30. Mai 2026, 17:19

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Kanton Schwyz öffnet erstmals Wildschweinjagd und trainiert Hobby-Jäger für den Abschuss von Beutegreifern

Mit den neuen Jagdbetriebsvorschriften 2026/27 weitet der Kanton Schwyz die Hobby-Jagd aus und bereitet Hobby-Jäger gezielt auf die Regulation von Beutegreifern vor.

Ab Herbst 2026 dürfen Hobby-Jäger im Kanton Schwyz erstmals Wildschweine erlegen.

Das Umweltdepartement hat die Jagdbetriebsvorschriften für das Jagdjahr 2026/27 verabschiedet und nimmt damit Schwarzwild neu in die Liste jagdbarer Tierarten auf. Wildschweine dürfen sowohl auf der Hoch- als auch auf der Niederwildjagd bejagt werden. Führende Bachen sollen laut den Vorschriften geschützt bleiben, die Jagd mit Flintenlaufgeschossen ist verboten.

Gleichzeitig wird der Jagddruck an anderer Stelle erhöht: Der bisherige Schontag am Mittwoch in der ersten Woche der Hochwildjagd entfällt, und für die Gamsjagd sind in bestimmten Zählkreisen neu bis zu drei Abschüsse pro Hobby-Jäger zulässig.

Hobby-Jäger sollen Beutegreifer regulieren

Besonders bemerkenswert ist eine Massnahme, die in den Vorschriften fast beiläufig erwähnt wird: Der Kanton plant im Sommer 2026 drei regionale Schulungen für Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger im Hinblick auf eine mögliche spätere Einbindung der Jägerschaft in die Regulation von Beutegreifern. Die einmalige Teilnahme ist Voraussetzung für einen späteren Einsatz gemäss den Vorgaben des Bundesamts für Umwelt.

Das ist eine deutliche Weichenstellung: Der Kanton Schwyz trainiert systematisch eine Gruppe von Hobby-Jagd-Patentinhabern, um sie bei zukünftigen Abschüssen von Wölfen, Luchsen oder anderen Beutegreifern einzusetzen. Aus Sicht des Wildtierschutzes ist das eine bedenkliche Entwicklung. Beutegreifer erfüllen im Ökosystem unverzichtbare Funktionen, ihre Regulation durch Hobby-Jäger unterliegt einem grundlegenden Interessenskonflikt: Wer von der Abwesenheit von Wölfen profitiert, weil diese dieselben Wildtiere erbeuten, sollte nicht über deren Regulation entscheiden.

Wildschweine: Expansion ohne ökologische Grundlage

Für die Wildschwein-Öffnung liefert der Kanton keine wildbiologische Begründung. Abteilungsleiter Rinze Zgraggen erklärt, die Anpassungen erfolgten aus «Bundesrechtlichen Vorgaben, Anträgen der Jagdkommission oder Erkenntnissen aus Praxis und Wissenschaft» und das Ziel sei eine «möglichst einfache, verständliche und praxisnahe Jagd». Eine wissenschaftlich belegte Notwendigkeit für die Bejagung bleibt damit ungenannt.

Was die Vorschriften nicht erwähnen: Erstmals seit Jahrzehnten wurde der streng geschützte Fischotter im Kanton Schwyz nachgewiesen. Eine Art, die durch intensive Bejagung in der Vergangenheit aus weiten Teilen der Schweiz verschwand, kehrt schleichend zurück, während der Kanton gleichzeitig die Zahl jagdbarer Arten erhöht und den Abschussdruck insgesamt verstärkt.

Das Muster ist bekannt: mehr Arten, mehr Abschusstage, mehr Hobby-Jäger mit erweiterten Befugnissen. Was fehlt, ist die Gegenfrage, die die Jagdgesetzgebung in der Schweiz nach wie vor nicht stellt: Wozu dient die Hobby-Jagd auf Wildschweine ökologisch, und wer kontrolliert, ob die Regulierung tatsächlich notwendig ist?

