten negativen Folgen. Mehr dazu im Beitrag «Kanton Zug: Behörden bremsen Fuchsjagd nach Studie».
Dieses Muster, belastende Ergebnisse anerkennen und die Bejagung trotzdem als notwendig weiterverteidigen, zeigt sich auch bei JagdSchweiz. Der Dachverband hält in seinem Positionspapier zur Fuchsbejagung von November 2025 an der Notwendigkeit der Fuchsjagd fest, ohne sich mit den Erfahrungen aus Regionen ohne Fuchsjagd auseinanderzusetzen. Luxemburg, wo die Fuchsjagd seit 2015 verboten ist, verzeichnet keine Bestandsexplosion und einen gesunkenen Anteil fuchsbandwurmbefallener Tiere. Genf kommt seit der Abschaffung der Milizjagd 1974 ohne dokumentierte ökologische Probleme aus. Wie Chassons im Fall Doubs verzichtet auch JagdSchweiz darauf, die eigene Position an diesen Gegenbeispielen zu prüfen. Mehr dazu im Beitrag «Fuchsjagd ohne Fakten: JagdSchweiz erfindet Probleme».
Fazit
Careli ist tatsächlich ein bemerkenswertes Projekt, weil eine Hobby-Jäger-Föderation sich auf ein Experiment eingelassen hat, dessen Ausgang ihr eigenes Narrativ widerlegen konnte. Genau das ist geschehen. Die Interpretation, die «Chassons» daraus zieht, die Bejagung bleibe weiterhin ein legitimes «Werkzeug», ist durch die eigenen Daten der Studie nicht gedeckt. Wer «Messen statt Karikieren» fordert, sollte auch die eigenen Messresultate für die geprüften Fragen ernst nehmen, auch wenn Careli zu anderen Aspekten der Fuchsdebatte noch keine abschliessenden Antworten liefert.
