Berns Sonderjagd auf Rothirsche: Vom Notfall zur Dauerlösung
Wenn Ende November die ersten Schneeflocken ins Berner Oberland fallen, beginnt für die Rothirsche die härteste Zeit des Jahres. Die Tiere haben Reserven aufgebaut, ziehen sich in ruhigere Lagen zurück, sparen Energie. Genau dann rückt der Kanton Bern noch einmal mit voller jagdlicher Schlagkraft aus.
Vom 24. November bis spätestens 6. Dezember 2025 läuft die Sonderjagd auf Rothirsche.
Sie ist kein Notfallinstrument mehr, sondern ein fest eingeplanter Teil der Rotwildbewirtschaftung.
Die Regeln sind klar: Teilnehmen darf, wer im selben Jagdjahr ein Hirschpatent gelöst und sich fristgerecht angemeldet hat. In den Wildräumen, in denen die jagdplanerischen Ziele nicht erreicht wurden, gibt es zusätzliche Freigaben. Der Fokus liegt auf weiblichen Tieren und Jungtieren, also genau jenen, die für die Bestandsentwicklung entscheidend sind.
Die Zahlen der letzten Jahre zeigen, wie sehr diese Sonderjagden zum Standard geworden sind. 2023 wurden im Kanton Bern über 1’000 Rothirsche geschossen. Ein Drittel des Bestandes, wie die Behörden zufrieden melden. Unter den 1’047 Tieren waren 133 Hirschkühe und Jungtiere allein aus der Sonderjagd. Dazu kamen noch Abschüsse durch die Wildhut.
Offiziell heisst das «Regulationsauftrag erfüllt». Aus Sicht des Tierschutzes ist es ein Jagdregime, das Schritt für Schritt die Schwelle senkt, wie tief in Wildtierpopulationen eingegriffen wird und in welchen Jahreszeiten das noch als akzeptabel gilt.
Wald Wild Lebensraum 2040 – Strategie oder Vorwand?
Politischer Überbau dieser Intensivjagd ist die Berner Strategie «Wald Wild Lebensraum 2040». Sie verspricht, das angeblich gestörte Gleichgewicht zwischen Wald und Wild wieder ins Lot zu bringen.
Liest man genauer, wird deutlich:
- Die Jagdplanung wird so umgebaut, dass mehr Abschüsse, insbesondere von weiblichen Tieren bei Reh, Gämse und Hirsch, explizit als Ziel festgeschrieben sind.
- Waldeigentümer sollen finanziell unterstützt werden, wenn sie auf natürliche Verjüngung setzen.
- Parallel werden Wildschadenmassnahmen ausgebaut.
In der öffentlichen Kommunikation klingt das nach moderner Waldpolitik. Doch der Kern bleibt: mehr Kugeln, nicht mehr Konzept. Denn zentrale Fragen werden elegant ausgeblendet:
- Was richten Forstwirtschaft, Hobby-Jagd, Tourismus, Pistenbau und Erschliessungen an den Lebensräumen an?
- Wie stark verschiebt ständiger Jagddruck die Tiere, sodass sie sich in wenigen Restrefugien konzentrieren und dort Waldverjüngung sichtbar leiden kann?
- Welche Rolle könnten Beutegreifer wie Wolf und Luchs in einem ernst gemeinten Ökosystemansatz spielen?
Statt solchen systemischen Fragen steht wieder das Bild vom «zu vielen Wild», das man herunterregulieren müsse.
Stress, Schüsse, soziale Brüche
Aus Tierschutzsicht ist besonders problematisch, wie die Sonderjagd organisiert ist. Im Spätherbst, wenn Hirsche und Rehe eigentlich Energie sparen müssten, werden sie erneut mit Treibern, Hunden und Schüssen konfrontiert.
Bekannt ist aus der Wildtierbiologie:
- Drück- und Treibjagden verursachen massiven Stress, hohes Verletzungsrisiko und Flucht über grosse Distanzen, mit entsprechendem Energieverlust.
- Beim Abschuss von Muttertieren können Kälber und Kitze zurückbleiben, die zwar manchmal noch erlegt werden, oft aber geschwächt in den Winter gehen.
- Eingriffe in die Alters- und Geschlechterstruktur stören das Sozialgefüge einer Population, was sich langfristig auch auf Verhalten und Raumverteilung auswirkt.