Arktis überschreitet chemischen Kipppunkt: Nitratverlust bedroht die gesamte marine Nahrungskette

Eine neue Studie der University of Edinburgh zeigt, dass das schmelzende Meereis den wichtigsten Nährstoff für Plankton dauerhaft vernichtet, mit Folgen für Fische, Wale und das Klima.

Das schwindende Meereis der Arktis hat offenbar einen Schwellenwert überschritten, von dem es kaum mehr eine Rückkehr gibt.

Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der University of Edinburgh, die über 20 Jahre Messdaten aus der Framstrasse ausgewertet hat, dem Meereskorridor zwischen Grönland und Spitzbergen, durch den arktisches Wasser in den Atlantik fliesst.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Nitrat: ein Nährstoff, der für Plankton lebensnotwendig ist. Plankton wiederum bildet die Basis jeder marinen Nahrungskette. Ohne ausreichend Plankton fehlt Fischen, Seevögeln, Robben und Walen die Nahrungsgrundlage.

Mehr Licht, weniger Nährstoffe

Lange gingen Forschende davon aus, dass weniger Eis dem arktischen Ökosystem zugutekommen könnte: Mehr Sonnenlicht im Wasser fördere das Algenwachstum. Doch genau dieser Effekt kehrt sich ins Gegenteil. Die Messdaten zeigen einen deutlichen Wandel ab etwa 2009: Seitdem sinkt die Nitratkonzentration im Wasser kontinuierlich, zeitgleich mit der beschleunigten Eisschmelze.

Der Mechanismus dahinter ist bekannt als «benthische Denitrifikation»: Grössere Algenblüten entstehen durch das zusätzliche Sonnenlicht, sterben ab und sinken auf den Meeresboden. Beim Zersetzen durch Mikroben wird Sauerstoff verbraucht. In diesen sauerstoffarmen Zonen wandeln spezialisierte Mikroorganismen Nitrat in Stickstoffgas um, das dauerhaft aus dem Ökosystem verschwindet. Besonders betroffen sind flache Küstenregionen, die fast die Hälfte des Arktischen Ozeans ausmachen.

Folgen für Fische, Wale und das Klima

In nährstoffarmen Gewässern setzen sich kleinere Planktonarten durch, die weniger Energie für grössere Tiere in der Nahrungskette liefern. Das könnte mittelfristig Fischbestände, Seevögel, Robben und Wale im Nordatlantik empfindlich treffen, und damit auch die kommerzielle Fischerei.

Studienleiter Raja Ganeshram spricht deshalb von einem möglichen «Kipppunkt» im arktischen Ökosystem. Die Folgen reichen aber noch weiter: Plankton nimmt beim Wachstum CO2 aus der Atmosphäre auf. Weniger Plankton bedeutet eine geschwächte natürliche Klimabremse im Arktischen Ozean, gerade dort, wo der Klimawandel bereits am schnellsten voranschreitet.

Kaum umkehrbar

Was die Studie besonders beunruhigend macht: Solange das Meereis weiter verschwindet, dürfte sich diese Entwicklung nicht mehr rückgängig machen lassen. Die Arktis scheint sich dauerhaft von einem lichtlimitierten zu einem nährstofflimitierten Ökosystem zu verwandeln. Das ist eine grundlegende Verschiebung mit unabsehbaren Konsequenzen für Wildtiere, Fischerei und das globale Klima.

Deutschland genehmigt Trophäen-Importe auf Rekordniveau – kein einziger Antrag abgelehnt

679 Einfuhrvorgänge, kein einziger abgelehnt: Deutschland bleibt zentraler Absatzmarkt für Jagdtrophäen international geschützter Arten. Pro Wildlife fordert einen sofortigen Importstopp.

Deutschland bleibt ein zentraler Absatzmarkt für Jagdtrophäen international geschützter Arten.

Das zeigen neue Zahlen der Bundesregierung, die Pro Wildlife am 29. Mai 2026 veröffentlicht hat: Allein 2025 wurden 679 Einfuhrvorgänge für Jagdtrophäen nach Deutschland registriert – darunter 209 Bergzebras, 60 Giraffen, 28 Löwen, 21 Amerikanische Schwarzbären, 20 Afrikanische Elefanten, sechs Breitmaulnashörner und ein Eisbär. In den vergangenen zehn Jahren summieren sich die Importe auf 6.422 Einfuhrvorgänge.

