10. Mai 2026, 12:07

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10-Millionen-Schweiz: Was Wildtiere dazu sagen würden

Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweiz über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP ab, doch eine Stimmgruppe wird im Abstimmungskampf wie immer überhört: die heimische Tierwelt.

Die nüchternen Zahlen lassen wenig Spielraum für Beschwichtigungen.

Jährlich verschwinden in der Schweiz rund 17,6 Quadratkilometer Boden unter Asphalt, Beton und Gebäuden. Das entspricht knapp sieben Fussballfeldern pro Tag. Die Siedlungsfläche wuchs zwischen 1985 und 2018 um 31 Prozent, die Wohnareale sogar um 61 Prozent. Gleichzeitig gingen in derselben Periode rund 1’143 Quadratkilometer Landwirtschaftsfläche verloren, also über sieben Prozent.

Die ständige Wohnbevölkerung lag Ende 2025 bei rund 9,1 Millionen Personen. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist sie um etwa 1,7 Millionen Menschen gewachsen, hauptsächlich durch Zuwanderung. Die jährliche Nettozuwanderung entspricht in starken Jahren der Einwohnerzahl einer Stadt wie Luzern.

Eingezäunte Berge bis über die Waldgrenze

Während im Tal Quadratmeter um Quadratmeter verbaut wird, verschiebt sich der Druck ins Gebirge. Dort wartet eine andere Realität: Sömmerung und Hobby-Schafhaltung haben weite Teile der Alpweiden in eingezäunte Parzellen verwandelt, vielerorts bis über die Waldgrenze hinaus. Wo Schaf- und Rinderherden weiden, ist für Gämsen, Steinböcke und Hirsche oft kaum noch Platz oder Nahrung. Krankheiten können von Nutz- auf Wildtiere überspringen.

Selbst Pro Natura, eine Organisation mit traditionell wohlwollender Haltung gegenüber der Alpwirtschaft, hält in einer Einordnung von 2024 fest: Oberhalb der Waldgrenze, wo die Mehrzahl der Schafe gesömmert wird, gibt es keinen einwachsenden Wald, den es durch Beweidung zurückzuhalten gälte. Das ökologische Hauptargument für die Bestossung mit Nutztieren entfällt damit in der Höhenstufe, in der die Konflikte mit Wildtieren am grössten sind. Das gute Gras gehört per Konvention den Nutztieren. Die Wildtiere weichen aus, in steilere Hänge, in Wälder, in Lebensräume, die für sie suboptimal sind.

Wildtierkorridore: zwei Drittel beschädigt oder unterbrochen

Was am Boden eingezäunt wird, ist in der Fläche zerschnitten. Von den überregionalen Wildtierkorridoren der Schweiz ist nur noch rund ein Drittel intakt. 16 Prozent gelten als vollständig unterbrochen. Im dicht besiedelten Mittelland beträgt die durchschnittliche Maschenweite, also die Grösse zusammenhängender Flächen, gerade noch 2,7 Quadratkilometer. Allein zwischen 2014 und 2020 hat sich diese Zerschneidung um weitere sieben Prozent verschärft. Für Arten, die saisonal wandern, von Amphibien bis zum Rothirsch, ist das eine schleichende Katastrophe.

Der Bund subventioniert diese Entwicklung aktiv mit. Im Jahr 2024 identifizierte er rund zwölf Milliarden Franken an direkten Subventionen, die der Biodiversität schaden. Verteilt auf Landwirtschaft, Verkehr, Siedlung und Energieproduktion.

Vier Prozent für die Wildtiere

Wer das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Natur verstehen will, muss nicht zählen. Wiegen reicht. Eine in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» publizierte Untersuchung von Bar-On, Phillips und Milo aus dem Jahr 2018, fortgeschrieben durch Greenspoon und Kollegen 2023, zeigt ein eindeutiges Bild. Auf der gesamten Erde stellen wilde Säugetiere noch rund vier Prozent der globalen Säugetier-Biomasse. Den Rest teilen sich der Mensch mit rund 36 Prozent und seine Nutztiere mit rund 60 Prozent.

In absoluten Zahlen: Nutztiere kommen weltweit auf etwa 630 Millionen Tonnen, der Mensch auf rund 390 Millionen Tonnen, alle wilden Landsäuger zusammen auf etwa 22 Millionen Tonnen. Seit 1850 hat sich die globale Säugetier-Biomasse insgesamt vervierfacht. Nicht durch mehr Wildtiere, sondern durch mehr Vieh und mehr Menschen.

Die Schweiz ist von diesem Trend kein Sonderfall, sondern eine zugespitzte Variante. Auf engstem Raum wachsen Bevölkerung, Bautätigkeit und Nutztierbestände, während Wildtierhabitate schrumpfen, sich zerstückeln und in suboptimale Höhenlagen abgedrängt werden. Ein Verhältnis von 96 zu 4 ist keine gesunde ökologische Balance. Es ist ein Befund.

Was eine Begrenzung auf zehn Millionen bedeuten würde

Die Nachhaltigkeitsinitiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 zehn Millionen Menschen nicht überschreitet. Notfalls mit Massnahmen im Asylbereich, beim Familiennachzug oder durch Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU. Aus rein ökologischer Optik ist das Argument arithmetisch: weniger Menschen, weniger Druck auf Boden, Wasser und Lebensraum. Jeder nicht überbaute Quadratmeter bleibt verfügbar als Habitat, als Wasserspeicher, als Filter.

Mitte-Ständerätin Heidi Z’graggen begründete ihr angekündigtes Ja zur Initiative im April 2026 in der NZZ mit dem Befund, es sei «schon wahnsinnig, wie eng und dicht alles geworden ist». Diese Wahrnehmung teilen Wildtiere ohne Worte, aber mit täglichen Verhaltensänderungen.

Was Bundesrat und Parlament dagegenhalten

Bundesrat und Parlamentsmehrheit lehnen die Initiative ab. Sie warnen vor wirtschaftlichen Schäden, vor der Gefährdung des bilateralen Wegs mit der EU und der humanitären Tradition der Schweiz. Sie verweisen auf gezielte Massnahmen gegen die Folgen des Bevölkerungswachstums in Raumplanung, Verkehr und Bodenstrategie. Die erste SRG-Umfrage vom Mai 2026 zeigt ein Patt: 47 Prozent würden Ja stimmen.

Aus der Optik der Wildtiere ist das Stimmverhalten klar: Sie würden die Hand heben, wenn sie könnten. Die Frage ist nicht, ob sie es können. Die Frage ist, ob die Stimmberechtigten ihre Interessen mit auf den Stimmzettel nehmen.

Mehr zu Lebensraum, Selbstregulation und der Rolle des Menschen im Wildtiermanagement im Dossier Selbstregulation von Wildpopulationen.

Quellen

  • Bundeskanzlei, Erläuterungen zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», admin.ch, Stand Mai 2026
  • BAFU, Boden: Das Wichtigste in Kürze, sowie BAFU, Netto null beim Bodenverbrauch
  • BFS, Arealstatistik 1985 bis 2018, sowie BFS, Siedlungsflächen
  • Pro Natura, Der Wolf und die Biodiversität auf den Schweizer Alpen, eine Einordnung, 2024
  • Pro Natura, Der Landfrass in vier Zahlen, 2023
  • Forum Biodiversität Schweiz, Bericht 2026
  • Naturschutz.ch, Wie sieht es mit der Biodiversität in der Schweiz aus, April 2026
  • SRF, Erste SRG-Umfrage zu den Abstimmungen vom 14. Juni 2026
  • NZZ, Interview mit Heidi Z’graggen zur Nachhaltigkeitsinitiative, 25. April 2026
  • EJPD, Medienmitteilung Bundesrat zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», 16. März 2026

Tessin: Hobby-Jagd, Gewaltmonopol und der Faktor-4-Mythos

Im Hotel Coronado in Mendrisio versammelten sich am 9. Mai 2026 ganze 83 Delegierte aus 28 Jagdgesellschaften zur Jahrestagung der Federazione cacciatori ticinese (FCTI).

Bei rund 3000 Jagdausübenden im Kanton entspricht das einer Anwesenheitsquote von 2,7 Prozent.

Ein Verband, der für sich Identität und Tradition reklamiert, mobilisiert also nicht einmal jeden vierzigsten Hobby-Jäger zu seiner Hauptversammlung. Trotzdem setzte die FCTI an diesem Tag rhetorisch ein neues Logo, einen neuen Slogan und eine alte Erzählung in Szene. Claudio Zali, Direktor des Departements für Territorium, lieferte parallel das Eingeständnis, das den ganzen Auftritt entkleidet: Hobby-Jäger sollen künftig der «braccio armato dello Stato» werden, der bewaffnete Arm des Staates. Genau das wirft drei Fragen auf, die in Mendrisio nicht beantwortet wurden, und eine, die nicht einmal gestellt wurde.

Was Claudio Zali in Mendrisio wirklich sagte

Zali kündigte an, dass das geplante «Gruppo di supporto» künftig auch ausserhalb der Jagdzeit und mit denselben Mitteln wie die Wildhut auf Wölfe schiessen soll. Er sprach in diesem Zusammenhang offen davon, dass die Hobby-Jäger damit erneut «un po‘ il braccio armato dello Stato» seien. Er hoffe, dass sie diese Bürde übernähmen. Und er kündigte für die Wolfsregulierung «nuove regole d’ingaggio» an, also neue Einsatzregeln. Das ist nicht das Vokabular einer Hobby-Jagd, das ist polizeiliches und militärisches Vokabular, übersetzt auf eine Freizeitausübung mit Schusswaffe. Wer so spricht, beschreibt keine Tradition, sondern eine Auslagerung.

Die 365-Tage-Erzählung, die im Tessin keine Grundlage hat

Davide Corti versuchte, diesen Befund einzudämmen. Er erklärte, ein Hobby-Jäger sei heute eine Person, die sich «365 Tage im Jahr» um Territorium und Wild kümmere, sonst könne er in einem so restriktiven Regelwerk gar nicht operieren. Diese Aussage klingt nach Hege und Verantwortung. Sie hält der einfachsten juristischen Prüfung nicht stand.

Der Kanton Tessin kennt die Patentjagd, nicht die Revierjagd. Im Patentsystem gibt es keine privaten Reviere und keine Revierhalter mit Hegepflicht. Hobby-Jäger erwerben jährlich ein Patent, das ihnen während definierter Hochjagd- und Niederjagdzeiten den Abschuss bestimmter Arten erlaubt. Das war es. Eine ganzjährige territoriale Verantwortung aller Hobby-Jäger, wie Corti sie suggeriert, existiert in der Tessiner Rechtsordnung nicht. Der Lebensraum gehört dem Kanton, das Wild gehört niemandem, und das Wildtiermanagement ausserhalb der Jagdzeit liegt bei der staatlichen Wildhut.

Wer dennoch behauptet, 365 Tage im Jahr für «sein» Territorium und «seine» Wildtiere verantwortlich zu sein, beschreibt entweder eine Tätigkeit, die das Tessiner Recht nicht kennt, oder er verlagert sie in jenen Bereich, den der Strafgesetzgeber als Wilderei bezeichnet. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Die Rhetorik der ganzjährigen Hege ist aus der Revierjagd entliehen, wo sie ihre rechtliche Verankerung hat. Im Tessin ist sie ein Importmythos, der die Selbstbeschreibung der Hobby-Jagd aufhübschen soll, ohne durch Recht und Praxis gedeckt zu sein.

Corti spricht zugleich von «passione» als Kern der Tätigkeit und von 365-Tage-Verantwortung. Das ist ein logischer Bruch in einem einzigen Satz. Passion gehört zum Hobby, ganzjährige Verantwortung zum Beruf. Beides gleichzeitig zu reklamieren, ist Etikettenschwindel.

Wer angeblich 365 Tage im Jahr für Territorium und Wild Verantwortung trägt, sollte einmal jährlich den Weg zur Verbandsversammlung finden, um sich zu informieren und weiterzubilden. 97,3 Prozent der Tessiner Hobby-Jäger taten das nicht. Das untergräbt die Selbstbeschreibung des Berufsethos noch deutlicher als die rechtliche Lage allein.

Cortis Widerspruch in der Statistik

Corti lieferte in derselben Rede die Zahl, die seine Erzählung sprengt. Als er den Jagdschein machte, seien im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt worden, heute seien es etwa 7000. Eine Vervierfachung in einer Hobby-Jäger-Generation. Corti verbindet das mit Klima und verändertem Territorium. Diese Erklärung hält keiner empirischen Prüfung stand und sie widerspricht zusätzlich der Wildbiologie zu jenen Arten, die Corti regulieren will.

Der Klima-Test, den die Hobby-Jagd-Lobby nicht macht

Wäre der Klimawandel der Haupttreiber der Tessiner Bestandsentwicklung, müssten jagdfreie Gebiete in derselben Klimazone dieselbe Dynamik zeigen. Sie zeigen sie nicht. Drei Vergleichsräume liefern den empirischen Gegenbeweis seit über hundert Jahren.

Im Schweizerischen Nationalpark herrscht seit 1914 absolutes Jagdverbot. Bestände von Rotwild, Gämse und Steinbock sind stabil, der Wald regeneriert sich, die Artenvielfalt nimmt zu.

Im italienischen Nationalpark Gran Paradiso ist die Jagd seit 1922 verboten. Der wissenschaftliche Verantwortliche Bruno Bassano fasst die Bilanz nüchtern zusammen: Man habe nie Schäden gehabt und nie Bestände reduzieren müssen.

Im Kanton Genf entschied die Bevölkerung 1974 in einer Volksabstimmung über das Jagdverbot. Heute leben dort rund 60 Hirsche und 200 bis 300 Rehe in stabiler Population. Der Hase erreicht eine der höchsten Dichten der Schweiz, die überwinternden Wasservögel haben sich verzehnfacht. Faunainspektor Gottlieb Dandliker beschreibt das Resultat als funktionierende Selbstregulation, ganz ohne Hobby-Jäger.

Diese drei Räume haben dieselben milderen Winter, dieselben Hitzesommer und dieselben Vegetationsverschiebungen erlebt wie das Tessin. Sie zeigen keinen Faktor 4. Damit ist die Klimathese als Hauptursache empirisch widerlegt. Mehr dazu im Dossier zum Genfer Modell.

