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Jagd

Jagdgesetznovelle: Katastrophe für Wildtiere

Die Novellierung des deutschen Bundesjagdgesetzes erlaubt Nachtjagd und mehr Abschüsse. Bei Drückjagden sterben bis zu 70 % der Tiere nicht sofort.

Redaktion Wild beim Wild — 6. November 2020

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat am 4.11.2020 den Entwurf für die Novellierung des Bundesjagdgesetzes vorgestellt.

Doch die Katastrophe für die Wildtiere ist: Statt aus Tierschutzgründen weniger Wildtiere zu schiessen, sollen mehr Rehe und Wildschweine geschossen werden. Deutschland hatte schon bisher für Rehe, Hirsche und Wildschweine die längsten Jagdzeiten in Europa. Das Ergebnis: Trotz oder gerade wegen intensiver Hobby-Jagd steigen seit Jahrzehnten die Jagdstrecken. Die Jagdgesetznovelle ermöglicht nun gar die Hobby-Jagd während der Nachtzeit, mittels Nachtzieltechnik und mit Scheinwerfern.

Der Koalitionsauftrag war, die Jagdausbildung bundesweit zu vereinheitlichen, den für Mensch und Tier giftigen Bleieintrag durch die Jagdmunition zu reduzieren und einen Schiessübungsnachweis einzuführen. Doch was nützt ein Schiessübungsnachweis? Zielführender im Sinne des Tierschutzes wäre der Schiessleistungsnachweis gewesen, wenn also nur noch Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger auf die Hobby-Jagd gehen dürfen, die gezeigt haben, dass sie beim Schiessen auch richtig treffen können.

Jagdstrecke Deutschland
Jagdstrecke

Je mehr Rehe und Wildschweine geschossen werden, umso mehr vermehren sie sich

Obwohl in Deutschland so viele Wildschweine geschossen werden wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1930er Jahren, steigt die Anzahl der Wildschweine weiter. Der Grund: Hobby-Jagd führt zur unkontrollierten Vermehrung von Wildschweinen. So paradox es klingen mag: Je mehr Hobby-Jagd auf Wildschweine gemacht wird, umso stärker vermehren sie sich. Auf diesen Zusammenhang weisen immer mehr Wissenschaftler hin. Die Natur hatte eigentlich alles hervorragend geregelt: Erfahrene weibliche Wildschweine, die Leitbachen, sorgen für die Ordnung in der Rotte und für Geburtenkontrolle. Die Hormone der Leitbachen bestimmen die Empfängnisbereitschaft aller Weibchen der Gruppe und verhindern, dass zu junge Tiere befruchtet werden. Fehlen die Leitbachen, weil sie bei der Hobby-Jagd getötet wurden, löst sich die Ordnung auf. Die Sozialstruktur ist zerstört, die Tiere vermehren sich unkontrolliert. Mehr dazu im Dossier Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert.

Auch den Rehbestand halten Hobby-Jäger konstant auf hohem Niveau. Ein anhaltend hoher Jagddruck von rund einer Million abgeschossener Rehe pro Jahr hat den Bestand nicht auf gewünschte Höhe reguliert, sondern auf hohem Niveau hochproduktiv gehalten. Denn je mehr Rehe geschossen werden, umso mehr vermehren sie sich. Statt Wildschäden zu verhindern, provoziert Hobby-Jagd ganz im Gegenteil Wildschäden. Rehe sind von ihrer Natur her Bewohner von Wiesen und dem Waldrand. Erst die Hobby-Jagd treibt die Tiere in den Wald hinein, wo sie dann keine für sie lebenswichtigen Gräser und Kräuter finden und ihnen nichts anderes bleibt, als an Knospen zu knabbern.

Treibjagd auf Rehe
Treibjagd Rehe

Der renommierte Zoologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf brachte es wie folgt auf den Punkt: «Jagd reguliert nicht. Sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände.»

