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Jagd

Terrorverdacht: Hobby-Jäger aus Crailsheim

Ein 26 Jahre alter Hobby-Jäger aus Crailsheim sitzt in Untersuchungshaft. Er soll in einem Video damit gedroht haben, in der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Ellwangen möglichst viele Menschen zu töten. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, die Polizei prüft einen rechtsextremen Hintergrund.

Redaktion Wild beim Wild — 21. November 2025

Was auf den ersten Blick nach einem extremes Einzelfall wirkt, legt bei genauerem Hinsehen die Finger in eine offene Wunde: Das deutsche Jagd und Waffenrecht vertraut der vermeintlichen „Zuverlässigkeit“ von Hobby-Jägern, obwohl seit Jahren bekannt ist, dass rechtsextreme und gewaltbereite Personen sich genau über diese Schiene Zugang zu scharfen Waffen verschaffen.

Ausgangspunkt der Ermittlungen war nach übereinstimmenden Medienberichten ein Video in sozialen Netzwerken. Darin soll der junge Mann angekündigt haben, in der LEA Ellwangen „so viele Ausländer wie möglich“ töten zu wollen.

Die Polizei nahm die Drohung ernst. Am 6. November durchsuchten Beamte die Wohnung des Mannes in Crailsheim. Dabei stellten sie fünf scharfe Schusswaffen, mehrere Messer und eine grössere Menge Munition sicher. Alle Waffen soll der Mann legal besessen haben, weil er einen Jagdschein und die entsprechenden waffenrechtlichen Erlaubnisse hatte. Seit dem 7. November sitzt er in Untersuchungshaft.

Innenminister Thomas Strobl erklärte, die Behörden gingen dem Verdacht nach, ob ein rechtsextremistisches Motiv vorliege. Die Ermittlungen zu möglichen Hintergründen und Kontakten laufen bei Polizei und Staatsanwaltschaft weiter.

Hakenkreuz unter der Tarnjacke: Ein Hobby-Jäger mit Nazi Tattoos

Besonders brisant wird der Fall durch Details, die eine regionale Zeitung veröffentlichte: Demnach soll in sozialen Medien ein Video kursiert sein, in dem der Mann mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Auf seiner Haut seien ein Hakenkreuz und SS Runen tätowiert.

Wenn sich diese Darstellung bestätigt, sind die Fragen an die zuständigen Waffenbehörden drängend: Wie kann ein Mann mit offenen NS Symbolen, der seine Ideologie im Netz zur Schau stellt, über Jahre ungestört einen Jagdschein führen, Waffen besitzen und Munition horten?

Die Behörden müssen sich nun nicht nur anrechnen lassen, dass sie erst bei einer konkreten Tötungsdrohung reagiert haben. Sie müssen auch erklären, ob frühere Hinweise, etwa aus dem Umfeld oder aus dem Internet, nie bei den Waffenbehörden angekommen sind oder dort folgenlos blieben.

Wenn der Jagdschein zum Einfallstor für scharfe Waffen wird

Wer in Deutschland Hobby-Jäger werden will, muss eine Jagdprüfung ablegen. Mit dem Jagdschein ist regelmässig auch der Zugang zu scharfen Langwaffen verbunden. Die Waffenbehörde prüft zwar die „Zuverlässigkeit“ nach dem Waffengesetz. Fällt diese Prüfung einmal positiv aus, leben viele Jahre Strukturen von Vertrauen statt Kontrolle.

In der Praxis bedeutet das:

  • Wer den Jagdschein hat, gilt als verantwortungsbewusst.
  • Regelüberprüfungen der Zuverlässigkeit sind zwar möglich, werden aber diskutiert und zum Teil sogar juristisch bekämpft, etwa wenn es um Gebühren für Routinekontrollen geht.
  • Wohnungs und Waffenschrankkontrollen finden statt, konzentrieren sich jedoch auf Aufbewahrung und Nummernlisten, nicht auf politische Radikalisierung oder Hass in sozialen Medien.

Parallel wächst die Gruppe derer, die überhaupt Zugang zu Jagdwaffen haben. Deutschland verzeichnet mittlerweile mehr als 460’000 Jagdscheininhaber, ein trauriger Rekordwert. Auf rund 89 Prozent der Fläche der Bundesrepublik darf gejagt werden.

Mehr Jagdscheininhaber bedeutet mehr legale Waffen in Privatwohnungen. Und je grösser diese Gruppe wird, desto schwieriger wird es für die Behörden, tatsächlich bei allen regelmässig und gründlich hinzuschauen.

Nicht der erste Extremist mit Waffenerlaubnis

Der Fall Crailsheim ist kein isolierten Ausreisser. Schon 2018 meldete Bayern, dass 325 Personen, die der Reichsbürger Szene zugerechnet wurden, im Besitz einer Waffenerlaubnis waren. In der Regel beruhten diese Erlaubnisse auf Tätigkeiten als Hobby-Jäger oder Sportschützen. Gegen alle wurden Verfahren zum Widerruf eingeleitet, insgesamt wurden 670 Waffen eingezogen.

Aktuell bestätigt etwa das Verwaltungsgericht Ansbach, dass Reichsbürgern Jagdschein und Waffenbesitzkarte entzogen werden dürfen, weil sie die erforderliche Zuverlässigkeit nicht erfüllen.

Aus dem Innenministerium und vom Verfassungsschutz ist seit Jahren zu hören, dass rechtsextreme Netzwerke Schützenvereine und Jagdszene als Zugangsweg zu Waffen und Schiessausbildung nutzen.

