Wolf in der Surselva erschossen: «Irrtum» als Ausrede
Anfang Januar 2026 wurde in der Surselva (GR) ein Beutegreifer Wolf erschossen, «versehentlich», wie es offiziell heisst. Der Schütze war auf Passjagd unterwegs, einer unnützen Jagdform, die eigentlich Füchsen und Dachsen gilt. Er habe den Irrtum bemerkt und sich selbst bei der Wildhut angezeigt.

Was nach Einsicht klingt, ist in Wahrheit ein Alarmzeichen.
Denn der Kern der Geschichte ist nicht die Selbstanzeige, sondern die einfache Frage: Wie kann es in einem Land mit streng regulierter Hobby-Jagd passieren, dass ein geschützter Beutegreifer (Wolf) auf einer «Fuchs-und-Dachs»-Jagd mit einem Ziel verwechselt wird?
Genau diese Fehlerrisiken werden in der politischen Debatte rund um Abschüsse konsequent ausgeblendet, während man gleichzeitig immer mehr «Regulierung» fordert.
Der getötete Wolf war gemäss ersten Einschätzungen männlich und vermutlich jünger als ein Jahr. Offizielle Stellen halten es für möglich, dass er zum Frisal-Rudel gehört, das in der Umgebung von Breil/Brigels streift. Brisant ist der Timing-Kontext: Der Kanton hatte im Dezember 2025 den Abschuss eines Jungtieres aus diesem Rudel bis Ende Januar verfügt. Nach dem irrtümlichen Abschuss wurde die Regulation des Frisal-Rudels vorzeitig eingestellt.
Damit sind wir bei der politischen Dimension. Wenn der Staat eine Abschussverfügung erlässt, sendet er ein Signal: Schiessen ist erwünscht, Schiessen ist Lösung, Schiessen ist Management. Und dann passiert das, was in jedem System passiert, das mit tödlichen Mitteln operiert: Es gibt Fehlabschüsse, Verwechslungen, Kollateralschäden. Beim Beutegreifer Wolf ist das besonders heikel, weil einzelne Tiere für die Stabilität von Rudeln, Territorien und Konfliktdynamiken relevant sein können. Genau darauf weist unsere Einordnung zur Bündner Wolfsstrategie hin: In Graubünden wird der Abschuss als Standardinstrument verkauft, obwohl die Faktenlage und die Wirkung hoch umstritten sind. Siehe dazu auch: In Graubünden tobt die Wolfsinkompetenz und Wolfsregulierung in Graubünden: Wenn Behörden Jagdpolitik statt Sachpolitik betreiben.
Und noch etwas wird gern unterschlagen: Die Surselva ist ausgerechnet eine Region, in der Herdenschutz nachweislich funktioniert, wenn er konsequent umgesetzt wird. Das ist der unbequeme Kontrast zur Abschuss-Rhetorik. Wer Lösungen will, muss über Zäune, Hunde, Betreuung und Finanzierung reden, nicht über «mehr Druck» durch Kugeln. Siehe: Herdenschutz funktioniert auch in der Surselva.
Journalistisch zwingend sind jetzt konkrete Transparenzfragen, bevor der Fall im «Versehen»-Nebel verschwindet. Welche Distanz, welches Licht, welche Optik, welcher Schusswinkel? War es eine Locksituation oder ein flüchtendes Tier? Welche Ausbildung, welche Schiesspraxis, welche Kontrolle? Und vor allem: Welche Konsequenzen hat ein Fehlabschuss tatsächlich, wenn gleichzeitig politisch eine immer aggressivere Abschusslogik normalisiert wird?
Für wildbeimwild.com ist dieser Fall deshalb mehr als eine Meldung. Er ist ein Symptom einer Hobby-Jagd-Kultur, die Risiken externalisiert: Das Tier zahlt immer, die Öffentlichkeit soll es als bedauerlichen Einzelfall abhaken. Wir haben wiederholt dokumentiert, dass Wolfsfälle in Graubünden nicht nur «Konflikt mit Nutztieren» sind, sondern auch ein Feld von Lobbydruck, Kommunikationsproblemen und Fehlanreizen.
Wenn Politik und Jagdverwaltung jetzt Glaubwürdigkeit wollen, reicht es nicht, «Selbstanzeige» zu betonen. Es braucht veröffentlichte Fakten zum Hergang, eine nachvollziehbare Beurteilung der Sorgfaltspflichten und eine ehrliche Debatte darüber, ob ein Freizeit-Waffensystem, das geschützte Beutegreifer «verwechseln» kann, wirklich als Wildtiermanagement verkauft werden darf.
Menschen, die Freude daran empfinden, unnötigerweise Lebewesen zu töten und dafür zu bezahlen, zeigen aus psychologischer Sicht kein normales Freizeitverhalten. Dieses Verhalten widerspricht grundlegenden Mechanismen von Empathie, Mitgefühl und moralischer Hemmung, wie sie beim Grossteil psychisch gesunder Menschen vorhanden sind. Psychologisch handelt es sich um abweichendes Gewaltverhalten, auch wenn es politisch oder kulturell geduldet wird.
Freude am Töten ist ein klassisches Merkmal lustbasierter Gewalt. Der Gewaltakt selbst wirkt belohnend. Nicht das Ergebnis, nicht die Notwendigkeit, sondern das Töten. Das ist kein Randphänomen, sondern in der Gewaltpsychologie klar beschrieben.
Wer die Hobby-Jagd als Freude erlebt, zeigt eine psychologisch problematische Gewaltmotivation, die historisch und strukturell mit autoritären und entwertenden Ideologien verwandt ist.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →