Technologie im Kampf gegen Wilderei in Italien
Die Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa ist eine Erfolgsgeschichte, doch Wilderei in Italien bleibt eine grosse Bedrohung.
Allein während der Herbstmigration 2024 wurden in Italien acht Waldrappen gewildert.
Einer davon war das Männchen Puck. Die neue GPS-Technologie half, den Täter zu identifizieren, einen Hobby-Jäger mit Jagdlizenz. Das LIFE-Projekt betont das Potenzial von Technologie im Kampf gegen Wilderei und fordert die Jagdverbände zu effektiveren Massnahmen auf.
Waldrapp: Symbol der Hoffnung und Opfer der Wilderei
In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde in Europa ein aussergewöhnliches Artenschutzprojekt durchgeführt. Es hat zum Ziel, den Waldrapp als Zugvogel in Europa wieder anzusiedeln, nachdem er insbesondere durch Bejagung vor über vier Jahrhunderten ausgerottet wurde.
Dieses Projekt ist die weltweit erste erfolgreiche Wiederansiedlung einer Zugvogelart. Jedes Jahr migrieren die Waldrappen dieser angesiedelten Population zwischen ihren Brutgebieten im nördlichen und südlichen Voralpenland und dem Wintergebiet in der WWF Oasi Laguna di Orbetello in der Südtoskana.
Die Art ist zum Symbol der Hoffnung angesichts der zunehmenden Bedrohungen für die biologische Artenvielfalt geworden. Einer der Vögel, das Männchen namens «Puck», schlüpfte 2021 als Wildvogel in Kuchl im Land Salzburg und lernte von seinen Artgenossen die Zugroute in die Toskana.
GPS-Technologie überführt Hobby-Jäger
Tragischerweise wurde Puck im November 2024 während eines Zwischenstopps in den Apenninen in Italien erschossen. Dank der Fernüberwachung der Waldrappe mittels solarbetriebener GPS-Geräte konnte umgehend eine Untersuchung eingeleitet werden. Die Daten des GPS-Gerätes ermöglichten eine genaue Ortsbestimmung, wodurch der Täter rasch identifiziert werden konnte – er ist ein Hobby-Jäger und Mitglied eines italienischen Jagdverbandes.
Nach einer Hausdurchsuchung wurde dem Täter die Waffe beschlagnahmt und die Jagdlizenz entzogen. Roberta Peroni, Mitglied des europäischen LIFE-Projekts, kommentierte: «Der Hobby-Jäger wird wegen der Tötung eines Individuums einer geschützten Art und der erheblichen Schädigung einer gefährdeten Population angeklagt. Wir erhoffen ein Urteil, das die Schwere dieses Verbrechens widerspiegelt. Zudem werden wir eine zivilrechtliche Klage einreichen und den Schaden für das Artenschutzprojekt einfordern.» Johannes Fritz, Manager des LIFE-Projekts, betonte die Bedeutung moderner Technologien im Kampf gegen Wilderei und erklärte: «Seit über 20 Jahren kämpfen wir gegen die Wilderei von Waldrappen in Italien. Der Fall Puck zeigt, wie innovative Technologie dabei helfen kann, Wilderer zu identifizieren und sie vor Gericht zu bringen.»
Alle identifizierten Wilderer waren lizenzierte Hobby-Jäger
Pucks Tod verdeutlicht ein generelles Problem: Annähernd ein Drittel der Verluste von Waldrappen in Italien ist auf Wilderei zurückzuführen. Diese Umweltkriminalität gefährdet auch viele andere geschützte Zugvogelarten in ähnlichem Umfang. Der grösste italienische Jagdverband, Federazione Italiana della Caccia (FIdC), präsentierte sich kürzlich in einer Pressemitteilung als engagierter Partner im Schutz von Arten wie dem Waldrapp und argumentierte, dass Wilderei nichts mit legaler Hobby-Jagd zu tun habe und Hobby-Jäger zu den am stärksten von Wilderei betroffenen Gruppen zählten.
Die Beobachtungen des LIFE-Projekts widersprechen jedoch diesem Narrativ. Tatsächlich zeigen die Daten, dass illegale Abschüsse in Italien überwiegend während der gesetzlichen Jagdsaison und in Jagdgebieten stattfinden. Alle bislang identifizierten Verdächtigen waren lizenzierte Hobby-Jäger und Mitglieder italienischer Jagdvereinigungen. Das begründet Zweifel an den Aussagen des Jagdverbandes. Ein Muster, das auch die Jagdmythen hierzulande widerlegt.
Fritz begrüsst das Engagement der Jagdverbände für den Artenschutz, fordert aber auch konkrete Massnahmen. «Hobby-Jäger sind nicht nur Opfer der Wilderei; viele der Wilderer sind in ihren Reihen. Es ist entscheidend, dass Jagdverbände strenge Massnahmen gegen kriminelles Verhalten innerhalb ihrer Mitgliederschaft durchsetzen.»
Die anhaltende Wilderei stellt eine erhebliche Bedrohung für den Erhalt des Waldrapps und anderer gefährdeten Arten dar. Dieses Problem wird durch die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Aussagen der Jagdverbände und ihrem Umgang mit den tatsächlichen Sachverhalten verschärft. Diese akute Bedrohung der Artenvielfalt erfordert eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Artenschutzorganisationen und Jagdvereinigungen, um die biologische Artenvielfalt zu schützen und Wilderei effektiv zu bekämpfen.
Hintergrundinformationen
Laut einem Bericht von BirdLife International werden in Italien jedes Jahr 5,6 Millionen Vögel illegal getötet, das entspricht einer Rate von 19 Vögeln pro Quadratkilometer.
In einer kürzlich durchgeführten Studie untersuchten Serratosa et al. (2024) die Todesursachen bei 45 Zugvogelarten in den eurasischen und afrikanischen Regionen. 22 % der Todesfälle werden durch illegale Hobby-Jagd verursacht. Das Waldrapp LIFE-Projekt (LIFE20 NAT/AT/000049; LIFE NBI) wird mit zehn Partnern unter der Leitung des Tiergartens Schönbrunn durchgeführt.
Diese Initiative vereint internationale Forschungs- und Artenschutzorganisationen mit dem Hauptziel, eine selbsterhaltende Waldrapp-Population in Europa zu etablieren.
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