6. Juli 2026, 00:19

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Jagd

Die fragwürdige Rolle der Hobby-Jagd im Naturschutz

Jeder Eingriff des Menschen in die Natur bevorteilt eine Art und benachteiligt damit andere Arten. Immer, ob unbeabsichtigt oder beabsichtigt! Lediglich vielen indigenen Völkern gelingt ein Leben ohne manipulative Eingriffe, damit in vollendeter Nachhaltigkeit.

Redaktion Wild beim Wild — 12. Juni 2024

Wir hingegen steuern uns ins grösste menschengemachte Artensterben der Geschichte. 

Es sind schon 40 % aller noch lebenden Arten bestandsgefährdet, ca. 42 % der Vögel, 71 % der Reptilien, die Hälfte der Amphibien, die Biomasse der Insekten ist um dramatische 75 % (!) zurückgegangen. Auch sind 30 % der Pflanzen im Bestand gefährdet, viele schon ausgestorben. Mit Hochgeschwindigkeit steuern wir wohl wissend auf eine Katastrophe zu, es ist heute schon zu sehen, zu spüren und lange längst zu messen.

Weiterhin aber ist der Mensch der Meinung, alles nach seinen Vorstellungen steuern zu können, viele sogar der Meinung, dass es in einer Kulturlandschaft keineswegs anders möglich ist. Warum eigentlich, woher wollen wir das tatsächlich wissen? Es gibt bis heute in Deutschland keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass es auch ohne Regulierung funktioniert; auch hier sind andere Nationen viel weiter. Wir „meinen“ nur, in einer Kulturlandschaft jeden Quadratmeter im Griff haben zu müssen. Flächen ohne uns, z. B. Tschernobyl oder Fukushima, haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig erholt, weisen heute beste Biodiversität auf. Warum „messen“ wir nicht endlich, weisen ein grosses Areal aus, gehen wissenschaftlich vor? Wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil in diesem Gebiet auch keine Holzwirtschaft und keine Bejagung stattfinden dürften, einige Menschen „nur“ verzichten müssten. Die EU-Biodiversitätsstrategie sah genau das kürzlich vor, wollte 10 % der Flächen besonders streng geschützt ausweisen, also ohne Forstwirtschaft und Jagd, was diese Lobby aber schnell und eiligst an uns still und leise vorbei dann zerschlug.

Petition

Keine Luchsabschüsse im Wallis

Der Luchs ist genetisch am Limit, trotzdem soll er als erster Kanton der Schweiz zum Abschuss freigegeben werden.

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Auf über 99 % aller Flächen, absolute Wildnis gibt es nur 0,6 % in Deutschland, geben wir an, welche Pflanzen, wo und wie zu wachsen haben, meist kurzfristig und ausschliesslich ertragsorientiert. Auch bilden wir uns ein, uns anmassen zu können, auch alle Tiere in den Beständen dahin zu regulieren, oder regulieren zu müssen oder überhaupt regulieren zu können. Allein die ständig über Jahrzehnte steigenden Wildtierzahlen beweisen schon mal Gegenteiliges. Kleinere Tierarten bekämpfen wir chemisch, grössere erschiessen wir.

Oft aber versuchen wir auch bestimmten Tieren, z. B. bestandsgefährdeten, mehr Vorteile zu bieten, um deren Population wieder zu erhöhen, manchmal aus Naturschutzgründen, vielleicht aber auch manchmal nur aus kommerziellen Gründen oder zur Imagepolitur. Auch nennen wir die unkontrollierten, ausufernden Überpopulationen dann „Schädlinge“ oder gar „Plagen“, um auch hier wieder nur eine radikale Form der Vernichtung zu legitimieren.

Beispiel der Handlungen bei zu viel Bestand: der Borkenkäfer. Dieser wurde von uns in seiner Lebensweise stark bevorteilt, denn wir boten ihm den völlig unnatürlichen Lebensraum, die Monokulturen, einzig oft aus Fichten bestehend, tatsächlich noch von manchen Wald genannt wurden, boten ihm beste Lebensbedingungen, indem wir dafür sorgten, dass fast alle seiner über 300 Fressfeinde nicht mit in diese Holzplantagen folgten. Biodiversität sieht anders aus! Biodiversität, also Artenvielfalt, bringt eben, um beim Beispiel zu bleiben, die Fressfeinde mit. Fast jedes Tier benötigt bestimmte Pflanzen, viele Pflanzen bestimmte Tiere, es funktioniert bestens in grösster Vielfalt. Nur so existiert eine stabile Ausgewogenheit, so können Störungen/Schwankungen sofort kompensiert werden.

Brachvogel

Ein Beispiel bei zu kleinem Bestand oder grosser Bestandsgefährdung: Der grosse Brachvogel gilt als „stark bedroht“ und ist in den meisten Ländern schon auf den Roten Listen Mitteleuropas verzeichnet. Ein ausreichender Bruterfolg in der genutzten Kulturlandschaft setzt voraus, dass dem Brachvogel auf den Nutzungsflächen genügend Zeit zum Brüten bleibt, Mähtermine drängen. Verbliebenes Feuchtgrünland und Niedermoore sind extensiv zu nutzen oder der Natur zurückzuführen.

