Gewalt und tote Tiere: Grossbritanniens verborgene Welt der Hobby-Jäger-Banden bei illegalen Hasenhetzjagden
Eine BBC-Recherche deckt auf, wie kriminelle Banden von Hobby-Jägern in England illegale Hetzjagden auf Hasen organisieren, Landwirte terrorisieren und mit toten Tieren Botschaften hinterlassen.
Auf einer abgelegenen Farm in der englischen Grafschaft Cambridgeshire wird Mathew Latta beim Mittagessen von lautem Motorenlärm aufgeschreckt.
Mehr als ein Dutzend Geländewagen durchbrechen sein Hoftor, über 70 Personen in Militärkleidung und Sturmhauben steigen aus, Hunde werden von der Leine gelassen. Die Fahrzeuge fahren mit hoher Geschwindigkeit über die Felder, zerstören Ernten und streifen den Gartenzaun der Familie.
Latta beschreibt es als vollständig organisiertes Hetzjagd-Event mit Teilnehmern und Wettkampfhunden, bei dem Zuschauer beobachten und wetten. Er habe es als äusserst beängstigend empfunden. Seine damals siebenjährige Tochter habe immer wieder gefragt, ob die Männer ins Haus kommen würden.
Erst nach über drei Stunden zieht die Meute weiter. Zurück bleiben vier Fahrzeuge, eines davon ausgebrannt. Der Konvoi war zuvor durch ein rund 32 Kilometer langes Gebiet der Grafschaft gezogen, hatte andere Fahrzeuge von der Strasse gedrängt und sogar eine Tankstelle ausgeraubt.
Ein alter «Sport», der im Untergrund weiterlebt
Hasenhetzjagd («hare coursing») ist eine alte Form der Hobby-Jagd, bei der Windhunde oder Lurcher Hasen jagen, die zuvor aus ihrem Versteck aufgescheucht werden. Punkte gibt es dafür, wie oft die Hunde den Hasen im Lauf zu Haken zwingen, aber auch für den Fang selbst. In Grossbritannien wurde diese Form der Hobby-Jagd 2005 verboten, nachdem sie im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hatte. Seither existiert sie als illegales Untergrundgeschäft weiter, organisiert von Banden, die mit Einschüchterung und Gewalt jede Kontrolle verhindern.
Recherchen der BBC deckten auf, was sich hinter dieser Fassade verbirgt: ein verborgenes Netzwerk hochorganisierter illegaler Hetzjagd-Events in ländlichen Gebieten, oft nachts bei Scheinwerferlicht, mit Trophäen, hohen Geldpreisen, wertvollen Jagdhunden und teilweise sogar internationalen Wetten.
Fast 9’000 Meldungen in drei Jahren
Laut Antworten der Polizei auf Anfragen nach dem Freedom of Information Act registrierte die BBC in den vergangenen drei Jahren fast 9’000 Meldungen zu Hasenhetzjagden im ganzen Land. Offizielle Kriminalstatistiken zu diesem Delikt fehlen, die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein.
Im Fall von Lattas Farm ermittelte die Polizei von Cambridgeshire in der Folge intensiv. Über 40 Personen wurden verhaftet, 25 angeklagt, mehrere davon inzwischen verurteilt. Die Täter waren teils aus weit entfernten Regionen angereist, etwa aus Lincolnshire, Leicestershire, Berkshire und Nordwales. Ein leitender Polizeibeamter spricht von einer «richtiggehenden Operation».
Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei schliesslich die Trophäe sicher, um die konkurriert worden war: den «Super 8 Cup», verziert mit Abbildungen von Hunden und Hasen, rund 61 Zentimeter hoch, etwa von der Grösse des englischen FA-Cup-Pokals.
Millionenschweres Geschäft mit Hunden und Wetten
Das Ausmass der finanziellen Interessen hinter der illegalen Hobby-Jagd ist beträchtlich. Auf einem von der BBC gesichteten Video ist zu sehen, wie acht Männer in einer Kneipe um einen Lurcher feilschen, der auf dem Tisch vor ihnen steht. Der Hund war Champion des Super-8-Cup 2025 und wurde für 55’000 Pfund verkauft.
Der Preisgeld-Pool des Super-8-Cup soll bei rund 50’000 Pfund gelegen haben, die Startgebühr bei 1’000 Pfund pro Teilnehmer. Laut Polizei fliesst dieses Geld unter anderem in Fahrzeugpools und sogar in Gerichtskosten für den Fall einer Razzia.
Der Leiter der nationalen britischen Wildtierkriminalitäts-Einheit bestätigt zudem, dass in Einzelfällen auch Gelder aus Livestreams für Wettende in China in das illegale Geschäft geflossen seien. Ausländische Wetten seien für die britischen Banden jedoch nicht existenziell notwendig gewesen, um ihr Hobby zu finanzieren.