Der Klimawandel schadet den Berghuftieren, statt sie zu vermehren

Hier wird das Klima-Argument zusätzlich von der wildbiologischen Seite zerlegt. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat einen Datensatz mit über 230’000 Erlegungsorten aus Graubünden für die Jahre 1991 bis 2013 ausgewertet und im Fachblatt «Ecosphere» publiziert. Die Aufenthaltsorte der drei häufigsten alpinen Huftierarten haben sich im Spätsommer und Herbst messbar in die Höhe verschoben: beim Steinbock um durchschnittlich 135 Meter, bei der Gämse um 95 Meter, beim Rothirsch um 80 Meter. Studienautor Kurt Bollmann ordnet das so ein: Auch grosse warmblütige Tierarten reagieren auf den Klimawandel, nicht nur Pflanzen, Insekten und Reptilien. Die mittlere September- und Oktobertemperatur ist im untersuchten Gebiet in zwanzig Jahren um 1,3 Grad gestiegen.

Das ist die genaue Gegenbewegung zu dem, was die FCTI suggeriert. Wenn der Klimawandel Berghuftiere in immer höhere Lagen drängt, verkleinert er deren Lebensraum. Oben hört der Berg auf. Modellrechnungen prognostizieren für alpine Spezialarten wie den Schneehasen bis 2100 einen durchschnittlichen Lebensraumverlust von rund 35 Prozent.

Beim Steinbock kommt eine zusätzliche biologische Belastung hinzu. Er ist physiologisch an Kälte angepasst, friert erst ab etwa minus 20 Grad und kommt durch sein dichtes Winterfell und seine Fettreserven schon bei moderater Wärme rasch in Hitzestress. Wildbiologen dokumentieren die Reaktion: kürzere Äsungsphasen, Verlagerung der Aktivität in die Nacht, geschwächte Abwehrkräfte. Die genetische Vielfalt des Schweizer Steinbocks ist zudem extrem schmal, weil alle heutigen Tiere auf einen Ausgangsbestand von rund 100 Individuen aus dem Gran Paradiso zurückgehen.

Bei der Gämse zeigen sich Hitzeeffekte ebenfalls. In Hitzesommern verkürzt sie die Äsungszeit zugunsten der Thermoregulation, was Körpermasse und Reproduktionskraft kostet. Die Tessiner Streckenstatistik passt zu diesem Bild: 2022 wurden 511 Gämsen erlegt, deutlich weniger als die 642 des Vorjahres. Eine Saison ist kein Trend, aber die Richtung ist konsistent mit einem Bestand unter klimatischem Druck, nicht mit einer klimabedingten Bestandsexplosion.

Die FCTI-Erzählung dreht damit die Realität auf den Kopf. Wenn der Klimawandel der Haupttreiber des Tessiner Faktor 4 wäre, müssten Steinbock und Gämse besonders zulegen. Genau diese Arten zeigen aber Stresssignale, schrumpfende Habitate und Anpassungsverhalten. Wer den Klimawandel als Erklärung für die Vervierfachung der Strecke heranzieht, ignoriert nicht nur die jagdfreien Vergleichsgebiete, er ignoriert auch das, was Wildbiologie und WSL über die Klimasensitivität der betroffenen Arten dokumentieren.

Was den Faktor 4 wirklich erklärt

Die Wildbiologie kennt das Phänomen seit Jahrzehnten unter dem Begriff der kompensatorischen Reproduktionsdynamik. Bejagung greift in stabile Sozialstrukturen ein und löst biologische Gegenreaktionen aus. Familienverbände lösen sich auf, Schmaltiere werden früher geschlechtsreif, Wurfgrössen steigen, die reproduktive Hemmung durch Leittiere fällt weg. Beim Wildschwein pflanzt sich normalerweise nur die Leitbache fort. Wird sie geschossen, reproduzieren plötzlich alle weiblichen Tiere der Rotte. Beim Fuchs dokumentieren Untersuchungen aus dem Nationalpark Bayerischer Wald rund 1,7 Welpen pro Wurf in unbejagten Gebieten gegenüber einem Vielfachen in stark bejagten Revieren.

Übertragen auf das Tessin heisst das: Hoher Jagddruck zerlegt soziale Strukturen und produziert genau jene Bestände, deren Reduktion die Hobby-Jagd anschliessend als ihre Daseinsberechtigung verkauft. Die Spirale ist selbsttragend. Je mehr geschossen wird, desto mehr muss geschossen werden.

Was die 6000 Huftiere von 2025 zeigen und was nicht

In der Saison 2025 wurden im Tessin knapp 6000 Huftiere erlegt, deutlich weniger als in den beiden Vorjahren. Der Rückgang betrifft besonders Hirsche und Wildschweine. Diese einjährige Schwankung widerlegt den Langzeittrend nicht. Sie ist konsistent mit Belastungseffekten der Schweinepestmassnahmen, mit lokalen Erschöpfungseffekten und mit witterungsbedingten Streckenschwankungen. Die Vervierfachung in einer Generation bleibt der relevante Massstab.

Wenn die «Tradition» nachts ausgeschaltet wird

Corti zitierte in Mendrisio einen alten Leitsatz der traditionellen Bergjagd: «Die Nacht gehöre den Tieren». Im selben Atemzug räumte er ein, dass der nächtliche Jagddruck auf Wildschweine wegen der Schweinepest gestiegen sei. Die Tradition wird also genau dann ausser Kraft gesetzt, wenn ein konkretes Interesse im Spiel ist. Dasselbe Muster zeigt sich beim Wolf. Geduld und Tierrespekt werden beschworen, solange es um die Aussenwahrnehmung geht. Wo ein Beutegreifer als Konkurrent um Hirsch und Reh wahrgenommen wird, fordert die FCTI pragmatisch erweiterte Tötungsbefugnisse.

Das Gewaltmonopol gehört dem Staat, nicht der Hobby-Jagd

Hier verlässt der Tessiner Vorstoss den Bereich politischer Geschmacksfragen und betritt verfassungsrechtliches Gelände. Das staatliche Gewaltmonopol ist in der Schweiz implizit über das Rechtsstaatsprinzip in Art. 5 BV und explizit über Art. 57 BV sowie die Polizeigeneralklausel in Art. 173 und 185 BV verankert. Es umfasst die Kompetenz und Pflicht, staatlichen Zwang gegenüber Personen und Sachen ausschliesslich durch staatliche Organe ausüben zu lassen. Die staatsrechtliche Lehre ist in diesem Punkt eindeutig.

Der Wolfsabschuss aufgrund einer kantonalen Abschussverfügung ist ein Hoheitsakt. Er greift in den Schutzstatus eines unter der Berner Konvention und dem Jagdgesetz geschützten Tieres ein und stützt sich auf eine staatliche Verfügung. Wer diese Verfügung vollzieht, übt staatliche Gewalt aus, nicht private Freizeitausübung.

Wenn ein Departementsvorsteher öffentlich hofft, dass Privatpersonen eine staatliche Aufgabe übernehmen mögen, beschreibt er das Eingeständnis eines strukturellen Versagens, nicht ein Modell.

Die Delegation hoheitlicher Aufgaben an Private, juristisch als Beleihung bezeichnet, ist gemäss Art. 178 Abs. 3 BV nur unter engen Voraussetzungen zulässig. Es braucht eine formelle gesetzliche Grundlage, eine klar umgrenzte Aufgabe, dienstrechtliche Bindung sowie Transparenz und Kontrolle. Dieselben Massstäbe, die in der Debatte um private Sicherheitsfirmen seit Jahren angelegt werden, gelten hier umso mehr, weil es um den staatlich verfügten Tod geschützter Tiere mit Schusswaffe geht.

Zalis Sprachwahl illustriert das Problem: Er kündigte für die Wolfsregulierung «nuove regole d’ingaggio» an, also neue Einsatzregeln. Dieser Begriff stammt aus dem Polizei- und Militärrecht. Hobby-Jäger haben aber keinen polizeilichen oder militärischen Status. Sie sind Privatpersonen mit Freizeitschein. Wenn der Staat sie aktiv mit Tötungsaufgaben betraut, die er aus Personalmangel oder politischer Bequemlichkeit nicht selbst ausführen will, höhlt er das Gewaltmonopol genau dort aus, wo es am sichtbarsten gewahrt sein müsste: bei der Anwendung tödlicher Mittel im Auftrag der öffentlichen Hand.

Zalis offen geäusserte Hoffnung, die Hobby-Jäger mögen diese Bürde «übernehmen», ist deshalb mehr als ein politisches Detail. Sie ist die Bitte einer kantonalen Verwaltung an Privatpersonen, das zu erledigen, was eigentlich Aufgabe der Wildhut wäre. Die Bürde, von der hier die Rede ist, sind Tötungseinsätze. Eine ehrliche Debatte müsste die Frage stellen, ob ein Kanton überhaupt befugt ist, Hobby-Jäger zu wildhüter-äquivalenten Tötungseinsätzen zu beauftragen, ohne dafür ein formelles Gesetz mit klarer demokratischer Legitimation zu schaffen.

Die Beutegreifer-Lücke und was sie kostet

Mitteleuropas natürliche Bestandsregulatoren wurden über Jahrhunderte ausgerottet. Wolf, Luchs und Bär kehren zurück, werden aber gleichzeitig politisch gebremst, gerade im Tessin. In der Saison 2024/2025 wurden trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Möglichkeit, im Rahmen der Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, lediglich sechs Wölfe erlegt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten dafür rund 3100 bezahlte Arbeitsstunden auf. Steuerfinanzierter Aufwand für sechs tote Tiere, während der einzige Akteur, der Huftierbestände dauerhaft, selektiv und kostenfrei reguliert, mit immer breiteren Mitteln zurückgedrängt wird. Die ökologisch wirksame Lösung wird strukturell blockiert. Mehr dazu im Dossier-Bereich.

Zali räumte in Mendrisio selbst ein, dass die bisherigen Abschüsse durch Hobby-Jäger kaum erfolgreich waren, weil dieser Beutegreifer tagsüber schwer aufzufinden sei. Die Konsequenz ist nicht, das Modell zu hinterfragen. Sie lautet, die «Einsatzregeln» zu erweitern, die Tageszeiten auszudehnen, und die Mittel anzugleichen. Die Logik ist eindimensional: Wenn das Töten nicht klappt, muss es einfacher werden, nicht überdacht.

Was eine ehrliche Wildtierpolitik bräuchte

Eine ehrliche Reform setzt an fünf Punkten an.

Erstens braucht jede Beleihung von Hobby-Jägern für hoheitliche Tötungseinsätze eine formelle gesetzliche Grundlage mit klarer demokratischer Legitimation, nicht nur eine kantonale Verfügung und einen Ausbildungskurs.

Zweitens müssen Beutegreifer ihre ökologische Rolle übernehmen dürfen, ohne dass jede Wiederbesiedlung mit erweiterten Abschussverfügungen ausgebremst wird.

Drittens müssen Schutzgebiete und Wildruhezonen ausgebaut werden, weil Genf, Gran Paradiso und der Schweizerische Nationalpark seit Jahrzehnten beweisen, dass Selbstregulation funktioniert.

Viertens gehört Wildtiermanagement in professionelle staatliche Strukturen mit Wildbiologie und transparentem Monitoring, nicht in die Freizeitausübung von Hobby-Schützen.

Fünftens muss die Sprache entgiftet werden. «Hege», «Pflege», «Regulation» und «365 Tage im Jahr» sind Marketingbegriffe ohne wildbiologische oder rechtliche Substanz im Patentsystem. Eine ehrliche Debatte beginnt mit ehrlichen Begriffen.

Fazit

Mendrisio war kein Triumph, sondern eine Selbstdemontage in mehreren Akten. 83 von rund 3000 Hobby-Jägern erschienen, der Verband stellte ein neues Logo vor, Corti reklamierte 365 Tage Verantwortung in einem System, das diese Verantwortung weder kennt noch zulässt, und Zali erklärte offen, dass die Hobby-Jagd zum bewaffneten Arm des Staates werden soll, mit neuen Einsatzregeln und ausserhalb der Jagdzeit.

Der Faktor 4 ist kein Klimaeffekt. Die Patentjagd kennt keine Reviere. Das Gewaltmonopol gehört dem Staat. Diese drei Sätze fassen zusammen, woran die Tessiner Hobby-Jagd-Erzählung zerbricht. Die jagdfreien Gebiete der Schweiz und Italiens beweisen seit über hundert Jahren, dass Wildtiere keinen Hobby-Jäger mit Waffe brauchen, um in Balance zu bleiben. Die Bundesverfassung wiederum lässt keinen Zweifel daran, wer in diesem Land tödliche Mittel im Namen der öffentlichen Hand einsetzen darf.

Zalis offenes Eingeständnis ist deshalb mehr als rhetorische Unschärfe. Es ist eine Aufforderung an Parlament, Bevölkerung und Justiz, hinzuschauen, bevor das Modell ab September 2026 als Faktum verkauft wird, das nicht mehr verhandelbar sei.

Genfs Faunainspektor Dandliker entlarvt das Patentargument

Wenn die Hobby-Jagd-Lobby in der Schweiz ihre Existenz verteidigt, fällt früher oder später ein bestimmtes Argument: «Wir bezahlen ja Patente, wir tragen uns selbst.» Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hat dieses Argument bereits 2013 in einem Vortrag an der Universität Basel mit einem einzigen Satz zerlegt. Und zwar nicht durch Polemik, sondern durch nüchterne Verwaltungsbuchhaltung.

Dandliker, seit 2001 Faunainspektor im Kanton Genf, ist Biologe, ehemaliger Mitarbeiter mehrerer Naturschutz-NGOs, kein Aktivist. Sein Befund nach vier Jahrzehnten Jagdverbot ist sachlich und bemerkenswert.

Insgesamt müsse der Kanton 1,2 Millionen Franken pro Jahr für das Wildtiermanagement aufbringen, das entspreche einer Tasse Kaffee pro Einwohnerin pro Jahr oder einer Subvention der Landwirtschaft von 3 Prozent. Im Vergleich dazu würde die Fischerei wesentlich mehr kosten, obwohl da Lizenzen verkauft werden.

Und an anderer Stelle: Die Organisation einer Patentjagd würde mehr als die Schwarzwildregulation kosten.

Diese beiden Sätze sind ein Hammer, weil sie das zentrale Verteidigungsargument der Hobby-Jagd in zwei Schritten ausser Kraft setzen.

Schritt eins: Patente decken die Kosten nicht

Die Vorstellung, Hobby-Jäger und Hobby-Fischer würden ihr Hobby «selbst finanzieren», beruht auf einer simplen Verwechslung. Patente decken einen Bruchteil der Verwaltungs-, Aufsichts-, Schadens- und Folgekosten. Sie sind eine Gebühr für die Erlaubnis, kein Vollkostenbeitrag.