Oft aber wird gerade in dem Zusammenhang zum Erhalt dieser wunderbaren Vögel die Jagd auf das „Raubzeug“ genannt und damit legitimiert. Auch hier wieder typisch Mensch: Nicht das Problem behoben, sondern nur verschoben. Natürlich ist mit dem Töten von Fuchs, Marder, Wiesel und Waschbär, oder auch Krähen, zunächst einmal augenscheinlich dem Brachvogel geholfen, tatsächlich langfristig aber viel mehr, wenn er seine Lebensräume zurückerhält und damit auch seine Nahrung, wie Regenwürmer, Asseln, viele Insekten, im Bestand durch bessere Lebensräume erholen kann, was aber durch landwirtschaftliche Nutzung/Verdrängung erschwert wird. Die Populationen sind so nur marginal oder kurzfristig auf Erholungskurs, indirekt wird vor Ort die Gesamtsituation nur verschlechtert. Immer wird es einen Anteil geben, der Prädatoren zum Opfer fällt, da das Gesetz „Fressen und gefressen werden“ immer und überall seine Gültigkeit in der Natur hat. Der richtige Weg ist also nicht, die natürliche Dezimierung (Prädatoren) abzuschaffen, sondern die natürlichen Lebensbedingungen auszubauen, zu schaffen. Was wird sonst der nächste Schritt sein? Sind nach den oben aufgezählten zu bejagenden Arten dann die Mäusebussarde, Rohrweihen, Graureiher und Störche dran, die alle als Kükenprädatoren die Bodenbrüter dezimieren?

Die geforderte Jagd auf „Raubzeug“ wie es bewusst respektlos und einschlägig benannt wird, Beutegreifer der korrekte Ausdruck, klingt logisch und ist tatsächlich erst mal in flacher Betrachtungsweise nachvollziehbar, aber eine Reduktion der Füchse, der „Gesundheitspolizei“ von Mutter Natur, würde erneut eine andere Spezies dann benachteiligen oder bevorteilen. In Gebieten, in denen viele Füchse lebten, trugen Mäuse weitaus weniger Zecken-Erreger der Lyme-Borreliose in sich. Als Grund dafür identifizierte er den Einfluss der Beutegreifer auf das Verhalten von Mäusen, die als Hauptreservoir des Borreliose-Erregers gelten.

Auch werden eifrig Zaunanlagen gesetzt als Schutz bzw. für den Erhalt der etwaigen Bodenbrüter. All diese Massnahmen sind aus der einen oder anderen Perspektive nachvollziehbar, aber bringen diese nachhaltig, primär langfristig den Erfolg? Zäune sind eine rasche und selten gute Massnahme, solange sie andere Wildtiere nicht massgeblich behindern, sie dürfen aber nur kurzfristig eingesetzt werden. Zu meinen, dass das die endgültige Lösung ist, ist falsch. Zäune im grossen Stil, z. B. an Autobahnen, zerschneiden Landschaften, machen den wichtigen genetischen Austausch ohne Wildtierbrücken unmöglich. Kein Wunder, wenn man heute schon in Süddeutschland grosse genetische Defekte/Missbildungen am Rotwild feststellt. Im Beispiel der Bodenbrüter können sie im kleinen punktuellen Stil im Übergang zur Schaffung von besseren Lebensräumen sehr wohl der vernünftige Ansatz sein, zumal so der Abschuss wichtiger Wildtiere schon mal ausbleiben kann.

Wenn wir die Problematik am Schopfe packen, wenn wir den Lebensraum schaffen, der Insektenwelt Möglichkeiten durch z. B. viel mehr Grünstreifen bieten, wäre das nicht der bessere Weg?

Rückgang der Bodenbrüter oder gar der Biodiversität kann den Prädatoren wie dem Fuchs nicht angelastet werden. Trotz der intensiven Fuchsjagd der letzten Jahrzehnte liess sich der Rückgang von Rebhühnern, Fasanen und Feldhasen, vieler Bodenbrüter nicht einmal ansatzweise aufhalten. Der Verlust der Artenvielfalt, insbesondere unter den Bodenbrütern, beruht vielmehr auf der Zerstörung ihres Lebensraumes und dem damit einhergehenden Insektenverlust als Futterquelle. Im Kanton Genf, in der Schweiz, in England, in Schottland, auch in Wales und Luxemburg wurde nach der Einstellung des Verbotes der Fuchsjagd sogar eine kräftige Zunahme der Artenvielfalt festgestellt.

Trotz aller Bemühungen nutzt es am Ende natürlich nichts, wenn wir hier tatsächlich alle Voraussetzungen schaffen, der Zugvogel aber neben vielen anderen dann in Frankreich noch bis 2020 geschossen wurde. Für einige Rastgebiete an der französischen Atlantikküste wurde das Verbot allerdings ein weiteres Mal aufgehoben. Dort dürfen zwischen Anfang August und Ende Januar Brachvögel geschossen werden. Für das Gebiet der Europäischen Union sind insgesamt 82 Vogelarten als „jagdbar“ eingestuft, darunter auch zahlreiche mittlerweile im Bestand bedrohte Arten.

Es geht ganz klar, keinesfalls bei der Jagd, hauptsächlich bei der Hobby-Jagd, nicht um Naturschutz, sondern oft nur um eine schlichte Bedürfnisbefriedigung einer schiessenden Minderheit. Wie so oft werden in den Anfängen der Argumentationsketten nur solche Argumente eilig zur Legitimation der Spasstötung nach vorn geholt, hier also der Fuchs geschossen, da er Bodenbrüter frisst.

Natürlich macht er das und er soll es auch, obgleich wissenschaftliche Messungen in diesen Gebieten bezeugen, dass bis zu 90 % der Mageninhalte Mäuse sind, dann auch viel wirbellose Tiere und auch Pflanzen, sowie Aas verdrückt werden. Wenn wir aber die Lebensräume verändern, nicht zum alleinigen Vorteil des Brachvogels, sondern für die gesamte Biologie, dann ist die schwache, aber natürliche Dezimierung anderer fleischfressender Wildtiere absolut vertretbar, die angeblich zum Wohl der Natur korrigierende Bejagung vollkommen überflüssig.

Quelle: Guido Meyer

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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