Leichter töten als verstehen: Hobby-Jagd abschaffen
Wer Wildtiere in unseren Wäldern töten möchte, braucht heute vor allem eines: etwas Freizeit für einen Jagdkurs. Je nach Region reichen schon wenige Wochen oder Monate, um den Jagdschein zu erhalten.

Wer dieselben Tiere wissenschaftlich verstehen möchte, studiert Biologie.
Drei bis fünf Jahre Universitätsstudium sind die Regel, oft kommt noch eine Promotion dazu. Es ist also deutlich schneller, rechtlich Tiere zu schiessen, als zu lernen, wie diese Tiere leben, fühlen und in ihre Ökosysteme eingebunden sind.
Genau in dieser Schieflage zeigt sich das Grundproblem unseres Umgangs mit Wildtieren. Der Staat erteilt die Lizenz zum Töten nach kurzer, praxisorientierter Ausbildung, während fundiertes Wissen über Tiere und Natur als etwas gilt, das man sich über viele Jahre erarbeiten muss. Wer schiessen will, braucht einen Kurs. Wer schützen und verstehen will, braucht ein Studium.
In der Jagdausbildung stehen das Bestehen der Prüfung, das sichere Bedienen der Waffe und die wichtigsten Jagdgesetze im Vordergrund. Es geht um Treffsicherheit, Jagdpraxis, Revierorganisation. Die Perspektive ist überwiegend nutzungsorientiert. Wildtiere erscheinen als Bestand, der zu «regulieren» ist, als Ressource, die man «hegt» und gleichzeitig bejagt.
Die Biologie vermittelt ein völlig anderes Bild. Hier geht es um Ökologie, Tierverhalten, Populationsdynamik, Genetik, Naturschutzbiologie. Man lernt, wie Lebensgemeinschaften zusammenhängen, wie Stress und Leid wirken, wie sich Bestände tatsächlich entwickeln. Dieses Wissen erarbeitet man sich nicht an ein paar Wochenenden, sondern in Vorlesungen, Seminaren, Laboren und Feldstudien über Jahre hinweg.
Trotzdem sind es in der Praxis oft nicht Biologinnen und Biologen, die eine starke Stimme haben, wenn es um Abschusspläne und jagdliche Regelungen geht, sondern Menschen, deren formale naturwissenschaftliche Ausbildung in wenigen Monaten abgeschlossen war. Die Verantwortung passt nicht zur Ausbildungstiefe. Wer mit einer Büchse in den Wald geht, kann unmittelbar über Leben und Tod eines Tieres entscheiden. Wer wissenschaftlich begründet auf Fehlentwicklungen in der Jagdpraxis hinweist, wird nicht selten als «theoretischer Schreibtischtäter» abgetan.
Die Hürde, ein Tier legal zu erschiessen, ist damit erstaunlich niedrig. Ein paar Monate Vorbereitung, eine Prüfung, ein Stück Plastik in der Brieftasche, und der Weg ins Revier steht offen. Umgekehrt ist die Hürde, als fachkundige Stimme im Naturschutz oder in der Forschung ernst genommen zu werden, hoch. Jahre der Ausbildung, oft befristete Stellen, Publikationsdruck. Die Lizenz zur tödlichen Intervention ist niedrigschwellig, die Anerkennung für wissenschaftliche Expertise hochschwellig. Das ist im Kern verkehrt.
Hinzu kommt: Die Hobby-Jagd erzählt gern die einfache Geschichte von «Hege» und «Pflege». Man kümmere sich um das Wild, füttere, reguliere Bestände und übernehme Verantwortung für den Wald. Moderne Ökologie zeichnet ein komplexeres Bild. Ökosysteme sind dynamische Netze. Eingriffe in Populationen haben Nebenwirkungen, die sich oft erst nach Jahren zeigen. Solche Zusammenhänge versteht nur, wer sich intensiv und kritisch mit Daten, Modellen und Unsicherheiten beschäftigt. Dafür reicht kein Schiessstand, sondern es braucht wissenschaftliche Arbeitsweise.