Dandliker zeigt das am Beispiel der Genfer Fischerei. Sie verkauft Lizenzen, dennoch ist sie für den Kanton teurer als das Genfer Modell ohne Hobby-Jagd. Warum? Weil eine durch Patente bewirtschaftete Hobby-Tätigkeit Aufsicht, Bestandsmanagement, Besatzmassnahmen, Hege, Konfliktlösung, Datenerhebung und administrative Apparate erfordert, deren Kosten regelmässig die Patenteinnahmen übersteigen. Was der Kanton bei den Lizenzen einnimmt, gibt er beim Personal, bei Schadensregulierung und bei Bestandsstützung wieder aus, plus ein deutliches Minus.

Schritt zwei: Eine Patentjagd wäre teurer als das aktuelle Genfer Modell

Der zweite Satz ist noch entscheidender. Dandliker sagt klipp und klar: Würde Genf seine Wildschweinregulation in eine reguläre Patentjagd überführen, wie sie in den meisten anderen Kantonen üblich ist, würde das den Kanton mehr kosten, nicht weniger. Trotz Patenteinnahmen.

Der Grund liegt in der Struktur: Eine Patentjagd erfordert Verwaltungsarbeit (Pachtvergaben, Reviereinteilungen, Wildschadenkommissionen, Streitschlichtung), Schulung und Prüfungswesen, Wildschadenvergütungen mit nur teilweiser Beteiligung der Hobby-Jäger, intensive Kontrolle der Hobby-Jäger durch staatliche Wildhüter, Konfliktmanagement zwischen Pachtgesellschaften, Förstern und Landwirten. Würden wieder zweifelhafte Amateure im Wildtiermanagement tätig, wären die Kosten auch nicht tiefer, da sie ja wie in den anderen Kantonen intensiv betreut und kontrolliert werden müssten.

Mit anderen Worten: Hobby-Jäger sind im Behördenhaushalt nicht der Entlastungsfaktor, als der sie sich gerne darstellen. Sie sind der Kostentreiber.

Warum das auch die Fischerei betrifft

Das Patentargument ist in der Hobby-Fischerei genauso wackelig wie in der Hobby-Jagd. Kantone betreiben aufwendige Bestandserhebungen, Fischzuchten und Besatzmassnahmen, finanzieren Renaturierungsprojekte, Wanderhilfen, Wassertemperaturmonitoring, Krankheitskontrollen wie zur PKD und kümmern sich um Konflikte zwischen Sportfischerei und Naturschutz. Auch hier gilt Dandlikers nüchterne Bilanz: Die Lizenzeinnahmen decken die Verwaltungs- und Folgekosten regelmässig nicht. Der Steuerzahler subventioniert ein Hobby, das sich als Selbstfinanzierer präsentiert.

Hinzu kommen ökologische Folgekosten, die selten benannt werden. Besatzfische, oft aus Zuchtanlagen, schwächen die genetische Vielfalt der Wildpopulationen, was wiederum staatliche Renaturierungsprogramme nötig macht. Bleihaltige Fischereigewichte belasten Gewässer und Vögel und führen zu Sanierungskosten in geschützten Gebieten. Die Fischerei-Lobby reklamiert Ausnahmen vom Kormoranschutz und beim Fischotter, was wieder staatliche Verwaltung, Studien und Konfliktmanagement erfordert.

Das Muster ist immer dasselbe

Wer einmal angefangen hat, Hobbys über Patente zu administrieren, kommt aus der Subventionsspirale nicht mehr heraus. Die Patenteinnahmen wirken nach aussen wie eine Selbstfinanzierung, decken aber im Innenverhältnis nur einen Bruchteil der echten Vollkosten. Die Differenz trägt die Allgemeinheit, immer.

Genf hat aus dieser Erkenntnis eine ungewöhnliche Konsequenz gezogen. Bei der Hobby-Jagd hat der Kanton 1974 die Reissleine gezogen. Die Bevölkerung hat per Volksentscheid das Jagdverbot beschlossen. Die Fischerei hingegen läuft weiter im klassischen Patentmodell, mit den von Dandliker offen benannten Folgen: Sie kostet den Kanton mehr, als sie einbringt.

Wer ehrlich abrechnet, kommt zu einem klaren Schluss: Das Patentmodell rechnet sich für den Staat in keinem Bereich, in dem ökologische Folgekosten, Aufsicht, Schadensregulierung und Bestandsmanagement anfallen. Genf hat bei der Hobby-Jagd die billigere Variante gewählt: keine Patentvergabe, eine kleine professionelle Wildhut, Schadensprävention und Schadensregulierung in staatlicher Hand. Dandliker sieht die momentane Methode als die billigste Alternative für den Kanton und unkompliziert auf lange Sicht finanziell tragbar.

Was das für die nationale Debatte bedeutet

Wenn Hobby-Jagd-Verbände in der Schweiz künftig wieder mit dem Patentargument operieren, sollte die Antwort schlicht sein: «Das stimmt nicht», und es weiss seit über einem Jahrzehnt jeder Faunainspektor, der ehrlich rechnet. Patente decken die Kosten nicht. Sie sind ein Imageinstrument, kein Finanzierungsmodell.

Drei Konsequenzen folgen daraus.

Erstens: Vollkostenrechnung. Jeder Kanton sollte verpflichtet sein, einmal jährlich die Vollkosten der Hobby-Jagd offenzulegen. Patenteinnahmen, Pachtzinsen, Patentgebühren der Hobby-Fischerei stehen dabei den Verwaltungs-, Wildhüter-, Schadens-, Schutzwald-, Verkehrsschadens- und Beutegreifer-Regulierungskosten gegenüber. Diese Bilanz muss öffentlich sein.

Zweitens: Verursacherprinzip. Wo die Hobby-Jagd nachweislich Folgekosten produziert, etwa durch Bestände, die sie über Jahrzehnte aufgebaut hat, oder durch politische Blockaden gegen Beutegreifer, müssen die Verbände anteilig zur Kasse gebeten werden, nicht der allgemeine Steuerhaushalt.

Drittens: Modellwechsel als Option. Genf zeigt seit 1974, dass eine professionelle staatliche Wildhut ohne Hobby-Jagd günstiger sein kann als das klassische Patentmodell. Diese Erkenntnis verdient eine ernsthafte politische Debatte, nicht das reflexhafte Abwiegeln der Verbände.

Fazit

Dandlikers nüchterner Vergleich zwischen Genfer Hobby-Jagd-Modell und Genfer Fischerei ist eines der wirksamsten Argumente in der ganzen Debatte, gerade weil es so unaufgeregt formuliert ist. Patente sind keine Selbstfinanzierung, sie sind eine Gebühr. Die Vollkostenrechnung trägt der Kanton, also der Steuerzahler. Eine Hobby-Tätigkeit, die staatliche Aufsicht, Schadensregulierung und Bestandsmanagement nach sich zieht, kann durch Patente nie kostendeckend werden, weil die Logik dieser Hobbys gerade darauf beruht, dass die Allgemeinheit für die Folgen aufkommt.

Wer also das nächste Mal hört, die Hobby-Jagd «zahle sich ja selbst», kann ruhig auf Genf verweisen. Dort hat ein Faunainspektor mit vier Jahrzehnten Erfahrung diesen Mythos längst beerdigt. Es wäre an der Zeit, dass die übrige Schweiz hinhört.

Was die Hobby-Jagd den Steuerzahler kostet: eine Rechnung, die niemand offen vorlegt

Wer bezahlt eigentlich für die Folgen der Hobby-Jagd? Die nüchterne Antwort lautet: die Allgemeinheit. Und zwar in einer Grössenordnung, die in der öffentlichen Debatte fast nie auf den Tisch kommt. Wenn die Verbände von «Tradition» und «Hege» sprechen, sprechen sie nie von der Rechnung, die unten am Tisch liegt. Diese Rechnung soll hier offen ausgebreitet werden.

Rund die Hälfte des Schweizer Waldes erfüllt eine Schutzfunktion, das sind etwa 6000 Quadratkilometer.

Bund, Kantone und Nutzniesser stellen für die Schutzwaldpflege jährlich rund 150 Millionen Franken zur Verfügung. Allein der Bund trägt 40 Prozent dieser Kosten, also knapp 60 Millionen Franken pro Jahr. Im Wallis und im Tessin gelten knapp 90 Prozent der Wälder als Schutzwald.

Diese Mittel sind grundsätzlich sinnvoll. Schutzwald verhindert Lawinen, Steinschlag und Murgänge und ist zehnmal günstiger als technische Verbauungen. Doch ein erheblicher Teil dieser Kosten ist nicht naturgegeben, sondern eine Folge des Systems, das jahrzehntelang künstlich überhöhte Huftierbestände produziert hat.

Wenn Wildverbiss zum Milliardenrisiko wird

Die offizielle Datenlage ist eindeutig. Der Anteil an Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung hat in den letzten zehn Jahren zugenommen und liegt inzwischen bei 30 Prozent der Schutzwaldfläche, in den Alpen bei 34 Prozent, auf der Alpensüdseite sogar bei 41 Prozent. Als Hauptursache nennt der Bund «unverändert hohen Verbiss der Jungbäume durch Rehe, Hirsche und Gämsen». Genau jene Bestände also, die die Hobby-Jagd zu regulieren behauptet und gleichzeitig massgeblich produziert.

Die finanziellen Folgen sind enorm. Ein einziges Fallbeispiel aus dem Bündner Disentis (Runfoppa) zeigt, dass zur Sicherung der Schutzwirkung in einem überschaubaren Gebiet bereits Investitionen von rund 180’000 Franken in Wildschaden-Verhütungsmassnahmen erforderlich sind. Hochgerechnet auf alle betroffenen Schutzwälder reden wir von zweistelligen, perspektivisch dreistelligen Millionenbeträgen. Der Bündner Wald droht in eine Entwicklung zu geraten, in der ohne Gegensteuern Milliardenkosten für Schutzbauten entstehen könnten.

Wildschadenvergütungen aus der Staatskasse

Hinzu kommen die direkten Wildschadenvergütungen. Im kleinen Kanton Thurgau allein beliefen sich die jährlichen Ausgaben für Wildschäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt auf rund 432’000 Franken, 2023 auf knapp 440’000 Franken. Hochgerechnet auf alle 26 Kantone reden wir von zweistelligen Millionenbeträgen pro Jahr, die Bauern, Waldbesitzer und letztlich der Steuerzahler tragen.

Die Hobby-Jäger beteiligen sich daran symbolisch. Im Thurgau steuern Jagdgesellschaften 15 Prozent der Schäden bei Hirschen, Wildschweinen und Dachsen bei. Im Aargau ist die Beteiligung der Jagdvereine auf maximal 25 Prozent ihres Pachtzinses gedeckelt. Den Rest übernimmt der Kanton, also die Allgemeinheit.

25 Millionen Franken Sachschaden durch Wildunfälle

Die Hobby-Jagd verteidigt das künstlich überhöhte Wildbestandsniveau auch mit dem Argument der «Bestandsregulation». Die Statistik zeigt das Gegenteil. In der Schweiz kollidiert durchschnittlich jede Stunde ein Auto mit einem Reh. Daraus ergeben sich pro Jahr 20 000 verunfallte Tiere im Strassenverkehr. Dabei werden 60 Personen verletzt, der Sachschaden beläuft sich auf 25 Millionen Franken. Die Versicherungen zahlen, die Prämien zahlen alle.

Wildhüter im Dauereinsatz, finanziert von allen

Das Tessiner Beispiel führt vor Augen, wie viel staatliche Arbeit anfällt, sobald die Hobby-Jagd ihre angebliche Kernaufgabe nicht mehr erfüllt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten 1200 Stunden für Einzelabschüsse von Wölfen und weitere 1’900 Stunden zwischen September und Januar für die Rudelregulierung auf. Nur sechs Wölfe wurden am Ende erlegt, trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Erlaubnis, bis zu 20 Jungtiere zu töten. 3’100 Stunden bezahlte staatliche Arbeitszeit für sechs tote Beutegreifer. Bei einem realistischen Vollkostensatz für Wildhüter von rund 100 Franken pro Stunde ergibt das gegen 310’000 Franken Steuergeld, allein für diese Wolfsregulierung in einem einzigen Kanton in einer einzigen Saison.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, weil die Hobby-Jäger selbst die Wölfe nicht erlegen. Hobby-Jäger-Verbandspräsident Davide Corti sagt offen, der gewöhnliche Hobby-Jäger könne nicht die Lösung des «Wolfsproblems» sein. Übersetzt heisst das: Die staatliche Wildhut wird zum Reparaturbetrieb für ein System, das die Hobby-Jagd selbst destabilisiert hat, indem sie über Jahrzehnte natürliche Beutegreifer politisch bekämpfte.

Was die Hobby-Jagd dem Staat einbringt: beinahe nichts

Dem stehen die Einnahmen aus dem Hobby-Jagd-System gegenüber. Patentgebühren, Pachtzinsen und Bewirtschaftungsbeiträge der Jagdgesellschaften sind in absoluten Zahlen marginal. Sie decken in keinem Kanton die direkten und indirekten Folgekosten. Die Jagdgesellschaften beteiligen sich an Wildschäden in einstelligen Prozentbereichen, an Schutzwaldkosten praktisch gar nicht, an den Verkehrsschäden überhaupt nicht. Die Hobby-Jagd ist ein Nettoempfänger von öffentlicher Subvention, nicht der zahlende Partner, als der sie sich gerne darstellt.

Hinzu kommen weitere indirekte Subventionen: Allein für die Aufsicht in Schutzgebieten gewährt der Bund 2,5 Millionen Franken pro Jahr, neu zusätzlich 2 Millionen Franken für Schutzmassnahmen bei Beutegreifern. Das sind Mittel, die ohne den jahrzehntelang künstlich aufgeblähten Wildbestand und ohne den politischen Kampf gegen Wolf und Luchs gar nicht in dieser Höhe nötig wären.

Beutegreifer arbeiten gratis. Rund um die Uhr.

Hier liegt der entscheidende Punkt für jeden Steuerzahler. Ein Wolfsrudel reguliert Huftierbestände dauerhaft, selektiv und ohne einen Rappen Lohn. Wölfe sind 365 Tage im Jahr im Einsatz, sie selektieren bevorzugt schwache, kranke und alte Tiere und tragen damit zur Gesundheit der Bestände bei. Sie verteilen den Druck auf den Wald, weil Beutetiere ihr Verhalten ändern und nicht stundenlang in derselben Verjüngungsfläche stehen. Sie schaffen Aas für Aasfresser und kurbeln Nährstoffkreisläufe an. Studien aus Yellowstone und Banff zeigen, dass die Rückkehr von Wölfen zu einer dramatischen Verminderung der Verbissschäden am Wald führte.

Anders gesagt: Was die Schweiz heute mit 150 Millionen Franken Schutzwaldpflege, Millionen Wildschadenvergütungen, Tausenden Wildhüterstunden und 25 Millionen Sachschaden im Strassenverkehr teilweise auffangen muss, würde durch eine intakte Beutegreifer-Population kostenlos und besser geleistet. Ein Wolfsrudel hat in einem Jahr keine Lohnnebenkosten, kein Pensionskassendefizit und keine Spesen.

Dasselbe gilt für den Luchs, der punktgenau Rehe in dichten Wäldern reguliert, also genau dort, wo Hobby-Jäger sie nicht erreichen. Der Luchs verursacht keine Verkehrsunfälle, keine Wildschadenvergütungen und keine Schutzbauten.

Die Bilanz, die niemand zieht

Stellt man die Posten zusammen, ergibt sich folgendes Bild. Der Steuerzahler bezahlt heute für ein System, das überhöhte Wildbestände produziert, mit den Folgen kämpft und gleichzeitig jene Akteure bekämpft, die das Problem auf natürlichem Weg lösen würden. Eine vorsichtige Schätzung ergibt für die Schweiz pro Jahr leicht eine Grössenordnung von mehreren hundert Millionen Franken an Kosten, die direkt oder indirekt dem System Hobby-Jagd zuzurechnen sind: anteilige Schutzwaldpflege wegen Verbiss, Wildschadenvergütungen, Wildverhütungsmassnahmen, Wildhütereinsätze für Beutegreiferregulation, Verkehrsschäden, Subventionen für Herdenschutzpläne, Forschung zur Konfliktlösung.

Dem stehen Patenteinnahmen und Pachterlöse in einer kleinen Bruchzahl dieser Summe gegenüber. Die Hobby-Jagd kostet den Schweizer Steuerzahler mehr, als sie einbringt. Wesentlich mehr.

Wenn die Hobby-Jagd-Lobby in der Schweiz ihre Existenz verteidigt, fällt früher oder später ein bestimmtes Argument: «Wir bezahlen ja Patente, wir tragen uns selbst.» Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hat dieses Argument bereits 2013 in einem Vortrag an der Universität Basel mit einem einzigen Satz zerlegt. Und zwar nicht durch Polemik, sondern durch nüchterne Verwaltungsbuchhaltung.

Die Vorstellung, Hobby-Jäger und Hobby-Fischer würden ihr Hobby «selbst finanzieren», beruht auf einer simplen Verwechslung. Patente decken einen Bruchteil der Verwaltungs-, Aufsichts-, Schadens- und Folgekosten. Sie sind eine Gebühr für die Erlaubnis, kein Vollkostenbeitrag.

Was sich ändern muss, damit der Steuerzahler profitiert

Beutegreifer ihre Arbeit machen lassen. Wolf, Luchs und Bär sind keine Konkurrenz zur staatlichen Wildhut, sondern ihre kostengünstigste Verstärkung. Jedes zusätzliche stabile Wolfsrudel reduziert mittelfristig Schutzwaldkosten und Verkehrsschäden.

Verursacherprinzip einführen. Wenn Hobby-Jagd-Verbände gegen Beutegreifer politisch lobbyieren und damit die staatliche Wildhut zum kostspieligen Ersatz machen, sollen sie die Mehrkosten anteilig tragen. Das gilt analog für Schutzwaldfolgen aus überhöhten Beständen.

Transparente Vollkostenrechnung. Jeder Kanton sollte einmal jährlich offenlegen, was Hobby-Jagd-System, Schutzwaldpflege wegen Verbiss, Wildschadenvergütungen, Verkehrsschäden und Wildhütereinsätze für Beutegreiferregulation summiert kosten. Die Bevölkerung hat ein Recht auf diese Zahl.

Schutzgebiete und Wildruhezonen ausbauen. Genfs Modell und der Schweizerische Nationalpark zeigen seit Jahrzehnten, dass die Natur ohne Hobby-Jagd nicht teurer wird, sondern günstiger. Stabile Bestände, weniger Verbiss, mehr Biodiversität, niedrigere Folgekosten.

Fazit

Die Bevölkerung wurde jahrzehntelang in dem Glauben gelassen, die Hobby-Jagd sei ein Beitrag der Privatpersonen an die Allgemeinheit. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Sie ist ein Hobby, dessen Folgekosten die Allgemeinheit trägt. Wer 150 Millionen Franken für Schutzwaldpflege bezahlt, 25 Millionen Sachschaden bei Wildunfällen, Wildschadenvergütungen in Millionenhöhe und Tausende Wildhüterstunden für die Bekämpfung der einzigen kostenlosen Regulatoren, der bezahlt für ein System, das ihm ohne Hobby-Jäger billiger käme. Beutegreifer arbeiten gratis. Sie sind keine Bedrohung für den Steuerzahler, sondern seine wirksamste Entlastung. Diese Botschaft gehört in jede Debatte, jede Abstimmung und jede Kostenanalyse zur Schweizer Wildtierpolitik.

«Tradition» als Feigenblatt: Wenn die Tessiner Hobby-Jagd ihre eigenen Widersprüche kultiviert

Davide Corti, seit zwei Jahren Präsident der Federazione cacciatori ticinese (FCTI), klagt im «Corriere del Ticino» über eine Hobby-Jagd, die Gefahr laufe, ihre «Identität und Tradition» zu verlieren. Es konsolidiere sich «eine Hobby-Jagd der Eindämmung», eine Richtung, die man nicht wünsche. Eine bemerkenswerte Aussage, denn sie offenbart einen Widerspruch, der sich quer durch die Tessiner Jagdpolitik zieht.

Corti führt selbst die entscheidenden Zahlen an: Als er den Jagdschein machte, wurden im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt, heute sind es etwa 7000.

Eine Vervierfachung in einer einzigen Jäger-Generation. Wer nun aber meint, dieser Anstieg sei den Jägern aufgezwungen worden, irrt. Über Jahrzehnte haben Hobby-Jäger-Verbände in der Schweiz höhere Abschussquoten politisch eingefordert, mit dem Verweis auf «zu hohe Wildbestände», «Verbissschäden» und «Krankheitsrisiken». Genau diese Argumente nutzt Corti auch jetzt wieder.

Die Hobby-Jagd hat sich also nicht zufällig zu einer «Eindämmungsjagd» entwickelt. Sie wurde aktiv dazu gemacht. Wenn die FCTI nun Sorge um Tradition und «Werte» äussert, ist das weniger eine Selbstkritik als ein rhetorischer Spagat: Man möchte die hohen Abschusszahlen behalten, gleichzeitig aber das Image des bedächtigen, naturverbundenen Waidmanns pflegen.

Wenn der «Tradition» plötzlich der Wolf im Weg steht

Besonders aufschlussreich wird der Widerspruch beim Thema Wolf. In der vergangenen Jagdsaison haben die Tessiner Hobby-Jäger keinen einzigen Wolf erlegt, weil die Regeln zu komplex seien und das Risiko bestehe, bei Fehlern den Jagdschein zu verlieren. Corti sagt deutlich: Der Hobby-Jäger, der seiner normalen Tätigkeit nachgehe, könne nicht die Lösung des «Wolfsproblems» sein.

Hier wird die Logik vollends durchsichtig. Wo Jagdtradition gefährdet scheint, beruft man sich auf Werte, Geduld und den Respekt vor dem Tier. Wo es aber um Beutegreifer geht, die mit der Hobby-Jagd in Konkurrenz um Hirsche und Rehe stehen, fordert man pragmatisch erweiterte Befugnisse. Genau das passiert im Tessin: Das Tessiner Departement plant eine Art «Unterstützungsgruppe» aus ausgewählten Hobby-Jägern, die ausserhalb der Jagdzeit und mit denselben Mitteln wie die Wildhüter Wölfe töten dürfen sollen, möglichst ab September 2026.

Damit verlässt die Hobby-Jagd jenen «traditionellen» Rahmen, den Corti im selben Atemzug verteidigt. 2024 wurden 322 Hobby-Jäger für die Wolfsregulierung ausgebildet, 2025 kamen 119 weitere hinzu. Das ist keine Tradition, das ist eine systematische Aufrüstung gegen einen einzelnen Beutegreifer.

Die Bilanz der staatlichen Wolfstötung

Die im Artikel genannten Zahlen sprechen für sich. Trotz vier Abschussverfügungen für einzelne Wölfe und der Möglichkeit, im Rahmen der proaktiven Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, wurden am Ende nur sechs Tiere erlegt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten dafür 1200 Stunden für Einzelabschüsse und weitere 1900 Stunden zwischen September und Januar für die Rudelregulierung auf.

3100 Stunden bezahlte staatliche Arbeitszeit für sechs tote Wölfe. Das wirft eine Frage auf, die im Originalartikel nicht gestellt wird: Steht der ökologische, gesellschaftliche und finanzielle Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis? Und wenn der Erfolg ausbleibt, lautet die Antwort offenbar reflexhaft: noch mehr Schützen, noch mehr Befugnisse, noch weniger Schutz für das Tier.

Stadtmenschen mit Jagdschein: ein Imageproblem, kein Generationenwechsel

Corti freut sich über den Nachwuchs und stellt fest, dass immer mehr Jägerinnen und Jäger aus den städtischen Zentren stammen, während die Hobby-Jagd früher überwiegend von Bewohnern der Tessiner Täler ausgeübt wurde. Das ist ehrlich, untergräbt aber genau das Narrativ der bäuerlich-bodenständigen Tradition, das die FCTI gleichzeitig pflegt. Wer aus Lugano oder Bellinzona an Wochenenden in die Berge fährt, um Hirsche zu erlegen, betreibt ein Hobby, keine kulturelle Praxis im Sinne der Voreltern.

Fazit: Wenn Tradition zum Argument für alles wird

Der Auftritt der FCTI vor der heutigen Jahresversammlung in Mendrisio ist ein Lehrstück darin, wie sich die Hobby-Jagd-Lobby in widersprüchlichen Selbstbildern bewegt. Tradition wird beschworen, wenn es um die Aussenwahrnehmung geht. Effizienz, neue Mittel und erweiterte Eingriffsbefugnisse werden gefordert, sobald konkrete Interessen im Spiel sind, allen voran die Reduktion eines unliebsamen Beutegreifers.

Eine ehrliche Debatte über die Hobby-Jagd im Tessin müsste anders ansetzen: Wie viele Wildtiere darf eine Freizeitbeschäftigung jährlich töten? Welche Rolle spielt die Hobby-Jagd in einem Ökosystem, in dem der Wolf längst wieder ein natürlicher Regulator wäre? Und warum übernimmt der Staat zunehmend Aufgaben, die Hobby-Jäger nicht erfüllen können oder wollen, finanziert mit Steuergeldern? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist der Verweis auf «Wurzeln» und «Identität» vor allem eines: ein bequemer Vorhang vor unbequemen Realitäten.

Von 1600 auf 7000 erlegte Huftiere: Was die Tessiner Zahlen über das ganze System verraten

Davide Corti, Präsident der Federazione cacciatori ticinese, lieferte im «Corriere del Ticino» eine Zahl, die alles erklärt, was am System Hobby-Jagd faul ist. Als er den Jagdschein machte, wurden im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt. Heute sind es etwa 7000. Eine Vervierfachung in einer Generation. Corti präsentiert dies als Sachzwang, als Folge eines veränderten Klimas und Territoriums. Doch die ehrliche Lesart ist eine andere und sie ist unbequem.

Was 7000 erlegte Huftiere wirklich aussagen

Wenn die Strecke um den Faktor vier steigt und die Hobby-Jäger gleichzeitig behaupten, sie würden «regulieren», dann stimmt etwas an der Erzählung nicht. Reguliert man, müssten die Bestände nach einigen Jahren intensiver Bejagung sinken und die Strecke ebenfalls. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Die Bestände steigen, die Abschüsse steigen, der Druck steigt. Das ist keine Regulation, das ist eine Spirale.

Die Wildbiologie hat dafür einen präzisen Begriff: kompensatorische Reproduktionsdynamik. Wildtiere reagieren auf Bestandsverluste durch Bejagung mit erhöhter Geburtenrate, früherer Geschlechtsreife und grösseren Würfen. Beim Wildschwein pflanzt sich normalerweise nur die Leitbache fort. Wird sie geschossen, reproduzieren sich plötzlich alle weiblichen Tiere der Rotte. Beim Fuchs zeigen Untersuchungen aus dem Nationalpark Bayerischer Wald, dass die Geburtenrate ohne Bejagung bei rund 1,7 Welpen je Wurf liegt, in stark bejagten Revieren dagegen um ein Vielfaches höher. Die Hobby-Jagd schafft genau jene Bestände, deren Reduktion sie anschliessend als ihre Daseinsberechtigung verkauft.

Die Gründe, die nicht ausgesprochen werden

Corti verweist auf «Klima und Territorium». Beides spielt eine Rolle, erklärt aber den Faktor vier nicht annähernd. Die wirklichen Treiber liegen tiefer und werden in der offiziellen Kommunikation systematisch verschwiegen.

Erstens hat die Hobby-Jagd in Mitteleuropa über Jahrhunderte die natürlichen Beutegreifer ausgerottet: Wolf, Luchs, Bär. Genau jene Arten, die ein dauerhaftes ökologisches Gleichgewicht bei Huftieren herstellen würden. Zweitens werden bevorzugt die stärksten und erfahrensten Tiere erlegt, also genau jene Individuen, die soziale Strukturen stabilisieren und die Reproduktion der Gruppe regulieren. Drittens zerstört der Jagddruck Familienverbände, was zu früherer Geschlechtsreife und höheren Wurfgrössen führt.

Das Resultat ist ein selbsttragendes System: Die Hobby-Jagd erzeugt das Problem, das sie zu lösen vorgibt. Und je mehr sie schiesst, desto mehr muss sie schiessen.