Die Berner Sonderjagd setzt hier besonders tief an: Zielkategorie ist Kahlwild, vielfach in steilem Gebirge, bei Schnee, schlechter Sicht und entsprechend hoher Fehlabschussgefahr.
Die Jagdbehörden verweisen auf Ausbildung, Prüfungen und statistisch akzeptable Nachsuchquoten. Tierethisch bleibt die Frage, ob ein Hobby überhaupt das Recht haben sollte, derart tief ins Leben frei lebender Tiere einzugreifen.
Blick ins Wallis: Sonderjagd durch die Hintertür
Der Vergleich mit dem Kanton Wallis zeigt: Die Grundlogik ist ähnlich, nur die Verpackung unterscheidet sich.
Auch im Wallis werden hohe Abschussziele vorgegeben. 2025 wurden in der Hochjagd 1’415 Hirsche erlegt, geplant waren 1’650.
Die rechtliche Grundlage formuliert es klar:
Wenn die ordentliche Jagd den geplanten Abschuss nicht erreicht, ist der Wildhutdienst beauftragt, die notwendigen ergänzenden Abschüsse des Hirschs vorzunehmen.
Statt Hobby-Jäger mit Sonderjagd wie in Bern kommen im Wallis also Wildhüter zum Zug, wenn der Plan nicht erfüllt ist. In der Vergangenheit wurden in Medienberichten dazu «tirs complémentaires» und «chasse spéciale» angekündigt, sobald die Hochjagd zu wenig Hirsche brachte.
Für 2025 ist eine solche zusätzliche Sonderjagd auf Hirsche für Hobby-Jäger nicht geplant.
Aus jagdkritischer Sicht ist das Problem damit nicht gelöst, sondern nur verschoben:
- Der politische Druck auf «Bestandsreduktion» bleibt.
- Statt eine Jagdpolitik zu hinterfragen, die den Wald vor allem durch Kugeln schützen will, verschiebt man die Verantwortung auf staatliche Wildhüter.
- Wildtiere bleiben Objekte eines Plansolls, nicht eigenständige Mitbewohner eines Ökosystems.
Mehr Konzept heisst: Lebensräume, Beutegreifer, Ruhe
Was wäre eine Alternative zu immer neuen Jagdoffensiven wie der Berner Sonderjagd oder den Walliser «tirs complémentaires»?
Aus Sicht eines zeitgemässen Wildtierschutzes wären mindestens vier Schritte nötig:
- Lebensraum zuerst
Waldumbau, Strukturvielfalt, weniger Erschliessung, Ruheräume. Wildschaden entsteht oft, weil Tiere in wenige, gestörte Restflächen gedrängt werden. - Beutegreifer ernst nehmen
Wolf und Luchs könnten einen Teil der Regulierung übernehmen, wenn sie nicht politisch permanent geschwächt würden. Im Wallis etwa wird parallel «proaktive Wolfsregulierung» ausgeübt, statt zu analysieren, wie Beutegreifer unterstützt werden können. - Wildhüter statt Hobby-Jäger
Wo Eingriffe nötig sind, könnten gezielte Eingriffe durch professionelles Personal unter klaren Tierschutzstandards die riskanten Massenevents der Hobby-Jagd ersetzen. - Transparenz über Ziele und Folgen
Offene Daten zu Abschussplänen, Waldzustand, Störungen durch Tourismus und Hobby-Jagd, Rolle der Landwirtschaft. Solange der Waldschaden reflexartig dem «zu vielen Wild» zugeschrieben wird, bleibt jede Debatte schief.
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- Der Konflikt zwischen Forstwirtschaft, Jagd und Wildtieren
Die Berner Sonderjagd ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein Symptom einer Jagdpolitik, die in der Sackgasse steckt. Statt die eigenen Widersprüche zu analysieren, verschärft man Abschussziele und erklärt Wildtiere zum Problemfall.
Das Wallis zeigt, dass man die gleiche Logik auch leiser fahren kann, mit Hochjagd plus ergänzenden Abschüssen. Für die Hirsche macht das keinen grundsätzlichen Unterschied. Entscheidend ist, ob eine Gesellschaft bereit ist, von der Frage «Wie schiessen wir genug?» zur Frage zu wechseln:
Wie schaffen wir Landschaften, in denen Wildtiere überhaupt wieder Platz haben – ohne dass jedes Kahlwild im November zum Planungsfehler wird?
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