Hobby-Jagd: Schnelle Lizenz zum Töten statt Wissen
Wer heute Wildtiere mit der Büchse verfolgen will, braucht vor allem eines: etwas freie Zeit für einen Jagdkurs. Je nach dem reichen wenige Wochen oder einige Monate Vorbereitung, um die Prüfung zu bestehen und den Jagdschein zu bekommen.
Wer dagegen dieselben Tiere wissenschaftlich verstehen möchte, studiert Biologie über Jahre hinweg und muss sich durch Prüfungen, Seminare und Feldforschung kämpfen.
Schon hier zeigt sich eine Schieflage: Es ist schneller möglich, rechtlich Tiere zu töten, als sich fundiertes Wissen über ihr Leben, ihr Leid und ihre ökologische Rolle anzueignen.
Wenn man diese Realität mit der Ausbildung von Polizei und Militär vergleicht, wirkt die Hobby-Jagd noch absurder. Für staatliche Waffenträger akzeptiert die Gesellschaft hohe Hürden und lange Ausbildungswege. Für Hobby-Jäger, die mit scharfen Waffen unkontrolliert in Wäldern unterwegs sind, genügt ein kurzer Kurs mit Multiple-Choice-Fragen und Schiessprüfungen, die den Namen nicht wert sind.
Jagdausbildung in Monaten: die schnelle Lizenz zum Töten
Die Jagdausbildung ist in vielen Fällen auf Tempo und Prüfungsreife zugeschnitten. Ob klassischer Abend- und Wochenendkurs über mehrere Monate oder kompakter Intensivkurs: Im Mittelpunkt steht, dass die Teilnehmer die Prüfung bestehen.
Der schriftliche Teil läuft über Multiple-Choice-Bögen mit festen Fragenkatalogen. Dazu kommen eine praktische Schiessprüfung sowie ein mündlich-praktischer Teil, in dem Waffenhandhabung, Jagdpraxis und etwas Recht abgefragt werden. Wer genügend Kreuze richtig setzt und auf dem Schiessstand schiessen darf, bis er trifft, bekommt am Ende die begehrte Plastikkarte.
Inhaltlich dominiert eine nutzungsorientierte Perspektive. Wildtiere erscheinen als Bestand, der zu «regulieren» ist, als Ressource, die man «hegt» und gleichzeitig bejagt. Es geht um Treffsicherheit, Revierorganisation, Gesetzesparagrafen, die man für die Prüfung im Kopf haben sollte. Vertiefte Ökologie, Verhaltensbiologie, Populationsdynamik oder Tierschutzethik bleiben Randthemen, wenn sie überhaupt vorkommen.
Die Hürde, ein Tier legal zu erschiessen, ist damit erschreckend niedrig. Ein überschaubarer Zeitraum Vorbereitung, ein paar Prüfungen, eine Gebühr bei der Behörde – und der Weg ins Revier steht offen.
Polizei und Militär: Jahre der Ausbildung, ständige Kontrolle
Ganz anders sieht es bei Polizei und Militär aus. Wer Polizist werden will, durchläuft eine zweieinhalb bis dreijährige Ausbildung oder ein Bachelorstudium im Vollzeitmodus. Dazu gehören Recht, Einsatzlehre, Schiess- und Einsatztraining, Deeskalationsstrategien, psychologische Inhalte, Sport, Szenarien unter Stress und laufende Beurteilungen. Fehler und Fehlverhalten, inkl. Alkoholverbot während des Dienstes, können dienstrechtliche und strafrechtliche Konsequenzen haben.
Auch Soldaten absolvieren eine Grundausbildung von mehreren Monaten und anschliessende fachliche und taktische Schulungen. Der Umgang mit der Waffe ist eingebettet in Befehlsketten, Einsatzregeln und militärisches Disziplinarrecht.