Warum jagdfreie Gebiete das Gegenteil zeigen

Die Empirie ist eindeutig und seit Jahrzehnten verfügbar. Im Schweizerischen Nationalpark herrscht seit 1914 Jagdverbot. Die Wildtierbestände sind stabil, der Wald regeneriert sich, die Artenvielfalt nimmt zu. Auf Wildwechseln im Park wurden rund 30 Mal mehr Baumkeimlinge gefunden als ausserhalb, weil Hirsche Samen verbreiten. Im italienischen Nationalpark Gran Paradiso ist die Jagd seit 1922 verboten. Der zuständige Tierarzt Bruno Bassano fasst das Ergebnis nüchtern zusammen: Man habe nie Schäden gehabt und nie Bestände reduzieren müssen.

Im Kanton Genf entschied die Bevölkerung 1974 in einer Volksabstimmung über das Jagdverbot. Heute leben dort rund 60 Hirsche und 200 bis 300 Rehe in stabiler Population. Der Hase, vor dem Jagdverbot vom Aussterben bedroht, hat eine der höchsten Dichten der Schweiz. Die Zahl überwinternder Wasservögel hat sich mehr als verzehnfacht. Genfer Faunainspektor Gottlieb Dandliker, Biologe und Naturschützer, sagt: «Es findet also irgendwie eine Regulation statt».

Diese Regulation funktioniert über Nahrungsangebot, Witterung, Krankheiten, Territorialverhalten, soziale Strukturen und, wo vorhanden, Beutegreifer. Sie braucht den Hobby-Jäger mit Gewehr nicht. Sie braucht im Gegenteil seine Abwesenheit.

Wer das Tessin mit jagdfreien Vergleichsgebieten konfrontiert, erkennt, dass der Anstieg von 1600 auf 7000 erlegte Huftiere keine Naturkonstante ist. Er ist Ausdruck eines Managementsystems, das Bestände erzeugt, um sie reduzieren zu müssen.

Wird die Bevölkerung seit Jahrzehnten angelogen?

Die ehrliche Antwort lautet: Sie wird systematisch in die Irre geführt. Nicht durch eine einzelne Lüge, sondern durch ein Geflecht aus Halbwahrheiten, weggelassenen Kontexten und sprachlichen Tricks.

«Hege», «Pflege», «Regulation», «Naturschutz» sind die zentralen Begriffe der Hobby-Jagd-Kommunikation. Keiner von ihnen hält einer wildbiologischen Überprüfung stand. Wer Bestände durch Sozialstrukturzerstörung anwachsen lässt, betreibt keine Hege. Wer die stärksten Tiere herausschiesst, betreibt keine Pflege. Wer ohne Beutegreifer arbeitet und die Wiederkehr derselben politisch bekämpft, betreibt keine Regulation. Wer für eine Freizeitbeschäftigung 130’000 Wildtiere pro Jahr in der Schweiz tötet, betreibt keinen Naturschutz.

Auch die Tessiner Wolfspolitik gehört in dieses Bild. Trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Möglichkeit, im Rahmen der proaktiven Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, wurden in der Saison nur sechs Wölfe erlegt. Die 22 Wildhüter wendeten dafür 1200 Stunden für Einzelabschüsse und weitere 1900 Stunden für die Rudelregulierung auf. 3100 Stunden bezahlte Arbeitszeit für sechs tote Tiere, während gleichzeitig der einzige Beutegreifer, der Huftierbestände tatsächlich dauerhaft regulieren würde, mit immer neuen Mitteln zurückgedrängt wird. Der Widerspruch ist offensichtlich, wird aber medial selten benannt.

Die Bevölkerung erfährt seit Jahrzehnten, die Hobby-Jagd sei notwendig, weil sonst alles aus dem Ruder laufe. Sie erfährt selten, dass dieses «Ausdemruderlaufen» ein Konstrukt der Hobby-Jagd selbst ist. Sie erfährt selten, dass jagdfreie Gebiete in unmittelbarer Nachbarschaft das Gegenteil beweisen.

Was sich ändern muss

Eine ehrliche Reform der Wildtierpolitik in der Schweiz und im Tessin bräuchte mehrere Schritte.

Beutegreifer müssen ihre ökologische Rolle übernehmen dürfen. Wolf, Luchs und Bär regulieren Huftierbestände dauerhaft, selektiv und unentgeltlich. Jede Politik, die ihre Wiederkehr durch immer breiter gefasste Abschussverfügungen ausbremst, perpetuiert das System der Hobby-Jagd auf Kosten der Steuerzahler.

Schutzgebiete und Wildruhezonen müssen ausgeweitet werden. Genf und der Schweizerische Nationalpark sind Modelle, die seit Jahrzehnten funktionieren. Sie sind keine Ausnahmen, sie sind Beweise.

Wildtiermanagement gehört in professionelle staatliche Hände, nicht in die Freizeit von Hobby-Schützen. Wildhut, Wildbiologie und behördliches Monitoring sind die Strukturen, die ein modernes Land braucht. Wo Eingriffe notwendig sind, sollen ausgebildete Berufsleute sie nach wissenschaftlichen Kriterien vornehmen, transparent dokumentiert und politisch kontrolliert.

Die Sprache muss entgiftet werden. «Hobby-Jagd» ist der präzise Begriff für eine Freizeitbeschäftigung mit Gewehr. «Hege» und «Pflege» sind PR‑Vokabular. Eine ehrliche Debatte beginnt mit ehrlichen Begriffen.

Und schliesslich: Die Bevölkerung muss die Möglichkeit erhalten, über das System Hobby-Jagd abzustimmen. Genf hat es 1974 getan. Das Resultat ist seit fünfzig Jahren ein lebender Beweis dafür, dass die Natur den Hobby-Jäger mit Waffe nicht braucht.

Die Tessiner Zahl von 1600 auf 7000 ist kein Betriebsunfall, sie ist ein Geständnis. Sie zeigt, dass die Hobby-Jagd das Problem mitproduziert, dessen Lösung sie zu sein behauptet. Sie zeigt, dass die Erzählung von Tradition und Identität dann bemüht wird, wenn die Statistik die Glaubwürdigkeit unterläuft. Und sie zeigt, dass eine ehrliche Wildtierpolitik in der Schweiz endlich beginnen müsste, mit der Realität jagdfreier Gebiete zu rechnen, statt sie zu ignorieren. Die Bevölkerung hat ein Recht auf diese Debatte. Sie hat sie nur leider seit Jahrzehnten nicht in der nötigen Klarheit bekommen.

Luzern und der Rotfuchs: Wenn Politik Fakten ignoriert

Am 12. November 2025 hat Pascal Wolf bei der Luzerner Staatskanzlei eine Petition für den Schutz des Rotfuchses eingereicht. Ein vernünftiges, sachlich begründetes Anliegen: Die Argumente der Hobby-Jäger zur Krankheitsbekämpfung und zur angeblichen Bedrohung der Biodiversität durch den Fuchs seien wissenschaftlich nicht evident. Genau das ist der Punkt. Genau das ist seit Jahrzehnten Stand der Forschung.

Die Antwort der Kommission Raumplanung, Umwelt und Energie (RUEK) unter Präsident Michael Kurmann liest sich, als wäre sie direkt aus einer Stellungnahme von JagdSchweiz abgeschrieben worden.

Die Petition sei «weder sachlich noch wirtschaftlich sinnvoll». Eine Unterschutzstellung bringe «keinen erkennbaren Nutzen». Punkt. Akte zu.

Wer den knappen Bericht der RUEK liest, merkt schnell: Hier wurde nicht recherchiert, sondern abgenickt. Der Petitionär wurde nicht einmal angehört. Stattdessen liess sich die Kommission ausschliesslich vom BUWD belehren, also genau von jener Verwaltung, die seit Jahrzehnten am Status quo der Hobby-Jagd hängt.

Der grosse Bluff: «Nur Genf macht es anders»

Im RUEK-Bericht steht der Satz, der das ganze Argumentationsgebäude zum Einsturz bringt: «Ausser im Stadtkanton Genf wird der Fuchs in der ganzen Schweiz bejagt.» Das ist zwar formal nicht falsch, aber es ist eine bewusst verkürzte Darstellung. Denn der Blick über die Landesgrenze und in andere Kantone erzählt eine ganz andere Geschichte.

Luxemburg: seit über zehn Jahren ohne Fuchsjagd

Das Grossherzogtum Luxemburg hat 2015 ein totales Fuchsjagdverbot eingeführt. Seither wird das Verbot Jahr für Jahr verlängert, zuletzt durch eine Verordnung, die Füchse gleich für mehrere Jahre im Voraus schützt. Selbst nach dem Regierungswechsel 2023, als die christlich-soziale CSV den Umweltminister stellt, blieb das Verbot bestehen.

Die Begründung des luxemburgischen Umweltministeriums sitzt: «Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Hinweise für einen negativen Einfluss auf die Biodiversität durch den Fuchs.» Das Verschwinden von Rebhuhn oder Feldhase liege an der Intensivierung der Landwirtschaft, nicht am Fuchs.

Noch interessanter ist der Befund zum Fuchsbandwurm, der von der Schweizer Hobby-Jäger-Lobby regelmässig als Schreckgespenst bemüht wird: In Luxemburg ist die Befallsrate seit Einführung des Jagdverbots gesunken. War sie 2014 bei anhaltender Bejagung auf 39,7 Prozent gestiegen, lag sie acht Jahre später bei unter 10 Prozent. Bejagung verbreitet den Bandwurm, Schutz reduziert ihn. Das ist die nüchterne luxemburgische Datenlage.

Kanton Genf: seit 1974 ohne Hobby-Jagd

Im Kanton Genf hat die Bevölkerung 1974 die Milizjagd abgeschafft. Seither erfolgt die Wildtierregulation durch professionell ausgebildete staatliche Wildhüter. In der letzten Jagdsaison wurden in Genf null Füchse zum Freizeitvergnügen erschossen. Drei Vollzeitstellen reichen für Regulation und Prävention. Die Wildschadenbilanz ist im langjährigen Mittel vergleichbar mit Kantonen, in denen Hobby-Jäger frei walten dürfen, etwa Schaffhausen.

Die ganzen Kosten für das Wildtiermanagement in Genf belaufen sich auf rund eine Million Franken pro Jahr. Das entspricht ungefähr einer Tasse Kaffee pro Einwohner. So viel zur Behauptung der RUEK, eine Unterschutzstellung wäre mit «erheblichen Mehrkosten» verbunden, denen kein Nutzen gegenüberstehe.

Kanton Tessin: Fuchsjagd nur marginal

Auch im Kanton Tessin sieht die Realität anders aus, als die RUEK glauben machen will. Die Hobby-Jagd auf den Fuchs ist dort eine absolute Randerscheinung. Tessiner Hobby-Jäger interessieren sich primär für Hirsch, Reh, Gämse und Wildschwein während der Hochjagd. Der Fuchs ist statistisch praktisch irrelevant. Ein realistisches Bild der Schweiz wäre also: ein Kanton ohne Fuchsjagd, ein Kanton mit kaum vorhandener Fuchsjagd, ein Nachbarland mit totalem Verbot. Die RUEK reduziert diese Realität auf eine Randnotiz.

Und der Rest Europas?

In Grossbritannien ist die klassische Fuchshetzjagd mit Hunden seit 2005 in England und Wales und schon länger in Schottland verboten. In den Niederlanden ist die Fuchsjagd stark eingeschränkt. Die Schweiz mit ihrer flächendeckenden Fuchsbejagung ist nicht der Normalfall, sondern ein europäischer Hinterwäldler.

Die Ökonomie-Lüge der RUEK

Die Kommission argumentiert, eine Unterschutzstellung wäre teuer. Bei genauerem Hinsehen ist das eine Nebelkerze. Was kostet die Hobby-Jagd den Kanton Luzern wirklich? Wildunfallbearbeitung, Nachsuchen, Hegeabschüsse, Beratungen, Sensibilisierung, Fallenfang im Siedlungsgebiet – all das wird im RUEK-Bericht als Verdienst der 122 Jagdgesellschaften dargestellt. Das Genfer Modell zeigt: Diese Aufgaben können staatliche Wildhüter mit ein paar Vollzeitstellen erledigen. Professionell, kontrolliert, wissenschaftlich, transparent. Ohne Pachtsystem, ohne Eigeninteressen, ohne Trophäenmentalität.

Die Behauptung, das wäre teurer, hält keiner Überprüfung stand. Sie ist ein politisches Argument, kein ökonomisches.

Drei Sätze, drei Verdrehungen

Den entlarvenden Kern des RUEK-Berichts findet man in einem einzigen Abschnitt: «Eine Unterschutzstellung des Rotfuchses bringt keinen erkennbaren Nutzen, weder für den Menschen noch für die Natur noch für den Rotfuchs selbst. Eine Unterschutzstellung führt zusätzlich zu erheblichen Mehrkosten. Eine kantonale Unterschutzstellung der nach Bundesrecht jagdbaren Art Fuchs wird deshalb von der RUEK weder als sachlich noch als wirtschaftlich sinnvoll und begründet erachtet.

Drei Sätze, drei Verdrehungen. Es lohnt sich, diesen Abschnitt auseinanderzunehmen.

«Keinen erkennbaren Nutzen, auch nicht für den Rotfuchs selbst»

Das ist die wohl zynischste Formulierung des ganzen Berichts. Die RUEK behauptet allen Ernstes, der Schutz des Rotfuchses bringe «dem Rotfuchs selbst» keinen Nutzen. Übersetzt heisst das: Es ist für den Fuchs egal, ob er erschossen wird oder nicht. Der lebende Fuchs hat keinen erkennbaren Vorteil gegenüber dem toten Fuchs.

Das ist keine sachliche Einschätzung mehr. Das ist eine moralische Bankrotterklärung. Das schweizerische Tierschutzgesetz verlangt einen «vernünftigen Grund» für das Töten eines Tieres. Die RUEK dreht diese Logik um: Sie behauptet, das Nichttöten brauche eine Rechtfertigung. Der Fuchs muss sich quasi entschuldigen, dass er existiert.

Die Aussage ist auch faktisch falsch. Wildbiologisch ist längst belegt, dass intensive Bejagung Fuchspopulationen destabilisiert, höhere Reproduktionsraten provoziert und Wanderbewegungen verstärkt. Im Bayerischen Nationalpark, wo Füchse nicht bejagt werden, liegt die Wurfgrösse bei rund 1,7 Welpen pro Füchsin, in intensiv bejagten Revieren ist sie etwa dreimal so hoch. Schutz nützt also dem einzelnen Fuchs, der Population, die sich einpendelt, und letztlich auch dem Menschen durch weniger Bandwurmübertragung und stabilere Bestände.

