Jagdwerbung in Schulen: Was Jagdverbände in Klassen tun
Wie die Hobby-Jagdlobby Kinder für Nachwuchsrekrutierung instrumentalisiert.

Jagdverbände haben in mehreren Schweizer Kantonen Zugang zu öffentlichen Schulen und nutzen diesen, um Kindern die Hobby-Jagd als naturnahe Tätigkeit und Naturschutzleistung zu präsentieren.
Wissenschaftlich umstrittene Aussagen werden dabei als Fakten vermittelt. Bildungsfachleute und Tierschutzorganisationen kritisieren diese Praxis und fordern verbindliche Kriterien dafür, welche Interessengruppen Schulen betreten und was sie dort vermitteln dürfen.
Jagdverbände als «Lehrpersonen»: Das Muster
In verschiedenen Kantonen führen kantonale Jagdverbände oder deren Mitglieder Schulbesuche durch, nehmen an Naturschutzwochen teil oder stellen Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Diese Aktivitäten sind selten als Interessenwerbung deklariert. Stattdessen präsentieren sich Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger als Naturexperten, Hüterinnen und Hüter der Wildtiere und Träger eines öffentlichen Auftrags.
Lehrpersonen, die solche Besuche zulassen, handeln oft in gutem Glauben: Wer aus dem Wald kommt und über Wildtiere spricht, wirkt zunächst glaubwürdig. Dass hinter dem Besuch eine organisierte Lobbystrategie steht, wird dabei selten hinterfragt. Das Dossier über den Einfluss von Jagdverbänden auf Politik und Öffentlichkeit zeigt, dass Schulaktivitäten Teil einer bewussten Kommunikationsstrategie sind.
Was in Schulen vermittelt wird
Die inhaltlichen Botschaften, die Jagdverbände in Schulen tragen, folgen einem klaren Muster. «Jäger sind die eigentlichen Naturschützer.» «Ohne Jagd würden Wildtiere verhungern.» «Die Natur braucht den Menschen als Regulierer.» Diese Aussagen entsprechen nicht dem Stand der Wildtierbiologie, wie der Faktencheck der JagdSchweiz-Broschüre zeigt. Dennoch werden sie Kindern und Jugendlichen als Wissensinhalt präsentiert.
Besonders problematisch ist der emotionale Zugang: Kinder werden in jagdnahen Schulaktivitäten an das Töten von Tieren herangeführt, das als notwendig, natürlich und sogar fürsorglich gerahmt wird. Jagd und Kinder untersucht, wie diese frühe Sozialisation auf das Verhältnis von Kindern zu Tieren und Gewalt wirkt.
Unterrichtsmaterial der Jagdlobby
Jagdverbände stellen Lehrpersonen kostenlos Unterrichtsmaterial zur Verfügung: Broschüren, Arbeitsblätter, Filme. Dieses Material ist einseitig und vermittelt ein unkritisches Bild der Hobby-Jagd. Quellen, die eine andere Sicht einnehmen, fehlen. Die Jäger-Lobby in der Schweiz setzt auf dieses Material als Teil einer langfristigen Imagestrategie, die auf die nächste Generation zielt.
Lehrpersonen haben oft keine Zeit oder kein Hintergrundwissen, um dieses Material kritisch zu bewerten. Für sie erscheint es als praktische Ergänzung zum Lehrplan, zumal die offiziellen Lehrpläne das Thema Hobby-Jagd selten eigenständig behandeln. Dass damit die Informationshoheit an eine Interessengruppe abgetreten wird, ist vielen nicht bewusst.
Vergleich mit anderen Interessengruppen
Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Welche Interessengruppen dürfen Schulen betreten und für ihre Sache werben? Fleischproduzenten haben in der Vergangenheit Schulbesuche organisiert, was zu Debatten über Einflussnahme geführt hat. Pharmaunternehmen ist der Zugang zu Schulen in vielen Kantonen beschränkt. Politische Parteien unterliegen in Schulen strengen Auflagen.
Für Jagdverbände gelten solche Einschränkungen nicht oder nur unzureichend. Das steht in einem offensichtlichen Widerspruch: Wenn das Ziel der Schule ist, kritisches Denken zu fördern und Wissen unabhängig zu vermitteln, dann haben einseitige Interessenbotschaften unabhängig vom Absender nichts in der Schule zu suchen. Die Forderung nach verbindlichen Kriterien ist deshalb nicht jagdspezifisch, sondern eine allgemeine Frage der Schulautonomie.
Die Rolle der Medien bei der unkritischen Vermittlung
Schulbesuche von Jagdverbänden werden in Lokalmedien regelmässig positiv berichtet. Das «Jagdhornblasen in der Schule» oder die «Wildtierstunde mit dem Jäger» werden als charmante Brauchtumspflege präsentiert, selten als Lobbytätigkeit hinterfragt. Das Dossier zu Medien und Jagdthemen analysiert, wie mediale Darstellungen der Hobby-Jagd systematisch unkritisch ausfallen und wie diese Berichterstattung die gesellschaftliche Akzeptanz der Hobby-Jagd stützt.
Diese Mediendynamik verstärkt den Legitimationseffekt der Schulbesuche. Was in der Zeitung als schöner Anlass für Kinder erscheint, wird dadurch schwerer zu hinterfragen.
Was Bildungsfachleute sagen
Bildungswissenschaftlerinnen und Bildungswissenschaftler betonen die Gefährdung der Neutralität, wenn Interessengruppen unkontrolliert Zutritt zu Schulen erhalten. Der Grundsatz der Objektivität im Unterricht verlangt, dass verschiedene Perspektiven gleichberechtigt präsentiert werden und dass wirtschaftliche oder politische Interessen kenntlich gemacht werden.
Für jagdkritische Positionen fehlt in Schweizer Schulen häufig der Platz. Das führt zu einer strukturellen Einseitigkeit: Kinder werden mit der Jagdlobby-Perspektive konfrontiert, nicht aber mit den wissenschaftlichen Befunden, die viele der Kernaussagen widerlegen.
Forderungen: Verbindliche Kriterien für Schulbesuche
Tierschutzorganisationen und Bildungsfachleute fordern konkrete Massnahmen. Erstens sollten kantonale Richtlinien festlegen, welche Organisationen Schulen betreten dürfen und unter welchen Bedingungen. Zweitens sollten Lehrpersonen verpflichtet sein, externe Beiträge als Interessenbeiträge auszuweisen. Drittens sollte Unterrichtsmaterial von Interessenverbänden einem inhaltlichen Check unterzogen werden, bevor es in Schulen eingesetzt wird.
Einige Kantone haben erste Schritte in diese Richtung unternommen, doch verbindliche Regelungen fehlen schweizweit. Die Jagdmythen-Dossiers zeigen, welche konkreten Fehlinformationen im Umlauf sind und in Schulen verbreitet werden könnten.
Das Heranführen an die Hobby-Jagd als Ziel
Die langfristige Strategie hinter Schulbesuchen ist offensichtlich: Die Hobby-Jagd verliert Mitglieder. Die Zahl der Jagdscheininhaberinnen und -inhaber stagniert bei rund 30’000 (Eidgenössische Jagdstatistik). Neue Mitglieder müssen früh gewonnen werden. Schulkinder sind eine Zielgruppe, deren Einstellungen noch formbar sind.
Das macht Schulbesuche nicht nur zu einer Imagekampagne, sondern zu einem Rekrutierungsinstrument. Diesen Charakter offen zu benennen, wäre eine Voraussetzung für eine informierte gesellschaftliche Debatte über die Zulässigkeit solcher Besuche.
Fazit: Schulen sind kein Marketingkanal
Öffentliche Schulen sind keine Plattform für Interessengruppen, ihre Sicht unkritisch zu propagieren. Was für politische Parteien gilt, muss auch für Jagdverbände gelten: Einseitige Botschaften, die dem Stand der Wissenschaft widersprechen, gehören nicht in den Unterricht. Verbindliche Kriterien, Transparenz über Interessenbindungen und das Recht auf eine kritische Gegenperspektive sind keine überzogenen Forderungen, sondern elementare Voraussetzungen für einen qualitätsvollen Schulunterricht.
Quellen
- Eidgenössische Jagdstatistik (BAFU/Wildtier Schweiz): ca. 30’000 Jagdberechtigte, Trend stabil
- JagdSchweiz: Kommunikations- und Bildungsmaterial
- Kantonale Schulgesetze: Regelungen zu externen Besuchern
Weiterführende Inhalte
- Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen
- Jagd und Kinder
- Faktencheck JagdSchweiz-Broschüre
- Jäger-Lobby in der Schweiz
- Jagdmythen: 12 Behauptungen kritisch geprüft
- Medien und Jagdthemen
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