Vor diesem Hintergrund wirkt es fahrlässig, wenn die Jagdverbände weiterhin so tun, als sei die Szene politisch weitgehend neutral und radikale Ausreisser seien reine Ausnahmen.

Ellwangen als symbolischer Ort

Dass sich die Drohung ausgerechnet gegen die LEA Ellwangen richtete, ist kein Zufall. Die Einrichtung ist seit Jahren ein Brennpunkt in der Migrationspolitik Baden Württembergs. 2018 sorgte ein massiver Polizeieinsatz zur Abschiebung eines Togolesen bundesweit für Schlagzeilen, später war von überzogener Polizeigewalt und einseitiger Berichterstattung die Rede.

Noch heute leben dort Hunderte Menschen auf engem Raum, die auf das Asylverfahren oder ihre Verteilung warten. Parallel diskutiert die Region über die Zukunft des Standorts, die Schliessung der LEA und neue Formen der Unterbringung.

Wer in diesem Klima ein Video ins Netz stellt, in dem er ankündigt, „Ausländer“ in dieser Einrichtung töten zu wollen, knüpft an eine aufgeheizte Stimmung an, in der Geflüchtete immer wieder als Belastung oder Gefahr markiert werden. Die Wahl des Ziels ist eine politische Botschaft.

Jagdromantik trifft Realität

Die Hobby-Jagd wird in vielen Medien derzeit gerne als moderne, naturverbundene Freizeitbeschäftigung verkauft. Artikel preisen die „Renaissance der Jagd“ und die wachsende Zahl junger, urbaner Menschen, die ihren eigenen Hirsch braten möchten.

Was in dieser Erzählung kaum vorkommt: Mit jedem neuen Jagdschein wächst der Bestand privater Schusswaffen. Bundesweit sind inzwischen gut fünf Millionen Waffen registriert, verteilt auf mehr als 900’000 Waffenbesitzer.

Die Jagdlobby betont gern, dass sie viel Geld in Naturschutz und Biotoppflege investiert. Davon ablenken kann das aber nicht: Waffen sind keine neutralen Werkzeuge. Sie verstärken Machtgefälle, sie ermöglichen Taten, die ohne sie schwerer oder gar nicht möglich wären. Wenn rechtsextreme oder psychisch instabile Personen in diese Strukturen einsickern, kann aus der Erzählung vom „Hüter des Waldes“ sehr schnell der reale Gefährder werden.

Ein strukturelles Problem, keine Panne

Der Crailsheimer Fall wirft grundsätzliche Fragen auf:

  1. Früherkennung statt reiner Aktenprüfung
    Zuverlässigkeit wird aktuell stark formell verstanden. Führungszeugnis, polizeiliche Register, vielleicht ein Blick in alte Akten. Radikalisierung findet jedoch heute vor allem im Netz statt. Wenn ein Jagdscheininhaber offen NS Symbole trägt und Gewaltfantasien gegen Geflüchtete veröffentlicht, muss das in der Waffenbehörde ankommen und Konsequenzen haben.
  2. Automatische Schnittstellen
    Zwischen Verfassungsschutz, Polizei und Waffenbehörden gibt es zwar Informationswege, sie wirken aber in der Praxis löchrig. Fälle wie Crailsheim zeigen, dass ein Echtzeit Abgleich zwischen extremistischen Hinweisen und Waffenregistern nötig wäre.
  3. Privilegien der Jagdszene auf den Prüfstand
    Gerichtsurteile, nach denen Hobby-Jäger für anlasslose Zuverlässigkeitskontrollen nicht einmal Gebühren zahlen müssen, sind politisch ein Signal: Diese Gruppe wird geschont. Angesichts der sicherheitspolitischen Risiken stellt sich die Frage, ob nicht im Gegenteil engmaschigere, kostendeckend finanzierte Kontrollen angebracht wären.
  4. Gesamtzahl privater Waffen begrenzen
    Wenn die Zahl der Hobby-Jäger stark wächst und gleichzeitig die Gesamtzahl registrierter Waffen bundesweit bei mehr als fünf Millionen liegt, ist jede neue Waffe ein zusätzlicher Risiko Faktor. Eine öffentliche Debatte darüber, wie viele private Waffen eine demokratische Gesellschaft überhaupt will und braucht, findet bisher kaum statt.

Die Hobby-Jagd hat ein Radikalisierungsproblem

Ja, die allermeisten Hobby-Jäger schiessen keine Menschen, sondern Wildtiere. Aber das reicht nicht als Entlastungsformel. Wo scharfe Waffen und eine traditionelle Männlichkeitskultur aufeinandertreffen, entstehen Milieus, in denen rechtsextreme und rassistische Haltungen nicht selten als „Privatmeinung“ abgetan werden, solange im Revier alles „ordnungsgemäss“ läuft.

Der Fall des jungen Hobby-Jägers aus Crailsheim zeigt, wie dünn diese Fassade sein kann. Ein Video, ein paar Klicks im Netz, und plötzlich steht der Jagdscheininhaber im Zentrum eines Terrorverdachts.

Für die Jagdverbände und die Politik bedeutet das: Wer weiter von „Einzelfällen“ spricht, macht sich mitschuldig. Nötig sind ehrliche Bestandsaufnahmen, konsequente Entwaffnung von Extremisten und die Einsicht, dass eine romantisierte Jagdkultur nicht darüber hinwegtäuschen darf, wie gefährlich es wird, wenn aus dem „Waidmann“ ein ideologischer Kämpfer mit legaler Büchse wird.

Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.

Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.

Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.

Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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