Gemeinsam ist beiden:
- Auswahlverfahren, die körperliche und psychische Tauglichkeit zumindest grob prüfen
- eine Ausbildung, die deutlich länger dauert als ein Jagdkurs
- eine ständige Einbindung in Hierarchien und Kontrollen
- die Möglichkeit, Fehlverhalten zu sanktionieren
Die Gesellschaft akzeptiert zu Recht, dass der Staat Menschen nicht nach einem Wochenendkurs mit Schusswaffen in die Öffentlichkeit schickt, um das Gewaltmonopol auszuüben. Bei Wildtieren und Hobby-Jägern scheint diese Logik jedoch keine Rolle zu spielen, obwohl sie stündlich Unheil anrichten.
Wissen gegen Macht: Wer versteht, entscheidet nicht
Die IG Wild beim Wild weist seit Jahren auf einen Widerspruch hin: Wer Tiere und Ökosysteme ernsthaft verstehen will, braucht ein langes naturwissenschaftliches Studium mit Vorlesungen, Seminaren, Laborarbeit und Feldforschung. Es geht um Ökologie, Tierverhalten, Populationsdynamik, Genetik, Naturschutzbiologie und Statistik. Dieses Wissen erarbeitet man sich nicht an einigen Wochenenden im Schulungsraum, sondern über viele Jahre.
Trotzdem sind es in der jagdlichen Praxis nicht die Biologinnen, Ökologen oder Tierschutzfachleute, die das letzte Wort über Abschusspläne und jagdliche Regelungen haben, sondern Menschen, deren formale «Ausbildung» im Umgang mit Wildtieren in wenigen Monaten erledigt war.
Wer mit einer Büchse in den Wald geht, entscheidet unmittelbar über Leben und Tod einzelner Tiere. Wer wissenschaftlich fundiert auf Fehlentwicklungen in der Jagdpraxis hinweist, wird dagegen gerne als «theoretischer Schreibtischtäter» diffamiert und aus Debatten gedrängt.
So entsteht eine groteske Situation:
- Die Lizenz zur tödlichen Intervention ist niedrigschwellig und mit überschaubarem Aufwand zu bekommen.
- Die gesellschaftliche Anerkennung für jene, die mit Daten, Modellen und Fakten arbeiten, ist hochschwellig und brüchig.
Im Kern ist das verkehrt. Eine verantwortliche Gesellschaft müsste es genau umgekehrt organisieren.
Psychologie und Alter: Wo niemand genau hinschaut
Beim staatlichen Gewaltmonopol wird immer wieder über psychologische Eignung, Stressresistenz und Überforderung diskutiert. Bei Hobby-Jägern bleibt dieser Bereich weitgehend im Dunkeln. Dabei ist die Risikolage offensichtlich: Menschen mit privatem Zugang zu scharfen Waffen, die unbeaufsichtigt in Feld und Wald unterwegs sind, daneben Familien, Spaziergänger, Jogger, Reiter und natürlich die Wildtiere selbst.
Die IG Wild beim Wild fordert deshalb mindestens jährlich medizinisch-psychologische Gutachten für Hobby-Jäger nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine Altersbegrenzung nach oben. Die grösste Altersklasse unter den Hobby-Jägern sind ältere Menschen, häufig 65 plus, also jene, bei denen Sehvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit, Konzentration und Beweglichkeit statistisch deutlich nachlassen. Ab etwa 45 Jahren steigen die Unfallzahlen für Menschen und Tiere dramatisch stark an.
Während bei Polizei und Militär die körperliche Tauglichkeit regelmässig überprüft wird und Menschen aus dem Dienst scheiden müssen, wenn sie den Anforderungen nicht mehr gewachsen sind, können Hobby-Jäger oft jahrzehntelang ohne erneute Eignungsprüfung weitermachen. Die Waffe bleibt im Schrank, die Jagderlaubnis im Portemonnaie, auch wenn die reale Fähigkeit, sicher zu schiessen und Gefahren zu erkennen, längst nicht mehr gegeben ist.
