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Umwelt & Naturschutz

Das Wildschwein-Paradoxon endlich gelöst

Auch Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist Wildschweinfleisch immer noch verblüffend stark radioaktiv. Des Rätsels Lösung: Man hatte eine wichtige andere Ursache übersehen.

Redaktion Wild beim Wild — 7. September 2023
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Spätwirkung der Atomwaffentests aus den 1960er-Jahren

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 hatte auch in Mitteleuropa grosse Auswirkungen auf das Ökosystem Wald.

Während die Belastung von Hirschen und Rehen im Lauf der Zeit wie erwartet zurückging, änderten sich die Werte beim Fleisch von Wildschweinen aber überraschend langsam. Noch immer werden deutliche Grenzwertüberschreitungen gemessen. Bis heute galt dieses «Wildschwein-Paradoxon» als ungelöst, nun konnte durch aufwändige Messungen der TU Wien und der Leibniz Universität Hannover eine Erklärung gefunden werden: Es handelt sich um eine Spätwirkung der Atomwaffentests aus den 1960er-Jahren.

Mehr Strahlung als die Physik erlaubt?

«Entscheidend für die Radioaktivität der Proben ist Cäsium-137, mit einer Halbwertszeit von rund 30 Jahren», sagt Prof. Georg Steinhauser von der TU Wien. Bei Wildschweinfleisch blieb die Strahlenbelastung beinahe konstant, sie geht deutlich langsamer zurück, als man das alleine schon durch den natürlichen radioaktiven Zerfall von Cäsium erwarten würde.

Bis heute werden in ganz Europa Wildschweinfleisch-Proben gemessen, die für den Verzehr nicht geeignet sind, weil ihre Strahlenbelastung den erlaubten Grenzwert deutlich überschreitet.

Auf der Suche nach dem Cäsium-Fingerabdruck

Prof. Georg Steinhauser ging mit seinem Team diesem Rätsel auf den Grund: Durch neue, präzisere Messungen wollte man nicht nur die Menge sondern auch die Herkunft der Radioaktivität ermitteln.

Dabei zeigte sich: Während insgesamt rund 90 % des Cäsiums-137 in Mitteleuropa aus Tschernobyl stammen, ist der Anteil in den Wildschweinproben viel geringer. Stattdessen ist ein grosser Teil des Cäsiums im Wildschweinfleisch auf Atomwaffentests zurückzuführen, bei manchen Proben bis zu 68 %.

Die Hirschtrüffel ist schuld

Die Ursache liegt an den ganz speziellen Nahrungsvorlieben der Wildschweine: Sie graben nämlich besonders gerne Hirschtrüffeln aus dem Boden aus, und in diesen unterirdisch wachsenden Pilzen reichert sich das radioaktive Cäsium erst mit grosser Zeitverzögerung an. «Das Cäsium wandert sehr langsam durch den Boden nach unten, manchmal nur rund einen Millimeter pro Jahr», sagt Georg Steinhauser.

Somit ist auch nicht damit zu rechnen, dass die Belastung von Wildschweinfleisch in den nächsten Jahren deutlich sinkt. «Unsere Arbeit zeigt, wie kompliziert die Zusammenhänge in natürlichen Ökosystemen sein können», sagt Georg Steinhauser, «aber eben auch, dass man Antworten auf solche Rätsel finden kann, wenn man genau genug misst.»

Originalpublikation: F. Stäger et al., Disproportionately High Contributions of 60 Year Old Weapons-137Cs Explain the Persistence of Radioactive Contamination in Bavarian Wild Boars, Environ. Sci. Technol (2023).

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