Besonders alarmierend: In den letzten drei Jahren wurde kein einziger Antrag auf Einfuhrgenehmigung abgelehnt.

Löwen aus Gatterjagd: Gezüchtet für den Abschuss

Besonders deutlich wird das Problem bei Löwen aus Südafrika: 2025 stammten 96,2 Prozent der nach Deutschland eingeführten Löwentrophäen aus Zuchtfarmen – also aus jenem System, das international als Gatterjagd («canned hunting») kritisiert wird. In umzäunten Arealen werden an Menschen gewöhnte Tiere ohne Fluchtmöglichkeit für Trophäen getötet. Pro Wildlife beschreibt das als kommerzielle Produktion von Löwen für den Abschuss – kein Artenschutz, sondern Ausbeutung unter schlechten Haltungsbedingungen und mit Inzucht.

Bundesregierung bleibt Antworten schuldig

Die neuen Zahlen offenbaren erhebliche Lücken in der behördlichen Kontrolle. Der Bundesregierung ist nach eigenen Angaben unbekannt, dass Jagdlobbyorganisationen wie «Conservation Force» an der Erstellung von Populationsmanagementplänen für Elefanten und Leoparden sowie an Unbedenklichkeitsgutachten in Botswana beteiligt sind – obwohl diese Dokumente die Grundlage für Trophäenexporte bilden.

Auch die ökonomische Rechtfertigung der Trophäen-Hobby-Jagd steht auf wackeligen Beinen: Die Bundesregierung hat keine Erkenntnisse dazu, wie sich Einnahmen zwischen Jagdfarmbesitzern, Vermittlern und lokalen Gemeinschaften aufteilen. Ebenso unbekannt ist ihr, wie die lokale Bevölkerung in den Herkunftsländern die Trophäen-Hobby-Jagd tatsächlich bewertet.

Kontrollversagen auch bei EU-geschützten Arten

Kritisch ist zudem die Vermarktung von Trophäenjagden auf nach EU-Recht geschützte Arten wie Braunbären, insbesondere in Rumänien und Kroatien. Wegen offener Binnengrenzen werden entsprechende Transporte innerhalb der EU nicht erfasst. Pro Wildlife spricht von einem eklatanten Kontrollversagen: Ausgerechnet bei streng geschützten EU-Arten werden weder Importzahlen erhoben, noch gilt deren Vermarktung als Problem.

Pro Wildlife fordert Importstopp

Pro Wildlife fordert ein Importverbot für Jagdtrophäen bedrohter und international geschützter Arten, einen Einfuhrstopp für Trophäen gezüchteter Löwen sowie ein Verbot der Vermarktung entsprechender Jagdreisen auf Messen und im Internet. Deutschland soll sich zudem auf EU-Ebene für einheitliche strengere Regeln einsetzen.

Was in Deutschland auf Rekordniveau läuft, betrifft auch die Schweiz: Wer Trophäen-Hobby-Jagd als harmlose Tradition verteidigt, ignoriert, was hinter den Abschusspaketen steckt. Mehr zur Kriminalität rund um die Hobby-Jagd und zu den Tierrechten auf dieser Plattform.

Wolf am Zürichsee: Was die Sichtung in Hombrechtikon bedeutet

Am rechten Zürichseeufer wurde Ende Mai ein möglicher Wolf gesichtet. Gleichzeitig zeigt der neue BAFU-Bericht: Die Schweiz zählt heute 40 Rudel, und das Wachstum der Population lässt sich durch präventive Regulierung nur bremsen, nicht stoppen.

Ende Mai meldete der kantonale Wolfs-Warndienst eine Sichtung in Hombrechtikon am rechten Zürichseeufer.

Es sei «nicht auszuschliessen», dass es sich um einen Wolf handle. Nutztierhaltende sollen Herdenschutzmassnahmen einleiten. Die Meldung ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die der Bund in Zahlen gefasst hat.

77 erlegte Wölfe, 40 Rudel

Am 18. Mai 2026 veröffentlichte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) seinen Bericht zur dritten präventiven Regulierungsperiode. Bislang haben die Kantone den Wolfsbestand dreimal präventiv reguliert. Für die letzte Regulierungsphase stimmte das BAFU der Regulierung von ungefähr 115 Wölfen zu, die zum Abschuss von 77 Wölfen führten.

Das Ergebnis ist nüchtern: Das exponentielle Wachstum des Bestandes scheint gebremst zu werden, doch die Anzahl der Rudel steigt weiter an. Nach der Regulierungsperiode 2025/2026 wurden 30 vollständig in der Schweiz lebende und 10 grenzüberschreitende Rudel gezählt.

Im Monitoringjahr 2025/26 wurde in der Schweiz die Präsenz von 43 Rudeln bestätigt, zwei mehr als im vorangegangenen Monitoringjahr.

Regulierung mit Hobby-Jäger-Beteiligung

Was politisch selten offen ausgesprochen wird: Im Wallis dürfen Hobby-Jäger bei der Wolfsregulierung mitwirken. Der Kanton Wallis hat sich für einen erneuten Einbezug der Jägerschaft für die proaktive Wolfregulierungsperiode 2025/2026 ausgesprochen. Jäger, welche im Besitz einer gültigen Regulierungsbewilligung sind, dürfen in den entsprechenden Regulierungsperimetern Wölfe erlegen. Anfang Mai wurde diese Praxis konkret: Am 3. Mai 2026 wurde in der Gemeinde Staldenried ein Wolf erlegt.

Was der Bericht nicht beantwortet

Der BAFU-Bericht hält fest, dass die Regulierung «wirkt». Gleichzeitig wächst die Anzahl der Rudel von Jahr zu Jahr. Die Frage, ob bremsen genüge, um den Bestand dauerhaft im Griff zu haben, bleibt offen. Die Gruppe Wolf Schweiz hält zudem fest, dass Risse bereits zurückgingen, bevor erstmals präventiv Wölfe abgeschossen wurden. Ob die Regulierung oder der ausgebaute Herdenschutz dafür verantwortlich ist, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht eindeutig ableiten.

Eine Sichtung am Zürichsee passt in dieses Bild: Der Wolf breitet sich aus, mit oder ohne Regulierung. Wer mehr über Beutegreifer in der Schweiz und die politischen Instrumente dahinter erfahren möchte, findet auf dieser Plattform Hintergründe, Fakten und eingeordnete Quellen. Auch das Thema Jagdgesetz und die Rolle der Hobby-Jagd im Wildtiermanagement werden dort ausführlich behandelt.

Die Wildkatze kehrt ins Schweizer Mittelland zurück

Einst fast ausgerottet, breitet sich die Europäische Wildkatze heute vom Jura ins Mittelland aus. KORA hat im Winter 2026 erstmals Tiere im Kanton Waadt besendert. Die neue Bedrohung heisst Hauskatze.

Sie ist nachtaktiv, extrem scheu und kaum je zu sehen. Wer im Jura oder im Aargauer Mittelland nachts eine streunende Katze beobachtet, hat vielleicht eine der seltensten Wildkatzen Europas vor sich: die Europäische Wildkatze, Felis silvestris. Im 18. Jahrhundert wurde sie zum Schädling erklärt und gejagt. In ganz Europa wurde die Population drastisch dezimiert. In der Schweiz galt sie zeitweise als ausgerottet. Heute streift sie wieder durch unsere Wälder und ist ins Mittelland zurückgekehrt.

GPS-Sender im Kanton Waadt

Im Rahmen des Wildkatzenprojekts wurden im Winter 2026 Wildkatzen im Kanton Waadt für wissenschaftliche Zwecke mit GPS-Sendern ausgestattet. Ziel des Projekts ist es, mehr über die Ausbreitung der Wildkatze im Mittelland, die Hybridisierung und den Gesundheitszustand der Wildkatzen herauszufinden.

Einzelne Tiere werden mit GPS-Halsbändern ausgestattet, um ihre Bewegungen und Habitatwahl detailliert nachverfolgen zu können. Im Rahmen des Fangs und der Sendermarkierung werden alle Individuen von Tierärztinnen des FIWI der Universität Bern untersucht und beprobt.