«Erhebliche Mehrkosten»

Das ist die ökonomische Nebelkerze. Genf zeigt seit 1974 das Gegenteil: drei Vollzeitstellen Wildhut, rund eine Million Franken pro Jahr für das gesamte Wildtiermanagement, eine Tasse Kaffee pro Einwohner. Inklusive Wildschadenvergütung.

Was die RUEK verschweigt: Die Hobby-Jagd in Luzern ist kein Geschenk an den Steuerzahler. Sie kostet auch. Verwaltungsaufwand für 122 Pachtverträge, Jagdaufsicht, Koordination, Konfliktbearbeitung mit der Bevölkerung. Diese Kosten erscheinen im Bericht nirgends. Es wird einfach behauptet, der Status quo sei kostenlos und jede Veränderung teuer. Das ist Buchhaltung nach Wunschdenken.

«Weder sachlich noch wirtschaftlich sinnvoll und begründet»

Hier wird die Form zum Inhalt. «Sachlich nicht sinnvoll» ohne einen einzigen wissenschaftlichen Beleg. «Wirtschaftlich nicht sinnvoll» ohne eine einzige Zahl. «Nicht begründet» in einem Bericht, der selbst nicht begründet ist.

Das ist die rhetorische Endstufe: Man behauptet, die Gegenseite habe keine Argumente, und liefert selbst keine. Die RUEK macht es sich zur Methode, das Gegenüber durch blosse Negation zu erledigen.

Was der Abschnitt eigentlich sagt

Wenn man die juristische Verpackung entfernt, lautet die Botschaft: Wir, die Luzerner Politik, haben kein Interesse an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Hobby-Jagd auf den Fuchs. Wir haben kein Interesse daran, die luxemburgische Datenlage zu prüfen. Wir haben kein Interesse am Tierschutzgesetz. Wir haben kein Interesse an der Wildtierforschung. Wir wollen, dass die 122 Jagdgesellschaften ihre Pachten behalten und weiter schiessen können. Punkt.

Das ist der Subtext, und er ist tatsächlich pervers. Pervers, nicht im moralisierenden Sinn, sondern im wörtlichen: verkehrt, verdreht, auf den Kopf gestellt. Eine Petition, die wissenschaftliche Prüfung verlangt, wird mit unwissenschaftlichen Behauptungen abgewiesen. Ein Tier, das Schutz verdient, wird mit dem Argument zurückgewiesen, der Schutz nütze ihm nicht. Eine Kommission, die ergebnisoffen prüfen müsste, formuliert das Ergebnis vor der Prüfung.

Die Krankheits-Lüge: Hobby-Jagd verbreitet, was sie zu bekämpfen vorgibt

Die RUEK übernimmt im Bericht eines der ältesten Jagd-Narrative ungeprüft: Hobby-Jagd auf den Fuchs sei nötig zur «Eindämmung von für den Menschen und Haustiere gefährlichen Krankheiten und Parasiten». Genau dieses Argument hatte Pascal Wolf in seiner Petition als wissenschaftlich nicht evident bezeichnet. Und er hat recht. Denn die Forschung der letzten dreissig Jahre zeigt das exakte Gegenteil: Hobby-Jäger verbreiten Krankheiten, statt sie zu bekämpfen.

Die Mechanik ist biologisch trivial und seit Langem belegt. Wenn intakte Fuchsreviere durch Abschüsse aufgerissen werden, wandern Jungfüchse weiträumig auf der Suche nach freien Territorien umher. Diese Jungtiere sind empfänglicher für Krankheitserreger, sie verteilen Parasiten schneller und über grössere Distanzen, und die durch Bejagung erzwungene erhöhte Reproduktionsrate liefert immer neue Träger nach. Hobby-Jagd fördert die Krankheiten, die sie zu lösen behauptet. Eine intakte Fuchsgesellschaft mit stabilen Revieren tut das Gegenteil: weniger Wanderbewegung, weniger Jungtiere, weniger Übertragung.

Der Kanton Luzern blamiert sich mit den eigenen Zahlen

Hier wird es für die RUEK besonders peinlich. Recherchen der IG Wild beim Wild bei den kantonalen Ämtern für Jagd und Fischerei haben Erstaunliches zutage gefördert: Einzig der Kanton Luzern führt überhaupt eine Statistik über Krankheiten beim Fuchs. Und diese Statistik ist eine Bankrotterklärung für die jagdliche Krankheits-Erzählung.

Im Jagdjahr 2018/19 wurden im Kanton Luzern 2’217 Füchse erschossen. Davon waren laut der eigenen kantonalen Statistik gerade einmal 39 Tiere krank: 32 mit Räude, eines mit Staupe, sechs mit anderen Befunden. Das sind 1,76 Prozent. Knapp 98 Prozent der von Luzerner Hobby-Jägern erschossenen Füchse waren also kerngesund und wurden zu nichts anderem als Sondermüll, entsorgt auf Kosten des Steuerzahlers. Wenn die RUEK behauptet, die Fuchsjagd diene der Eindämmung von Krankheiten, müsste sie diese Zahl kennen. Tut sie das nicht, ist sie inkompetent. Tut sie es doch und schweigt, ist sie unredlich.

Fuchsbandwurm: das Schweizer Jagd-Narrativ stürzt

Eine vierjährige Studie aus der Region Nancy hat untersucht, ob intensivierte Fuchsjagd die Verbreitung des Fuchsbandwurms eindämmt. Das Ergebnis ist niederschmetternd für die Jagd-Lobby: 1’700 Arbeitsstunden, 15’000 Kilometer nächtliche Autofahrten, 776 erschossene Füchse, eine Erhöhung des Jagddrucks um 35 Prozent. Die Fuchspopulation wurde nicht reduziert. Die Befallsrate mit dem Fuchsbandwurm stieg im intensiv bejagten Gebiet von 40 auf 55 Prozent, während sie im Vergleichsgebiet konstant blieb. Der Studientitel ist programmatisch: «Echinococcus multilocularis management by fox culling: An inappropriate paradigm.»

Luxemburg liefert das Gegenexperiment in der Praxis: Seit Einführung des Jagdverbots ist die Befallsrate der Füchse mit dem Fuchsbandwurm gesunken, nicht gestiegen. Das wirksame Mittel sind Entwurmungsköder, nicht Bleimunition. Die RUEK kennt diese Daten nicht oder will sie nicht kennen.

Der Fuchs als Gesundheitspolizist

Was die RUEK zudem ignoriert: Ein einzelner Fuchs frisst rund 4’000 Mäuse pro Jahr. Mäuse sind die zentralen Wirte für Zecken, und Zecken übertragen Borreliose, FSME und Hantaviren. Wer Füchse bejagt, bejagt damit indirekt das eigene Immunsystem. Mehr Mäuse bedeuten mehr Zecken. Mehr Zecken bedeuten mehr durch Zecken übertragene Krankheiten. Die Kantone, die am intensivsten Füchse abschiessen lassen, haben statistisch die meisten Probleme mit wildtierbedingten Krankheiten. Der Kanton Luzern gehört zu dieser Gruppe.

Wenn die RUEK schreibt, eine Unterschutzstellung des Fuchses bringe «keinen erkennbaren Nutzen» für den Menschen, ist das nicht nur tierschutzwidrig. Es ist auch gesundheitspolitisch fahrlässig.

Wenn aus 122 Jagdgesellschaften Statistik wird

Im Jagdjahr 2022/23 haben die rund 10’000 Schweizer Niederjäger 18’943 Beutegreifer erschossen. Davon ein erheblicher Anteil Rotfüchse. Über fünf Jahre ergibt das eine Strecke von rund 100’000 Füchsen, getötet auf einer Fläche, die nicht einmal so gross ist wie das Bundesland Bayern.

Wer in Luzern als Hobby-Jäger Pacht abschliesst, möchte schiessen. Das ist der Kern. Und für diese Schiesslust werden seit Jahrzehnten dieselben Mythen recycelt: Tollwutbekämpfung (in der Schweiz seit 1998 ausgerottet, übrigens nicht durch Abschüsse, sondern durch Impfköder), Fuchsbandwurm (in Luxemburg ohne Bejagung deutlich rückläufig), Schutz von Bodenbrütern (deren Rückgang die luxemburgische Umweltministerin wissenschaftlich klar der Lebensraumzerstörung zuordnet), Räude. Auch die These, der Fuchs müsse zum Schutz der Wälder reduziert werden, hält der Realität nicht stand.

Dieses Argumentekarussell hat eine erkennbare Logik: Sobald ein Argument widerlegt ist, wird das nächste nachgeschoben. Das eigentliche Motiv, die Lust am Jagen, wird nie offen ausgesprochen. Besonders fragwürdig ist die nächtliche Passjagd an Luderplätzen, die in Luzern weiterhin erlaubt ist.

Die Psychologie hinter dem Luzerner RUEK-Bericht

Wer den RUEK-Bericht zynisch nennt, hat formal recht. Wer ihn nur zynisch nennt, greift zu kurz. Hinter der Reflexabwehr der Petition steckt eine erkennbare jagdpsychologische Struktur, die im Kanton Luzern besonders ausgeprägt ist. Die Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Luzern erklärt, warum eine sachlich harmlose Petition mit derart aggressiver Argumentationsverweigerung beantwortet wird.

Revierjagd als Loyalitätssystem

Das Luzerner Revierjagdsystem basiert auf mehrjährigen Pachtverträgen mit 122 Jagdgesellschaften. Wer das Revier hat, hat die Deutungshoheit über den Wildbestand im Gebiet. Wer zu wenig schiesst, riskiert den Pachtvertrag. Das ist ein klassisches Insidermodell: Zugang zu Ressourcen schafft Loyalität, Loyalität schützt den Zugang. Wer nicht dazugehört, versteht angeblich «die Realität vor Ort» nicht. Wissenschaftliche Kritik, Tierschutzargumente und rechtliche Einwände werden als Meinungen von Aussenstehenden abgetan.

Genau diese Mechanik findet sich im Verhalten der RUEK wieder. Pascal Wolf wurde nicht angehört, weil er kein Insider ist. Das BUWD wurde konsultiert, weil es Teil des Systems ist. Eine Kommission, die mit dem jagdlichen Milieu eng verflochten ist, hat keinen institutionellen Anreiz, dieses Milieu zu hinterfragen. So immunisiert sich ein System gegen Selbstreflexion, während es gleichzeitig öffentliche Mittel beansprucht, die in Wirklichkeit primär dem Schutz jagdlicher Privilegien dienen.

Der stille Luchs-Rückgang als Spiegel

Im Kanton Luzern nimmt die Anzahl der Luchse ab, obwohl geeignete Lebensräume vorhanden sind. Eine streng geschützte Art verschwindet aus passendem Habitat, und die Verwaltung betreibt keine erkennbare kritische Ursachenanalyse. Psychologisch ist das aufschlussreich: Wo der Luchs Rehe entnimmt, die die Hobby-Jägerschaft für sich beansprucht, ist er kein Partner, sondern Konkurrenz. Ein Rückgang löst im jagdlichen Milieu keine Alarmreaktion aus, sondern stille Erleichterung.

Übertragen auf den Fuchs ergibt sich dasselbe Muster. Der Fuchs ist im jagdlichen Selbstverständnis nicht Mitgeschöpf, sondern «Raubwild», also Konkurrent. Wer die Hobby-Jagd auf den Fuchs einschränken will, greift nicht eine Praxis an, sondern ein Identitätsmuster. Deshalb fällt die Reaktion der RUEK so aggressiv aus, obwohl die Petition nüchtern eine Prüfung verlangt hat.

Der Jagdkalender als Anspruchskultur

Der Luzerner Jagdkalender 2025/26 umfasst Rothirsch, Reh, Wildschwein, Feldhase, Fuchs, Dachs, Stein- und Baummarder, Eichhörnchen und Kormoran. Die Saison erstreckt sich für verschiedene Arten über praktisch das gesamte Jahr. Was sich wie eine sachliche Auflistung liest, ist in Wirklichkeit eine Lizenz zur ganzjährigen Intervention in das Leben wildlebender Tiere. Tierarten, die in keiner ökologischen Krisenlage sind und für deren Bejagung es keine wissenschaftliche Begründung gibt, stehen gleichberechtigt neben Arten, für die zumindest rudimentäre Regulierungsargumente existieren.

Die Petition Pascal Wolfs hat diese Anspruchskultur an einem einzigen Punkt angekratzt, beim Fuchs. Selbst dieser minimale Eingriff wurde reflexhaft abgewehrt. Das verrät, wie wenig verhandelbar das System die eigene Praxis sieht.

Vorsorglicher Alarmismus statt Wissenschaft

Im Kanton Luzern, wo der Wolf bisher kaum präsent ist, werden bereits «Regulierungskompetenzen» eingefordert, bevor die Tiere überhaupt ankommen. Das gleiche Muster zeigt der RUEK-Bericht beim Fuchs: vorsorgliche Schreckensszenarien zu Mehrkosten und gefährlichen Krankheiten, ohne dass diese mit Daten unterlegt werden. Die psychische Disposition der Hobby-Jagd arbeitet mit Bedrohungsbildern, weil das Selbstverständnis als unverzichtbare Ordnungsmacht nur funktioniert, solange eine angebliche Gefahr abzuwehren ist.

Das ist der Subtext des RUEK-Schlüsselsatzes «keinen erkennbaren Nutzen, weder für den Menschen, die Natur noch für den Rotfuchs selbst». Übersetzt heisst er: Solange wir behaupten dürfen, dass Schutz schade und Töten nütze, müssen wir unsere Praxis nicht verändern. Das ist keine Sachargumentation. Das ist Identitätsverteidigung.

Aggressivität als Selbstbeschreibung

Psychologische Studien zeigen: Hobby-Jäger beurteilen sich selbst eindeutig aggressiver als Nichtjäger. Im niederländischen E-Screener-Test fällt jeder fünfte Jagdscheinanwärter durch. Die Schweiz kennt einen solchen Test bis heute nicht. Im Kanton Luzern bedeutet das: 122 Jagdgesellschaften mit hunderten von Hobby-Jägern, von denen statistisch ein erheblicher Teil einen unabhängigen psychologischen Eignungstest nicht bestehen würde. Diese Hobby-Jäger schiessen jährlich rund 2’000 Füchse.

Wenn die RUEK das gegen jede Evidenz verteidigt, verteidigt sie nicht nur ein Verwaltungssystem. Sie verteidigt eine Subkultur, die mit Schusswaffen, ganzjährigem Tötungsrecht und null gesellschaftlicher Aufsicht über das Leben von zehntausenden Wildtieren entscheidet. Eine Subkultur, deren Selbstverständnis sich genau dann bedroht fühlt, wenn jemand Aussenstehender, etwa ein Petitionär aus Luzern, die einfachste aller Fragen stellt: Warum eigentlich?

