Wenn Waffen «Tradition» heissen und Tiere «Bestand».
In Tasmanien flammt eine Debatte wieder auf, die Australien seit Jahrzehnten begleitet: Wie viele Waffen braucht eine Gesellschaft wirklich, und wofür dürfen sie benutzt werden? Auslöser ist der Terroranschlag am Sonntagabend am Bondi Beach in Sydney, bei dem 15 Menschen starben, darunter ein 10-jähriges Kind.

Was nun folgt, ist politisch vorhersehbar und moralisch dennoch verständlich.
Denn sobald strengere Regeln diskutiert werden, rückt in Tasmanien sofort auch die Hobby-Jagd ins Zentrum. Nicht die Jagd als Notmassnahme, nicht die Schadensprävention im Einzelfall, sondern Jagd als Freizeitbeschäftigung. Genau diese «Freizeitlogik» gerät gerade ins Wanken.
Roland Browne, Vizepräsident von Gun Control Australia und in Hobart zu Hause, fordert in der Berichterstattung von Pulse Tasmania zweierlei: einen unmittelbaren Stopp des Zugangs zu Waffen für Unter-18-Jährige und die Abschaffung von Lizenzen für die «recreational hunting», also die Hobby-Jagd aus Vergnügen. Browne argumentiert ausserdem, die Jagd sei in ihrer Begründung «ambiguous», also schwammig. Beim Beispiel Entenjagd wird er deutlich: In anderen Bundesstaaten sei sie verboten, Tasmanien solle nachziehen.
Hier liegt der journalistisch und jagdkritisch zentrale Punkt: Jagd wird in solchen Debatten regelmässig als legitimer Zweck «normalisiert», obwohl sie in weiten Teilen weder notwendige Ernährungssicherung noch zwingender Tier- oder Naturschutz ist, sondern häufig Ritual, Hobby und Identitätspolitik. Wer Tiere «zur Erholung» tötet, macht aus Leben Zielscheiben und aus Gewalt einen Wochenendtermin. Dass das gesellschaftlich zunehmend schwerer zu rechtfertigen ist, zeigt allein die Tatsache, dass Browne überhaupt öffentlich fordert, Jagdscheine für Freizeitjagd abzuschaffen.
Kinder an Waffen: Der blinde Fleck der „Waffenkultur“
Browne verweist darauf, dass Kinder in Australien teilweise schon mit zehn oder zwölf Jahren schiessen. Er stellt das in einen Kontrast zu anderen Altersgrenzen und fordert: zivile Nutzung und Besitz erst ab 18.
Die Reaktion der Shooters, Fishers and Farmers Party in Tasmanien kommt prompt. Ihr Abgeordneter Carlo Di Falco hält dagegen: Unter-18-Jährige könnten Waffen nicht legal besitzen und dürften nur unter direkter Aufsicht lizenzierter Erwachsener damit umgehen.
Beides kann gleichzeitig «stimmen» und trotzdem das Problem verfehlen. Selbst wenn der Besitz formal ausgeschlossen ist, bleibt der Zugang real, und der kulturelle Lerneffekt erst recht: Waffen werden früh als normales Werkzeug der Freizeit und der «Tradition» eingeübt. Wer Kindern beibringt, dass ein Abzug ein Bestandteil von Sport, Spass oder «Heritage» sei, senkt die psychologische Schwelle. Nicht jeder, der früh schiesst, wird gewalttätig. Aber jede Gesellschaft, die frühe Waffensozialisation duldet, entscheidet sich bewusst für ein zusätzliches Risiko.
«Es ist nur Vollzug»: Die bequemste Gegenrede
Di Falco behauptet zudem, das Bondi-Verbrechen zeige eher ein «failure to administer» bestehender Gesetze als Lücken im Recht. Diese Argumentation ist beliebt, weil sie bequem ist: Man muss nichts Grundsätzliches ändern, nur «besser umsetzen». Doch der nationale Blick widerspricht der Gelassenheit.
Australiens National Cabinet hat sich nach dem Anschlag darauf verständigt, strengere Regeln zu prüfen, darunter Begrenzungen bei der Waffenanzahl, weniger offene, unbefristete Lizenzen, einen schnelleren Aufbau eines nationalen Waffenregisters und sogar die Idee, Lizenzen an die australische Staatsbürgerschaft zu knüpfen. Premierminister Anthony Albanese betont zudem, Lizenzen dürften nicht «in perpetuity» gelten, weil sich Umstände ändern und Menschen auch radikalisiert werden können.
Das ist mehr als Verwaltungsoptimierung. Das ist ein politisches Eingeständnis, dass die bisherigen Sicherungen im «Normalbetrieb» nicht ausreichen, wenn jemand legal Waffen halten kann, während sich seine Gefährdungslage verändert.
Das ist genau die Schiene, auf die Wild beim Wild seit Jahrzehnten hinweist:
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.
Jagd und Waffenrecht: Zwei Debatten, ein Kern
Tasmanien ist in Australien eine Hochburg bestimmter Jagdformen, besonders der Entenjagd, und hat gleichzeitig mit eingeführten oder wachsenden Wildbeständen wie Hirschen zu tun. Browne schlägt vor, den Abschuss von Wildtieren, wo überhaupt nötig, professionellen Kräften zu überlassen, statt ihn als Hobby zu organisieren.
Das ist jagdkritisch konsequent: Wenn «Bestandsmanagement» wirklich das Argument ist, dann braucht es messbare Ziele, Transparenz, Kontrolle, Tierschutzstandards und unabhängige Evaluation. Freizeitjagd liefert davon oft zu wenig, dafür viel Emotion, Status und Ausnahmen. Sie produziert eine Lobby, die jede Verschärfung als Angriff auf «die Anständigen» rahmt, obwohl es in Wirklichkeit um Risiko- und Gewaltminimierung geht.
Die Frage, die niemand laut stellen will
Die Waffenlobby sagt: «Wir sind nicht verantwortlich für Täter». Das ist formal richtig und moralisch zu kurz. Verantwortlich ist auch das System, das Waffen als Alltagsoption verfügbar macht, und eine Kultur, die das Töten von Tieren als Freizeitgestaltung verteidigt und damit den Umgang mit Schusswaffen gesellschaftlich legitimiert.
Die Tasmanien-Debatte zeigt: Es geht nicht nur um Register, Limits und Lizenzfristen. Es geht um eine Leitentscheidung. Will eine moderne Gesellschaft Schusswaffen primär als streng begrenztes Werkzeug für klar definierte Ausnahmen behandeln, oder als breit akzeptiertes Zubehör für Hobby, Tradition und «Sport»?
Nach Bondi wirkt die zweite Antwort nicht nur altmodisch, sondern gefährlich.
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