31. August 2026, 08:36

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Umwelt & Naturschutz

Die teuerste Illusion der Hobby-Jagd: Wenn Töten das Problem vergrössert

Eine neue Studie aus «Biological Conservation» rechnet vor, was der Abschuss von 1,7 Millionen Füchsen, Marderartigen und Rabenvögeln pro Jahr in Frankreich wirklich bringt: keinen belegbaren Nutzen, aber Kosten von bis zu 123 Millionen Euro jährlich

Redaktion Wild beim Wild — 31. August 2026

Seit Mitte August fordern in Frankreich mehrere Verbände ein Jagdmoratorium.

Der Grund: Dürre und Waldbrände haben die Natur in diesem Sommer schwer geschädigt, eine Bürgerpetition sammelte über 473’000 Unterschriften. Die Antwort der Hobby-Jagd fiel aus wie immer. Die Sprecherin des Jagdverbands Haute-Vienne warnte vor «katastrophalen Folgen für die Landwirte», sollte ab September keine «Populationskontrolle» der Wildschweine stattfinden. Ohne die Hobby-Jäger, so das Dauerargument, gerate die Natur ausser Kontrolle.

Nur wenige Wochen zuvor erschien in der Fachzeitschrift «Biological Conservation» eine Studie, die dieses Argument empirisch prüft. Ein Team um den Ornithologen Frédéric Jiguet vom Muséum national d’Histoire naturelle in Paris hat sieben Jahre amtlicher Daten ausgewertet, Jagdsaison für Jagdsaison, Departement für Departement. Das Ergebnis ist so eindeutig wie unbequem: Für die untersuchten Arten und die flächendeckende Tötungspraxis in Frankreich findet die Studie keinen Beleg, dass die staatlich autorisierte «Regulierung» Schäden senkt oder Bestände nachhaltig verringert.

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Die Widersprüche der Hobby-Jägerseite treten dabei offen zutage. Dieselbe Verbandssprecherin, die vor «katastrophalen Folgen» warnt, räumt im selben Atemzug ein, man habe die Wildtiere beobachtet und sehe «keine besonderen Probleme», es gebe «keinerlei Anzeichen dafür, dass die Tierwelt gefährdet ist». Wenn kein Problem sichtbar ist, stellt sich die Frage, wogegen im September geschossen werden soll. Pierre Rigaux vom Tierschutzverein Nos Viventia bringt es auf den Punkt:

Hobby-Jäger seien keine Wildtierexperten, es stehe ihnen nicht zu, über das Wildtiermanagement zu entscheiden oder den Wald für gesund zu erklären.

12,4 Millionen tote Tiere, kein belegbarer Nutzen

Zwischen 2015 und 2022 töteten Hobby-Jäger und Fallensteller in Frankreich rund 12,4 Millionen Tiere: Füchse, Steinmarder, Baummarder, Iltisse, Wiesel, Rabenkrähen, Saatkrähen, Elstern, Eichelhäher und Stare. Jedes Jahr etwa 1,7 Millionen Tiere, deklariert als Massnahme gegen Schäden an Landwirtschaft und Geflügel.

Die Forscher prüften, ob dort mehr getötet wird, wo zuvor besonders hohe Schäden gemeldet wurden, und ob die Tötungen die Schäden im Folgejahr senken. Für die Arten insgesamt fanden sie keinen Zusammenhang zwischen den Schäden des vorangegangenen Dreijahreszeitraums und dem späteren Tötungsaufwand. Zwar wurde bei Rabenkrähe, Saatkrähe und Star im selben Jahr dort mehr getötet, wo mehr Schäden gemeldet wurden. Doch im Folgejahr sanken die Schäden dadurch nicht. Über alle Arten hinweg lagen sie vielmehr dort höher, wo im Vorjahr mehr Tiere getötet worden waren.

Auch die Bestände sanken nicht. Anhand der Daten des französischen Brutvogel-Monitorings prüften die Forscher, ob intensivere Tötungen mit niedrigeren Frühjahrsbeständen einhergehen. Das war nicht der Fall. Bei Eichelhäher und Star sowie über alle fünf Vogelarten hinweg waren höhere Tötungszahlen vielmehr mit höheren Frühjahrsbeständen verbunden. Die Studie diskutiert als plausible Erklärung, dass die Tötungen oft nicht die ortsansässigen Brutvögel treffen, sondern durchziehende oder jüngere Tiere. Hinzu kommt ein bekannter Kompensationseffekt: Werden Tiere entfernt, verschafft die geringere Konkurrenz den verbleibenden Individuen mehr Nahrung und höhere Überlebenschancen. Die erhoffte Bestandsreduktion bleibt aus.

Unfreiwillig bestätigt das die Jägerseite selbst. Als Argument gegen eine Verschiebung führt der Jagdverband an, die «Geburten verlaufen weiterhin problemlos», Wildschweine und Hirsche seien reichlich vorhanden. Genau diese ungebremste Vermehrung trotz jahrzehntelanger intensiver Hobby-Jagd ist der beste Beleg dafür, dass der Abschuss die Bestände nicht senkt.

Ein Muster, das die Wildbiologie kennt

Die französische Studie betrifft Füchse, Marderartige und Rabenvögel. Sie steht jedoch neben einer breiteren wildbiologischen Literatur, die auch bei anderen Arten zeigt: Ungezielte oder intensive Bejagung kann kompensatorische Reaktionen auslösen und soziale Strukturen destabilisieren. Beim Fuchs ist der Effekt seit Jahrzehnten belegt. Selbst der Abschuss von drei Vierteln eines Bestands ist im Folgejahr wieder ausgeglichen, wie mindestens achtzehn wildbiologische Studien über drei Jahrzehnte zeigen. Je stärker Füchse bejagt werden, desto mehr Nachwuchs gibt es. Vertiefend dazu unser Dossier Jagd und Wildtierkrankheiten sowie der Faktencheck Warum die Jagd mehr Probleme schafft, als sie löst.

Beim Wildschwein, das in Frankreich einer anderen rechtlichen Kategorie angehört und nicht Teil dieser Auswertung war, ist der Mechanismus besonders anschaulich. Ältere, erfahrene Bachen prägen die Sozialstruktur einer Rotte. Werden solche Leittiere selektiv oder wiederholt aus dem Verband geschossen, kann dies die Gruppen destabilisieren. Die Langzeitstudie von Sabrina Servanty verglich über 22 Jahre ein stark und ein wenig bejagtes Gebiet und fand bei hohem Jagddruck deutlich höhere Fruchtbarkeit und früher einsetzende Geschlechtsreife, teils schon bei Frischlingsbachen unter einem Jahr. Starker Jagddruck ist demnach mit früherer Reproduktion und höherer Fruchtbarkeit verbunden, besonders dort, wo Nahrung reichlich verfügbar ist und Sozialverbände aufgebrochen werden. Wir haben das ausführlich beschrieben im Tierportrait Das Wildschwein und in Wilder Westen in der Ostschweiz.

Der beklagte Schaden in der Haute-Vienne ist damit kein Beleg für die Wirksamkeit weiterer Abschüsse. Die französische Grossauswertung spricht im Gegenteil dagegen, dass mehr Töten die Schäden im Folgejahr reduziert.

Wie weit die Praxis vom Tierschutz entfernt ist, zeigt ein zweiter Schauplatz. Die Vogelschutzliga LPO forderte, die am 21. August eröffnete Jagd auf Wasservögel in den Feuchtgebieten zu verschieben, vergeblich. Geschossen wird weiter auf Zugvögel, die in den ausgetrockneten Feuchtgebieten gefangen Abkühlung suchen. «Das ist wirklich absurd», kommentiert Rigaux.