Es handle sich nicht um «Mindestlohn-Kriminalität», sondern um einige der bestorganisierten Kriminellen des Landes, so der Ermittler. Während es weiterhin kleinere, lokale Events mit einer Handvoll Männern und Hunden gebe, habe sich der Organisationsgrad grösserer Veranstaltungen durch den Einfluss organisierter Kriminalität verzehnfacht.
Terror gegen Landwirte
Von 27 identifizierten Schwerstverdächtigen im Bereich Hasenhetzjagd haben laut Ermittlern alle bis auf fünf Verbindungen zu organisierter Kriminalität. Es handle sich um gewalttätige Kriminelle, die Menschen, Tiere und Frauen missbrauchten, Waffen trügen und Drohungen aussprächen.
Eine Umfrage unter rund 50 Landbesitzern und Betrieben, durchgeführt über den Branchenverband Country Land and Business Association, zeichnet ein erschreckendes Bild. Fast alle Befragten berichteten von Sachschäden, ein Betrieb in Essex meldete über 100 Vorfälle, ein Hof in North Yorkshire sogar 150. 29 der Befragten gaben an, mit Gewalt bedroht worden zu sein.
Dazu gehörten Drohungen, Hunde zu entführen, Gebäude niederzubrennen, anonyme Anrufe mit Morddrohungen, Angriffe mit Zwillen auf Fahrzeuge sowie Hinweise, man wisse, wo die Familien wohnen und die Kinder zur Schule gehen.
Ein Landwirt in Wiltshire versuchte, sein rund 1’200 Hektar grosses Land mit Betonblöcken, Baumstämmen und Gräben abzusichern. Vergeblich, die Banden dringen weiterhin ein, Konfrontationsversuche enden mit Drohungen gegen ihn selbst.
Tote Tiere als Botschaft
Ein besonders erschütternder Aspekt der Recherche betrifft das gezielte Deponieren toter Tiere zur Einschüchterung. In der Ortschaft Awbridge in Hampshire wurden über 20 Kadaver, darunter ein kopfloses Muntjak-Reh, vor einer Primarschule ausgelegt. In Broughton wurden rund 50 tote Hasen samt einer toten Schleiereule und einem toten Turmfalken vor dem Dorfladen verstreut.
Ein ehemaliger Wildhüter, der die betroffene Region gut kennt, deutet solche Aktionen als Botschaft: Man sei dagewesen, habe sich aber nicht erwischen lassen. In der Umfrage unter Landbesitzern gaben 35 Befragte an, dass tote Tiere absichtlich auf ihrem Land zurückgelassen worden seien. Die Botschaft an die lokale Bevölkerung laute: Man könne tun, was man wolle, weil niemand es kontrolliere.
Im Fall von Broughton gelang der Polizei nach forensischer Analyse der toten Greifvögel eine Verhaftung. Der Verdächtige wurde wegen Besitzes der geschützten toten Vögel verurteilt, vom Vorwurf der Sachbeschädigung durch das Ablegen der Kadaver jedoch freigesprochen, da die Bildaufnahmen keine eindeutige Identifikation zuliessen.
Ein Polizist berichtet von einem besonders unmissverständlichen Fall: Tierkadaver seien einmal auf einer Strasse so ausgelegt worden, dass sie die Worte «Fang mich» bildeten.
Einordnung: auch in der Schweiz ein bekanntes Muster
Die BBC-Recherche zeigt exemplarisch, wie sich organisierte Kriminalität in Formen der Hobby-Jagd einnistet, sobald Kontrolle und Vollzug fehlen. In Grossbritannien geschieht dies ausserhalb jeder Lizenz, durch Banden, die ein 2005 verbotenes Bloodsport-Geschäft im Untergrund weiterbetreiben.
In der Schweiz zeigt sich ein verwandtes, aber anders gelagertes Problem innerhalb des legalen Systems: Wir dokumentieren in unserer Rubrik Kriminalität & Jagd wiederholt Fälle, in denen lizenzierte Hobby-Jäger mit legalem Waffenzugang zu Gewalttätern gegen Menschen wurden. Im Fall von Faido und Leontica erschoss ein als Hobby-Jäger bestätigter Mann seine Ex-Frau, mutmasslich unter Einsatz eines Schalldämpfers, der Hobby-Jägern über jagdrechtliche Ausnahmebewilligungen zugänglich ist, und sprengte anschliessend ein Haus, wobei mehrere Polizistinnen und Polizisten verletzt wurden.
Beide Fälle, der britische wie der Schweizer, werfen letztlich dieselbe Grundfrage auf: Wie konsequent wird der Zugang zu tödlichen Waffen im Umfeld der Hobby-Jagd tatsächlich kontrolliert, ob durch organisierte Banden ausserhalb des Gesetzes oder durch unzureichende Eignungsprüfungen innerhalb des legalen Systems?
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.