Treib- und Drückjagden: Bis zu 70 % der Tiere nicht sofort tot

Bei den meisten Drückjagden wird schon heute alles geschossen, was vor die Büchse kommt, auch von Jagdtouristen aus Holland und Dänemark, die kaum billigere Trophäenabschüsse als in Sachsen oder in Bayern bekommen. Diese Art von Hobby-Jagd ist häufig tierschutzwidrig. Denn Rehe und Wildschweine werden oft nur angeschossen. Die Trefferquoten bei «Bewegungsjagden» (die Tiere werden aufgescheucht und auf der Flucht erschossen) sind ausgesprochen gering. Mehr zu diesem Tierschutzproblem.

Laut der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. sterben, vor allem bei der Drückjagd, bis zu 70 Prozent der Wildtiere nicht sofort, sondern erleiden qualvolle Kiefer-, Bauch- und Laufschüsse. Untersuchungen zufolge seien bei Drückjagden nur etwa ein Drittel der Wildschweine mit Blattschuss erlegt worden, die überwiegende Mehrheit wurde nur angeschossen und «wies Waidwund-, Keulen- oder Laufschüsse auf». Auch würden 60 Prozent der weiblichen Rehe Bauchschüsse aufweisen.

Auf diese Weise werden viele Tiere «nur» angeschossen und sie können entkommen. Diese Tiere verenden oft qualvoll nach Stunden oder Tagen. Die «Nachsuche», sofern sie überhaupt stattfindet, dauert oft Stunden oder Tage. Viele Tiere werden erst Tage später gefunden, wenn sie irgendwo elendig an der Verwundung verendet sind. Manche Wildtiere sterben überhaupt nicht an der Schusswunde, sondern an den Folgen, weil sie z.B. mit zerschossenem Kiefer keine Nahrung mehr aufnehmen können.

Bernd Krewer, Förster und Nachsucheführer, der mit seinen Hunden nach Hobby-Jagden angeschossene Tiere nachsucht, um ihnen den Todesschuss zu geben, schrieb bereits vor über 20 Jahren: «Wir sollten froh sein, dass solche Dinge nicht allzu häufig ans Licht der Öffentlichkeit kommen, es sähe mit unserem Anspruch, Naturschützer zu sein, nicht sehr gut aus.» (Bernd Krewer: Über Hirsche, Hunde und Nachsuchen. Neudamm-Neudamm, 1998, 2. Aufl., S. 80, S. 85)

Dass die Wildtiere selten richtig getroffen und zum Teil lebendig vom Jagdhund zerfetzt werden, geben Hobby-Jäger untereinander in Internetforen offen zu. In der Öffentlichkeit und in offiziellen Verlautbarungen der Jagdverbände wird allerdings regelmässig behauptet, die Wildtiere wären durch den Schuss sofort tot. Solche Jagdmythen halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.

Nachsucheführer Bernd Krewer glaubt nicht, dass die Wahrheit dauerhaft geheim halten lässt: «Wenn es den Tierschützern gelänge, einen viel beschäftigten Schweisshundeführer umzukrempeln, wären wir einen Tag später die Jagd endgültig los. Es muss sich vieles im Tun und Lassen der Jägerei ändern, wollen wir vor der immer kritischer werdenden Bevölkerung bestehen und von ihr das Mandat für den Fortbestand unserer Jagd bekommen. Wenn die Gesellschaft die Jagd nicht mehr akzeptiert, wird sie verschwinden und durch andere Formen der Nutzung und Regulierung ersetzt werden» (ebda., S. 180).

Die Jagdgesetznovelle von Ministerin Klöckner wurde auch in Presse und Fernsehen mit zum Teil deutlichen Worten kritisiert:

Sehenswerter Beitrag auf ZDF.de, 4.11.2020: «Die Jagd gehört abgeschafft», Diskussion um Jagdverbot auf Wildtiere:

Lesenswerter Kommentar von Redakteur Peter Carstens im Magazin GEO: Unterschätztes Tierschutzproblem: Zehntausende Rehe verenden qualvoll nach dem Schuss.

Artikel von Prof. Josef H. Reichholf zur aktuellen Debatte über den Waldumbau: «Mehr Rehe zu schiessen rettet weder Wald noch Klima.» Ein anhaltend hoher Jagddruck von rund einer Million abgeschossener Rehe pro Jahr hat den Bestand nicht auf gewünschte Höhe reguliert, sondern auf hohem Niveau hochproduktiv gehalten, so Prof. Reichholf.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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