Bestand verdoppelt, aber gefährdet

Die Zahlen klingen zunächst ermutigend: Das Vorkommen der Wildkatze im Schweizer Jura hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Bei der Ersterhebung 2008/2010 waren 15 Prozent der Flächen im Jura von Wildkatzen besetzt, bei der Zweiterhebung 2018/2020 waren es 31 Prozent. Der Bestand wird auf über 1000 Individuen geschätzt.

Trotzdem gilt sie als potenziell gefährdete Art und ist seit 1962 geschützt. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Wildkatzen in der Schweiz im Jura zu finden ist, hat die Art in letzter Zeit einige neue Regionen besiedelt.

Das Hybridisierungsproblem

Mit der Ausbreitung ins Mittelland wächst eine Gefahr, die schwerer zu lösen ist als Bejagung oder Lebensraumverlust: die Kreuzung mit Hauskatzen. Der Hybridenanteil in der Wildkatzenpopulation liegt aktuell bei 15 Prozent. Es ist denkbar, dass die Hybridisierung in Zukunft zunehmen wird, weil sich die Wildkatze Richtung Mittelland ausbreitet und dort auf besonders viele Hauskatzen trifft.

Hybride Nachkommen sind fruchtbar und sehen der Wildkatze äusserlich sehr ähnlich. Nur genetische Analysen können sie zuverlässig unterscheiden. Was auf den ersten Blick wie eine Erfolgsgeschichte wirkt, ist auf den zweiten ein Wettlauf zwischen Ausbreitung und genetischer Verwässerung.

Die Wildkatze ist ein geschützter Beutegreifer ohne natürliche Feinde in der Schweiz. Ihre grösste Bedrohung ist nicht die Hobby-Jagd, sondern die fragmentierte Kulturlandschaft und die Hauskatze. Dass KORA im Winter 2026 erstmals GPS-Daten aus der Waadt sammelt, ist ein Zeichen dafür, dass die Forschung mit der Ausbreitung Schritt halten will. Ob das gelingt, werden die nächsten Jahre zeigen.

Der Igel: Tier des Jahres 2026, beliebt und auf der Roten Liste

Pro Natura hat den Braunbrustigel zum Tier des Jahres 2026 gewaehlt. In den letzten zehn Jahren ist die Igelzahl in Westeuropa um bis zu 33 Prozent zurueckgegangen. In der Schweiz gilt er seit 2022 als potenziell gefaehrdet.

Kaum ein Wildtier geniesst in der Schweiz so viel Zuneigung wie der Igel.

Trotzdem findet der Braunbrustigel Unterschlupf und Nahrung in weiten Teilen der landwirtschaftlich genutzten Gebiete kaum mehr. Deshalb lebt er heute vor allem in locker überbauten Bereichen unserer Dörfer und Staedte.

Pro Natura hat den Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) am 5. Januar 2026 zum Tier des Jahres erklärt. Nicht weil es ihm gut geht, sondern weil er Hilfe braucht.

Rückgang bis zu 33 Prozent

Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist die Anzahl der westeuropäischen Igel je nach Land zwischen 16 und 33 Prozent zurückgegangen. In Flandern in Belgien und in Bayern sogar um 50 Prozent. In der Schweiz steht der Igel seit 2022 auf der Roten Liste als potenziell gefährdet. 2024 stufte auch die Weltnaturschutzunion IUCN ihn als bedroht ein.

Die Ursachen sind bekannt: Intensivierung der Landwirtschaft, Strassen und Stadtentwicklung zerstören den Lebensraum. Hinzu kommt, dass Igel in der Regel nur einmal pro Jahr Nachwuchs bekommen. Wer stirbt, wird nicht rasch ersetzt.

Mähroboter, Autos, Schottergraerten

Im Siedlungsraum lauern andere Gefahren: Autos auf nächtlichen Wanderrouten, fehlende Laubhaufen für den Winterschlaf, Mähroboter, die nachts arbeiten. Schottergärten bieten weder Unterschlupf noch Nahrung. Eingezäunte Gärten ohne Durchschlupf schneiden den Igel von seinem Streifgebiet ab, das mehrere Hektar umfassen kann.

