Waldschnepfe im Fadenkreuz: Spanische Hobby-Jäger
Im November 2025 hebt irgendwo in Litauen eine Waldschnepfe vom feuchten Waldboden ab. Es ist noch dunkel, der Boden riecht nach Tau und Moder, der Vogel ist auf dem Weg zurück in sein Brutgebiet. Gleichzeitig klicken Sicherungen, spanische Jagdgäste stehen an den Schneisen und warten auf den Schatten, der sich gegen den Himmel abzeichnet. Für sie ist die Waldschnepfe vor allem eines: „Strecke“. Für den Vogel ist dieser Flug eine Frage des Überlebens.

Die Waldschnepfe, ist ein hochspezialisierter Waldvogel, der feuchte, störungsarme Laub- und Mischwälder braucht.
Dort sucht sie in der Dämmerung mit ihrem langen Schnabel nach Regenwürmern, Insekten und anderen kleinen Tieren im Boden. Wer sie einmal gesehen hat, wie sie wie ein Blatt im Unterholz liegt, versteht sofort, weshalb sie lange als «Geist des Waldes» galt. Ihre Tarnung ist perfekt, ihr Leben still. Eigentlich.
Denn quer durch Europa ist die Waldschnepfe auch ein beliebtes Ziel der Hobby-Jagd. Naturschutzverbände schätzen, dass jedes Jahr in Europa bis zu 3,7 Millionen Waldschnepfen geschossen werden. Diese Zahl ist grotesk, wenn man sich vor Augen hält, wie wenig wir über die tatsächliche Bestandsentwicklung dieser heimlichen Art wissen. Selbst Fachbehörden betonen, dass die Gründe für regionale Rückgänge unklar sind und erst aufgeklärt werden müssten, bevor man sinnvolle Schutzmassnahmen planen kann. Die Hobby-Jagd läuft trotzdem weiter, als wäre nichts.
Gern wird beschwichtigt: Global stuft die IUCN die Art noch als «least concern» ein, also nicht unmittelbar bedroht. Dieses Etikett dient Jagdverbänden als bequemes Argument, um jede Kritik abzuwehren. Doch die globale Ampel verschleiert, was regional passiert. BirdLife spricht für Europa von einem leichten, aber realen Rückgang über die letzten drei Generationen. In Ländern wie Irland ist die Waldschnepfe bereits rot gelistet, weil die Bestände deutlich unter Druck stehen.
In der Schweiz ist das Bild noch deutlicher: Die Waldschnepfe steht als verletzliche bzw. gefährdete Art auf der Roten Liste, ihr Bestand wird je nach Quelle auf rund 1’000 bis 4’000 Männchen beziehungsweise höchstens etwa 8’000 Individuen geschätzt. Gleichzeitig geben offizielle Jagdstatistiken an, dass jedes Jahr zwischen etwa 1’500 und 2’500 Waldschnepfen geschossen werden. Eine Art, die im selben Atemzug als förderbedürftige Prioritätsart und als jagdbare Trophäe geführt wird. Mehr Widerspruch geht kaum.
Auch räumlich schrumpft der Vogel aus unserem Alltag. In der Schweiz ist die Waldschnepfe aus weiten Teilen des Mittellands fast vollständig verschwunden, selbst im Jura gibt es Hinweise auf ein kleiner gewordenes Verbreitungsgebiet. Ursachen, so die offiziellen Stellen, könnten Lebensraumverlust, Störungen und Bejagung sein. Die Reihenfolge ist bezeichnend: Die Hobby-Jagd steht am Ende der Aufzählung, obwohl sie gleichzeitig hunderttausendfach ausgeübt und von derselben Politik aktiv legitimiert wird.
Gerade im Südwesten Europas, also dort, wo viele «unserer» Schnepfen überwintern oder durchziehen, wird die Art intensiv bejagt. Jagdreisen aus Spanien nach Litauen, aus Deutschland nach Frankreich, aus Italien nach Osteuropa sind Teil eines professionell organisierten Marktes. Die Waldschnepfe wird in Katalogen und Onlineangeboten als «spannendes Niederwild» vermarktet, inklusive Pauschalpreis pro erlegtem Vogel. Dabei wird der Vogel zum austauschbaren Rohstoff, den man nach Belieben aus unterschiedlichen Populationen «entnimmt». Von der kumulativen Belastung über Zugrouten, Wintergebiete und Brutwälder spricht kaum jemand in der Jagd-PR.
Wenn Hobby-Jäger argumentieren, sie würden «nur den Zins» ernten, nicht das Kapital, wirkt das bei der Waldschnepfe besonders zynisch. Selbst dort, wo Wissenschaftler von unklaren Rückgangsursachen sprechen und gezielte Artenförderprogramme fordern, beharrt die Jagdlobby darauf, weiter schiessen zu dürfen. Sogar in offiziellen Gutachten zur Umsetzung der EU-Vogelschutzrichtlinie wird anerkannt, dass die Diskussion über Sinn und Unsinn der Schnepfenjagd seit Jahrzehnten emotional geführt wird, weil belastbare Daten fehlen und die Hobby-Jagd dennoch weiterläuft.
Dass dann noch Jagdtouristen aus Spanien oder anderswo im November quer durch Europa reisen, um in Litauen ein paar Tage «auf Schnepfe» zu gehen, legt den eigentlichen Kern des Problems offen. Hier geht es nicht um ökologische Notwendigkeit, nicht um «Bestandsregulierung», sondern um Freizeitvergnügen mit Gewehr. Dass auf dem Altar dieses Hobbys nicht nur wilde Tiere, sondern sogar eigens mitgebrachte Jagdhunde sterben, wie im Fall der 27 Hunde, die auf einer Fährüberfahrt auf dem Weg zurück von der Schnepfenjagd qualvoll verendeten, zeigt die ganze Absurdität dieses Systems. Die Natur wird zur Kulisse, Tiere zu Munitionsträgern und lebenden Lockmitteln im Jagdgeschäft.
Dabei wäre der Weg klar. Für eine Art, die in mehreren Ländern auf Roten Listen steht, die in manchen Regionen praktisch verschwunden ist und deren ökologische Rolle im Wald längst noch nicht vollständig verstanden ist, müsste das Vorsorgeprinzip gelten. Solange Rückgänge nicht zweifelsfrei gestoppt und ihre Ursachen nicht sauber aufgeklärt sind, ist jede zusätzliche jagdliche Mortalität schlicht ein verantwortungsloses Risiko. Genau das formulieren auch Artenhilfskonzepte, die betonen, dass die Waldschnepfe ein gezieltes Förderprogramm braucht und zusätzliche Belastungen unbedingt zu vermeiden sind.
Stattdessen wird weiter «vernünftig genutzt», wie es in Verordnungen heisst, die die Frühjahresbejagung auf ziehende oder balzende Schnepfen noch immer zulassen. Ausgerechnet in der Zeit, in der jeder überlebende Vogel für den Fortpflanzungserfolg einer ohnehin unter Druck stehenden Population zählt, wird geschossen. Wer das verwalten darf, sind oft dieselben Behörden und Verbände, die sich sonst gern das Mäntelchen des Naturschutzes umhängen.
Die Waldschnepfe ist kein «Stück Wildbret», sondern ein eigenständiges, hochentwickeltes Lebewesen mit komplexem Verhalten und anspruchsvollem Lebensraum. Sie ist ein Indikator dafür, wie ernst wir es mit naturnahen, feuchten Wäldern meinen und ob wir bereit sind, unser Handeln an wissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Mindeststandards anzupassen. Eine Jagdpraxis, die Millionen dieser Vögel pro Jahr tötet, obwohl ihre Lage regional angespannt ist und Fachleute zu mehr Zurückhaltung mahnen, ist mit moderner Natur- und Tierschutzethik schlicht unvereinbar.
Wenn spanische Hobby-Jäger in litauischen Wäldern die «Natur zurechtschiessen», dann zeigt sich darin ein altes, ausbeuterisches Verhältnis zur Umwelt. Der Wald wird zum Schiessstand, der Zugvogel zur Trophäe, der Hund zum Werkzeug, das man über Hunderte von Kilometern verschiebt. Was bleibt, sind leiser werdende Wälder, in denen der Balzruf der Waldschnepfe immer seltener zu hören ist. Wer von sich behauptet, die Natur zu lieben, sollte diesen Ruf nicht im Mündungsfeuer ersticken, sondern dafür sorgen, dass er auch in Zukunft noch erklingt.
Wer sich auf eine solche Reise macht, tut das nicht, weil er die Wälder Litauens so sehr liebt, sondern weil er töten will. Die beteiligten Hobby-Jäger aus Spanien investieren Zeit, Geld und logistischen Aufwand einzig mit dem Ziel, möglichst viele Lebewesen in möglichst kurzer Zeit zu vernichten. Ihre Hunde sind dabei nichts anderes als Waffen auf vier Pfoten: hochgezüchtete, auf Gehorsam und Effizienz getrimmte Jagdmaschinen, die das aufspüren, was der Schütze später fallen sehen will. In dieser Logik werden die Tiere doppelt instrumentalisiert, als Beute und als Werkzeug, und genau hier zeigt sich, wie weit entfernt dieses System von einem respektvollen Umgang mit fühlenden Lebewesen ist.
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