Selbst Hobby-Jäger nennen die Fuchsjagd sinnlos

Was die RUEK in ihrem Bericht nicht erwähnt: Die Kritik an der Fuchsjagd kommt längst nicht mehr nur von Tierschutzorganisationen. Sie kommt aus der Wildbiologie, aus dem Tierschutzrecht und sogar aus den eigenen Reihen der Hobby-Jagd. Wer den aktuellen Stand der Diskussion kennt, weiss: Die Verteidigung der Fuchsjagd ist eine zunehmend einsame Position.

Franz Balmer aus dem Kanton Zürich: «Wir schaden dem Ansehen der Jagd»

Im November 2025 berichtete der Tagesanzeiger über einen Fall, der die innere Spaltung der Schweizer Hobby-Jagd offenlegt. Franz Balmer ist seit 13 Jahren Hobby-Jäger im Kanton Zürich. Als sein eigener Jagdverband in einem Verbandsbulletin die Fuchsjagd mit den üblichen Schlagworten verteidigte, schrieb er einen verärgerten Brief an die Redaktion. Sein zentraler Satz: «Wir schaden dem Ansehen der Jagd so mehr, als dass wir ihm nützen.»

Balmer kritisiert seinen Verband dafür, an überholten Behauptungen festzuhalten und wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren. Statt offen über Sinn und Unsinn der Fuchsjagd zu diskutieren, verteidige der Verband eine Tradition um jeden Preis. Genau das tut auch die RUEK Luzern. Wenn ein Mann, der die Praxis der Fuchsjagd seit 13 Jahren aus erster Hand kennt, zu diesem Schluss kommt, ist die Position der RUEK fachlich und ethisch nicht mehr haltbar.

Im selben Tagesanzeiger-Artikel kommt die Wildtierbiologin Sandra Gloor zu Wort. Ihre Aussage ist eindeutig: Der Abschuss eines einzelnen Fuchsrüden oder einer Füchsin aus einem Familienverband bewirke «absolut nichts». Die Fuchsjagd habe keinen nachhaltigen Einfluss auf die Gesamtpopulation. Die Schweizer Jagdausbildung vermittle meist nur formale Regeln statt aktueller Erkenntnisse zur Fuchsbiologie. Letzteres trifft die RUEK direkt: Eine Kommission, die sich auf Aussagen des BUWD stützt, ohne wildbiologische Fachpersonen wie Sandra Gloor anzuhören, arbeitet auf einem Wissensstand der 1980er Jahre.

Robert Brunold aus dem Kanton Graubünden: «Nötig ist die Niederjagd nicht»

Auch Robert Brunold, Ex-Präsident der Hobby-Jäger Graubünden, hat öffentlich zugegeben, was die RUEK partout nicht zugeben will: «Nötig ist die Niederjagd nicht, aber berechtigt. So könne man sich auch fragen, ob es sinnvoll sei, Beeren und Pilze im Wald zu sammeln.» Ein höchster Vertreter der Bündner Hobby-Jagd-Lobby vergleicht das Töten gesunder Wildtiere mit dem Sammeln von Pilzen. Damit räumt er ein, was die Wildbiologie seit dreissig Jahren belegt: Die Fuchsjagd erfüllt keine ökologische oder gesundheitspolitische Funktion. Sie ist Freizeitbeschäftigung. Mehr nicht.

Wenn ein Jagdverbandspräsident die Niederjagd selbst auf das Niveau einer Pilzsuche stellt, ist die Argumentation der RUEK noch peinlicher. Die Kommission verteidigt nicht eine Notwendigkeit, sondern ein blutiges und tierquälerisches Hobby, das die eigenen Funktionäre offen als unnötig bezeichnen.

Die juristische Front: kein vernünftiger Grund

Die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht hat in einer ausführlichen Stellungnahme festgehalten, dass es bei der Fuchsjagd unter heutigen Rahmenbedingungen regelhaft am im Tierschutzgesetz geforderten vernünftigen Grund fehlt. Eine tierschutzgerechte Fuchsjagd sei nur in eng begrenzten Ausnahmefällen denkbar. Die Jagd auf Füchse wird damit als Ausdruck eines überholten Jagdverständnisses eingeordnet, als praktisch unvereinbar mit dem Staatsziel Tierschutz.

Lovis Kauertz, Vorsitzender von Wildtierschutz Deutschland, fasst zusammen: «Es kann doch nicht sein, dass der Gesetzgeber sich dermassen dem Dogma der Lobbyorganisationen der Hobby-Jäger unterordnet, sodass nicht einmal dieser Mindeststandard des Tierschutzes für Füchse und andere Beutegreifer gilt.» Genau das tut die RUEK Luzern. Sie unterwirft sich dem Dogma einer Lobby, der das Töten gesunder Tiere wichtiger ist als das Tierschutzgesetz.

Die wissenschaftliche Front: 18 Studien, ein Befund

Seit über dreissig Jahren liegen mindestens 18 wildbiologische Studien vor, die belegen: Fuchsjagd reguliert nicht und taugt nicht zur Seuchenbekämpfung. Selbst bei einem Abschuss von drei Vierteln eines Bestands ist im Folgejahr wieder die gleiche Zahl an Tieren da. Je stärker Füchse bejagt werden, desto mehr Nachwuchs gibt es. Die Wildbiologie spricht inzwischen ausdrücklich von einem «inappropriate paradigm», also einem unangemessenen Denkmuster.

Im Bayerischen Nationalpark, wo nicht gejagt wird, liegt die Wurfgrösse bei 1,7 Welpen pro Füchsin. In intensiv bejagten Revieren etwa dreimal so hoch. Die Geburtenrate steuert sich biologisch selbst, sobald der Jagddruck wegfällt. Genau das ignoriert die RUEK.

Die ethische Front: Aktionsbündnis Fuchs und der internationale Widerstand

Heidrun Heidtke vom Aktionsbündnis Fuchs sagt es deutlich: «Wer zum ersten Mal erfährt und sieht, was Baujagd bedeutet, ist völlig erschüttert. Die Erbarmungslosigkeit und Brutalität, mit der Füchsen dabei nachgestellt wird, lässt sich mit den Grundsätzen von Moral, Ethik und Tierschutz nicht vereinbaren.» Eine repräsentative Umfrage des Schweizer Tierschutz STS aus dem Jahr 2017 zeigte: 64 Prozent der Schweizer Bevölkerung unterstützen ein Verbot der Baujagd, nur 21 Prozent wollen sie beibehalten. Die Mehrheit ist längst bei der Tierschutzposition angekommen, nicht bei der Hobby-Jagd.

Was bleibt der RUEK?

Wenn der Ex-Präsident der Bündner Hobby-Jäger zugibt, dass die Niederjagd nicht nötig ist, wenn ein Zürcher Hobby-Jäger seinem eigenen Verband schreibt, die Fuchsjagd schade dem Ansehen der Jagd, wenn die Wildtierbiologin Sandra Gloor klar sagt, der Fuchsabschuss bringe «absolut nichts», wenn die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht den vernünftigen Grund verneint, wenn 18 wildbiologische Studien die Sinnlosigkeit der Fuchsjagd belegen und 64 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Baujagd ablehnen, dann ist die Position der RUEK nicht nur fachlich unhaltbar. Sie ist auch isoliert.

Die Kommission verteidigt eine Praxis, die selbst von ranghohen Hobby-Jägern und langjährigen Hobby-Jägern öffentlich auf das Niveau einer Pilzsuche gestellt wird. Sie verteidigt sie ohne Studien, ohne Daten, ohne Anhörung des Petitionärs. Das ist nicht parlamentarische Sachpolitik. Das ist Loyalität gegenüber einem schrumpfenden Milieu, das die Argumente verloren hat und nur noch die Macht behalten will.

Der ignorierte Volkswille von 2020

Was im RUEK-Bericht völlig fehlt, ist der gesellschaftspolitische Kontext. Am 27. September 2020 hat die Schweizer Stimmbevölkerung das revidierte Jagdgesetz mit 51,9 Prozent abgelehnt. Bundesrat und Hobby-Jagd-Lobby hatten ein Gesetz konzipiert, das den Kantonen mehr Spielraum für Abschüsse von Wolf, Biber, Steinbock und weiteren Arten geben sollte. Die Bevölkerung hat dieses Gesetz an der Urne zurückgewiesen.

Die Botschaft war eindeutig: mehr Schutz für Wildtiere, nicht weniger. Mehr Wissenschaftlichkeit in der Wildtierpolitik, nicht weniger. Weniger Macht für die Hobby-Jagd-Lobby, nicht mehr. Das Volk hat ausdrücklich das Gegenteil dessen verlangt, was die RUEK in ihrem Bericht zementiert.

Eine Kommission, die fünf Jahre nach diesem Volksentscheid die Petition zum Schutz des Rotfuchses mit dem Argument abweist, eine Unterschutzstellung sei «weder sachlich noch wirtschaftlich sinnvoll», ignoriert nicht nur die wissenschaftliche Evidenz. Sie ignoriert auch den politischen Willen der Bevölkerung. Das ist nicht parlamentarische Arbeit im Auftrag der Wählerschaft. Das ist Lobbyarbeit für einer militanten Subkultur, die den Mehrheitswillen verloren hat und ihn mit Kommissionsberichten zu kompensieren versucht.

Was die RUEK übersehen hat (oder übersehen wollte)

Die Petition von Pascal Wolf war nicht naiv. Sie verlangte nicht die sofortige Abschaffung, sondern die Prüfung eines Verzichts auf die Fuchsjagd. Eine Prüfung. Mit offenem Visier. Mit Anhörung des Petitionärs. Mit Einbezug der wildbiologischen Forschung der letzten dreissig Jahre. Mit Blick nach Luxemburg, Genf und in andere Gebiete, in denen die Fuchsjagd längst Geschichte ist.

Genau das hat die RUEK verweigert. Sie hat den Petitionär nicht einmal angehört. Sie hat ausschliesslich das BUWD konsultiert, das in dieser Frage Partei ist. Sie hat den Petitionsbericht in vier knappen Abschnitten abgehandelt und mit einem Antrag versehen, der so vorhersehbar war, dass er auch von einer KI hätte stammen können.

Das ist keine seriöse parlamentarische Arbeit. Das ist eine reflexhafte Verteidigung des Jagdkantons Luzern.

Fazit: Der Bericht der RUEK ist eine verpasste Chance

Pascal Wolf hat dem Kanton Luzern eine Möglichkeit zur Selbstkorrektur angeboten. Eine Möglichkeit, das eigene Jagdregime einmal mit den Realitäten in Luxemburg, Genf und anderen Gebieten abzugleichen. Eine Möglichkeit, den Stand der Wildtierforschung zur Kenntnis zu nehmen. Diese Chance hat die RUEK ungenutzt verstreichen lassen.

Was bleibt, ist ein Bericht, der die Hobby-Jagd-Lobby zufriedenstellt und die Wissenschaft ignoriert. Ein Antrag, die Petition «im Sinne der vorgenannten Feststellungen und Folgerungen zur Kenntnis zu nehmen». Eine politische Geste, mehr nicht.

Der Rotfuchs in Luzern wird weiter geschossen. Nicht, weil es Sinn macht. Sondern weil es bequem ist.

Die schlampige Arbeit der RUEK ist eine politische Chance. Sie macht das Versagen sichtbar, das im Luzerner Wildtiermanagement seit Jahrzehnten unter dem Radar läuft. Der Tagesanzeiger-Bericht zur Kritik aus den eigenen Reihen der Hobby-Jagd verändert den Diskurs: Wer heute die Fuchsjagd noch verteidigt, steht nicht mehr nur gegen Tierschützer, sondern gegen langjährige Hobby-Jäger, Schweizer Wildtierbiologinnen, Jagdverbandspräsidenten und 18 wildbiologische Studien.

Hundert Schweizer Laufhunde in Malvaglia

Während im Bleniotal rund hundert Schweizer Laufhunde nach Morphologie und «Jagdtauglichkeit» bewertet werden, zeigt der Kanton Genf seit 1974, dass eine moderne Wildtierverwaltung ganz ohne Meutehunde, ohne Stöberhunde und ohne abgerichtete Schweisshunde auskommt. Eine Einordnung.

Am vergangenen Sonntag verwandelte sich Malvaglia im Bleniotal in den nationalen Treffpunkt der Schweizer Laufhundzüchter.

Rund hundert Tiere aus der ganzen Schweiz, mit ticinesischer Mehrheit, sowie Teilnehmer aus Nachbarländern und aus Grossbritannien wurden auf dem Ring nach «Morphologie, Jagdverhalten und Rassestandard» beurteilt. Veranstalter war der Club Segugio Svizzero, der die Rasse pflegt und vermarktet. Neu in diesem Jahr: die Gründung des sogenannten «Pool Cinofilo Venatorio Ticino», der die Zusammenarbeit zwischen Hobby-Jägern, Züchtern und Behörden im Kanton Tessin weiter institutionalisieren soll.

Was nach Folklore und Hundeschau klingt, ist in Wahrheit ein zentraler Baustein eines Systems, das Wildtiere zu Beute degradiert und Hunde zu Werkzeugen macht.

Jagdhunde: Werkzeuge, keine Familienmitglieder

Die Hobby-Jagd in der Schweiz funktioniert in weiten Teilen nur deshalb, weil Jagdhunde Wildtiere aufstöbern, hetzen, stellen oder nach dem oft schlechten Schuss der Hobby-Jäger nachsuchen. Schweisshunde finden angeschossene Rehe und Wildschweine, die ihre Halter nicht sauber erlegt haben. Stöberhunde treiben Wildschweine bei Drück- und Treibjagden in panischer Flucht vor die Schützen. Meutehunde stellen Wildtiere, bis ein Schuss aus kürzester Distanz möglich ist, oder verbeissen sich bei Tierkämpfen, die das Tierschutzgesetz eigentlich verbietet.

Wie problematisch der Einsatz von Jagdhunden ist, dokumentiert «Wild beim Wild» seit Jahren. Im hessischen Wehrheim sorgten Schweizer Stöberhunde 2024 für minutenlange Todeskämpfe schreiender Wildschweine, festgehalten auf Video durch Augenzeugen (siehe «Tierquälerei mit Schweizer Hilfe»). Im bayerischen Cham hetzte ein Hobby-Jäger seine Hunde so lange auf gesunde Wildschweine, bis diese erschöpft mit der Saufeder erstochen werden konnten. Das Verfahren endete mit einem Strafbefehl wegen Tierquälerei (siehe Fall Lasse Böckmann). In Davos jagte der Schweisshund eines Vorstandsmitglieds von «Jagd Schweiz» ein Reh durch ein Wohnquartier (siehe Fall Tarzisius Caviezel).