Bis zu achtmal teurer als der Schaden

Den eigentlichen Sprengsatz zündet die Studie mit einer Rechnung, die es so bisher nicht gab: der ersten ökonomischen Bilanz der «Schädlingsbekämpfung» in Frankreich. Die Forscher bezifferten den Aufwand für das Töten auf 103 bis 123 Millionen Euro jährlich, konservativ gerechnet mit einer Stunde Arbeitszeit und 20 Kilometern Fahrweg pro getötetem Tier. Dem stehen offiziell gemeldete Schäden von lediglich 8 bis 23 Millionen Euro gegenüber.

Die «Regulierung» kostet also bis zum Achtfachen dessen, was sie angeblich verhindert. Selbst in der sparsamsten Variante, in der die Arbeitszeit der Hobby-Jäger mit null bewertet und die Fahrtkosten halbiert werden, übersteigen die Kosten den Schaden noch um den Faktor 1,66. Einen ökonomischen Grund für den Abschuss von Füchsen, Marderartigen, Rabenvögeln und Staren, so das Fazit der Autoren, gibt es in Frankreich nicht.

Hinzu kommen verlorene Ökosystemleistungen. Beutegreifer und Rabenvögel erbringen einen Nutzen, den niemand in Rechnung stellt. Der Eichelhäher etwa verbreitet Eicheln und begründet damit ganze Eichenwälder. Allein für die 62’278 in sieben Jahren getöteten Eichelhäher beziffert die Studie den Verlust dieser Aussaatleistung auf 100 bis 454 Millionen Euro. Ein Fuchs wiederum vertilgt Tausende Mäuse pro Jahr und erspart der Landwirtschaft Gift.

Bemerkenswert ist, wer diese Bilanz vorlegt. Erstautor Jiguet sitzt seit 2014 im Conseil National de la Chasse et de la Faune Sauvage, jenem nationalen Beratungsgremium, das die Abschussdekrete begutachtet. Die Kritik kommt von innen.

Die Regierung hält am Instrument fest

Die Debatte hat politische Folgen, wenn auch andere als erhofft. Frankreich hat die ESOD-Regelung, die Einstufung der «Arten, die Schäden verursachen können», 2026 neu verhandelt. Die öffentliche Konsultation lief bis Ende Juli und brachte überwiegend ablehmende Stellungnahmen. Am 21. August 2026 veröffentlichte die Regierung dennoch das neue Dekret für die Periode 2026 bis 2029. Gerichtsentscheide hatten den Iltis und zeitweise auch den Baummarder wegen unzureichender Datenlage von der Liste entfernt, der Baummarder taucht nun wieder in vierzehn Departementen auf. Die Regierung hält am Instrument der ESOD-Einstufung fest, trotz der neuen Studie, die dessen ökologische und ökonomische Rechtfertigung grundlegend infrage stellt.

Was die Daten hergeben, und was nicht

Die französische Studie zeigt nicht, dass jeder lokale Konflikt mit Wildtieren verschwindet, wenn keine Tiere mehr getötet werden. Sie zeigt etwas politisch Entscheidendes: Die millionenfache, flächendeckende Tötung von Füchsen, Marderartigen und Rabenvögeln senkt die offiziell gemeldeten Schäden nicht nachweisbar, verringert die untersuchten Vogelbestände nicht nachhaltig und kostet ein Mehrfaches der gemeldeten Schäden.

Wirksam gegen konkrete Schäden sind Prävention und passgenaue Massnahmen: sichere Zäune, Schutz von Geflügelhaltungen, angepasste Bewirtschaftung, Saatgut-Schutz, für den Fuchsbandwurm die Impfköder und in begründeten Ausnahmefällen professionell kontrollierte, eng begrenzte Eingriffe. Was die Daten nicht hergeben, ist der Freipass für millionenfaches Töten unter dem Etikett der «Regulierung». Mehr zu wirksamen Wegen in unserem Dossier Alternativen zur Hobby-Jagd.

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