Was jetzt hilft

Pro Natura ruft dazu auf, Gärten, Grünanlagen, Friedhöfe und Parks igelfreundlich zu gestalten. Wer Igel fördert, hilft auch Insekten, Siebenschläfern, Zaunkönigen und vielen anderen Arten. Im März 2026 lancierte Pro Natura die Aktion Bonjour Nature mit Gartenberatungen und Zertifizierungen für naturnahe Gaerten.

Der Igel ist kein Opfer der Hobby-Jagd. Er ist ein Opfer der Art, wie wir unsere Landschaft und unsere Gärten gestalten. Wer mehr darüber erfahren möchte, wie der Mensch in Wildtierlebensräume eingreift, findet auf dieser Plattform Hintergründe zu Wildtieren in der Schweiz und zur Umwelt- und Naturschutzpolitik.

Luchs Juro schwimmt vom Schwarzwald in die Schweiz

Erstmals dokumentiert: Ein GPS-besenderter Luchs quert den Rhein bei Laufenburg und streift durch die Kantone Baselland, Aargau und Solothurn. Die Wanderung zeigt, wie dringend intakte Wildtierkorridore gebraucht werden.

In den frühen Morgenstunden eines Märztages schwamm Luchs Juro durch den Rhein bei Laufenburg und betrat Schweizer Boden.

Was für den zweijährigen Luchskuder wohl Routine war, ist für die Wildtierforschung ein bedeutender Moment: Erstmals konnte das Luchsmonitoring der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg per GPS-Daten verfolgen, wie ein Luchs vom Südschwarzwald in die Schweiz wandert.

Nach der Rheinquerung wanderte Juro bis in die Ausläufer des Juragebirges. Er durchstreift seither die Kantone Baselland, Aargau und Solothurn, kehrt aber auch immer wieder in die Nähe des Rheins zurück.

Der wahrscheinliche Grund für die Reise ist biologischer Natur: Auf der Suche nach einer Partnerin hat Luchs Juro in der Ranzzeit den Südschwarzwald verlassen. Er überquerte im März den Rhein bei Laufenburg, sehr wahrscheinlich um sein Glück in dem Land zu suchen, aus dem das zweijährige Tier einst zugewandert sein könnte.

Ein Korridor unter Druck

Die Wanderung wirft Licht auf ein strukturelles Problem. Das Hochrheintal zwischen Schwarzwald und dem Schweizer Jura ist eine Barriere, die wandernde Wildtiere einschränkt. Es gibt nur noch wenige unverbaute Abschnitte des Rheins, die eine Querung in und aus der Schweiz ermöglichen. Und auch sie verengen sich immer weiter durch Bauvorhaben.

Auf seinem Weg in die Schweiz querte Juro bei Binzen zweimal die A98 und in Bad Säckingen die B34. Die Daten zeigen, welche Wildtierkorridore genutzt werden und in welchen weiteren Bereichen Korridore oder Grünbrücken notwendig sind.

Für KORA-Expertin Kristina Vogt ist der genetische Austausch zwischen den Populationen entscheidend: Die Luchsbestände im Schwarzwald sind Teil der Oberrheinischen Luchsmetapopulation. Ein Austausch zwischen den Schweizer und den Baden-Württembergischen Luchsvorkommen sei unerlässlich, um eine stabile Luchspopulation im Dreiländereck zu etablieren.

Kommt Juro zurück?

Ob der Luchskuder in der Schweiz ein Revier und ein Weibchen findet oder in den Südschwarzwald zurückkehrt, ist laut FVA offen. Da es sich wahrscheinlich um eine Ranz-Wanderung handelt, sei eine Rückkehr denkbar. Erst wenn er sechs Monate nicht mehr nachgewiesen werden kann, gilt er nicht mehr als sesshaft.

In Baden-Württemberg werden unterdessen aktiv weibliche Luchse ausgewildert, um die Population zu stärken. Bis zu zehn möglichst weibliche Luchse sollen im Schwarzwald ausgewildert werden. Das Projekt wird seit 2023 durch die FVA in enger Zusammenarbeit mit dem Landesjagdverband Baden-Württemberg, dem WWF und dem Zoologischen Garten Karlsruhe umgesetzt.