Moralische Schieflage: Tiere als Objekte, Tradition als Ausrede
Die schnelle Erteilung von Jagdscheinen sendet ein klares gesellschaftliches Signal. Der Eingriff in Wildtierpopulationen wird als etwas Normales und fast Selbstverständliches dargestellt. Jagdverbände erzählen die einfache Geschichte von Hege und Pflege, vom edlen Brauchtum und vom angeblichen Dienst am Wald.
Die moderne Ökologie zeichnet ein anderes Bild. Ökosysteme sind komplexe Netzwerke, in denen jede «Regulierung» Nebenwirkungen hat, die oft erst Jahre später sichtbar werden. Lebensraumverlust, Landwirtschaft, Verkehr und Klimakrise sind zentrale Treiber für Bestandsentwicklungen, nicht die Mär vom «überhöhten Wildbestand», die Hobby-Jäger so gerne wiederholen.
Aus Sicht des Tierschutzes ist die Lage noch klarer. Wer sich intensiv mit Tierverhalten, Stress und Leidensfähigkeit beschäftigt, kann Wildtiere nicht mehr als anonyme «Stücke» im Streckenbericht sehen. Genau dieses Wissen fehlt in vielen jagdlichen Debatten. Stattdessen dominieren Schlagworte wie «waidgerechtes Töten», Effizienz und Abschusszahlen. Empathie gilt als Störung des jagdlichen Betriebs.
Hobby-Jäger leben einen ausgeprägten Speziesismus. Das Leid wildlebender Tiere wird geringer gewichtet als die Tradition, das Freizeitvergnügen oder das Gefühl von Macht über Leben und Tod. Speziesismus steht damit in einer Linie mit Rassismus und Sexismus, nicht mit «Kultur» oder «Brauchtum».
Konsequenz: Abschaffung der Hobby-Jagd oder Mindeststandards wie bei der Polizei
Wenn der Staat Menschen in wenigen Monaten zur Hobby-Jagd zulässt, gleichzeitig aber Jahre der Ausbildung verlangt, bevor jemand Tiere wissenschaftlich erforschen darf, setzt er die Prioritäten falsch. Wer mit Waffen in Ökosysteme eingreifen will, sollte mindestens so viel über diese Systeme wissen wie jene, die sie beruflich erforschen.
Als Minimalforderung müsste gelten:
- Deutlich längere und fachlich vertiefte Ausbildung für alle, die einen Jagdschein wollen
- verbindliche, wiederkehrende medizinisch-psychologische Eignungsprüfungen
- eine strikte Anbindung jagdlicher Entscheidungen an unabhängige wissenschaftliche Standards statt an Lobbyinteressen
Wer ehrlich ist, kommt jedoch zu einem anderen Schluss: Es gibt keinen überzeugenden Grund, warum private Hobby-Jäger überhaupt scharf bewaffnet in Wäldern unterwegs sein sollten. Wildtiere brauchen professionelle, unabhängige Wildhüter mit wissenschaftlicher und tierschutzorientierter Ausbildung, nicht Freizeit-Schützen mit Wochenendkurs.
Die immer neuen Meldungen über Jagdunfälle, getötete Hunde, angeschossene Menschen und Straftaten mit Jägerwaffen zeigen, wie gefährlich diese Konstellation ist. Gleichzeitig leiden ungezählte Wildtiere im Schatten eines Systems, das das Töten erleichtert und das Verstehen erschwert.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie man Hobby-Jagd ein wenig «verbessern» kann. Die Frage lautet, wie lange wir uns noch leisten wollen, im Namen der Tradition ein Modell zu tolerieren, das auf Gewalt, Speziesismus und systematischer Geringschätzung von Wissen beruht.
Die Antwort der IG Wild beim Wild ist klar: Die Hobby-Jagd muss abgeschafft werden.
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