24. Mai 2026, 20:01

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Tierwelt

Paradoxon: Invasive Arten in der Heimat vom Aussterben bedroht

Eine Studie zeigt nun, dass einige dieser vom Menschen eingeführten Arten in ihrem Heimatgebiet selbst vom Aussterben bedroht sind.

Redaktion Wild beim Wild — 7. Dezember 2024

Vom Menschen eingeschleppte gebietsfremde Arten gehören zu den Hauptursachen des weltweiten Artensterbens – sie waren mitverantwortlich für 60 Prozent der Arten, die in den letzten Jahrzehnten weltweit ausgestorben sind.

In Mitteleuropa gehören zu den nicht heimischen Säugetieren Arten wie die Wanderratte, das Mufflon und der Nerz. Eine Studie unter der Leitung von Biologen der Universität Wien und der Universität La Sapienza in Rom zeigt nun, dass einige dieser vom Menschen eingeschleppten Arten in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet selbst bedroht sind. Die Studie wurde in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Conservation Letters veröffentlicht.

Die Globalisierung der Erde trägt dazu bei, dass viele Tier- und Pflanzenarten in neue Teile der Welt eingeführt werden. Invasive Arten können einheimische Arten durch Konkurrenz verdrängen oder neue Krankheiten übertragen. Gleichzeitig sind jedoch einige dieser nicht einheimischen Arten in ihren Heimatgebieten vom Aussterben bedroht. Daraus ergibt sich ein Paradoxon für den Naturschutz, denn es stellt sich die Frage, ob nicht heimische Arten, die in ihrem heimischen Verbreitungsgebiet vom Aussterben bedroht sind, geschützt oder kontrolliert werden sollten. Bisher war jedoch nicht bekannt, auf wie viele nicht einheimische Säugetierarten dieses Paradoxon tatsächlich zutrifft. In der neuen Studie haben die Wissenschaftler dies jetzt quantifiziert, um einer Antwort auf dieses Paradoxon einen Schritt näherzukommen.

Viele nicht heimische Säugetierarten sind in ihrem Heimatgebiet gefährdet

Insgesamt 230 nicht heimische Säugetierarten sind derzeit vom Menschen in neue Gebiete auf der ganzen Welt eingeführt worden und haben sich dort dauerhaft angesiedelt. „Wir wollten herausfinden, wie viele dieser Arten auch in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet bedroht sind“, erklärt Lisa Tedeschi von der Universität La Sapienza und der Universität Wien, die Erstautorin der Studie. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass 36 der nicht heimischen Säugetierarten in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet bedroht sind und somit unter dieses Erhaltungsparadoxon fallen. „Wir waren von dieser hohen Zahl sehr überrascht, da wir davon ausgingen, dass invasive Arten auch in ihrem Herkunftsgebiet verbreitet sind“, so Tedeschi weiter.

Invasion fremder Gebiete könnte einige Arten sogar vor dem Aussterben bewahren

Eine wichtige Säugetierart, die in ihrem Heimatgebiet bedroht ist, ist der Schopfmakak, dessen Bestand in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet auf Sulawesi seit 1978 um 85 Prozent zurückgegangen ist, während er sich auf anderen Inseln Indonesiens ausgebreitet hat und dort stabile Populationen zu finden sind. Das Wildkaninchen ist in Europa vom Aussterben bedroht, während es in anderen Teilen der Welt, z. B. in Australien, sehr grosse eingeführte Populationen gibt, die weit grösser sind als die in Europa. Die meisten der in ihrer Heimat bedrohten Arten stammen aus dem tropischen Asien, was in vielen Fällen auf die massive Zerstörung des Regenwaldes und die Überjagung zurückzuführen ist. Vom Menschen eingeführte Populationen könnten daher helfen, das Aussterben dieser Arten zu verhindern.

Globalisierung: Naturschutz steht vor einer schwierigen Aufgabe

Bei der Bewertung des globalen Aussterberisikos werden Arten, die nicht in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet leben, derzeit nicht berücksichtigt. In der aktuellen Studie konnten die Forscher jedoch zeigen, dass sich die Bedrohungssituation einiger Arten verbessern würde, wenn nicht heimische Vorkommen berücksichtigt werden. „Für 22 Prozent der untersuchten Arten würde sich das globale Aussterberisiko verringern, wenn auch nicht heimische Vorkommen in die Bewertung einbezogen würden“, erklärt Biodiversitätsforscher Franz Essl von der Universität Wien, einer der Hauptautoren der Studie. Dieses Ergebnis unterstreicht laut den Wissenschaftern die grosse Bedeutung nicht heimischer Populationen für das Überleben gefährdeter Arten – vor allem dann, wenn ein hoher Bedrohungsdruck im heimischen Gebiet besteht.

Die Einbeziehung nicht heimischer Populationen dieser Arten in die Gefährdungsbeurteilung birgt jedoch auch Risiken – zum Beispiel, dass dem Schutz bedrohter Populationen in ihrem Heimatgebiet weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ausserdem können nichtheimische Populationen negative Auswirkungen auf andere Arten haben. „Das Hauptaugenmerk muss weiterhin auf dem Schutz der Arten in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet liegen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass es in Zukunft mehr Arten geben wird, die in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet vom Aussterben bedroht sind und in ihrem neuen Verbreitungsgebiet bessere Überlebenschancen haben. Das stellt den Naturschutz vor die schwierige Aufgabe, die Chancen und Risiken abzuwägen“, so Franz Essl abschliessend. „Das ist auch ein Fingerabdruck der Globalisierung der Artenverbreitung.“

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden