Genf ohne Hobby-Jagd: Warum der Hirsch-Abschuss kein Beweis gegen das Jagdverbot ist
Eine französische Jagdpublikation deutet die Genfer Regulierungsabschüsse als Beweis gegen das Jagdverbot. Die Zahlen des Kantons sagen das Gegenteil.
Faktencheck. Eine französische Jagdpublikation deutet die neuen Genfer Regulierungsabschüsse als Beleg, ein Jagdverbot funktioniere nicht. Die Zahlen des Kantons sagen das Gegenteil.
Am 10. Juni 2026 hat der Genfer Staatsrat entschieden, die Regulierungsabschüsse von Hirschen in den Wäldern von Versoix und Collex-Bossy vom 1. November 2026 bis 31. Januar 2027 weiterzuführen. Eine zusätzliche Saison 2027/2028 wird je nach Ergebnissen geprüft. Parallel dazu werden auch die Wildschwein-Abschüsse vom 1. Juli 2026 bis 30. Juni 2028 erneuert.
Das Magazin «Le Chasseur Français» griff den Entscheid am 20. Juni 2026 auf und zog daraus eine weitreichende Schlussfolgerung: Der Fall zeige «einmal mehr die Notwendigkeit, die Wildtiere zu bewirtschaften». Mit anderen Worten: Selbst der jagdfreie Kanton Genf komme nicht ohne Schusswaffen aus, also brauche es die Hobby-Jagd. Diese Lesart hält einer Überprüfung nicht stand.
Behauptung 1: «Das Jagdverbot funktioniert nicht»
Genau das Gegenteil belegen die Zahlen des Kantons selbst. Im Winter 2025/2026 sank die Hirschpopulation in den betroffenen Wäldern von 132 auf 90 Tiere. Der gezielte Eingriff einer kleinen Zahl spezialisierter Berufsleute hat also gewirkt. Dass der Druck auf Kulturen und Wald weiterhin als hoch eingestuft wird, ändert nichts daran: Ein Steuerungsinstrument, das messbar greift, ist kein Beleg für ein Scheitern, sondern für seine Wirksamkeit.
Der entscheidende Punkt: Genf reguliert seit 1974 ohne einen einzigen Hobby-Jäger. Wildtiermanagement und Hobby-Jagd sind eben nicht dasselbe. Wer beides gleichsetzt, verwischt genau die Grenze, um die es geht. Dasselbe Muster zeigt sich in zahlreichen weiteren jagdfreien Räumen Europas, wie unser Überblick zu zehn jagdfreien Schutzgebieten zeigt.
Behauptung 2: «Es braucht Hobby-Jäger, um die Natur zu regulieren»
In Genf greift niemand zur Freizeitwaffe. Die Abschüsse werden ausschliesslich von den «gardes de l’environnement», den kantonalen Wildhütern, durchgeführt. Das sind ausgebildete, staatlich angestellte Fachleute mit klarem Auftrag, kontrolliertem Vorgehen und behördlicher Rechenschaftspflicht.
Das ist ein grundlegend anderes Modell als die Milizjagd, bei der Privatpersonen in ihrer Freizeit und auf eigene Rechnung Wildtiere erlegen. Der Genfer Fall beweist also nicht, dass es Hobby-Jäger braucht. Er beweist das Gegenteil: Eine demokratische Gesellschaft kann ihre Wildbestände steuern, ohne die Tötung von Tieren als Freizeitbeschäftigung zuzulassen. Genau dieses Genfer Wildhütermodell rückt inzwischen auch in der Innerschweiz in den Blick, etwa im Kanton Zug, der die Fuchsjagd nach einer Studie nicht mehr proaktiv fördert.
Behauptung 3: «Die hohen Hirschzahlen entstehen im jagdfreien Kanton»
Hier blendet die jagdfreundliche Darstellung den geografischen Kontext aus. Genf ist eine kleine Enklave von rund 280 Quadratkilometern, fast vollständig umgeben von Frankreich und vom Kanton Waadt, wo intensiv gejagt wird.
Während der Jagdsaison ziehen sich Wildtiere systematisch in die ruhigeren, jagdfreien Zonen zurück. Genf wird damit zum Rückzugsraum für Tiere, die andernorts bejagt werden. Ein erheblicher Teil des Bestandsdrucks ist also nicht hausgemacht, sondern eine direkte Folge der Hobby-Jagd jenseits der Kantonsgrenze. Das Argument lässt sich somit umkehren: Nicht das Jagdverbot erzeugt das Problem, sondern die Hobby-Jagd ringsherum verlagert es nach Genf.
Die ausgeblendete Alternative: Verhütung statt Kugel
Die IG Wild beim Wild fordert seit Jahren, die Hirschbestände mit dem immunokontrazeptiven Wirkstoff GonaCon zu steuern, statt sie zu erschiessen. Das Mittel blockiert reversibel die Fortpflanzung und ist nach Artikel 16 des Genfer Wildtiergesetzes grundsätzlich als präventive Massnahme zulässig.
Der Kanton lehnt die Methode mit dem Hinweis ab, man könne nicht genügend Hirschkühe einfangen, um sie zu impfen. Die Schweizer Gerichte sind dem bislang gefolgt. Der Streit ist damit aber nicht beendet, sondern zeigt, dass es ernsthaft diskutierte, gewaltfreie Steuerungsansätze gibt. In der jagdfreundlichen Erzählung kommen sie schlicht nicht vor.
Vor allem aber blendet diese Erzählung aus, was die Genfer Bevölkerung selbst will. In einer Online-Umfrage vom 1. März bis 30. April 2024, an der ausschliesslich Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons teilnehmen konnten, sprachen sich 67,39 Prozent für die Geburtenkontrolle per Impfung aus. Nur 30,8 Prozent befürworteten die Abschüsse, 1,63 Prozent waren ohne Meinung. Die Bevölkerung wünscht also mit deutlicher Mehrheit eine gewaltfreie Steuerung. Wer den Genfer Fall als Beleg für die Notwendigkeit der Abschüsse anführt, stellt sich damit auch gegen den erklärten Willen der dort lebenden Menschen.
Niemand will zurück zur Hobby-Jagd
Bezeichnend ist, was in Genf gerade nicht zur Debatte steht: die Rückkehr der Hobby-Jagd. Über fünfzig Jahre nach dem Volksentscheid von 1974 fordert niemand ernsthaft, das Jagdverbot aufzuheben und wieder private Freizeitjäger ins Feld zu lassen. Der gesamte Streit dreht sich um die Frage, wie reguliert wird, durch Berufswildhüter mit der Waffe oder durch Verhütung, nicht ob die Hobby-Jagd zurückkehren soll. Genau diese Selbstverständlichkeit ist die eigentliche Bilanz des Genfer Modells: Ein Kanton hat sich an ein Leben ohne Freizeitjagd gewöhnt und will es nicht mehr anders.
Der Genfer Entscheid taugt nicht als Kronzeuge für die Hobby-Jagd. Er zeigt, dass ein Kanton seit über fünfzig Jahren ohne Freizeitjagd auskommt, seine Wildbestände durch wenige Fachleute messbar steuert und sein hoher Wildbestand wesentlich durch die Bejagung in den Nachbarregionen mitverursacht wird. Eine Mehrheit der Genfer Bevölkerung wünscht zudem die Geburtenkontrolle statt der Kugel, und die Rückkehr der Hobby-Jagd fordert niemand. Das eigene Communiqué des Staatsrats hält ausdrücklich fest, dass dieser Ansatz damit zusammenhängt, dass der Kanton jagdfrei ist. Wer daraus ein Plädoyer für die Hobby-Jagd macht, liest die Fakten gegen ihren eigenen Strich.
Wie sich diese Debatte derzeit über mehrere Kantone zieht, dokumentiert unsere Kampagne «Schluss mit der Fuchsjagd».