Zwinger statt Familie: Die unsichtbare Tierquälerei zwischen den Jagdsaisons

Was in Malvaglia auf dem Ring zur Schau gestellt wird, sind Hunde im Festtagsmodus: gestriegelt, präsentiert, bewertet. Was nicht gezeigt wird, ist der Alltag dieser Tiere zwischen den Jagdsaisons. Genau weil viele Jagdhunde gezielt auf Aggression, Schärfe und einen extremen Beutetrieb gezüchtet und konditioniert werden, gelten sie ihren Haltern als zu gefährlich für eine normale Familienhaltung. Die Folge: Ein grosser Teil der Schweizer Jagdhunde fristet sein Dasein nicht im Wohnzimmer, sondern in Zwingern, Kellern, Balkone oder an der Leine, oft ohne täglichen Auslauf und ohne sozialen Kontakt zu Mensch oder Artgenossen.

Das Schweizer Tierschutzrecht ist in dieser Frage eindeutig: Hunde müssen täglich im Freien und ihren Bedürfnissen entsprechend ausgeführt werden. Die ganzjährige Haltung an der Kette oder im Zwinger entspricht nicht den Bedürfnissen der Jagdhunde und ist abzulehnen. Der Schweizer Tierschutz STS hält in seinem Positionspapier zu Jagdhunden fest, dass von deren Ausbildung und Einsatz, ausser bei der Nachsuche, rein gar nichts zu halten ist.

Die Realität bei vielen Hobby-Jägern sieht jedoch anders aus. Im jurassischen Kanton wurde dokumentiert, wie Jagdhunde ohne täglichen Auslauf und ohne Aussengehege in einer schlechten Verfassung gehalten werden, mit entsprechend aggressivem Verhalten als direkter Folge der jahrelangen Tierquälerei. Hunde, die für die Jagd verwendet werden, verbringen nicht selten das ganze Jahr ein leidiges und trostloses Leben in einem gesetzwidrigen Zwinger und können sich nur während der Jagdzeit austoben. Manche gehen bei der Hobby-Jagd verloren oder werden getötet.

Der Mechanismus dahinter ist zynisch: Der intensiv angezüchtete Jagdtrieb ist nur während der Hobby-Jagd erwünscht. Den Rest des Jahres, also etwa zehn bis elf Monate, wird derselbe Trieb durch Zwinger oder Leine zwangsweise unterdrückt. Das ist kein Hundeleben, sondern eine Form von Dauerstress, die sich bei jeder Drückjagd in noch grösserer Aggressivität gegen Wildtiere entlädt. Der Hund wird dadurch gleich doppelt zum Opfer: einmal als gequältes Haustier, einmal als Werkzeug, das wiederum andere Tiere quält.

Schliefanlagen und Wildschweingatter: Die dunkle Seite der «Jagdhundeausbildung»

Die Hobby-Jagd betreibt mit der Ausbildung ihrer Hunde an lebenden Wildtieren eine systematische Tierquälerei. In Schliefanlagen werden Füchse in künstlichen Bauen gehalten, damit Hunde lernen, sie zu stellen. In Wildschweingattern, wie sie auch in der Schweiz diskutiert werden, sollen Hunde an handzahmen Wildschweinen «scharf gemacht» werden. Die Stiftung Tier im Recht hat in einem Gutachten festgehalten, dass die Baujagd den Straftatbestand der Tierquälerei mehrfach erfüllt.

Hinter dem Glanz der Hundeschau in Malvaglia steht somit ein Geschäftsmodell, das Hunde gezielt für das Hetzen und Stellen von Wildtieren konditioniert und dabei oft selbst zu schweren Verletzungen, Aujetzkyscher Krankheit und psychischer Verrohung führt.

Genf: Seit 1974 ohne Hobby-Jäger und ohne Jagdhunde

Wer in Malvaglia stolz Rasseurkunden präsentiert, sollte einen Blick an die Rhone werfen. Im Kanton Genf ist die Hobby-Jagd seit der Volksabstimmung vom 19. Mai 1974 verboten. Rund zwei Drittel der Stimmenden sagten damals Ja zur tierschützerisch motivierten Initiative. Seither erledigen zwölf kantonale Berufswildhüter, die «Police de la nature», alle notwendigen Eingriffe in die Wildtierpopulation. Ohne Meutehunde, ohne Schweisshunde, ohne Stöberhunde.

Die Bilanz nach über 50 Jahren ist eindeutig (siehe Dossier «Wie funktioniert das Genfer Jagdverbot?»):

  • Soforttodrate von 99,5 Prozent bei Sanitärabschüssen durch Berufswildhüter, ein Wert, den die Milizjagd in keinem anderen Kanton erreicht.
  • Feldhasendichte von 17,7 Tieren pro 100 Hektaren, einer der höchsten Werte der Schweiz, obwohl der Feldhase vor 1974 in Genf vom Aussterben bedroht war.
  • Verzehnfachung der überwinternden Wasservögel an den Ufern des Genfersees und der Rhone.
  • Praktisch keine Forstschäden, vergleichbare Wildschadenszahlen wie im jagdlich bewirtschafteten Kanton Schaffhausen.
  • Gesamtkosten von rund 1,2 Millionen Franken pro Jahr für 500’000 Einwohner, inklusive Schadenprävention und Entschädigung der Landwirte. Pro Kopf weniger als eine Tasse Kaffee.

Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hält fest: «Diese Regulation erfolgt ausschliesslich durch Wildhüter, es werden keine Amateurjäger einbezogen.» Die Berufswildhüter arbeiten mit Lichtverstärkern und Nachtsichttechnik, nicht mit Hundemeuten. Dass Wildtiere aus dem stark bejagten Frankreich und dem Kanton Waadt sogar über die Rhone schwimmen, um in Genf «Asyl» zu suchen, ist mittlerweile gut dokumentiert.

Was das für Malvaglia, das Tessin und die ganze Schweiz heisst

Die Schau in Malvaglia inszeniert eine «Tradition», die in einem Schweizer Kanton seit über fünf Jahrzehnten ersatzlos abgeschafft ist. Ohne ökologische Katastrophe, ohne Wildschweinplage, ohne Sicherheitsprobleme. Im Gegenteil: Die Biodiversität ist in Genf höher, die Wildtiere weniger scheu, die Soforttodrate bei den wenigen notwendigen Abschüssen massiv besser als in jagdlich bewirtschafteten Kantonen.

Wer in Malvaglia Hunde nach «Jagdtauglichkeit» bewertet, bewertet im Grunde, wie effizient ein Tier andere Tiere quälen kann, und nimmt dafür in Kauf, dass diese Tiere selbst den grössten Teil ihres Lebens im Zwinger verbringen müssen. Genf braucht das nicht. Luxemburg braucht das in weiten Teilen nicht. Die übrige Schweiz könnte es ebenfalls nicht brauchen. Was fehlt, ist nicht ein neuer «Pool Cinofilo Venatorio», sondern der politische Wille, das Genfer Modell endlich auch im Tessin und in der Deutschschweiz zur Diskussion zu stellen.

Die hundert Laufhunde von Malvaglia sind keine Folklore. Sie sind das Symbol eines Systems, das Wildtiere und Hunde gleichermassen instrumentalisiert und einsperrt. Genf hat den Beweis erbracht, dass es anders geht. Es wird Zeit, diesen Beweis ernst zu nehmen.

Fall Grupp: Wer prüft Hobby-Jäger psychisch wirklich?

Der ehemalige Trigema-Chef Wolfgang Grupp hat nach seinem öffentlich gemachten Suizidversuch Revolver und Jagdschein abgegeben und macht damit unfreiwillig sichtbar, was im deutschsprachigen Jagd- und Waffenrecht strukturell fehlt: eine systematische, wiederkehrende Eignungsprüfung für bewaffnete Privatpersonen.

Wolfgang Grupp, 84-jähriger ehemaliger Patron der Textilfirma Trigema, hatte Mitte 2025 einen Suizidversuch öffentlich gemacht und in einem Brief an ehemalige Mitarbeitende von einer schweren Altersdepression gesprochen.

Erst rund ein Jahr später teilte er der Deutschen Presse-Agentur mit, dass sein bislang «aus Sicherheitsgründen» gehaltener Revolver nicht mehr in seinem Zugriff sei und sein Sohn die Waffe unter Verschluss halte. Auch der Jagdschein sei weg.

Die persönliche Geschichte gehört Grupp. Der jagdpolitische Befund ist aber unabhängig vom Einzelfall: Wer in Deutschland einmal einen Jagdschein und eine Waffenbesitzkarte erhalten hat, behält diese in der Regel über Jahrzehnte, ohne dass die psychische Eignung systematisch und regelmässig überprüft wird. Eine waffenrechtliche Begutachtung erfolgt erst dann, wenn Behörden konkrete Zweifel an der Zuverlässigkeit haben, häufig erst nach aktenkundigen Vorfällen. Die Initiative geht im aktuellen Fall vom Sohn aus, nicht vom Staat.

Schweizer Realität: 30’000 bewaffnete Privatpersonen, kaum Kontrolle

In der Schweiz tragen rund 30’000 legal bewaffnete Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger regelmässig Schusswaffen in die Natur und töten jährlich über 120’000 Wildtiere. Für die Jagdfähigkeit verlangen die Kantone eine theoretische und praktische Prüfung mit Schwerpunkten auf Wildkunde, Waffenhandhabung und kantonalem Jagdrecht. Eine «körperliche und psychische Eignung» wird in der Ausbildungsliteratur erwähnt, in der Praxis aber kaum standardisiert geprüft, weder beim Einstieg umfassend noch im laufenden Betrieb.

Konkret heisst das: Wer mit 25 Jahren das Patent löst, kann mit 75 weiterhin auf der Hochjagd unterwegs sein, ohne dass je ein psychologisches Gutachten verlangt wurde. Altersdepressionen, beginnende Demenz, Sehverlust, Suchterkrankungen oder akute Lebenskrisen müssen die Behörden nicht aktiv erkennen, sie sind auf Hinweise von Angehörigen, Ärztinnen oder den Hobby-Jagenden selbst angewiesen. Diese Lücke ist im Jagdrecht nicht aus Versehen entstanden, sie spiegelt politisches Gewicht der Hobby-Jagd-Lobby.

Internationaler Vergleich: Niederlande zeigen die Dimension

Die Niederlande haben 2019 den «E-Screener» eingeführt, einen verpflichtenden psychologischen Test für sämtliche Waffenbesitzenden, ausgelöst durch einen Amoklauf, bei dem laut Oberstem Gerichtshof die Waffenerlaubnis aufgrund vorhandener psychischer Probleme nie hätte erteilt werden dürfen. Das Resultat: Rund jeder fünfte Hobby-Jäger fiel durch, in der Provinz Limburg sogar jeder vierte. Der niederländische Jagdverband forderte daraufhin sofort die Abschaffung des Tests und empfahl seinen Mitgliedern, den Termin bewusst zu verschieben. Das Verfahren wurde später aus methodischen Gründen abgelöst, die Grundfrage bleibt: Ein erheblicher Anteil aktiv jagender Privatpersonen erfüllt psychologische Mindeststandards nicht.

In Österreich fordert Tierschutz Austria nach mehreren Tötungsdelikten unter Beteiligung von Hobby-Jägern strengere Regeln, insbesondere wiederkehrende psychologische Eignungsprüfungen. Die Schweiz kennt bislang weder einen E-Screener noch eine vergleichbare wiederkehrende Eignungsprüfung. Die Hobby-Jagd-Verbände argumentieren mit «Eigenverantwortung», eine Argumentation, die im Fall Grupp empirisch nicht standhält: Die Waffe wurde erst nach einem Suizidversuch und auf Initiative der Familie entfernt, nicht durch eine staatliche Kontrolle.

Das Genfer Modell: Profis statt private Bewaffnung

Der Kanton Genf hat bereits 1974 die Hobby-Jagd vollständig abgeschafft. Seither übernehmen fachlich ausgebildete Wildhüterinnen und Wildhüter im kantonalen Dienst sämtliche Aufgaben der Wildtierregulation. Diese Personen unterliegen als Staatsangestellte den üblichen Eignungs-, Aus- und Weiterbildungspflichten, inklusive medizinischer und psychologischer Prüfungen, wie sie für staatliche Funktionen mit Waffenführung vorgesehen sind. Wo Eingriffe nötig sind, erfolgen sie planbar, dokumentiert und unter klarer Verantwortlichkeit.

Das Genfer Modell ist das einzige System in der Schweiz, das die Frage «Wer überprüft regelmässig die Eignung der Bewaffneten?» strukturell beantwortet. Eine Übertragung auf andere Kantone ist nach Artikel 3 Absatz 1 des Bundesgesetzes über die Jagd (JSG) jederzeit möglich, da die Organisation des Jagdbetriebs ausdrücklich Sache der Kantone ist. Patentjagd, Revierjagd und Staats- bzw. Regiejagd sind bundesrechtlich gleichwertig.

Die unbeantwortete Frage

Der Fall Grupp wird in deutschen Medien als persönliche Geschichte erzählt. Aus jagdpolitischer Sicht ist er ein Lehrstück über ein System, in dem Schusswaffen und Jagdberechtigungen jahrzehntelang in privaten Händen bleiben, ohne dass Staat oder Verbände die psychische Eignung der Trägerinnen und Träger aktiv kontrollieren. Dass ein Sohn die Waffe seines Vaters wegschliessen muss, ist menschlich verständlich. Als Sicherheitsarchitektur eines Rechtsstaats ist es zu wenig.

Niederlande: Psycho-Test entlarvt ungeeignete Hobby-Jäger | Tierschutz Austria fordert strengere Regeln im Waffenrecht | Was internationale Psychologiestudien über Hobby-Jäger sagen | Dossier Jagdverbot Schweiz

Hilfe in Krisensituationen

Wer selbst von belastenden Gedanken betroffen ist oder sich Sorgen um eine nahestehende Person macht, findet in der Schweiz rund um die Uhr anonyme und kostenlose Hilfe bei der Dargebotenen Hand unter der Telefonnummer 143 sowie bei Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche) unter 147. In Deutschland ist die Telefonseelsorge unter 0800 / 111 0 111 erreichbar, in Österreich unter 142.