Juro liefert derweil wertvolle Daten, auch wenn er es selbst nicht weiss. Was die Beutegreifer in der Schweiz für ihr Überleben brauchen, ist kein Mitleid, sondern Raum: durchlässige Landschaften, unverbaute Rheinufer, funktionierende Korridore. Juro zeigt, dass es diese Wege noch gibt. Und wie schmal sie geworden sind.

Jagdverbot im Test: Warum diese 10 europäischen Schutzgebiete ohne Hobby-Jäger florieren

Auf 2'587 km² reguliert sich die Natur ohne Abschussquoten. Daten aus zehn Grossschutzgebieten liefern den Beweis.

2’587 Quadratkilometer, zehn Länder, ein Befund: Wo die Hobby-Jagd verboten ist, reguliert sich die Natur selbst.

Wissenschaftliche Langzeitstudien aus europäischen Grossschutzgebieten zeigen, was passiert, wenn der Mensch sich zurückzieht. Wer die Hobby-Jagd infrage stellt, erntet von Jagdverbänden meist apokalyptische Prophezeiungen. Die Daten aus zehn Grossschutzgebieten in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien zeigen ein anderes Bild.

Wir haben die Daten analysiert.

Das Ergebnis: Auf einer Gesamtfläche von 2’587 Quadratkilometern – einer Fläche dreimal so gross wie Berlin – reguliert sich die Natur erfolgreich selbst.

Die Pioniere: Genf und der Schweizerische Nationalpark

Das bekannteste Beispiel liegt in der Westschweiz. Seit die Bevölkerung des Kantons Genf 1974 die Hobby-Jagd per Volksentscheid verbot, hat sich das Gebiet (282 km²) in ein Naturparadies verwandelt. Entgegen allen Warnungen explodierten die Wildbestände nicht. Rehe regulieren ihre Geburtenraten ganz natürlich nach dem Nahrungsangebot. Der fast ausgerottete Feldhase feiert hier Rekorddichten, und die Tiere haben ihre unnatürliche Scheu verloren. Sie sind wieder tagaktiv und für Menschen erlebbar.

Noch länger pausieren die Gewehre im Schweizerischen Nationalpark in Graubünden. Seit über 110 Jahren (Gründung 1914) herrscht hier auf 170 Quadratkilometern absolute Jagdfreiheit. Das älteste Schutzgebiet der Alpen beweist empirisch, dass sich Hirsch- und Gamsbestände über harte Winter und dichteabhängige Faktoren selbst gesund halten.

Deutschland und Österreich: Prozessschutz statt Trophäenjagd

In den grossen deutschen Nationalparks wie dem Bayerischen Wald (249,5 km²) und dem Hainich (75 km²) wird das Prinzip „Natur Natur sein lassen“ konsequent gelebt. Im Hainich ist die Jagd auf über 90 Prozent der Fläche komplett verboten. Das Resultat? Eine der höchsten Dichten der vom Aussterben bedrohten europäischen Wildkatze, die für die Jungenaufzucht die absolute Ruhe ungestörter Totholzwälder braucht. Im Bayerischen Wald wiederum zeigt sich, dass nach dem Jagdstopp die Rückkehr von Luchs und Wolf die natürliche Prädation fehlerfrei übernimmt.

Jagdverbände verweisen regelmässig auf Verbissschäden als Argument für Abschüsse. Die Bestandsdaten aus den Kalkalpen zeigen jedoch eine andere Dynamik: Auf 75 Prozent der jagdfreien Fläche verjüngt sich der Wald nachweislich besser als in vergleichbaren bejagten Gebieten. Die Forschung erklärt das mit verändertem Raumnutzungsverhalten. Wild, das keinem permanenten Jagddruck ausgesetzt ist, bewegt sich gleichmässiger durch das Gelände und konzentriert sich nicht auf enge Dickichtbereiche.

Kommentar der Redaktion: Das Argument, Rehe müssten zwingend geschossen werden, um den Wald zu retten, lässt sich mit den Kalkalpen-Daten nicht mehr aufrechterhalten.