Aus Sicht des Tierschutzes wird die Diskrepanz noch deutlicher. Wer Biologie studiert, lernt Tiere nicht nur als Kategorie «Reh», «Fuchs» oder «Schwarzwild» kennen, sondern als Individuen mit Verhaltensrepertoire, Sozialstrukturen, Stressreaktionen und Leidensfähigkeit. Dieses Wissen macht es schwer, Töten als harmlose «Bestandsregulierung» abzuhaken. In vielen jagdlichen Kontexten bleibt man an der Oberfläche: Es geht um Schussentfernung, Kaliberwahl, «waidgerechtes Töten». Effizienz ist das Ziel, nicht Empathie.
Je mehr man über Tiere weiss, desto schwerer fällt es, sie als blosses «Stück Wild» im Streckenbericht zu sehen. Genau dieses Wissen fehlt in vielen jagdlichen Debatten, wird aber zugleich als «zu akademisch» abgewertet.
Natürlich wird aus jagdlicher Seite gern betont, wie streng die Prüfungen seien. Wer nicht lernt, fällt durch. Doch darum geht es nicht. Die Frage lautet: Entsprechen der Umfang und die Tiefe der Ausbildung wirklich der Macht, die mit einer geladenen Waffe im Ökosystem verbunden ist? Niemand würde akzeptieren, dass jemand nach einem mehrwöchigen Kurs als Chirurg arbeiten darf, nur weil die Prüfung anspruchsvoll war. Bei Wildtieren scheint eine solche Logik jedoch gesellschaftlich akzeptiert.
Auch der Verweis auf «praktische Erfahrung» trägt nur begrenzt. Praxis ohne fundiertes ökologisches Wissen kann Fehlentwicklungen sogar verfestigen. Wenn über Jahrzehnte dieselben Routinen wiederholt werden, entsteht leicht der Eindruck, dies sei eine naturgesetzliche Notwendigkeit. Dabei wären oft gerade neue, wissenschaftlich fundierte Wege nötig. Etwa dann, wenn sich zeigt, dass Lebensraumverlust, Landwirtschaft, Verkehr und Klimakrise viel stärkere Treiber für Bestandsentwicklungen sind als das, was Hobby-Jäger gern als «überhöhte Wildbestände» bezeichnen.
Die schnelle Erteilung von Jagdscheinen sendet ein gesellschaftliches Signal: Der Eingriff in Wildtierpopulationen ist etwas Normales, beinahe Selbstverständliches. Gleichzeitig werden wissenschaftliche Stimmen, die auf komplexe Zusammenhänge und auf die Leidensfähigkeit von Tieren hinweisen, nicht selten als störend empfunden. Eine verantwortungsvolle Gesellschaft müsste es genau umgekehrt halten. Hohe Anforderungen an alle, die Tiere töten. Und grosse Wertschätzung für jene, die Tiere und Lebensräume erforschen und schützen.
Wenn der Staat Menschen in wenigen Monaten zur Hobby-Jagd zulässt, aber Jahre für ein Biologiestudium verlangt, setzt er die falschen Prioritäten. Wer mit Waffen in Ökosysteme eingreifen will, sollte mindestens so viel über diese Ökosysteme wissen wie jene, die sie wissenschaftlich untersuchen. Ein erster Schritt wäre, jagdliche Entscheidungen konsequent an unabhängigen, wissenschaftlichen Standards auszurichten und die Anforderungen an jagdliche Ausbildung deutlich zu erhöhen.
Vielleicht ist es am Ende kein Zufall, dass es so viel leichter ist, zu schiessen, als zu verstehen. Die entscheidende Frage lautet: Wie lange wollen wir uns diese Schieflage noch leisten, im Namen der Tradition, auf Kosten der Tiere und der Natur?
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.
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