Ähnliche Muster zeigen sich im Nationalpark Berchtesgaden (210 km²), wo das Wild im jagdfreien Hochgebirge deutlich geringeren Verbissdruck auf die Waldverjüngung ausübt, sowie im Nationalpark Kellerwald-Edersee (76,9 km²), wo sich die Buchenwaldböden seit Einführung der vollständigen Jagdruhe nachweislich erholen.

Italien: Alpine Wildnis in Perfektion

Die grössten zusammenhängenden jagdfreien Flächen unserer Liste liegen in Italien. Der Nationalpark Gran Paradiso (703,2 km²) verbietet jegliche Jagd seit 1922. Zusammen mit dem Nationalpark Belluno-Dolomiten (315,1 km²) bilden sie gigantische Reviere der Selbstregulation. Hier wird deutlich: Wildtiere passen ihr Verhalten und ihre Fortpflanzung präzise an das Ökosystem an – ganz ohne künstliche Abschussquoten.

Schutzgebiet (Land) Fläche (ha) Fläche (km²) Jagdstatus / Effekt
Nationalpark Gran Paradiso (IT) 71’044 703.2 Absolutes Jagdverbot seit 1922. Tiere verloren unnatürliche Scheu.
Nationalpark Belluno-Dolomiten (IT) 31’512 315.1 Striktes Verbot. Bestände regulieren sich über Klima und Nahrung.
Kanton Genf (CH) 28’249 282.5 Hobby-Jagdverbot seit 1974. Feldhasen-Dichten auf Rekordniveau, Artenvielfalt deutlich erholt.
Nationalpark Bayerischer Wald (DE) 24’945 249.5 Jagdfreie Kernzonen. Luchs und Wolf übernehmen die Prädation.
Nationalpark Berchtesgaden (DE) 21’000 210.0 Jagdverbot im Hochgebirge. Weniger Waldverbiss durch entspanntes Wild.
Nationalpark Kalkalpen (AT) 20’856 208.6 75 % der Fläche jagdfrei. Hervorragende, natürliche Waldverjüngung.
Schweizerischer Nationalpark (CH) 17’030 170.3 Totale Jagdfreiheit seit 1914. Huftiere stabilisieren sich biologisch.
Nationalpark Donau-Auen (AT) 9’600 96.0 Jagdfreie Kernzonen. Weniger Wildstress bei Hochwasserkatastrophen.
Nationalpark Kellerwald-Edersee (DE) 7’688 76.9 Vollständige Jagdruhe. Erholung der wertvollen Buchenwaldböden.
Nationalpark Hainich (DE) 7’500 75.0 90 % jagdfrei. Rückzugsort und Rekorddichte für die scheue Wildkatze.
TOTAL 259’428 2’587.2 Europäischer Beweis: Natur braucht keine Hobby-Jäger!

Die Natur braucht den Denkmalschutz – nicht den Hobby-Jäger

Die zusammengetragenen Fakten entziehen der Hobby-Jagd jegliche ökologische Rechtfertigung. Wenn auf fast 2’600 Quadratkilometern mit völlig unterschiedlichen Lebensräumen – von alpinen Höhenlagen über dichte Buchenwälder bis hin zu urbanen Kulturlandschaften – das System ohne Gewehre blendend funktioniert, stellt sich eine fundamentale Frage:

Warum halten Politik und Behörden im Rest des Landes weiterhin an einem veralteten, blutigen Hobby fest?

Diese zehn Schutzgebiete sind kein Experiment mehr. Sie liefern auf fast 2’600 Quadratkilometern und über Jahrzehnte hinweg konsistente Daten: Wildbestände regulieren sich ohne Abschussquoten stabil. Lebensräume erholen sich. Beutegreifer kehren zurück und übernehmen ökologische Funktionen.

Kommentar der Redaktion: Wenn Politik und Behörden diese Evidenz ignorieren und die Hobby-Jagd auf öffentlichem Land weiterhin als Naturschutzinstrument bezeichnen, ist das keine fachliche, sondern eine politische Entscheidung.